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Samstag, 24. August 2019

Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen

Harari: Homo Deus ist anregend. 

Kapitel 1: Die neue menschliche Agenda
Hunger, Krankheiten und Seuchen, ja sogar Kriege sind weitgehend eingedämmt. (dazu vgl. Rosling: Factfulnes) Als nächstes Ziel "werden die Menschen vermutlich ernsthaft nach der Unsterblichkeit greifen". (S.39) - 
Harari geht davon aus, dass es keine ethischen und politischen Hemmnisse dagegen geben wird, Reichen auf Kosten der Armen die "Unsterblichkeit" zu verschaffen (er präzisiert: die natürliche Lebensbegrenzung abzuschaffen). (S.51)
Entsprechend werde das "biochemische Streben nach Glück [...] auch Politik, Gesellschaft und Wirtschaft verändern" (S.69)
In diesen Passagen klingt Harari wie weiland der Zukunftsforscher Herman Kahn, der 1967 durch reine Trendverlängerung die Zukunft für das Jahr 2000 voraussagte, mit grotesken Fehleinschätzungen. Die Einschränkungen durch das bevorstehende Ende des Einsatzes fossiler Energiequellen erwähnt Harari zwar, aber was das für eine Veränderung von Forschungs- und Industrieaktivitäten bedeuten könnte, übergeht er.
Im Folgenden schwankt Harari zwischen Prognose und Freiheitsversprechen.
"Weil niemand mehr das System versteht, kann niemand es stoppen.
Wenn es uns [...] doch gelingen sollte, auf die Bremse zu treten, wird unsere Wirtschaft samt unserer Gesellschaft zusammenbrechen. [...] die moderne Wirtschaft [braucht], um zu überleben, fortwährendes und grenzenloses Wachstum." (S.86)
"Gerade weil wir, was den Einsatz neuer Technologien angeht, über gewisse Entscheidungsfreiheiten verfügen, sollten wir darüber Bescheid wissen, was passiert." (S.92)
"Je mehr wir wissen, desto weniger können wir vorhersagen." (S.94)
Und das begründet er damit, dass neues Wissen genutzt werde, "um auf neuartige Weise zu agieren [...] Denn wozu dient neues Wissen, wenn es keine neuen Verhaltensweisen nach sich zieht? Sobald die Menschen aber ihr Verhalten ändern, werden die ökonomischen Theorien obsolet." (S.94)
Dabei klammert er das Wissen über den Klimawandel aus. Denn so logisch es gewesen wäre, aufgrund dieses Wissens, das Verhalten entscheidend zu verändern, ist seit der Klimakonferenz 1992 nichts Einschneidendes passiert
Andererseits, Harari selbst hält an der These fest, die moderne Wirtschaft brauche, "um zu überleben, fortwährendes und grenzenloses Wachstum." und das, obwohl gerade grenzenloses Wachstum mit mathematischer Sicherheit zum Zusammenbruch führt. Er führt also an sich selbst vor, dass neues Wissen mitnichten zu neuen Verhaltensweisen führen muss. 
Doch wie kategorisch er auch manches behauptet, um seine Prognose zu begründen, schreibt er dann doch zu Recht:
"Die wirkliche Zukunft - also die Zukunft, die aus den neuen Ideen und Hoffnungen des 21. Jahrhunderts erwächst - könnte eine völlig andere sein." (S.108)
Mit dieser Ankündigung zur Glaubwürdigkeit seiner Hypothese beginnt er dann seine Darstellung.

Teil I: Homo sapiens erobert die Welt 

Dass politische Einheiten Fiktionen bzw. nur intersubjektive Wirklichkeit sind, scheint zwar ein alter Hut. Aber die Wirksamkeit von Fake News lässt sich durch  die Tatsache, dass belegte Tatbestände und Fake News beide intersubjektive Wahrheiten sind, besser erklären. Dasselbe gilt für das Aufkommen vielfältiger Geschlechtsidentitäten, für den raschen Wandel von bestimmten Sexualverhalten als strafwürdig oder als akzeptierte Varianz (und umgekehrt). 
Dennoch reibe ich mich an manchem. 


Teil II: Homo sapiens gibt der Welt einen Sinn
Kapitel 4: Die Geschichtenerzähler
Harari schreibt über die Kongokonferenz 1884/85, die Europäer bemerkten in Afrika, dass die "Grenzen der geographischen [...] Wirklichkeit nicht gerecht wurden." (S.263/64) und fährt fort: "Als die schriftlichen Fantasien europäischer Bürokratien auf die afrikanische Wirklichkeit trafen, hatte sich die Wirklichkeit zu fügen." (S.265)

Nicht die geographische Wirklichkeit veränderte sich, sondern die intersubjektive Wirklichkeit erwies sich mittelfristig für die gesellschaftliche Wirklichkeit wichtiger als die objektiven geographischen Gegebenheiten. Doch selbst so intersubjektive Phänomen wie die Sprachgemeinschaften veränderten sich sich in über 100 Jahren so wenig, dass in vielen Staaten noch immer keine gemeinsame Sprache existiert und die Amtssprache nur sehr beschränkt Verständigung ermöglicht. Von objektiven Wirklichkeiten ganz zu schweigen.

Hararis Argumentation mit der Wirksamkeit von Abiturzeugnissen (S.268) ist angesichts des Streits über die Validität von Zeugnissen anderer Bundesländer etwas problematisch. Dass ein Promotionsurkunde zum Karrierehindernis werden kann, passt noch weniger in sein Bild. 
Intersubjektive Wirklichkeiten lassen sich eben doch erschreckend schnell verändern, während die objektive Wirklichkeit auch der elegantesten Ableugnung nicht zu folgen pflegt. 

