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Mittwoch, 22. Januar 2025

Ricarda Lang erkennt man nicht ohne weiteres wieder

 Ohne den Stress als Parteivorsitzende konnte Ricarda Lang erstmals bewusst abnehmen und berichtet jetzt über den Stress mit den Erwartungen an junge Frauen und ihre jetzigen Erfahrungen.

https://www.zeit.de/zeit-magazin/2025/04/ricarda-lang-gruene-hass-netz-koerperbild/komplettansicht ZEIT 22.1.25

Ich muss gestehen, ich habe sie nicht erkannt, und es ist entspannend, sie so zu sehen. 

Was für ein Stress muss es für ausgesprochen schöne ältere Parteivorsitzende (Wagenknecht, Weidel) sein, die Doppelrolle schön und erfolgreich durchzuhalten.

Und was für ein Stress war es für Lang:

"ZEITmagazin: Die meisten Hasskommentare kommen wahrscheinlich von Männern, aber sind die Frauen mit diesem ganzen Diät-Ernährungstipps-Wahnsinn nicht genauso schlimm?

Lang: Das ist auch meine Erfahrung. Wenn ich an meine Kindheit und Jugend denke, von Lehrerinnen bis zu Verwandten, waren das eher Frauen, die mein Gewicht stark thematisiert haben, die oft eigene Unsicherheiten projiziert haben, das Gefühl: Ich muss mich doch auch zusammenreißen, warum hält die sich da nicht auch dran? Ich glaube aber, das lässt sich nicht trennen vom Patriarchat. Frauenkörpern wird eine krasse Bedeutung zugeschrieben, und dann werden sie abgewertet. Die dauerhafte Unsicherheit von Frauen, die daraus resultiert, wird als Machtinstrument gegen sie selbst eingesetzt. Wenn ich das Gefühl habe, oh Gott, mein Körper ist nicht gut genug, ich bin nicht schön genug, ich bin nicht sexy genug, das ist ja etwas, das sich auf meine Arbeit auswirkt, auf meine romantischen Beziehungen. Man denkt dann, wie toll, dass ich einen gefunden habe, der mich trotzdem liebt! Was macht das wohl mit einer Machtdynamik in einer Beziehung?"

Sonntag, 16. Juni 2024

Kritik an Robert Habeck und den Grünen

 https://www.nachdenkseiten.de/?p=116559 11. Juni 2024 von Ralf Wurzbacher

"Die Bündnis-Grünen haben schon allerhand geliefert: Waffen für die Ukraine, US-Frackinggas, Milliardenhilfen für milliardenschwere Tech-Giganten und vieles mehr, was der Zeitgeist gerade mal so verlangt und Profiteuren die Taschen füllt. Immer tun sie derlei mit Kopfschmerzen, Bauchdrücken und gequälter Miene, aber sie tun es, weil Realpolitik keine Rücksichten und Roten Linien kennen darf und die schlimmen Umstände und die Bösen dieser Welt sich um die Grundsätze ökopazifistischer Gutmenschen einen Dreck scheren. So wird Krötenschlucken zur Dauerbeschäftigung und Prinzipientreue ein No-Go. [...]

Schätzungsweise werden unter EU-Ägide maximal noch 1.500 deutsche Großunternehmen oder Konzerne dem EU-Lieferkettengesetz unterliegen und das endgültig erst in acht Jahren. Bis dahin fließt noch so viel Wasser den Rhein hinunter – und reichlich Blut, Schweiß und Tränen in die Sickergruben der Slums in Asien, Afrika und Südamerika. Es gab Zeiten, da hatten die Grünen noch ein Herz für Mopsfledermäuse. Hat sich irgendwie wegregiert …"

Die Kritik ist ist gut begründet, doch meiner Meinung nach überzogen, weil in der Tat "die schlimmen Umstände und die Bösen dieser Welt sich um die Grundsätze ökopazifistischer Gutmenschen einen Dreck scheren."

Dass "Prinzipientreue ein No-Go" geworden sei, ist eine polemische Formulierung.

