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Samstag, 20. September 2025

Sind Soldaten Mörder?

 Meine Antwort auf diese Frage bei gutefrage.net:

"Die Frage ist recht gekünstelt, weil Mord egoistische Motive voraussetzt. Daher auch die Unterscheidung zwischen Selbstmord und Freitod sowie dem neutraleren Selbsttötung.

Zumindest Tucholskys Aussage "Soldaten sind Mörder." gehörte dazu.

Prinzipiell sollten Soldaten natürlich abschrecken. Aber seitdem im Zuge der Jugoslawienkriege die deutsche Regierung einen Angriffskrieg gerechtfertigt hat, ist es schwerer, das so zu sehen.

Mein Vater hatte als Rechtfertigung, gegen die US-Soldaten zu kämpfen, dass ich kein Russe werden sollte.* So bin ich kein Nazi geworden.

Irgendwie sind Soldaten aus meiner Sicht bedauernswert. Dennoch habe ich als Lehrer immer wieder auch Jugendoffiziere in meinen Unterricht eingeladen, weil ich Kriegsdienstverweigerer bin und daraus keinen Hehl gemacht habe.

Das Thema ist etwas zu ernst ...

In diesem Augenblick wurde die Frage auf gutefrage.net gelöscht.

Es gibt genügend andere Fragen, die man eher löschen sollte.

[... als das, man sie so stellen sollte."] wollte ich weiter schreiben. Nun steht es hier.

*Was ich nicht erwähnt habe: Mein Vater wurde bei der Verteidigung Nürnbergs getötet und hat so nicht zum Sieg des NS-Regimes beigetragen.






Freitag, 26. April 2024

Der Bundestag stimmt für einen Veteranentag am 15. Juni

 "Millionen Deutsche dürften sich fragen, ob das Land wirklich einen „Nationalen Veteranentag“ braucht. Anders als beispielsweise in den USA mit der starken Verankerung von Vietnam- und Irakkrieg im öffentlichen Bewusstsein gibt es hierzulande schließlich eher wenig Debatten über die Rolle des Militärs. Fakt ist aber: Seit dem ersten Bundeswehr-Auslandseinsatz Anfang der 90er-Jahre, der UN-Mission UNSCOM im Irak, waren mehr als 500.000 Soldat:innen im Namen Deutschlands in einem anderen Land – viele von ihnen beklagen eine fehlende Anerkennung oder ausbleibende Hilfe bei ihrer Rückkehr. Nach langen Debatten hat gestern der Bundestag deshalb einen jährlichen Veteranentag am 15. Juni beschlossen.

Dieser solle fröhlich und mit Volksfestcharakter daherkommen, allerdings kein Feiertag sein, hieß es." (Morgenpost 26.4.2024)

Wenn man Deutschland "kriegstüchtig" statt verteidigungsfähig machen will, wird so ein Tag wohl sinnvoll sein. Nur ist inzwischen deutlich geworden, dass durch die Umstellung auf Überseeeinsätze die Verteidigungsfähigkeit der Bundesrepublik deutlich abgenommen hat.

Am Hindukusch wurde es nicht verteidigt. 500 000 das war einmal die Sollstärke der Bundeswehr. Ein Veteranentag ersetzt nicht eine Umstellung auf die heutige strategische Situation.

Donnerstag, 22. Februar 2024

Was ist der Anteil der Bundeswehr am menchengemachten Klimawandel?

 Das Militär ist eine der klimaschädlichsten Einrichtungen der Menschheit  kontextwochenzeitung.de 21.2.24

"[...] Wo genau treibt die Bundeswehr den Klimawandel an?