Kapitel 5: Das seltsame Paar
Gott fälschen
Die klare Trennung zwischen moralischem Urteil, Tatsachenfeststellung und praktischer Anweisung [S.299] ist hilfreich. Die deutlichen Aussagen, zu denen er aufgrund dieser Trennung kommt, m.E. ebenfalls. Für mich bemerkenswert seine Bewertung der Zerstörung des jüdischen Tempels 70 n.Chr.: "Das traditionelle Judentum - ein Judentum der Tempel, der Priester und der Köpfe spaltenden Krieger - verschwand. An seine Stelle trat ein neues Judentum der Bücher, der Rabbiner und der Haare spaltenden Gelehrten." (S.304) - Wenn er als deren Hauptleistung die Interpretation (S.305) herausstellt, so stellt er sich als Historiker in ihre Tradition. Doch macht er damit klar, dass er nur selten Tatsachenfeststellungen machen kann und dass seine Hauptarbeit eben Interpretation ist. 
[Freilich ist es recht mutig, zu behaupten, zur Zeit des babylonischen Talmud habe Interpretation und das Haare spalten keine große Rolle gespielt. Die Autoren des Talmud waren m.E. durchaus keine Exekutoren der mosaischen Gesetze, sondern sehr wohl mit umfassender Interpretation beschäftigt.]
"Der Religion geht es vor allem um Ordnung. Ihr Ziel ist es, eine Gesellschaftsstruktur zu schaffen und aufrechtzuerhalten. Der Wissenschaft geht es in erster Linie um Macht. Sie will Macht erlangen, um Krankheiten zu heilen, Kriege zu führen und Nahrungsmittel zu produzieren. Als Individuen mag Wissenschaftlern und Priestern die Wahrheit ungeheuer wichtig sein; doch als Kollektivinstitutionen stellen Wissenschaft und Religion Ordnung und Macht über die Wahrheit. [...] 
Die moderne Gesellschaft glaubt an humanistische Dogmen und nutzt die Wissenschaft nicht, um diese Dogmen infrage zu stellen, sondern um sie zu implementieren." (S.310)

Kapitel 6: Der moderne Pakt
"Die Moderne ist eine Übereinkunft. [...] Die Menschen stimmen zu, auf Sinn zu verzichten, und erhalten im Gegenzug Macht." (S.311)
"Ja, wir Modernen haben versprochen, im Austausch für Macht auf Sinn zu verzichten, aber es gibt niemanden da draußen, der uns auf unser Versprechen festnageln kann. Wir glauben, wir sind schlau genug, um alle Vorteile des modernen Deals zu genießen, ohne den Preis dafür zu zahlen." (S.315)
In diesem Abschnitt geht die Darstellung in Populärphilosophie über. 
Auf S.332 kommt Harari auf den "ökologischen Kollaps" zu sprechen und schreibt "womöglich bedroht er die menschliche Zivilisation sogar in ihrer Existenz.
Diese Gefahr ließe sich verringern, wenn wir Fortschritt und Wachstum verlangsamen." (S.322) 
Zu recht bemerkt er: "wenn es zur Katastrophe kommt, leiden die Armen fast immer mehr als die Reichen, auch wenn es zuallererst die Reichen waren, die die Tragödie verursacht haben." (S.335) Dass die Politiker nichts Ernsthaftes unternehmen, begründet er hier nicht damit, dass Ingenieure "eine Hightech-Arche für die Oberschicht bauen" könnten. Und den Armen sei die Gegenwart halt wichtiger als die Zukunft. 

Kapitel 7 Die humanistische Revolution
Hier beginnt aus meiner Sicht Hararis Darstellung in Boulevardjournalismus zu verflachen. Treffend noch seine Beobachtung, moderne Menschen, die dem folgen, was er Humanismus nennt (also eine Anschauung, wonach nicht eine übermenschliche Autorität regiert, sondern die Menschen selbst sich als oberste Autorität verstehen).  rechtfertigen Entscheidungen "im Namen menschlicher Gefühle und nicht im Namen heiliger Schriften und göttlicher Gebote." (S.350)

Wenn er dann aber drei "Sekten" (S.382), später spricht er von "Splittergruppen" (S.405) des Humanismus unterscheidet, den liberalen, den sozialistischen und den evolutionären Humanismus, dann fällt es mir schwer, das noch ernst zu nehmen. Seine historischen Kenntnisse lässt er hier offenkundig beiseite, um Pappkameraden aufzubauen. 

"Religion und Technologie tanzen immer einen grazilen Tango. [...] sie hängen aneinander und können sich nicht zu weit von einander lösen. [...]Ohne religiöse Überzeugungen können die Lokomotiven nicht entscheiden, wohin die Reise geht." (S.414)
Vgl. dazu Böckenförde-Theorem: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“ (Böckenförde: Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation. in: Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte, st Wissenschaft 914. 1991,S. 92–114)

"[...] traditionelle Religionen [stellen] keine wirkliche Alternative zum Liberalismus 

dar. In ihren Schriften findet man nichts über Gentechnologie [... sie ] sie begreifen 
die jüngsten Errungenschaften in der Biologie [...] nicht." (S.425)

Teil III Homo sapiens verliert die Kontrolle (S.429 ff)
Kapitel 8 Die Zeitbombe im Labor
"Im Jahr 2016 wird die Welt vom liberalen Pakt aus Individualismus, Menschenrechten, Demokratie und freiem Markt beherrscht. Doch die Wissenschaft untergräbt die Grundfesten der liberalen Ordnung." (S.431)
Wer ist Ich? (S.445 ff)
Ausführlich referiert Harari Ergebnisse der Gehirnforschung, die gezeigt haben, dass Handlungsimpulse entstehen, bevor sie bewusst werden (was bei Reflexhandlungen oder bei gut eingeübten komplizierten Handlungen - etwa beim Klavierspielen - auch ohne Gehirnforschung zu studieren war) und erläutert, dass bei einer Trennung der beiden Gehirnhälften diese zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, um nachzuweisen, dass es keine
"einzige klare und authentische / Stimme [gibt] die mein wahres Selbst ist und die Quelle allen Sinns und jeglicher Autorität im Universum darstellt". (S.445/46)
Außerdem führt er den Unterschied vom "erlebenden Selbst" und dem "erinnernden Selbst" (S.450-58) an. So als ob nicht schon Paulus davon gesprochen hätte, dass er tut, was er nicht will (Römerbrief 7,15) und Goethes Faust nicht über die zwei Seelen in seiner Brust geklagt hätte. (Er selbst verweist darauf, dass das erinnernde Selbst Pläne schmiede, die vom erlebenden Selbst durchkreuzt werden.)
Die Manipulierbarkeit der Gehirnströme gilt ihm als Beweis, dass nur naturwissenschaftlich messbare Vorgänge ernst zu nehmen sind und kulturelle Einflüsse reine Ideologie. (S.433)

Kapitel 9 Die große Entkoppelung
"Es ist bezeichnend, dass schon heute die Mehrheit der Bürger in vielen asymetrischen Konflikten darauf reduziert wird, als menschliche Schutzschilde gegen hoch entwickelte Waffen zu fungieren." (S.475)


Ein Blick auf Hararis weitere Überlegungen anhand des Wortlauts der Wikipedia: 

"Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass organische Algorithmen Dinge tun können, die nicht-organische Algorithmen niemals besser könnten. Schließlich können die neuen Technologien des 21. Jahrhunderts das Individuum seiner Macht berauben und stattdessen nicht-menschliche Algorithmen damit betrauen. Die Folge wäre eine Masse nutzloser Menschen und eine kleine Elite optimierter Übermenschen.