Bekanntlich hat Kant gefordert, dass man immer die Wahrheit sagen solle, auch wenn es das Leben eines Menschen kosten könne. Wenn sich die Menschen, die in der NS-Zeit versucht haben, Juden zu retten, sich getreu diesem Prinzip zu verhalten, würden in Yad Vashem weit weniger Namender Gerechten unter den Völkern stehen können. Ich zweifle, dass es so besser wäre. 
Das Lieferkettengesetz ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung; aber ohne eine übergreifende Organisation wären sehr Mittelständler nicht imstande, diese Forderungen zu erfüllen.

Montag, 19. Februar 2024

Im Fall Assange sind die Grünen auffällig still

Im Fall Assange sind die Grünen auffällig still, von Christine Dankbar, FR 15.2.24

"[...] Im Wahlkampf war die Sache noch einfach. Die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock forderte noch im September 2021 die „sofortige Freilassung“ von Wikileaks-Gründer Julian Assange. Dann wurde Baerbock Außenministerin und äußerte sich zu der Angelegenheit nur noch sehr ungern. Man habe „keinen Zweifel daran, dass die britische Justiz rechtsstaatliche Prinzipien anwendet und die Menschenrechte achtet“, heißt es nun.
Wer den Fall Assange ein bisschen verfolgt hat, muss allerdings erhebliche Zweifel daran haben, dass die britische Justiz wirklich rechtsstaatlich vorgeht. Der heute 52-Jährige sitzt seit 2019 in britischer Untersuchungshaft, unter erschwerten Bedingungen. In der kommenden Woche gibt es eine vermutlich letzte Anhörung darüber, ob er an die USA ausgeliefert wird, wo ihn bis zu 175 Jahre Haft erwarten, weil er geheime Unterlagen der Regierung veröffentlicht hat, die unter anderem Kriegsverbrechen belegen. Es geht also auch um die Pressefreiheit, für die sich die Grünen schon immer und vehement eingesetzt haben. Im Fall Assange aber sind sie weitgehend verstummt. [...]"

Es gibt Grüne, die sich sehr für Assange einsetzen, die grüne Außenministerin aber gehört entgegen ihrer Ankündigung nicht mehr dazu.

Freitag, 17. März 2023

Antje Vollmers politisches Vermächtnis

 

Antje Vollmers Vermächtnis einer Pazifistin: „Was ich noch zu sagen hätte“

Die Ex-Vizepräsidentin des Bundestags Antje Vollmer ist verstorben. Wir veröffentlichen ihren letzten Essay, den sie als politisches Vermächtnis verstanden wissen wollte. Berliner Zeitung 23.2.23


"Ich stand auf dem Bahnhof meiner Heimatstadt und wartete auf den ICE. Plötzlich näherte sich auf dem Nebengleis ein riesiger Geleitzug, vollbeladen mit Panzern – mit Mardern, Geparden oder Leoparden. Ich kann das nicht unterscheiden, aber ich konnte geschockt das Bild lesen. Der Transport fuhr von West nach Ost.

Es war nicht schwer, sich das Gegenbild vorzustellen. Irgendwo im Osten des Kontinents rollten zur gleichen Zeit Militärtransporte voller russischer Kampfpanzer von Ost nach West. [...] 

Meine Hoffnung besteht darin, dass sich aus all dem eine neue Blockfreienbewegung ergeben wird, die nach der Zeit der vielen Völkerrechtsbrüche wieder am alleinigen Recht der UNO arbeiten wird, dem Frieden und dem Überleben des ganzen Planeten zu dienen.

Die Grünen waren mal Pazifisten

Meine ganz persönliche Niederlage wird mich die letzten Tage begleiten. Gerade die Grünen, meine Partei, hatte einmal alle Schlüssel in der Hand zu einer wirklich neuen Ordnung einer gerechteren Welt. Sie war durch glückliche Umstände dieser Botschaft viel näher als alle anderen Parteien.

Wir hatten einen echten Schatz zu hüten: Wir waren nicht eingebunden in die machtpolitische Blocklogik des Kalten Krieges. Wir waren per se Dissidenten. Wir waren gleichermaßen gegen die Aufrüstung in Ost wie West, wir sahen die Gefährdung des Planeten durch ungebremstes Wirtschaftswachstum und Konsumismus. Wer die Welt retten wollte, musste ein festes Bündnis zwischen Friedens- und Umweltbewegung anstreben, das war eine klare historische Notwendigkeit, die wir lebten. Wir hatten dieses Zukunftsbündnis greifbar in den Händen.

