Antje Vollmers Vermächtnis einer Pazifistin: „Was ich
noch zu sagen hätte“
Die
Ex-Vizepräsidentin des Bundestags Antje Vollmer ist verstorben. Wir
veröffentlichen ihren letzten Essay, den sie als politisches
Vermächtnis verstanden wissen wollte. Berliner Zeitung 23.2.23
"Ich stand
auf dem Bahnhof meiner Heimatstadt und wartete auf den ICE. Plötzlich
näherte sich auf dem Nebengleis ein riesiger Geleitzug, vollbeladen
mit Panzern – mit Mardern, Geparden oder Leoparden. Ich kann das
nicht unterscheiden, aber ich konnte geschockt das Bild lesen. Der
Transport fuhr von West nach Ost.
Es war
nicht schwer, sich das Gegenbild vorzustellen. Irgendwo im Osten des
Kontinents rollten zur gleichen Zeit Militärtransporte voller
russischer Kampfpanzer von Ost nach West. [...]
Meine
Hoffnung besteht darin, dass sich aus all dem eine neue
Blockfreienbewegung ergeben wird, die nach der Zeit der vielen
Völkerrechtsbrüche wieder am alleinigen Recht der UNO arbeiten
wird, dem Frieden und dem Überleben des ganzen Planeten zu dienen.
Die Grünen waren mal Pazifisten
Meine ganz
persönliche Niederlage wird mich die letzten Tage begleiten.
Gerade die
Grünen, meine Partei, hatte einmal alle Schlüssel in der Hand
zu einer wirklich neuen Ordnung einer gerechteren Welt. Sie war durch
glückliche Umstände dieser Botschaft viel näher als alle anderen
Parteien.
Wir hatten
einen echten Schatz zu hüten: Wir waren nicht eingebunden in die
machtpolitische Blocklogik des Kalten Krieges. Wir waren per se
Dissidenten. Wir waren gleichermaßen gegen die Aufrüstung in Ost
wie West, wir sahen die Gefährdung des Planeten durch ungebremstes
Wirtschaftswachstum und Konsumismus. Wer die Welt retten wollte,
musste ein festes Bündnis zwischen Friedens- und Umweltbewegung
anstreben, das war eine klare historische Notwendigkeit, die wir
lebten. Wir hatten dieses Zukunftsbündnis greifbar in den Händen.
Was hat die
heutigen Grünen verführt, all das aufzugeben für das bloße Ziel,
mitzuspielen beim großen geopolitischen Machtpoker, und dabei ihre
wertvollsten Wurzeln als lautstarke Antipazifisten verächtlich zu
machen?
Gegen Hass und den Krieg
Ich
erinnere mich an meine großen Vorbilder: Die härtesten
Bewährungsproben hatten die großen Repräsentanten gewaltfreier
Strategien immer in den eigenen Reihen zu bestehen. Gandhi hat mit
zwei Hungerstreiks versucht, den Rückfall der Hindus und Moslems in
die nationalen Chauvinismen zu stoppen, Nelson
Mandela hatte äußerste Mühe, die Gewaltbereitschaft
seiner jungen Mitstreiter zu brechen, Martin Luther King musste sich
von den Black Panthers als zahnloser Onkel Tom verhöhnen lassen.
Ihnen wurde nichts geschenkt. Und das gilt auch heute für uns letzte
Pazifisten.
Der Hass
und die Bereitschaft zum Krieg und zur Feindbildproduktion ist tief
verwurzelt in der Menschheit, gerade in Zeiten großer Krisen und
existentieller Ängste. Heute aber gilt: Wer die Welt wirklich retten
will, diesen kostbaren einzigartigen wunderbaren Planenten, der muss
den Hass und den Krieg gründlich verlernen. Wir haben nur diese eine
Zukunftsoption."
"Ihren letzten großen Essay mit dem Titel „Was ich noch zu sagen hätte“ veröffentlichte Vollmer am 23. Februar 2023 exklusiv in der Berliner Zeitung. Sie schrieb: „Ich habe in den letzten Tagen einen sehr entschiedenen letzten Text zum Thema Ukraine /Pazifismus verfasst, der mich viel Kraft gekostet hat. Ich werde wegen meiner fortgeschrittenen Krankheit keine weiteren Texte erstellen können – und was ich zu sagen habe, steht wohl auch jetzt hier. Ich werde auch niemandem mehr antworten können. Mir läge viel daran, wenn der Artikel (...) in der Berliner Zeitung erscheinen könnte.“
Vollmers Text wurde stark rezipiert. Sie schrieb nach der Veröffentlichung: „Damit fällt eine große Last von meinen Schultern. Mehr kann ich jetzt wohl nicht mehr tun.“ Sie schrieb der Redaktion außerdem: „Heute wollte ich Ihnen nur mitteilen, dass ich noch niemals eins so überwältigend positives Echo auf einen Text von mir bekommen habe, wie bei meinem Vermächtnis. Und zwar aus den unterschiedlichsten Gruppen, besonders viele Stimmen aus dem Osten. Sehr häufig wird dabei erwähnt, wie gut es ist, dass die Berliner Zeitung diese vom Mainstream abweichende Position bringt. Für mich ist dieses unerwartete Echo eine große Freude (...). Meine Arbeit ist jetzt wohl getan. Ihre geht weiter.“ "