[...] Die menschliche Vorstellungskraft ist lediglich das Produkt biochemischer Algorithmen. Das homozentrische Weltbild des Humanismus wird durch eine datazentrische Weltsicht ersetzt. Bewusste Intelligenz wird durch überlegene nicht-bewusste Algorithmen ersetzt."
(HarariHomo Deus (Wikipedia)

Interessante Passagen:
 Kurzfassung der Geschichte aus der Sicht der Datenverarbeitung (S.579f.)

"Wie der Kapitalismus begann auch der Dataismus als neutrale wissenschaftliche Theorie, doch nun mutiert er zu einer Religion, die für sich in Anspruch nimmt, über Richtig und Falsch zu bestimmen. (S.584)
"Eine wachsende Zahl künstlerischer und wissenschaftlicher Schöpfungen wird heute allerdings durch / die fortwährende Zusammenarbeit von allen produziert. Wer verfasst Wikipedia? Wir alle.
Das Individuum wird zu einem winzigen Chip in einem riesigen System, das niemand wirklich versteht." (S.590/91)
"So wie die Kapitalisten an die unsichtbare Hand des Marktes glauben, glauben Dataisten an die unsichtbare Hand des Datenflusses." (S.591)
"Die Menschen wollen im Datenfluss aufgehen, denn wenn sie Teil des Datenflusses sind, dann sind sie auch Teil von etwas Größerem als sie selbst. Traditionelle Religionen haben mir erklärt, jedes meiner Worte und jede meiner Taten sei Teil irgendeines großen kosmischen Plans und Gott beobachte mich jede Minute und kümmere sich um all meine Gedanken und Gefühle. Die Datenreligion sagt heute, dass jedes meiner Worte und jede meiner Handlungen Teil des großen Datenflusses ist, dass mich die Algorithmen ständig im Auge haben und dass sie sich um alles kümmern, was ich tue und empfinde. Die meisten Menschen sind darüber ausgesprochen glücklich." (S.591/92) 

Harari beansprucht für sich freilich nicht, dass er Prognosen vorlege, sondern er zeige nur Möglichkeiten auf. (S.606)
Es geht ihm nicht um die Entwicklung in den kommenden Jahrzehnten, sondern um die Entwicklung des Lebens "im Großen und Ganzen". (S.608)


sieh auch:


Dienstag, 23. Juli 2019

Weshalb wir nicht das Leben auf der Erde vernichten werden, sondern allenfalls die Menschheit

Ein Interview mit James Lovelock

"Der Chemiker James Lovelock (90) ist ein Mitbegründer der so genannten Gaia-Theorie, nach der die Erde als ein lebender Organismus betrachtet werden kann. Anfangs umstritten, bildet sie heute die wichtigste Grundlage für die Erdsystemwissenschaft. [...]
Die Erde hat Arten erduldet, die viel schädlicher waren als wir. Denken Sie nur daran, wie die ersten Photosynthese-Organismen auftauchten und begannen Sauerstoff auszustoßen – ein ekliges, giftiges Gas. Das muss eine unglaubliche Anzahl Arten vernichtet haben. Natürlich hat sich die Natur den Veränderungen angepaßt und sie in Vorteile verwandelt. Aber damals muss es schrecklich zugegangen sein. [...]"

https://www.heise.de/tr/artikel/Koennen-wir-die-Erde-zerstoeren-917173.html 29.1.2010

Gaia-Hypothese

Freitag, 30. September 2016

Die Menschheit schafft sich ab

In seinem aktuellen Buch, einem mahnenden Kompendium "Die Menschheit schafft sich ab" zeigt der 1960 in Gießen geborene Harald Lesch seine Sorge um unsere Erde auf. Dabei geht er hart mit uns Menschen ins Gericht: Die Menschheit hat in den vergangenen 2.000 Jahren – dem sogenannten "Anthropozän“ - tiefe Spuren hinterlassen. Insbesondere die Ausbeutung der Bodenschätze, die Umweltverschmutzung und die "Wohlstands-Verschwendungssucht" dechiffriert Harald Lesch als zerstörerischen Kreislauf.

NDR-Interview (16.9.36 min)

Buchvorstellung

Montag, 24. November 2014

Weitere Zitate aus Osterhammel: Lebensstandards. Risiken und Sicherheiten materieller Existenz

Lebensstandards: Risiken und Sicherheiten materieller Existenz

"'Lebensstandard' ist eine sozialgeschichtliche, 'Lebensqualität' eine historisch-anthropologische Kategorie." (S.253)

Geographie des Einkommens
Osterhammel betrachtet das - geschätzte - Bruttosozialprodukt pro Kopf in ausgewählten Ländern der Welt von 1820 bis 1913 (S.255) und stellt fest:
"Die USA und Australien zogen bereits vor dem Ersten Weltkrieg an den europäischen Spitzenreitern vorbei." (S.256)

Lebensverlängerung und 'Homo hygienicus'
"Vor 1800 erreichten nur kleine Elitepopulationen wie der englische Hochadel oder die Bourgeoisie von Genf männliche Lebenserwartungen von über 40 Jahren." (S.257)

Gewonnene Lebenszeit
"Die durchschnittliche Lebenszeit (zum Zeitpunkt der Geburt) der Weltbevölkerung lag um 1800 bei höchstens 30 Jahren, [...] Der Tod kam typischerweise durch schnell ablaufende Infektionskrankheiten. Er hatte 'spitzere Waffen' (Arthur E. Imhof) als heute" (S.258)