Was hat die heutigen Grünen verführt, all das aufzugeben für das bloße Ziel, mitzuspielen beim großen geopolitischen Machtpoker, und dabei ihre wertvollsten Wurzeln als lautstarke Antipazifisten verächtlich zu machen?

Gegen Hass und den Krieg

Ich erinnere mich an meine großen Vorbilder: Die härtesten Bewährungsproben hatten die großen Repräsentanten gewaltfreier Strategien immer in den eigenen Reihen zu bestehen. Gandhi hat mit zwei Hungerstreiks versucht, den Rückfall der Hindus und Moslems in die nationalen Chauvinismen zu stoppen, Nelson Mandela hatte äußerste Mühe, die Gewaltbereitschaft seiner jungen Mitstreiter zu brechen, Martin Luther King musste sich von den Black Panthers als zahnloser Onkel Tom verhöhnen lassen. Ihnen wurde nichts geschenkt. Und das gilt auch heute für uns letzte Pazifisten.

Der Hass und die Bereitschaft zum Krieg und zur Feindbildproduktion ist tief verwurzelt in der Menschheit, gerade in Zeiten großer Krisen und existentieller Ängste. Heute aber gilt: Wer die Welt wirklich retten will, diesen kostbaren einzigartigen wunderbaren Planenten, der muss den Hass und den Krieg gründlich verlernen. Wir haben nur diese eine Zukunftsoption."


"Ihren letzten großen Essay mit dem Titel „Was ich noch zu sagen hätte“ veröffentlichte Vollmer am 23. Februar 2023 exklusiv in der Berliner Zeitung. Sie schrieb: „Ich habe in den letzten Tagen einen sehr entschiedenen letzten Text zum Thema Ukraine /Pazifismus verfasst, der mich viel Kraft gekostet hat. Ich werde wegen meiner fortgeschrittenen Krankheit keine weiteren Texte erstellen können – und was ich zu sagen habe, steht wohl auch jetzt hier. Ich werde auch niemandem mehr antworten können. Mir läge viel daran, wenn der Artikel (...) in der Berliner Zeitung erscheinen könnte.“

Vollmers Text wurde stark rezipiert. Sie schrieb nach der Veröffentlichung: „Damit fällt eine große Last von meinen Schultern. Mehr kann ich jetzt wohl nicht mehr tun.“ Sie schrieb der Redaktion außerdem: „Heute wollte ich Ihnen nur mitteilen, dass ich noch niemals eins so überwältigend positives Echo auf einen Text von mir bekommen habe, wie bei meinem Vermächtnis. Und zwar aus den unterschiedlichsten Gruppen, besonders viele Stimmen aus dem Osten. Sehr häufig wird dabei erwähnt, wie gut es ist, dass die Berliner Zeitung diese vom Mainstream abweichende Position bringt. Für mich ist dieses unerwartete Echo eine große Freude (...). Meine Arbeit ist jetzt wohl getan. Ihre geht weiter.“ "

Ex-Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer ist tot, Berliner Zeitung, 16.03.2023


Dienstag, 19. April 2022

Stephan Hebel: Einhelliges Schweigen der ehemaligen Pazifisten

"Es ist Krieg in Europa. Und es ist nicht das erste Mal seit 1945. Vor 23 Jahren, im Frühjahr 1999, tobte der Konflikt zwischen den Machthabern in Jugoslawien und der Unabhängigkeitsbewegung im Kosovo, die von Belgrad brutal bekämpft wurde. Im Februar hatte die NATO mit Luftangriffen gegen Ziele in Jugoslawien begonnen. Auch die deutsche Bundeswehr beteiligte sich, so hatte es die rot-grüne Bundesregierung beschlossen.

Die Grünen waren erstmals in ihrer Geschichte mit an der Regierung, ihr Außenminister Joschka Fischer verteidigte die vom Völkerrecht nicht gedeckten Kampfeinsätze als Mittel zur Verhinderung einer humanitären Katastrophe. In der Partei stieß das auf heftigen Widerstand. Jürgen Trittin, damals Bundesumweltminister, kritisierte die Aktion als „Fehler“. Seine nordrhein-westfälische Amtskollegin Bärbel Höhn ging noch weiter: Ende April forderte sie im Deutschlandfunk einen „sofortigen Stopp der Bombenangriffe“.