Zum einen durch die Emissionen der Großgeräte bei Auslandseinsätzen und Militärübungen, zum anderen durch die Rüstungsproduktion. Für Übungen muss das ganze schwere Gerät ja erst mal transportiert werden, und dann gibt es noch die Gefahr von Unfällen. Eine klassische Gefahr ist scharfe Munition. Sie kann zu Feuern führen, selbst wenn sie erst mal liegenbleibt. Das bekannteste Beispiel dürfte der wochenlange Moorbrand im Emsland von 2018 sein. Damals führte die Bundeswehr trotz Waldbrandgefahr – man durfte nicht im Wald rauchen – eine Luft-Boden-Übung durch und beschoss von einem Hubschrauber aus das Moor. Durch eine Bundestagsanfrage des Abgeordneten Ali Al-Dailami (damals Linke, heute Bündnis Sarah Wagenknecht) kam heraus, dass die Bundeswehr für das Jahr 2022 fast 2.000 von ihr verursachte Brände zählte. Betroffen waren fast sieben Millionen Quadratmeter.

Ist der sogenannte CO2-Fußabdruck der Bundeswehr bekannt?

Jein. Die vorliegenden Zahlen enthalten nicht die Emissionen bei Auslandseinsätzen und Auslandsübungen. Die Berichte beziehen sich nur auf Liegenschaften und Mobilität in Deutschland.

Hat mal jemand eine Schätzung geliefert, wie stark die Emissionszahlen nach oben korrigiert werden müssen?

Das ist mir nicht bekannt.

Sie haben von Großgeräten gesprochen. Was verbraucht denn so ein Panzer?

Der Leopard 2 braucht mehr als 500 Liter Treibstoff auf 100 Kilometer im Gelände. Noch energieintensiver sind die Kampfjets. Der Eurofighter liegt bei 3,5 Tonnen Treibstoff pro Flugstunde, der Tornado bei über vier. Der F-35, der jetzt angeschafft werden soll, liegt bei bis zu 8,5 Tonnen.

Das neuere Modell ist also nicht effizienter? Oder verbraucht es so viel mehr, weil es größer ist?

Woran genau es liegt, weiß ich nicht. Der F-35 kann jedenfalls schneller beschleunigen. In der Rüstungsindustrie fehlt aber auch der Wille zur Nachhaltigkeit. Zum Beispiel wurde 2023 bei der Aktionärsversammlung der Firma Lockheed Martin, die den F-35 herstellt, darüber abgestimmt, ob Energie-Effizienz und der Klimawandel eine größere Rolle spielen sollen. Das wurde mehrheitlich abgelehnt. [...]"

Donnerstag, 14. Oktober 2021

150 000 im Einsatz - 95 Tote

Motto: Es ist leicht, in Afghanistan einzumarschieren, aber schwer, wieder hinaus zu gelangen. (Alexander d. Große - zugeschrieben)

Ein Gutes hat es, dass die Spitzenpolitiker bei der Rückkehr der letzten Bundeswehrsoldat*innen keine Präsenz gezeigt haben: Sie haben damit für umso mehr Aufmerksamkeit gesorgt.

Angesichts des im Verhältnis zu der Gesamtgröße der Bundeswehr verhältnismäßig geringen Kontingents, das in Afghanistan stationiert war, wurde den Nicht-Beteiligten nicht klar, wie viele in diesen letztlich gescheiterten Einsatz involviert waren: In zwanzig Jahren waren es 150 000. In dieser Zeit kam es immer wieder zu Todesopfern. Im Vergleich zu den Verkehrstoten in der Bundesrepublik und den Flüchtlingen, die beim Versuch, Europa zu erreichen, ums Leben gekommen sind, waren es wenig. Aber etwa 5 Tote pro Jahr ergeben in 20 Jahren eben doch 95.

Wie viele Zivilisten sind bei Einsätzen der Truppe - versehentlich - getötet worden? Diese Zahl habe ich bei der Bilanz des Einsatzes nicht zu hören bekommen. 

"Deutschland wird am Hindukusch verteidigt" (Struck) und - seltener - "Nichts ist gut in Afghanistan" (Käsmann) dagegen mehrfach. Welcher Satz resumiert den  Einsatz besser? Haben wir daraus etwas für Auslandseinsätze der Bundeswehr gelernt?