Sauberes Wasser
Dass [...] eine Wasserpolitik entstehen konnte, setzte die Anerkennung von Wasser als öffentlichem Gut voraus. Wasserrechte mussten definiert und staatliche von privaten Ansprüchen getrennt werden. Die Herausbildung umfassender rechtlicher Bestimmungen für das Eigentum und die Nutzung von Wasser, auch für seine industriellen Verwendungen, war ein langwieriger und extrem komplizierter Prozess. Sogar im zentralistischen Frankreich wurde er erst 1964 abgeschlossen [...]" (S.261)

[1849 stellte John Snow fest, dass Cholera durch verunreinigtes Wasser übertragen wird. Seine Ansicht brauchte allerdings 15 Jahre, bevor sie sich halbwegs allgemein durchsetzte. 
In London wurden die eindrucksvollsten Leistungen beim Bau von Abwasserkanälen erbracht. Bis 1886 waren es 1 300 Meilen.]
"Technisch gesehen, hätte man die viktorianischen Abwasseranlagen schon ein Jahrhundert früher bauen können. Es war eine Frage der Problemwahrnehmung [...]" (S.263)
"Das muslimische Westasien wurde von europäischen Reisenden immer wieder für die hohe Qualität seiner städtischen Wasserversorgung gerühmt." (S.263)

Niedergang und Wiederaufstieg öffentlicher Gesundheitsverhältnisse
"Sobald neues Wissen über epidemische Zusammenhänge sowie die Technologie, dieses Wissen umzusetzen, bereitstanden, verloren die großen Städte ihre 'Übersterblichkeit' [dazu sieh: Sterblichkeit] und wurden gesündere Lebenswelten als das platte Land." (S.265)
"Die Einführung von Gesundheitssystemen war überall auf der Welt ein tiefer Einschnitt. (S.266)


Seuchenangst und Prävention
Große Tendenzen
"Zu den als neu empfundenen Leiden der Epoche gehörte die Tuberkulose." (S.269)
"In der Bevölkerung hielt sich die Vorstellung von 'Tbc' als einem vererbbaren Leiden, das möglichst verborgen werden müsse, während die Medizinbürokraten möglichst viele Fälle registrieren wollten. Auch die Fabrikanten hielten gern an der Vererbungstheorie fest, sahen sie doch keine Notwendigkeit, die Bedingungen am Arbeitsplatz zu verbessern. (S.270)

[Im 19. Jahrhundert gab es zwei gegenläufige Tendenzen. Einerseits konnten Krankheiten besser bekämpft werden, andererseits breiteten sie sich wegen verstärkter Migration und verbesserten Verkehrsmitteln schneller aus.]
"Nun wurden Seuchen immer schneller transportierbar. Der Höhepunkt war mit der weltweiten Grippeepidemie von 1918 erreicht, die je nach Schätzung 50 bis 100 Millionen Menschen tötete." (S.271)

Der Kampf gegen die Pocken
[In China beginnend, dann auch in Indien und dem Osmanischen Reich wurde seit dem späten 17. Jahrhundert die Inokulation, ein recht riskantes, aber oft erfolgreich immunisierendes Verfahren eingesetzt. Doch erst 1796 fand Edward Jenner die Möglichkeit der vergleichsweise risikolosen Schutzimpfung.]
"Vor Edward Jenner, der die schützende Wirkung der viel schwächeren Kuhpocken für den Menschen entdeckte, gab es noch kein unriskantes und für ganze Populationen verwendbares Verfahren der Pockenprophylaxe." (S.272)
"Napoleon ließ 1800 die ersten Schutzimpfungen vornehmen [...] Ägypten war schneller als Großbritannien. Dort wurde die Immunisierung erst 1853 Pflicht [...]. (S.272)
"Die Notwendigkeit der Nachimpfung wurde lange nicht verstanden." [gemeint: erkannt]  (S.273)
"Um die Mitte der 1820er Jahre waren die Pocken aus Jamaika verschwunden, [...] früher als ich den meisten anderen Teilen der Welt." (S.274) [Weil Sklaven nicht mehr ohne weiteres neu beschafft werden konnten, bemühte sich die Kolonialverwaltung sehr darum, sie vor Infektionen zu schützen.]

[ Im 19. Jahrhundert hat man vornehmlich Erfolge bei der Prävention von Krankheiten gehabt, erst im 20. Jh. kamen dramatische Erfolge bei der Heilung: In den USA sank das Risiko, an einer Infektionskrankheit zu sterben von 1900 bis 1980 auf unter 5%.]

Mobile Gefahren, alt und neu
Die Pest
[Große Ausbrüche gab es im 19. Jahrhundert vor allem in Indien und in China (und zwar am Ende des  Jahrhundert und bis ins 20. hinein. Vermutlich ist die moderne Pest aber eine andere Krankheit als der 'Schwarze Tod' im Mittelalter.]

Cholera
Obwohl Koch den Bazillus schon 1884 entdeckt hatte "dauerte es noch weitere zwanzig Jahre, bis eine einfache und billige Therapie gefunden wurde." (S.283/84)

Typhus und Fleckfieber
"Fleckfieber ist neben Typhus und Ruhr die klassische Kriegsseuche." (S.290)

Naturkatastrophen
[Die schwersten und traumatisierendsten Erdbeben lagen 1755 (in Lissabon) und 1906 (San Francisco), also außerhalb des 19. Jh.]
Vulkane 
[Tambora 1815, Krakatau 1883. Die Folge des Ausbruch des Tambora war eine Kälteperiode, die sich besonders schwer in der Schweiz und im südlichen Rheinland auswirkte.]
Überschwemmungen
[Die intensivsten Erfahrungen sammelte China mit den Ausbrüchen des Gelben Flusses aus seinem Dammsystem. Trotz guter Vorsichtsmaßnahmen und des Einsatzes von 100 000 Helfern konnte 1855 nicht verhindert werden, dass der Fluss sich ein neues Bett suchte und 300 km entfernt von der alten Mündung ins Meer floss. ]
Hunger
"Die opferreichsten [...] Hungersnöte im Asien des 19. Jahrhunderts spielten sich in Indien und China ab." (S.307)
[Aber chinesische Distriktbeamte berichteten Probleme an die Zentrale und:] "Der chinesische Staat kam solchen Hilferufen in einem Maße nach, das in Europa keine Paralelle hatte." (S.312)
"In den letzten beiden Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts wurden 5 Prozent der gesamten Getreideernte des Reiches in öffentlichen Speichern aufbewahrt." (S.312)
Nach Opiumkrieg und Taiping-Revolution "erhielt die Nahrungsmittelversorgung des Militärs Vorrang vor der zivilen Katastrophenhilfe." (S.313)