Es folgte der Parteitag am 13. Mai, auf dem Fischer mit einem berühmt gewordenen Vergleich für den Einsatz warb: „Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz; nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört bei mir zusammen.“ Das stellte eine kaum verhohlene und höchst fragwürdige Gleichsetzung des Kosovo-Konflikts mit den Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten dar. Aber es zeigte Wirkung: Die Grünen stimmten mit klarer Mehrheit für den Einsatz. [...]

Einhelliges Schweigen der ehemaligen Pazifisten. "Die Grünen wollen als Regierungspartei keine abweichende Position zur Aufrüstung beziehen." der Freitag  16.4.22

Montag, 6. Dezember 2021

Habeck und Fischer (40 Jahre die Grünen: 2020)

 Robert Habeck im Gespräch mit Joschka Fischer


Habeck: Relevante Politik kann nicht heißen, in ein bestehendes System, das Probleme verursacht, einfach mehr Geld hineinzustecken. Das ist das Gegenteil von relevanter Politik.

Samstag, 23. Januar 2021

Robert Habeck und das Prinzip Verantwortung

Robert Habeck in Sternstunden der Philosophie über Verantwortung 

https://www.youtube.com/watch?v=gDi5ZB_9yJw

Mein Kommentar:

Keine Politik gegen den Rechtsstaat; aber wenn rechtliche Regelungen getroffen sind (A49), die übergeordneten Zielen entgegenstehen, dass ist es Aufgabe der Politik, diese Regelungen aufzuheben. Rechtsstaat bedeutet nicht Festschreibung des positiven Rechts. 
Deshalb darf sich Politik auch nicht an unabhängige Schiedsgerichte von Experten binden, sondern auch Gerichte müssen im Rahmen gesellschaftlicher Verantwortung agieren.

Die "Heuristik der Furcht" (S.392), die Jonas in "Prinzip Verantwortung" schließt die zugehörige Hoffnung auf Abwendung des Übels ein. Er will keine Ängstlichkeit, sondern die Furcht vor einem klar erkennbaren Übel.
Allerdings spricht er dann doch von Angst: 
"Furcht zur Pflicht [...] nur mit Hoffnung [...] vielleicht gar Angst [...] Der Angst aus dem Wege zu gehen, wo sie sich ziemt, wäre in der Tat Ängstlichkeit." (S.392)
Aus meiner Sicht bezeichnet "ziemt" eine Stilfrage, ist viel zu ungenau. 

Wenn Jonas das lebensverändernde Erschrecken vor der Wahrheit meint [vgl. Schillers "Das Bildnis zu Sais"]; dann wäre ein Augenblick der Angst die Voraussetzung für das Erkennen der Wirklichkeit und die Beendigung des "Weiter so" unter Berufung auf den Rechtsstaat. Diese Art von "Angst" wäre nicht Verstörung, sondern die Basis für verantwortungsvolles Handeln.

"Ich finde Heideggers Philosophie faszinierend, aber faszinierend falsch." Die Natur darf man nicht personifizieren, ist falsch. Sie ist absolut frei, ist nicht definierbar.

Wir leben in einer angestrengten Zeit. Aber so war es immer. Aber jetzt haben wir mit großer Anstrengung die Möglichkeit, Wesentliches zu verändern. "Wir können Geschichte schreiben."
Große Anstrengungen in gesellschaftlicher Solidarität sind nicht möglich, wenn man nicht glaubt, dass die Veränderung gelingen kann. Die Alternative wäre Zerfall in Einzelegoismen.