Bundespräsident Köhler sagte in einem Interview des Deutschlandradio Kultur am 22. Mai 2010 über den Einsatz in Afghanistan:

Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen. Alles das soll diskutiert werden und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg.“ (Hervorhebung von Fontanefan)

Diese Diskussion wurde nicht öffentlich geführt. Statt dessen zwang man ihn zurückzutreten. 

Was Köhler aussprach, war seit Klaus Kinkel (FDP, Außenminister 1992-98) außenpolitische Doktrin*. Köhler als parteipolitischer Neuling beging den Fehler, das auszusprechen, was seit Jahren außenpolitischer Konsens war. Spätestens nach dem NATO-Angriff auf Serbien. Nur hatten damals die Alliierten die deutsche Zurückhaltung bei "Out of area"-Einsätzen der Bundeswehr akzeptiert. (vgl. mein Blogeintrag vom 8.11.2019)

Bundespräsident Joachim Gauck hatte großen Rückhalt in Regierung und Parlament, als er am 12.6.2012 formulierte:
"Die Bundeswehr auf dem Balkan, am Hindukusch und vor dem Horn von Afrika, im Einsatz gegen Terror und Piraten – wer hätte so etwas vor zwanzig Jahren für möglich gehalten? Sie, liebe Soldatinnen und Soldaten, werden heute ausgebildet mit der klaren Perspektive, in solche Einsätze geschickt zu werden – mit allen Gefahren für Leib, Seele und Leben. Sie haben einen Anspruch darauf, dass wir, die Zivilen, uns bewusst machen, was Ihnen abverlangt wird und welche Aufgaben wir von Ihnen in der Zukunft erwarten. All das darf nicht allein in Führungsstäben und auch nicht allein im Parlament debattiert werden. Es muss da debattiert werden, wo unsere Streitkräfte ihren Ort haben: in der Mitte unserer Gesellschaft." (Gauck: Antrittsbesuch bei der Bundewehr) [in demselben Blogeitrag]
Ich habe damals noch auf  Artikel 87a des Grundgesetzes verwiesen, wo es in Absatz 2 heißt: "Außer zur Verteidigung dürfen die Streitkräfte nur eingesetzt werden, soweit dieses Grundgesetz es ausdrücklich zuläßt." 

Hier aus dem Wortlaut meines damaligen (19.6.2012) Beitrags:

"Die Bundesrepublik wird meiner Meinung nach am Hindukusch nicht verteidigt, sondern zur militärischen Absicherung eines Regimes eingesetzt, das nicht die Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung findet. Deshalb ist dieser out-of-area-Einsatz meiner Meinung nach verfassungswidrig. 

Die Behauptung, dieser Einsatz sei als humanitäre Intervention gerechtfertigt, war schon von Anfang an fadenscheinig, im Laufe der Jahre ist es es noch mehr geworden. Es war ein Einsatz zur Terrorbekämpfung, der dazu geführt hat, dass Taliban und Al Kaida ihren Einfluss weit über Afghanistan hinaus bis tief nach Pakistan und in andere Staaten ausgedehnt haben." 

Meine Einschätzung hat sich seit 2012 nicht geändert.

Seit Klaus Kinkel gehört zum neuen erweiterten Sicherheitsbegriff auch der BRD, dass für die Sicherheit der Rohstoffversorgung gesorgt wird. Im Weißbuch der Bundeswehr 2006 heißt es dazu:

„Energiefragen werden künftig für die globale Sicherheit eine immer wichtigere Rolle spielen. […] Deutsche Sicherheitspolitik muss auch Entwicklungen in geografisch weit entfernten Regionen berücksichtigen, soweit sie unsere Interessen berühren. […] Deutsche Sicherheitspolitik beruht auf einem umfassenden Sicherheitsbegriff. Risiken und Bedrohungen muss mit einem abgestimmten Instrumentarium begegnet werden. Dazu gehören diplomatische, wirtschaftliche, entwicklungspolitische, polizeiliche und militärische Mittel, wenn geboten, auch bewaffnete Einsätze.“ (Weißbuch 2006)

Damit ist auch die Ausrichtung der Bundeswehr auf Auslandseinsätze begründet, in deren Logik der Umbau der Bundeswehr zu einer Berufsarmee angestrebt wird.