Revolutionen der Landwirtschaft

"Die eigentliche 'Agrarrevolution' fand dann im späten 18. Jahrhundert in England statt [...] Sie führte dazu, dass bereits um 1800 ein englischer Landarbeiter doppelt soviel erzeugte wie ein russischer und die Weizenproduktion pro Hektar in England und den Niederlanden fast doppelt so hoch war wie fast überall sonst auf der Welt." (S.317) "Noch 1950 kamen 85 Prozent der Zugkraft in der europäischen Landwirtschaft von Pferden." (S.318)
Die spanische Landwirtschaft erholte sich nicht davon, dass mit den Juden und Muslimen, "von denen die letzten 1609 vertrieben worden waren" auch das "agrikulturelle Wissen" verloren ging. (S.318)

Armut und Reichtum
Reichtum
"Die Spitzen des englischen und russischen Adels [...] gehörten noch Ende  des 19. Jahrhunderts zu den vermögendsten Leuten der Welt." (S.324) 
Die "größten amerikanischen Privatvermögen" lagen "um 1860 bei 25 Millionen Dollar" , vierzig Jahre später bei 1 Milliarde. "Um 1900 war der reichste US-Amerikaner zwölfmal vermögender als der reichste Europäer" (S.327)
Vor 1848 gab es in den USA, Frankreich, England und Deutschland noch "sehr reiche Männer mit demokratischen oder gar radikalen politischen Ansichten". "Spätestens in den 1880er Jahren war die klassische Plutokratie des Fin de Siècle entstanden. [...] Reichtum war mit Interessenvertretung durch konservative und rechtsliberale Parteien nahezu identisch geworden." (S.327)
"In China gab es vor der Mandschu-Eroberung von 1644 keine landbesitzende Erbaristokratie [...]  Eher Bildung als Besitz qualifizierte für die Zugehörigkeit zur Elite." (S.328)
In Japan gab es in der Edo-Zeit "eine Epoche des demonstrativen Konsums". Manche Fürsten wurden "durch die unentrinnbare Eigendynamik des Prunkwettbewerbs an den Rand des Ruins getrieben". (S.329) 
"Japan war nach 1870 eine viel 'bürgerlichere' Gesellschaft als Preußen, England oder Russland. [...] Wohlstand durch private Bauten zu demonstrieren, schickte sich nicht." (S.329)
"Vielerorts in Asien und Nordafrika war korporatives Vermögen von mindestens ebenso großer Bedeutung wie Kirchenbesitz in Europa vor Reformation und Französischer Revolution." (S.330)  Z.B. Clans, Tempel, Klöster, muslimische Heiligenschreine und "fromme Stiftungen" (waqf).
"Private Vermögensakkumulation erfolgte im 18. und 19. Jahrhundert auffällig oft in den Händen religiös-kultureller Minderheiten, die häufig großräumige Geschäftsnetze unterhielten: Juden, Parsen, Armenier, Griechen im Osmanischen Reich, Chinesen in Südostasien." (S.330)

Armut
"Die entscheidende Minimalmarkierung für Wohlstand war [...] die kontinuierliche Beschäftigung von Hauspersonal, auch in einer gemieteten Wohnung. Von dort war es noch ein weiter Weg über shabby gentility bis zu ausgesprochener Armut."(S.330)
"Im subsaharischen Afrika war der Besitz von Land ein weit weniger wichtiges Kriterium als die Kontrolle über Abhängige. Viele Herrscher im vorkolonialen Afrika besaßen kaum mehr lagerbare Schätze als ihre Untertanen. Sie hoben sich durch die Zahl ihrer Frauen, ihrer Sklaven, ihres Viehs und durch die Größe ihrer Getreidespeicher hervor. [...] Ein Armer war in Afrika jemand, der sich in einer besonders verletztlichen Lebenslage befand und der geringen oder gar keinen Zugang zur Arbeitskraft anderer hatte. Am Boden der Gesellschaft fanden sich diejenigen, die unverheiratet, kinderlos und vielleicht sogar noch wegen körperlicher Behinderung arbeitsunfähig waren. Selbst wenn sie oft besser ernährt waren als jene, um die sich niemand kümmerte, gehörten auch Sklaven zweifellos zur Schicht
der Ärmsten." (S.331)
"Im südlichen Afrika begann Armut schon vor dem Ersten Weltkrieg eine Form anzunehmen, wie sie aus den dicht besiedelten Gesellschaften Europas und Asiens bekannt ist: Landlosigkeit mehr als physische Behinderung des Einzelnen wurde zur Hauptquelle von materieller Depravation. Staatlich unterstützte Landaneignung durch Siedler war eine typische Ursache dieser Art von Armut." (S.332)
"Profile von Einkommen und Lebensstandard [kann man] überhaupt nur im städtischen Raum erheben."  (S.332)
Die Zahl arbeitsfähiger Männer in britischen Arbeitshäusern ist ein guter Indikator für das Ausmaßextremer städtischer Armut. Diese Zahlen gingen zwischen 1860 und dem Ersten Weltkrieg nicht signifikant zurück. [...] Es ist unmöglich, für das 19. Jahrhundert Armut weltweit zu quantifizieren. (S.333)