Montag, 3. Februar 2020

Die Wunde von Stuttgart

Zu Stuttgart21 war noch nicht alles gesagt. Dieser großartige Text von Stephan Hebel beweist es: #s21 ist seit #FfF "so etwas von 20. Jh." u #Kretschmann stellt sich gegen das Kernanliegen der #Grüne n

https://www.fr.de/wirtschaft/stuttgart-wunde-stuttgart-13517111.html

Dienstag, 4. Juni 2019

Bösch: Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann

Frank Bösch: Zeitenwende 1979 (Rezensionen in Perlentaucher)

Thatchers Wahl und die Gründung der Grünen, S.269ff
"Thatcher und Reagan veränderten den [...] Konservatismus, indem sie ihn von seiner paternalistischen sozialen Verantwortung abrückten, zugunsten einer Förderung individueller Interessen, die das Allgemeinwohl steigern sollten." (S.279)

Vereinfachend gesagt: Von den Möglichkeiten der Regierung Steuern erheben und subventionieren sowie verbieten und erlauben entschieden sie sich dafür, die Unternehmenssteuern zu senken und manche Industrien zu subventionieren sowie das Streikrecht einzuschränken und den Unternehmen mehr zu erlauben.


"Gewählt wurde Thatcher zudem, weil sie für eine stärkere Bekämpfung der Kriminalität und die Begrenzung des Zuzugs von Ausländern eintrat. [...] In den Umfragen fiel Thatchers Partei nun auf Platz drei hinter Labour und die Liberalen, und die Beliebtheitswerte der Iron Lady waren im Keller. Als ihr größter Erfolg galt in den ersten Jahren, dass sie bei einer Geiselnahme in der iranischen Botschaft in London Härte und Entschlusskraft gezeigt hatte und sofort eine polizeiliche Erstürmung durchführte. Daran knüpfte Thatcher im großen Stil an, als sie einen Kriegseinsatz gegen Argentinien zur Verteidigung der britischen Falklandinseln startete und der rasche Sieg eine patriotische Begeisterung auslöst gibt, die die schlechte ökonomische Lage übertünchte. Nur mit Glück verbesserten sich die Wirtschaftsdaten kurz vor der Wahl 1983, wodurch ihre Wiederwahl gelang." (Zeitenwende 1979, S.280/281)

Wird Bolsonaro ein Wiedergänger Maggies? Oder doch eher Hitlers? Er könnte seine Entschlusskraft beweisen, indem er den Regenwald der Industrie überlässt.

FDP und Grüne: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

"So war die FDP die erste Partei, die Anfang der 1970-er Jahre den Umweltschutz als politisches Thema entdeckt hatte" (S.298)
"Umweltschutz hat Vorrang vor Gewinnstreben und persönlichem Nutzen" hieß es in der Freiburger Thesen 1971.
"Grundsätzlich hatten "Neoliberale" und "Ökos" natürlich ein unterschiedliches Verhältnis zur Rolle des Staates. Grüne Parteien vertrauten auf den Staat beim Umbau der Gesellschaft, bei der Schaffung einer ökologischen Wirtschaft [...] Allerdings zeichnete sich auch das alternative Milieu durch eine gewisse Distanz zum Staat und zu staatsnahen Institutionen aus.Der Staat galt als kontrollierende Instanz, als ein "Überwachungsstaat", zu dem ein kritischer Abstand durch Betonung von Eigeninitiative und Schutz der Privatsphäre gesucht wurde. [...]
In den 1990er-Jahren, nach Etablierung der Grünen, war der prozentuale Anteil von Selbstständigen bei den Grünen Parteimitgliedern zwar geringer als bei der FDP, aber mit 14 Prozent noch doppelt so hoch wie bei den Sozialdemokraten. " (S.299)
"In einst liberal dominierten Städten wie Tübingen, Freiburg, Marburg oder Göttingen erreichten die Grünen rasch zweistellige Ergebnisse, dann zum Teil über 20 Prozent" (S.300) 
"Das Aufkommen des Neoliberalismus und der Öko-Bewegung war eng mit der Erfahrung der Globalisierung verbunden. In den 1900 siebziger Jahren wurde deutlich erfahrbar, dass weder Energie- und Umweltprobleme noch Finanz- und Wirtschaftskrisen an Grenzen haltmachten." (S.301)
 "Da beide Strömungen provokant, kompromisslos und konfliktorientiert auftraten, polarisierten sie entsprechend. Die Umgangsformen mit politischen Gegnern erreichten eine neue Stufe im Konfrontationsgrad und Freund-Feind-Denken. [...] Die als "Fundis" und "Realos" bezeichneten Flügel bekämpften sich in den 1980er-Jahren so nachdrücklich, dass eine Spaltung wie bei der FDP 1982 erwartbar war." (Seite 302/303)

Die zweite Ölkrise, S.305ff

Bösch führt aus, dass die Ölkrise von 1979 wesentlich zum Bankrott der DDR und damit zu Protesten und ihrem Ende geführt habe. 