Zur Vorgeschichte dieser Entwicklung vgl. Sebastian Stamm: Zwischen humanitärer Intervention und Neuen Kriegen. Neue Herausforderungen für die Bundeswehr, 2006 (pdf)

vgl.  auch Humanitäre InterventionErweiterter SicherheitsbegriffStichworte zur Sicherheitspolitik (2006, pdf)

(sieh auch: apanat 31.3.2012)

Wenn Köhler nach seiner Forderung, darüber zu diskutieren, ob "im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege" zum Rücktritt gedrängt wurde, ging es darum, die von Kinkel geforderte und seit 2006 gültige Sicherheitsdoktrin der Bundesrepublik zu schützen, indem man so tat, als gäbe es sie nicht.


Samstag, 28. November 2020

Ulrich de Maizière: In der Pflicht (Autobiographie)

De Maizières Ausbilder im Fahnenjunkerlehrgang war der Hauptmann Ferdinand Schörner mit dem Orden, der fachlich sehr gut, aber zu arrogant und scharf war. (Er stellte sich 1933 als eifriger Nazi heraus und stieg dann zum Generalfeldmarschall auf.) Was de Maizière von ihm gelernt hat war die Befehlssprache. Die konnte er während seiner gesamten Berufszeit gut gebrauchen. Schörner blieb sein Ausbilder in Taktik auch im Fähnrichlehrgang. Hinzu kam als Infanterielehrer der Major Erwin Rommel ebenso so mit dem Orden Pour le mérite (Seite 28 und 30)

Am 30.6.1934 wurde de Maizière mit einem Zug von Soldaten zur Verteidigung der Kaserne in Ruppin gegen SA losgeschickt. Mit 22 Jahren war er dafür eigentlich zu jung.

"Die Vorgänge um den 30. Juni 1934 blieben noch längere Zeit Gesprächsgegenstand. Mit Erleichterung wurde es begrüßt, daß dem ungesetzlichen, oft revolutionären Treiben der SA ein Ende gesetzt war. Die SA war entmachtet und führerlos, der Nachfolger Röhms unbedeutend. Aber das Mord ein Mittel der Politik geworden war, ließ doch viele erschrecken." (Seite 38/39)
1935 wurde de Maizière nach Landsberg an der Warthe versetzt. "Landsberg, eine Stadt mit etwa 45.000 Einwohnern, hatte seit 1918 keine Garnison mehr beherbergt. Die Bevölkerung begrüßte daher das Bataillon mit großer Freude und Zustimmung." (Seite 40)