Bettelei und Mildtätigkeit
"Die Tatsache, dass in Deutschland und einigen anderen Ländern Europas gegen Ende des 19.Jahrhunderts allmählich ein Wohlfahrtsstaat aufgebaut wurde, sollte nicht davon ablenken, dass dies in vielen Teilen der Welt auch eine Epoche fortgesetzter und neu motivierter philanthropischer Bemühungen um die Armen war." (S.333)
"In Ägypten setzte sich eine alte Tradition von Generosität und Almosenspendung fort. Diese Generosität hatte nach den Geboten des Islam nicht ostentativ in der Öffentlichkeit, sondern diskret ausgeübt zu werden." (S.334) "Ägypten unterschied sich freilich in
mehrfacher Hinsicht vom nördlichen Europa: [...] Die Armen verschwanden nie aus der Öffentlichkeit, sondern machten ihre Ansprüche geltend, anders als etwa die städtischen Unterschichten Englands, bei denen seit den 1860er Jahren die Entgegennahme von Armenfürsorge und erst recht Bettelei als peinlich und entwürdigend galten. Bettelfreiheit ist ein historisch ganz seltener Zustand, und er wurde vermutlich vor dem 20. Jahrhundert fast niemals erreicht.(S.334) 

Globalisierter Konsum
"Die umfassendste interkontinentale Wechselwirkung von Ernährungspraktiken war bereits im 16. Jahrhundert erfolgt. Dieser Columbian Exchange hatte europäische Nutzpflanzen und Tiere in der Neuen Welt eingeführt und amerikanische Pflanzen nach Asien und Europa gebracht. [...] Die Kartoffel brauchte seit der Ankunft der ersten Knollen kurz vor 1600 etwa zweihundert Jahre, bis sie in Ländern wie Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien zum wichtigsten Grundnahrungsmittel wurde. Schon viel früher hatte die
Einführung ertragreicherer Reissorten die Produktion in Südostasien und China erheblich gesteigert.(S.335)
"Die amerikanische Maniok-Wurzel wurde in Afrika heimisch gemacht, [...]. Heute ist Maniok in den tropischen Teilen Afrikas die am weitesten verbreitete Nahrungspflanze." (S.336)
Kulinarische Mobilität
"Seit dem Goldrausch der Jahrhundertmitte waren Italiener in Kalifornien ansässig. Bald immigrierten sie in / viele andere Teile der USA. Sie brachten den Durum-Weizen mit, den
man für italienische Pasta benötigt." (S.336/37) 
"In keinem europäischen Land spielten aus Übersee importierte Nahrungs- und Genussmittel eine größere Rolle als in Großbritannien. Die East India Company hatte, vor
[...] die Briten zu einer Nation von Teetrinkern erzogen. [...] Der einzige andere exotische
Import, der über den engen Kreis des Luxuskonsums hinaus die Ernährung der breiten Bevölkerung veränderte, war der Zucker. [...] Der eigentliche Aufstieg
des Zuckerkonsums fand aber erst im 19. Jahrhundert statt. Die Zuckerproduktion auf der Welt verdoppelte sich zwischen 1880 und 1900 und nochmals von da an bis 1914. Der Anteil von Zucker an der durchschnittlichen Kalorienversorgung der Briten soll im Laufe des Jahrhunderts von 2 Prozent auf 14 Prozent gestiegen sein." (S.338)
"Es war eine der großen Tendenzen des 19. Jahrhunderts auf dem Ernährungssektor, dass die Industrialisierung auch die Herstellung von Fleisch erfasste und den Fleischmarkt
zu einem transkontinentalen Geschäft machte. [...] Spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nahm in Westeuropa der Fleischkonsum auch der Unterschichten deutlich zu. Zwischen den 1860er und den 1890er Jahren verdoppelte sich der Fleischverbrauch englischer Arbeiterfamilien auf mehr als ein Pfund pro Kopf in der Woche. Die Japaner [...]  bekehrten sich von vegetarischer Ernährung zum Verzehr von Fleisch. [...] 1876 wurde erstmals argentinisches Rindfleisch per Kühlschiff nach Europa gebracht." (S.339)
"Romantische Sozialtypen wie der nordamerikanische Cowboy und der argentinische Gaucho waren das mobile Proletariat einer weltweit operierenden Fleischindustrie. [...]
1905 wurden 17 Millionen Tiere getötet. Es ist kein Zufall, dass eine der schärfsten literarischen Attacken auf den amerikanischen Kapitalismus, Upton Sinclairs Roman The Jungle (1906), seinen Schauplatz in den Chicagoer Schlachthöfen hat [...]." (S.340)