"Wie sehr Energiefragen die Diplomatie bestimmten, zeigte sich ebenfalls nach der zweiten Ölkrise 1979. Trotz des zeitgleichen sowjetischen Einmarsches in Afghanistan und der Boykottmaßnahmen der USA entwickelte die Bundesrepublik das bislang mit Abstand größte Energiegeschäft mit der UDSSR. Das Kanzleramt tolerierte, dass führende Vertreter aus Energieunternehmen, Banken und Stahlkonzernen Anfang 1980 nach Moskau reisten, um Gespräche über die Gasverträge zu führen. [...] Der daraus entstehende Vertrag sah eine Verdopplung der künftigen sowjetischen Gaslieferungen vor, die wiederum mehr Exporte in die Sowjetunion ermöglichen sollte. [...] Die Sowjetunion war damit zunächst ein Gewinner der Ökrisen und bezog nun über die Hälfte ihrer Devisen aus den Öl- und Gasverkäufen. Dies ermöglichte Ende der 1970er-Jahre ihre Aufrüstung, ihre militärischen Einsätze oder auch ihr gesteigertes Engagement in Entwicklungsländern (S. 314/315)

"Die Ölkrisen beeinflussten auch die Ost-West-Beziehungen der anderen sozialistischen Staaten. Diese waren fast ausnahmslos von den günstigen sowjetischen Öl- und Gaslieferungen abhängig, deren Preise nun anstiegen. 1976 zahlte die DDR etwa die Hälfte des Weltmarktpreises, 1978 bereits Prozent. [...]
Denn selbst die relativ reiche DDR sa sich nun gezwungen, den Heizölverbrauch ab 1979 mit kostspieligen Umstellungen in nur fünf Jahren auf ein Viertel (!) zu senken – durch mehr Braunkohle, Gas und mehr Energiesparmaßnahmen. [...] Zudem hatte der Ausbau der maroden Braunkohlewerke fatale Konsequenzen für die Umwelt. All dies förderte den Unmut der Bevölkerung und schließlich auch den Protest.
Damit beeinflussten die Ölkrisen auch die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Teilen Deutschlands – und schließlich auch die Krise der DDR." (S.316)


1974 verzichteten die Westdeutschen auf energieintensive Ausgaben wie Neuwagen und Fernreisen. Die Mehrheit der Bundesbürger war für ein Tempolimit. Leuchtreklamen wurden abgeschaltet. (S.310/11)
In der DDR wurde von 1979 bis 1984 der Heizölverbrauch "auf ein Viertel (!)" gesenkt. (S.316)
Der Hauptvertreter des Wirtschaftsliberalismus Graf Lambsdorff begrenzte die Raumtemperatur in seinem Ministerium und "ließ seinen Dienstwagen nur noch maximal 130 km/h fahren".
Es gab Anschlusszwang an Fernheizungen und große Erfolge bei der Wärmedämmung. (S.320)
Allgemein wurde die Energieeffizienz enorm erhöht. (S.323)
(Frank Bösch: Zeitenwende 1979 - DeutschlandfunkPerlentaucher)

In einer Situation, wo der Ölpreis anstieg, war es also auch Liberalen möglich, "Zwangsmaßnahmen" zu ergreifen. Heute geht es ja "nur" den Lebensraum von Hunderten von Millionen und die Gefahr entsprechender Flüchtlingsströme. Und es sind womöglich noch zehn Jahre Zeit. Da kann man mal Energieziele um 10 Jahre verschieben und alle eingreifenden Maßnahmen auf 2050 verschieben. 

Freilich, schon damals war das Sparen nicht nachhaltig. Sobald der Ölpreis nicht mehr stieg, setzten Reboundeffekte ein. 