"Die Entlassungen Blombergs und Fritschs gaben Hitler willkommenen Anlaß zu einer grundlegenden Änderung der militärischen Spitzengliederung. Er übernahm selbst den Oberbefehl über die Wehrmacht unmittelbar; aus dem Reichskriegsministerium wurde das Oberkommando der Wehrmacht, dessen Chef Generaloberst Keitel. [...] Welche Konsequenzen es haben mußte, daß aus einem formell selbstständigen Reichsminister nun ein abhängiger 'Chef OKW' [Oberkommando der Wehrmacht] geworden war, ist mir damals nicht bewußt geworden." (S.46) 
Seite 48 
Generalmajor von Hase wurde versetzt.
"Wenn auch nicht ganz frei von Eitelkeit, besaß Hase eine natürliche Autorität. Sein Auftreten erheischte Respekt. Aus seiner Abneigung gegen Adolf Hitler und dessen Regime machte er kein Hehl. Daß dem Regiment in den militärischen Vorbereitungen für einen durch das Münchener Abkommen zunichte gewordenen Umsturz eine besondere Rolle zugedacht war, hatte er sich für sich behalten, sicherlich nicht aus fehlendem Vertrauen, mehr wohl aus dem Bestreben, seine Untergebenen nicht mit einem Wissen zu belasten, das sie gefährden konnte." (S.48) 
[...] Die Bevölkerung hatte den deutschen Einmarsch im Sudetenland als Erfolg begrüßt. Dann "wurde die Öffentlichkeit am 9./10. November durch die Ereignisse der sogenannten 'Reichs-Kristallnacht' aufgeschreckt" [...] der Vorgang und sein zeitlicher Zusammenhang machten anschaulich, welchem Wechselbad von Erfolgen und Rechtsverletzungen, von Zustimmung und Ablehnung die Menschen jener Jahre ausgesetzt waren." (Seite 48)
Im Vorgang des Angriffs auf Polen:
"In der Nacht vom 25. zum 26. August rückte die Truppe in die Bereitstellungsräume ein.
Der Angriff auf Polen sollte um 04:00 Uhr morgens beginnen. Nur wenige Stunden vorher überraschte uns der Befehl, alle Angriffsvorbereitungen einzustellen und die Truppe sofort hinter eine von der Grenze deutlich abgesetzte Linie zurückzuziehen.[...]
Am 31. August aber schien es nun doch ernst zu werden. Ein um 18:00 Uhr eingehender Befehl wies das Regiment an, nach Einbruch der Dunkelheit erneut die Ausgangsstellungen zu beziehen und am 1. September, 04.45 Uhr, die Grenze zu überschreiten. [...] (S.51)
"Unvergeßlich ist das Erlebnis der 'Feuertaufe'. Man muß es erst lernen, im Feuer feindlicher Infanteriewaffen oder der Artillerie zu liegen. Ich kenne niemanden, der dabei nicht Angst empfunden hätte. Aber man kann die Angst überwinden. Der Vorgesetzte hat es dabei leichter; auf ihn richten sich die Augen der Untergebenen, von ihm erwarten sie beispielhaftes Verhalten. Der Zwang zum Handeln überdeckt die Angst, die Erwartungen der Untergebenen wirken als Ansporn." (S.52)
"Aber zum ersten Male zu erleben, wie Kameraden in unmittelbarer Nähe sterben, greift tief in das Bewusstsein ein. Nur die Pflicht, der eigenen Verantwortung gerecht werden zu müssen, hilft über solche Belastungen hinweg. [...] der Stolz über die eigenen Erfolge konnte das Mitgefühl für den geschlagenen Gegner nicht ganz verdrängen. "(S. 53)
Nach dem Ende des Polenfeldzug wurde die Truppe in 32-stündiger Eisenbahnfahrt an die französische Grenze verlegt
"Vor allem die Kameraden, die schon am Polenfeldzug nicht hatten teilnehmen können, fürchteten, es würde Ihnen zum zweiten Male die Möglichkeit verwehrt werden, sich im Gefecht zu bewähren und eigene Kriegserfahrungen zu sammeln." (S. 58)
"Obwohl der Feldzug in Frankreich praktisch schon entschieden war, erklärte Oberst von Witzleben: 'Sie brauchen keine Sorge zu haben. Sie haben noch nichts versäumt.' Damals hatten wir keinerlei Verständnis für seine Aussage, aber dieses Mal bewies er den größeren Weitblick." (Seite 59)
Zum 20. Juli 1944:
"Das Attentat bedeutete einen tiefen Einschnitt in das innere Gefüge der Truppe. Bisher hatte man im Heer offen sprechen, Kritik üben oder sogar Zweifel an dem vielbeschworenen Endsieg äußern können, ohne fürchten zu müssen, denunziert zu werden. Wenige Ausnahmen bestätigten nur die Regel. [...] Dies änderte sich nach dem 20. Juli. (Seite 90)