Warenhaus und Restaurant
"Die Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion in der westlichen Welt [...] stand in einem wechselseitigen Zusammenhang mit anderen Aspekten des sozialen Wandels. Eine steigende Berufstätigkeit von Frauen in der Unterschicht und unteren Mittelschicht verminderte die für Haushaltsarbeit übrige Zeit und erhöhte den Bedarf an Fertigprodukten.
[...] Der Übergang vom Markt zum Laden [...] war eine notwendige Begleiterscheinung
der Industrialisierung und Internationalisierung der Nahrungsmittelproduktion.
Auch die spektakulärste Erfindung im Handel des 19.Jahrhunderts, das Warenhaus, setzte die standardisierte Massenproduktion vieler der angebotenen Waren voraus." (S.341)
"Eine weitere Neuheit, [...] das Restaurant, ist keine europäische Erfindung. Mehr spricht für die Polygenesis dieser Form kommerzieller Verpflegung. Von Schenken, Tavernen und Wirtshäusern aller Art, wie es sie seit frühen Zeiten in zahlreichen Zivilisationen
gegeben hat, unterscheidet sich das Restaurant durch zwei Eigenschaften: Auf der einen Seite machte es Kochkunst von einer Qualität, die bis dahin nur an Höfen und im privaten Raum der Residenzen von Reichen ihren Ort hatte, jedem zugänglich, der es sich leisten konnte. Das Restaurant demokratisierte den guten Geschmack. Auf der anderen Seite war der Restaurantbetreiber ein freier Unternehmer, der ein Produkt und eine Dienstleistung anbot, ohne sich durch Zünfte und Gilden binden zu lassen. [...]  Die Französische Revolution zerstörte den königlichen Hof mit seiner auch kulinarischen Prachtentfaltung und machte eine große Zahl von Privatköchen der [...] Aristokratie arbeitslos. So entstand ein neues Angebot auf einem neuen Markt: Die Kochkunst wurde einem zahlungskräftigen städtischen Bürgertum zugänglich. [...] zu den großen Attraktionen von Paris für den aufblühenden Luxustourismus gehörte die einzigartige Spitzengastronomie der Metropole. [...] [Wohl seit] den 1860er Jahren [...] entwickelten sich Fish & Chips zur identitätsstiftenden Lieblingsmahlzeit der britischen Arbeiterklasse" (S.343)
"Spitzenküche konnte [...] in China viel früher in die Öffentlichkeit gelangen. Was in Frankreich nach der Revolution geschah, war damals in China schon eine Selbstverständlichkeit. [...] Offensichtlich ist das Restaurant eine ostasiatisch-europäische
Doppelerfindung mit einem deutlichen ostasiatischen Vorsprung, aber keinem Hinweis darauf, dass Europa das Restaurant in einer ähnlichen Weise aus China übernommen hätte, wie es sich im 18. Jahrhundert in der Gartenkunst anregen ließ.
Mit veränderten [...] Konsumgewohnheiten verbanden sich neue Formen der Vermarktung. [...] Die 1880er Jahre sahen die Geburt des Markenartikels und seiner Verbreitung durch marketing, also durch generalstabsmäßig ausgetüftelte Strategien der Markt-'Eroberung'. (S.344) [...] CocaCola gehörte [...] zur ersten Generation der großindustriellen Nahrungs-
und Genussmittelproduktion [...] Die zentralen Produkte dieser Branche von Heinz' Ketchup über Kellogg's Cornflakes bis zu Lever's Margarine waren allesamt Kreationen des Labors. Markenartikel verbreiteten sich rasch um die Welt." (S.345)
"Ein weiteres Element des neuen Marketingkomplexes, ein entscheidendes für die Reichweite seiner Marktdurchdringung, war der Versandhandel, selbstverständlich auch er
eine amerikanische Erfindung. [...] Eine unerlässliche Voraussetzung war die Eisenbahn, eine weitere Erleichterung die Auslieferung auch von schweren Paketen durch die staatliche Post seit 1913. [...] In den frühen 1980er Jahren hat die Geschichtsforschung den Konsumenten und die Konsumentin wiederentdeckt [...]. Wann begann die Konsumgesellschaft? [S.345] Mögliche Kandidaten: "England im 18.Jahrhundert", "das China der Zeit zwischen etwa 1550 und 1644". "China hat sich dann allerdings nicht in diese
Richtung weiterentwickelt [...]. Globalhistorisch interessant ist vor allem die Frage, in welchem Maße bereits im 19. Jahrhundert euro-/amerikanische Konsummuster und Konsumziele in der übrigen Welt übernommen wurden. (S.346/47)
"In der Belle Epoque um die Jahrhundertwende erreichte die Identifikation der lateinamerikanischen Oberschicht mit der Zivilisation und Warenwelt Englands und Frankreichs ihren Höhepunkt. [...]  Die gesamte Urbanität Lateinamerikas erhielt ein europäisches Gepräge, denn nicht nur Kleidung und Mobiliar wurden importiert, sondern auch die typischen Institutionen des zeitgenössischen Europa: das Restaurant, das Theater, die Oper, der Ball. Französische Spitzenköche wurden abgeworben, und bei den offiziellen Feierlichkeiten zum Jubiläum der Unabhängigkeit 1910 wurde kein einziges mexikanisches Gericht serviert. [...]  Ein Höhepunkt des Imitierens europäischer Referenznormen war die
Übernahme der schweren englischen Herrenkleidung in subtropischen und tropischen Klimazonen. [...]  In Rio de Janeiro und vielen anderen Städten hatten sich Herren bei allen Temperaturen und Feuchtigkeitsgraden im Pinguin-Kostüm zu zeigen: schwarzer Cutaway mit gestärktem weißem Hemd und weißer Weste, Krawatte, weißen Handschuhen und Zylinder. Damen aus wohlhabenden Kreisen zwängten sich in Korsetts und hüllten sich in Lage um Lage schwerer Stoffe. [...] Solches Martyrium war der Preis von 'Zivilisiertheit'. (S.348)
Lange Wege zur 'Zivilisation' hatten jene tropischen Kulturen zurück/zulegen, in denen auch die Oberschicht traditionell nicht in europäischer oder islamischer Bedecktheit öffentlich aufzutreten pflegte. (S.348/49) König Chulalongkorn, der Reformer Siams, gab sich alle Mühe, seinen Untertanen eine geschlossenere Kleidung nahezubringen. [...] In Lagos hatte sich schon in den 1870er und 1880er Jahren eine kleine Gruppe westlich orientierter Afrikaner in Gehröcken und aufwendigen Damenkleidern ein geselliges Leben mit Kirchgang, Ball, Konzert und Cricket-Match geschaffen. Gandhi, der große Symbolpolitiker und Freund von Sparsamkeit, kehrte den Prozess später um: Aus dem spätviktorianischen Stutzer, als den ihn frühe Photographien zeigen, wurde der nackte Fakir», wie Winston Churchill ihn schmähte. [...] Stärker war hingegen die kulturelle Widerständigkeit in West- und Ostasien. Sultan Mahmud 11. hatte für die hohe osmanische Bürokratie Herrenkleidung westlichen Stils vorgeschrieben. [...] Im Straßenbild Istanbuls
waren Männer noch lange vorwiegend traditionell gekleidet, Frauen wurden nicht vor den 1870er Jahren in europäischer Kleidung photographiert. (S.349)
