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Samstag, 10. März 2018

Einfluss der Wirtschaft auf Wissenschaft

"[...] Laut Angaben des Stifterverbands der deutschen Wissenschaft, der Unternehmen mit Hochschulen verkuppelt, werden lediglich 576 Professoren an staatlichen Hochschulen durch Stifter finanziert. Die Zahl bleibe zudem seit Jahren nahezu konstant, so der Stifterverband. Doch ehemalige Stiftungsprofessoren wie Widuckel werden mit dieser Zahl nicht abgebildet. Aus der Anfrage der ZEIT ergibt sich, dass an den deutschen Universitäten mindestens 262 reguläre Professuren, die einst privat gestiftet wurden, mittlerweile von den Hochschulen selbst finanziert werden. Hinzu kommen die entsprechenden Lehrstühle an 24 Universitäten, die der ZEIT zu dieser Frage aus verschiedenen Gründen keine Angaben machen wollten. Und mit jedem Semester, in dem neue Stiftungsprofessuren eingeworben werden und alte in die Haushalte der Unis übergehen, werden es mehr. So wächst im Hintergrund unbemerkt der industrielle Einfluss. Etwa am Lehrstuhl für Lebensmittelverfahrenstechnik an der TU Berlin. Auf ihn wurde 2011 ein leitender Mitarbeiter des Konzerns Unilever (Magnum, Rama et cetera) berufen, um nun universitär und mit staatlichem Geld an Schokoriegeln zu forschen. Geldgeberin der Professur: die Stiftung der Zuckerindustrie. Auch andere Fälle wirken zumindest merkwürdig: der Lehrstuhl für Nukleartechnik an der TU München etwa, ursprünglich gestiftet von der E.on Kernkraft GmbH, heute unterhalten vom bayerischen Steuerzahler. [...]
Die Uni [Mainz] räumt Boehringer Ingelheim die Hoheit über Forschungsagenda und Personal ein. [...]
Dabei sind Kooperationen nicht per se anrüchig, sie sind sogar gewünscht. Schließlich sollen die Universitäten als Wissensgeneratoren die Gesellschaft – und somit auch die Wirtschaft – antreiben. So will es die Öffentlichkeit, so will es die Politik. In der Grenzregion um Aachen etwa sorgte auch die RWTH dafür, dass aus dem ehemaligen Braunkohlerevier ein Hochtechnologie-Standort wurde. [...]
Obwohl das Promotionsrecht ausschließlich bei den Universitäten liegt, schreiben viele Firmen heute Doktorandenstellen aus. Ein Beleg dafür, was viele Industriepartner in den Hochschulen sehen: ihre Dienstleister. Besonders umtriebig ist auch hier die Automobilindustrie. Volkswagen etwa beschäftigt derzeit 330 Doktoranden. Ihre Dissertationen werden vom Vorgesetzten geprüft und von Hausjuristen. Dann werden sie veröffentlicht. Das "ausschließliche Nutzungsrecht" an den Ergebnissen hält Volkswagen. [...]" ("Mit freundlicher Unterstützung" ZEIT 8.3.18)

Dem Artikel entnehme ich:
Stiftungsprofessuren werden nur für fünf Jahre von den Stiftern finanziert. Danach übernimmt die Finanzierung die Universität. Bei einem Lehrstuhl für Internationale Politik oder Botanik scheint das nur angemessen.
Aber gilt das auch für einen  "Lehrstuhl für Innovative Verstärkungsmethoden mit Befestigungen", der vom Dübelhersteller Fischer bezahlt wird?
Der Artikel scheint mir geeignet, sich ein differenziertes Bild dazu zu machen. 

"[...] Christian Kreiß ärgert sich über das intransparente Gebaren vieler Hochschulen. Kreiß, ein schmaler, leiser Mann Mitte 50, bittet in sein Kleinstadt-Reihenhaus westlich von München. Vor ihm auf dem Wohnzimmertisch liegt sein Buch Gekaufte Forschung. Darin argumentiert er, der Hype um Drittmittel habe die Unis vom rechten Pfad der Erkenntnis abgebracht. Seitdem gilt Kreiß, selbst BWL-Professor an der Hochschule Aalen, als der deutsche Wissenschaftler, der am konsequentesten gegen die deutsche Wissenschaft schießt.
Die unzähligen Verflechtungen zwischen Universitäten und Industrie regen ihn nicht deshalb auf, weil Wissenschaftler sich korrumpieren ließen, das ist ihm wichtig zu betonen. Sondern weil jene Themen, für die sich die Industrie interessiere, wie zum Beispiel der Verbrennungsmotor, stark beforscht würden. Alternativen, etwa ökologisch nachhaltige Verkehrskonzepte, dagegen nicht. "Glauben Sie, dass VW so etwas finanziert?", fragt Kreiß. An den Hochschulen entwickle sich eine "von der Geld-Aristokratie finanzierte Wissenschaft".[...]" ("Mit freundlicher Unterstützung" ZEIT 8.3.18 - Hervorhebungen von Fontanefan)