Mein angestauter Ärger über das 'Herumgereichtwerden' veranlasste mich, den Personalbearbeiter des OB West vorzuschlagen, mich, wenn er jetzt keine angemessene Verwendung für mich habe, nach Göttingen zu meiner Frau zur beurlauben, wo ich mich ja jederzeit abrufbereit halten könnte. Er stimmte zu und so verlebten wir zweite Flitterwochen in einer kleinen Wohnung, die uns eine Freundin meiner Frau in Göttingen zur Verfügung stellte. Wir genossen diese Zeit; aber je länger sie dauerte, umso mehr belastete sie mein Gewissen. (Seite 98) 
"[...] Die Alliierten drangen über die deutschen Reichsgrenzen auf den Rhein vor. Ich aber saß als Zuschauer in der Heimat. Unter Umgehung des OB West meldete ich mich Ende Januar von Hannover aus telefonisch beim Heeres-Personalamt mit der Frage, ob man mich eigentlich vergessen habe. Und anscheinend hatte man mich wirklich aus den Augen verloren; jedenfalls freute sich der zuständige Referent zu hören, daß ich wieder einsatzbereit und verfügbar sei. Er stellte eine Benachrichtigung innerhalb weniger Tage in Aussicht." (S.98/99)

Das Kriegsende
"Der Dienst in der Operationsabteilung führte mich mehrfach in die Reichskanzlei zum unmittelbaren Vortrag bei Adolf Hitler." (S. 103)
Die kleine Lage fand jede Nacht gegen 1:00 Uhr im Bunker der Reichskanzlei statt. Dort trugen nur rangjüngere Offiziere vor, [...]" (S. 104)  
"Aber so hinfällig Hitler auch zunächst erschien, Das Bild änderte sich mit dem Beginn des Vortrages. Er hörte aufmerksam zu, griff oft und lebhaft in die Vorträge ein, stellte ergänzende Fragen. Wenn er zu sprechen begann, belebten sich Augen und Sprache. Sie bekamen Farbe, Energie, oft auch Schärfe." (S. 105)

"Am 15. März hatte sich der eine Woche zuvor zum Oberbefehlshaber West ernannte Feldmarschall Kesselring zum Vortrag angemeldet. Wir glaubten zu wissen, daß Kesselring entschlossen war, Hitler zu erklären, die Westfront sei ohne wesentliche Verstärkungen nicht mehr zu halten. Die politischen Konsequenzen waren offensichtlich. Kesselring traf zwischen 01:00 Uhr und 02:00 Uhr nachts nach langer Autofahrt ein. Hitler ging ihm mit ausgestreckten Armen entgegen und bedankte sich mit überschwänglichen, warmen Worten für sein Erscheinen. Dann trug Kesselring etwa 1 Stunde lang vor, sachlich, nüchtern und wahrheitsgemäß. Anschließend nahm Hitler das Wort, sprach fast die gleiche Zeit mit großen Worten und Gebärden, ohne eine kurzfristig wirksame, konkrete Hilfe zu zu sagen. Und Kesselring verabschiedete sich mit den Worten: 'Mein Führer! Ich will es noch einmal versuchen.'
Dieser Vorgang machte ein Phänomen deutlich, über das schon oft geschrieben ist, das dennoch nur schwer zu verstehen ist. Von Adolf Hitler ging selbst in seinem kranken Zustand eine Wirkung aus, die – rückschauend betrachtet – ein Schlüssel für so vieles sein kann, was sich damals zugetragen hat und heute unverständlich erscheint. Hitler besaß eine unerklärliche, ich scheue mich nicht zu sagen, dämonische persönliche Ausstrahlungskraft, die man kaum beschreiben, erst recht nicht begreifen kann, und der sich nur ganz wenige Menschen haben entziehen können. Selbst ältere, lebenserfahrene und ranghohe Persönlichkeiten unterlagen dieser Wirkung." (S.105/06) [...]
Seine Geisteskrankheit bestand in einer hypertrophen Selbstidentifikation mit dem deutschen Volk. Er schien mir subjektiv davon überzeugt zu sein – und er sprach das auch so aus –, daß mit dem Ende seines Lebens und seiner Ideologie eine weitere Existenzmöglichkeit für das deutsche Volk nicht mehr bestünde. [...]
Schließlich besaß Hitler ein ebenfalls als abnorm zu bezeichnendes, detailliertes Gedächtnis für Zahlen und technische Daten. Es gelang ihm immer wieder, Vortragende bloßzustellen und zu verunsichern, indem er ihnen Ungenauigkeiten in technischen Details nachwies. Diese scheinbare fachliche Überlegenheit verstärkte die schon beschriebene erdrückende Ausstrahlungskraft.
Um nicht mißverstanden zu werden: ich habe hier nur über die von Hitler als Person ausgehende Wirkung auf seine Umgebung berichtet: die Amoralität seines Denkens und Handelns ist ein anderes Thema." (S.106)