[...] nach dem politischen Systembruch der Meiji-Renovation von 1868 - öffnete sich Japan dem Westen und initiierte eine Modernisierungspolitik, die neue Organisationsformen für Staat, Justiz und Wirtschaft direkt aus Europa und, sekundär auch den USA, übernahm.
Dieser sehr weitgehenden strukturellen Europäisierung entsprach aber keineswegs eine ähnlich weitgehende Entjapanisierung des privaten Lebens. Die Vorzüge etwa der tradierten japanischen Kleidung wurden nicht aufgegeben. Zwar erschienen die Spitzen des Meiji-Staates bis hin zum Kaiser seit einem Staatsratsbeschluss von 1872 in Gehrock, Zylinder und
Uniformen westlichen Stils, [...] doch hielt sich im häuslichen Bereich die japanische Kleidung. [...] Der Hut wurde zu einem universalen Symbol von Bürgerlichkeit. Der japanische Staatsdiener stellte ihn ebenso zur Schau wie ein afrikanischer oder indischer Rechtsanwalt oder sonntags der bessergestellte Arbeiter in der polnischen Industriestadt Lodz. [...] In China war die Widerständigkeit gegen westliche Konsummuster noch größer als in Japan. Westliche Kleidung fand überhaupt erst durch die Militärreformen der Qing-Dynastie nach 1900 Eingang in die chinesische Kleidungspraxis. Noch auf Photographien und Filmausschnitten aus der Zeit der nationalistischen Protestbewegung von 1919 [...] sieht man die politisch radikalen und oft mit europäischer Kultur gut vertrauten Professoren und Studenten Pekings in den traditionellen bodenlangen Gelehrtengewändern voranschreiten.(S.350) 
"Man findet aber auch den umgekehrten Effekt einer europäischen Akkulturation an asiatische Sitten. [...] Die umgekehrte Akkulturation war im Indien des 18.Jahrhunderts an der Tagesordnung [...]  Im 19. Jahrhundert war dergleichen noch in Niederländisch-
Ostindicn möglich. (S.351) Dort hatten sich die Weißen im 18.Jahrhundert so weit orientalisiert, dass die Briten, die während der Napoleonischen Kriege Java von 1811 bis 1816 besetzt hielten, sich dort sehr um die 'Zivili/sierung' der angeblich dekadenten Kolonialholländer sorgten: Den Männern sollte das unverheimlichte Konkubinat mit einheimischen Frauen, den Holländerinnen das Faulenzen, Betelkauen und Tragen orientalischer Kleidung abgewöhnt werden. Ohne großen Erfolg [...] (S.351/352)
"Es kann nicht deutlich genug betont werden, dass die Anlehnung an
europäische Muster in sehr vielen Fällen ein kultureller Vorgang auf freiwilliger
Grundlage war. Kolonialbehörden und Missionare mochten gelegentlich nachhelfen, doch war dies keineswegs die Regel. (S.352) Auf der Insel Madagaskar [...] entstand seit den 1820er Jahren eine phantasievolle Architektur europäischer Amateurbaumeister. [...] Jean Laborde [...] baute 1839 einen neuen Palast für die Königin, geschickt einheimische
Stilelemente mit Neugotik verbindend und das Ganze durch europäische Bautechnik stabilisierend." (S352) "Spätere Baukünstler führten Granitfassaden, Balkone und romanische Rundbögen ein. So entstand ein neuer amtlicher Stil, der der Hauptstadt Antananarivo, wo die Hofdamen neue Pariser und Londoner Mode trugen, ein unverwechselbares Aussehen verlieh. Dabei gehörte die Merina-Monarchie keineswegs zu den eifrigsten Selbst-Verwestlichern der Zeit. Mehrfach wurde das Land politisch nach außen abgeschlossen, und man hegte ein tiefes Misstrauen gegenüber den Absichten der Europäer." (S.353)
"Lebensstandards, als Ensemble materieller Umstände oder Maß von physischem
Wohlbefinden verstanden, sind teils für größere abgegrenzte Gesellschaften im Wesentlichen identisch, teils sozial und regional, nach Geschlecht und Hautfarbe innerhalb solcher Gesellschaften ungemein differenziert. Die epidemologische Situation zum Beispiel kann für Mitglieder einer Gesellschaft auch dann sehr ähnlich sein, wenn es große
Einkommensunterschiede zwischen ihnen gibt. Reiche waren vor Pocken und Cholera nicht sicherer als Arme. Lebensstandards lassen sich einerseits ungefähr quantifizieren und in eine Rangordnung bringen: In der Schweiz «lebt es sich» heute zweifellos besser als in Haiti. Andererseits besitzen einzelne Gesellschaften und Gesellschaftstypen unterschiedliche
Maßstäbe: Reichtum unter Reisbauern ist etwas anderes als Reichtum unter Beduinen oder unter Ladenbesitzern. Gesellschaften und soziale Gruppen in ihnen unterscheiden sich dadurch, was sie als 'Krankheit' wahrnehmen und in welcher Sprache sie darüber reden. Es gibt Krankheiten, die für bestimmte Epochen charakteristisch sind. Um die Jahrhundertwende klagte man in Mitteleuropa über 'Neurasthenie', ein Befund und Ausdruck, der heute aus der Medizin so gut wie verschwunden ist. Umgekehrt kannte das 19.Jahrhundert den Begriff 'Stress' noch nicht, der in den 1930er Jahren aus der physikalischen Materialkunde übernommen wurde. [...] Das 19.Jahrhundert war, weltweit und in seiner gesamten zeitlichen Erstreckung gesehen, zweifellos eine Zeit, in der sich die materiellen Lebensumstände eines großen Teils der Weltbevölkerung verbesserten. (S.353)
"Interessanter ist, dass keineswegs alle Tendenzen immer in dieselbe Richtung weisen, dass sie sich sogar oft widersprechen. Dafür gibt es viele Beispiele: In Großstädten erzielten viele Menschen im frühen 19. Jahrhundert ein höheres Einkommen als auf dem Lande, aber oft unter schlechteren Umweltbedingungen. [...] Oder auf einem anderen Gebiet, der Ernährung: In Europa war ein 'langes' 18. Jahrhundert, das bis in die 1840er Jahre reicht, noch ein Jahrhundert des Hungers gewesen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts machte sich dann aber in Europa die 'Delokalisation' des Hungers bemerkbar, also die Beschaffbarkeit von Nahrungsmitteln über große Entfernungen hinweg [...]. Das Beispiel
der indischen Hungersnöte zeigt jedoch, dass eine solche Erweiterung der Zirkulation für wirtschaftlich schwächere Erzeugerregionen fatale Folgen zeitigen konnte. Fortschrittsopfer finden sich daher nicht allein unter denen, die 'zurückblieben' oder von den Neuerungen gar nicht erreicht wurden. [...] Viele Aspekte von Lebensstandard hat dieses Kapitel nicht behandelt. Weniges zum Beispiel offenbart den Charakter einer bestimmten Gesellschaft
besser als die Art und Weise, wie sie mit Schwachen umgeht: mit Kindern, Alten, Behinderten, chronisch Kranken. Es müssten daher Geschichten der Kindheit und des Alters erzählt werden." (S.354)
(J. Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, 2009)