Bessere Wärmedämmung -> größere Wohnungen
niedrigerer Benzinverbrauch pro Auto -> mehr Kraftfahrzeuge
der Schienenverkehr verlor an Bedeutung
"Die Verbrauchsintensität pro Kopf stieg bei Geräten zwischen 1960 und 1990 so fast um das Achtfache." (S.325)


Es ist bemerkenswert, "dass Produkte, die nach den Ölkrisen auf den Markt kamen – wie insbesondere Computer – bis heute kaum Kennzeichnungen zu ihrem Energieverbrauch tragen. Flug- und Internetverkehr stehen in stärksten Kontrast zu den Energiesparappellen. Neue Siegel zum fairen Handel und zum Gesundheits- und Umweltschutz überlagern Hinweise zum sparsamen Verbrauch." (S.332)

Der AKW-Unfall bei Harrisburg, S.333ff

Die Fernsehserie Holocaust
, S.363ff

Dienstag, 2. Januar 2018

Wir wissen das Wichtigste schon seit über 40 Jahren, doch was tun wir? - Blogparade???

Versuch eines Aufrufs zu einer Blogparade

Dass konventionelle Landwirtschaft Lebensraum zerstört und zu Artensterben führt, wurde einer breiten Öffentlichkeit seit Rachel Carsons "Der stumme Frühling" (1962) nach und nach bekannt.
Die Studie des Club of Rome Die Grenzen des Wachstums (1972) wurde zwar energisch bekämpft, aber der Gedanke, dass wirtschaftliche Ressourcen begrenzt sind, wurde mit dem Spruch "Wir haben nur eine Erde" zum Allgemeinplatz.
Auf den "stummen Frühling" hin wurde DDT ab 1970 in mehreren Ländern verboten, die USA hoben ihr Verbot von 1972 aber bald wieder auf. Die Produktion von DDT lief in den USA erst 1982 aus, in Österreich wurde es erst 1992 verboten.
Die Abhängigkeit der Weltwirtschaft von der knappen Ressource Erdöl wurde schon 1973, ein Jahr nach  Die Grenzen des Wachstums in der Ölkrise deutlich. Dennoch wurde Flugbenzin steuerlich begünstigt, obwohl CO2-Ausstoß in großen Höhen besonders umweltgefährdend ist. 
Die 45 Jahre währende Entwicklung von der ersten Umweltkonferenz in Rio 1992 zu schildern würde hier zu weit führen. Man kann sie nachlesen.
Das Ergebnis: Billigfluglinien bieten Flugreisen an, die billiger sind als die Taxifahrt zum Flughafen, und werden fast durchweg hofiert, oft sogar mehr oder minder offen subventioniert. 
Die Emissionszertifikate werden seit Jahren zu Schleuderpreisen gehandelt, Betrug von Autokonzernen bei Umweltauflagen wird staatlich gedeckt und vor privaten Regressansprüchen geschützt, die besonders umweltschädlichen Braunkohlebergwerke dürfen weiter produzieren und bekommen einen Artenschutz wie sonst nur der Panda, das Markenzeichen des WWF.

Und wenn es dagegen Proteste gibt, heißt es, der Kunde sei selbst schuld, wenn er die Konzerne nicht mit seiner Marktmacht zwingt, sich ökologischer zu verhalten. 
Wie können Bürger, die vielleicht alle 2, 3 Jahre eine Flugreise unternehmen, eine Billigfluglinie in die Knie zwingen? Wie können sie eine Erhöhung der Kerosinsteuer durchsetzen und eine unfaire Subventionierung durch Flughafenbetreiber verhindern? 
Mit ihrer Marktmacht gewiss nicht, sondern allenfalls durch Boykott, der durch Nichtregierungsorganisationen angeregt wird, oder durch das Wählen von Parteien, die für die Umweltziele, mit denen sie werben, auch eintreten. 

Zum Thema Umweltschutz ist scheinbar schon alles gesagt. Aber auf  den empörenden Unterschied zwischen den angeblichen Zielen der Parteien und ihrem tatsächlichen Handeln wird nach meiner Beobachtung häufiger von Gegnern des Umweltschutzes als von seinen Befürwortern hingewiesen. 

Aber das ist ja längst nicht das einzige, das anzusprechen wäre. Wo ist auf die Ergebnisse der über 10 Jahre alten Studie 2052. Der neue Bericht an den Club of Rome hingewiesen worden? Wie bekannt ist der neuste Bericht "Wir sind dran" von 2017? 