Christian Kreiß:
"[...] Es gibt in der Tat eine Unmenge von Kooperationen an Hochschul-Instituten und -Laboren mit den großen Autoherstellern. Entsprechende Forschungseinrichtungen in Kooperation mit BUND, Greenpeace, attac und ähnlichen sucht man vergeblich. Die Ergebnisse der industriefinanzierten Forschung fließen über ständige Studienpublikationen systematisch in die öffentliche Meinung ein und erzeugen dadurch eine gewisse wohlwollende Grundhaltung gegenüber der Automobilbranche.
Drittens: Geheimhalten
Am stärksten ist die Wirkung in der Öffentlichkeit, wenn nicht oder kaum bekannt ist, dass die WissenschaftlerInnen von der Industrie bezahlt werden, wenn sie möglichst unabhängig in der Öffentlichkeit auftreten, frei nach dem Witz von Otto Waalkes: „Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Rauchen doch nicht schädlich ist – gezeichnet Dr. Marlboro.“ Nach diesem Motto wurde versucht, die einseitigen Forschungsergebnisse der EUGT zu veröffentlichen. Es sollte möglichst nicht bekannt werden, dass dahinter drei große Autokonzerne stehen. Allein schon bei der Namensfindung der EUGT wurde dies berücksichtigt. Der ursprünglich geplante, noch beschönigendere Name „Europäisches Institut für Umwelt und Gesundheitsforschung im Transportsektor“ wurde vom zuständigen Amtsgericht wegen Täuschungsgefahr abgelehnt. [...]" (Kreiß: Gekaufte Wissenschaft, 2018)

sieh auch: Fachkräftemangel

Samstag, 5. November 2016

Gekaufte Wissenschaft

Gekaufte Wissenschaft ZEIT 1.8.2013

"[...]  EWI ist ein sogenanntes An-Institut. Es wird knapp zur Hälfte von den Energieriesen E.on und RWE finanziert. Bereits im Jahr 2010 hat das EWI eine Studie über die Bedeutung der Kernenergie erstellt, die von der schwarz-gelben Bundesregierung maßgeblich zur Begründung der ursprünglich geplanten Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke herangezogen wurde. 
Felix Höffler ist einer der Leiter des EWI. [...]
Den Vorwurf, das EWI lasse sich für Studien kaufen, der seit den beiden Untersuchungen zur Atomkraft über dem Institut hängt, empfindet Höffler als ungerecht. "Fachlich ist unsere Arbeit einwandfrei."
Aber Höffler sagt auch: "Unser Institut ist in der öffentlichen Meinung klar positioniert." Das EWI steht der Atomkraft nicht ablehnend gegenüber. Höffler fügt hinzu: "Wir vertreten einen marktwirtschaftlichen Ansatz. Das berücksichtigen Auftraggeber natürlich, bevor sie einen Auftrag erteilen." [...]
Es ist etwas Erstaunliches passiert, seit die Wirtschaft in die Universitäten gelangt ist: Auf den Fluren der Hochschulen begegnet man neuerdings nicht nur Managern und Unternehmern – sondern auch anderen Professoren als früher. Ein neuer Prototyp von Wissenschaftler ist entstanden, einer, der sich nicht so sehr als unabhängiger Forscher sieht, sondern eher als pragmatischer Dienstleister seines Auftraggebers.
Noch betreffen all diese Fälle nur einen kleinen Teil der Wissenschaft. Umso mehr müssten die Universitäten daran interessiert sein, den Eindruck zu vermeiden, in ihren Instituten werde wertloses Wissen erzeugt. Denn fragwürdige Studien und Forscher, die sich an den Bedürfnissen des Marktes ausrichten, haben die Macht, den ganzen Wissenschaftsbetrieb in Misskredit zu bringen. [...]
Philipp Mimkes, 46, ist Physiker und arbeitet hauptberuflich für den Verein "Coordination gegen Bayer-Gefahren". Er wollte von der Uni Köln wissen, welche Regelung es für die Veröffentlichung von Testergebnissen gibt. Hat Bayer die Macht, negative Ergebnisse zu unterdrücken?  [...]
Mimkes zog vor Gericht. "Eine aus Steuergeldern finanzierte Institution muss öffentlicher Kontrolle unterliegen", sagt er, "zumal in einem so sensiblen Bereich wie der Pharmaforschung."
Im Dezember 2012 schlug sich das Verwaltungsgericht Köln jedoch auf die Seite der Universität. Die Wissenschaft sei frei, auch in der Frage, mit wem sie kooperiere, daher unterliege sie in diesem Fall nicht der Pflicht zur Offenlegung des Vertrags.
Mimkes hat Berufung gegen das Urteil eingelegt. Die Entscheidung steht noch aus.
Folgt man der Argumentation des Kölner Gerichts, genießt die Wissenschaft also die Freiheit, sich selbst ihrer Unabhängigkeit zu berauben. Die Frage ist nur: Wer schützt dann noch die Gesellschaft vor den Ergebnissen dieser neuen Art von Wissenschaft? [...]
Wer als Wissenschaftler heute keine Kontakte zu Unternehmen hat, wer keine Kooperationen organisieren kann, hat es häufig schwer, im Wissenschaftsbetrieb Fuß zu fassen. Wie verhält man sich da als Professor, dem seine Studenten am Herzen liegen? [...]
"Ich bin über 60, aber für meine Studenten ist der Kontakt zu Unternehmen wie Google wichtig. Der Staat zieht sich immer stärker aus der Wissenschaftsfinanzierung raus. Damit die Studenten später ein Auskommen haben, sind sie auf Kontakte zu Unternehmen wie Google angewiesen." [...]
Das Fazit: "Die Europäer gehen mit großer Entschiedenheit davon aus, dass man nicht darauf vertrauen kann, dass Wissenschaftler bei kontroversen wissenschaftlichen und technischen Problemen die Wahrheit sagen, weil sie zunehmend von den Fördermitteln der Industrie abhängig sind."
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