Die Aspekte, die anzusprechen wären, sind ungeheuer vielfältig. 
Wer ist bereit, dem, was er schon immer sagen wollte, im Rahmen einer Blogparade eine breitere Plattform zu bieten? 


Artikel in diesem Kontext kann man hier im Kommentar verlinken oder unter dem Hashtag  #tuwas18
verbreiten.

Montag, 6. November 2017

Über die Pizza-Connection zwischen Schwarz-Grün und die Folgen

"Es ging um Lust an der Diskussion und um eine Annäherung. Wie denken die anderen? Wie kommen sie auf ihre Positionen? Auf welche Wählergruppen müssen sie Rücksicht nehmen? Dieter Janecek von den Grünen sagt: „Es hilft zu wissen, welchen Zwängen eine Partei ausgesetzt ist.“ Und eine Vertreterin vom linken Flügel hörte genau hin, als CSU-Vertreter erklärten, weshalb die Partei angesichts einer starken AfD jetzt mehr nach rechts rücken müsse. „Auch wenn ich das inhaltlich nicht richtig finde, war es interessant, das zu hören und dann auch darüber zu sprechen“, sagte sie. Mit dabei war auch Anja Hajduk, die Grüne aus Hamburg, die Senatorin in der ersten schwarz-grünen Landesregierung von 2008 bis 2011 in ihrer Heimatstadt gewesen war. „Mir gefiel im ,Simon‘, dass dort Themen gesetzt wurden, bei denen wir sehr weit auseinanderliegen. Aber es war dann oft so, dass ich beim Nachhausgehen bei mir dachte: Das war jetzt aber mal interessant.“ Die Treffen hätten geholfen, sich in den anderen hineinzuversetzen. [...]
Grüne wie Unionspolitiker sind davon überzeugt, dass die aktuellen Sondierungsgespräche überhaupt erst möglich wurden, weil man sich diesmal besser vorbereitet hatte. Anders als bei der alten Pizza-Connection waren das nicht einzelne Kontakte von Unionspolitikern und grünen Pragmatikern. Alle Flügel waren dabei, auch jene, die mit einem solchen Bündnis eher fremdelten. Und viele von ihnen sind jetzt an den Sondierungen beteiligt: Jens Spahn und Peter Tauber bei der Union, Oliver Krischer, Agnieszka Brugger und Katja Dörner bei den Grünen. Alle kennen sich bestens."

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/jamaika-koalition-schwarz-gruen-trifft-auf-lindners-fdp-15277546.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

Nouripour

Mittwoch, 26. Juli 2017

Wie kam es zum Dieselskandal?

"[...] All die Entscheidungen und Unterlassungen, die Deutschland in diese Krise geführt haben, wurden begründet mit dem Arbeitsplatz-Argument. Doch was jetzt am meisten gefährdet ist, das sind: Arbeitsplätze.
Wer nach den politischen Ursachen für diese Fehlentwicklung sucht, der landet schnell bei einem Zitat des ehemaligen FDP-Vorsitzenden und damaligen Außenministers Guido Westerwelle aus dem Jahre 2013: "Wir verstehen uns ausdrücklich als Dienstleister der deutschen Unternehmen." Genau! Nicht etwa als Korrektiv, als Antreiber, als Counterpart, als Supervisor. Nein: Dienstleister. Seinerzeit bedankte sich der VW-Chef Martin Winterkorn, mittlerweile selbst vom VW-Skandal verschlungen, für die "vielfältige Unterstützung" seitens der schwarz-gelben Koalition. [...]"
Mit den Grünen wär das nicht passiert Von Bernd Ulrich, DIE ZEIT Nr. 31/2017, 27. Juli 2017

Dazu auch:
http://www.zeit.de/2017/31/autokartell-wettbewerb-justus-haucap/komplettansicht
http://www.zeit.de/2017/31/kartell-vorwuerfe-autoindustrie-deutschland-politik
http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-07/automobilindustrie-volkswagen-daimler
http://fontanefansschnipsel.blogspot.de/2017/07/verbot-von-verbrennungsmotoren.html