"Dönitz und Jodl erwiesen sich jetzt als starke Persönlichkeiten mit Initiative und Tatkraft. Ihr politisches und militärisches Ziel war eine rasche Beendigung des Krieges. Die noch verbleibende Zeit sollte genutzt werden, so viele Menschen wie möglich, Soldaten und vor allem Zivilisten, aus dem Osten des Reiches dem Zugriff der Sowjets zu entziehen." (S. 107)
Über Jodl:
"Mit starkem Willen und nach einem klaren mit Dönitz abgestimmten Konzept war er die treibende Kraft für die Abwicklung des Krieges bis zur Kapitulation. Ihm ist es zuzuschreiben, daß du mit den Engländern eine vorgezogene Teilkapitulation abgeschlossen werden konnte. Ihm verdanken Hunderttausende von Menschen, daß sie noch in die von den britischen und amerikanischen Truppen eroberten Gebiete Deutschlands ausweichen konnten. Bei aller Schuld, die Jodl in jahrelanger engster Zusammenarbeit mit dem Diktator auf sich geladen hat, [...] gebietet es die Gerechtigkeit, die Leistung dieses Mannes in den letzten Tagen des Krieges nicht unerwähnt zu lassen." (S. 116)


Zur Abwägung der Rollen bei der Durchsetzung der Inneren Führung schreibt de Maizière:

"Kielmannsegg und ich unterstützten diese Prinzipien aus Überzeugung. Allerdings war unser gesamter Ansatz vorwiegend pragmatisch bestimmt. Wir gingen vom militärischen Auftrag aus. Unser Ziel war eine einsatzbereite Armee in einem demokratischen Staat, militärisch effiziente Streitkräfte, getragen von demokratisch denkenden Soldaten. Für Baudissin hatte Priorität die liberal-demokratische Reform, in die er die Streitkräfte einbeziehen wollte und aus der heraus er ihre Einsatzbereitschaft entwickeln wollte. In den praktischen Ergebnissen stimmten wir weitgehend überein, und auf dieser Übereinstimmung beruhte unsere enge Zusammenarbeit. Ich stehe nicht an zu erklären, daß das entscheidende Verdienst in jener Zeit* Baudissin zufällt. Er war es, der die Vorstellungen vieler Mitwirkender innerhalb und außerhalb von Regierung und Parlament inspirierte und sie schließlich zu einem überzeugenden Gedankengebäude zusammenführte. Hierbei bewies er konsequente Durchsetzungskraft, auch wenn diese nicht immer frei von Intoleranz war, und eine bemerkenswerte Zivilcourage, die ihn auch schon in früheren Zeiten ausgezeichnet hatte." (S. 175)

*1951

"Mit der Ernennung General de Maizières zum Generalinspekteur 1966 setzte die politische Führung ein klares Signal für die Innere Führung." (Wikipedia: Innere Führung)

Über Ulrich de Maizière im Zusammenhang mit seinem Sohn:

"Kurz nach seiner Ernennung hält er am 20. Juli, dem Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Hitler, eine viel beachtete Rede in der Bonner Beethovenhalle: "Der Widerstand formt das Traditionsbild der Bundeswehr". Bald darauf droht der Kalte Krieg heiß zu werden, im August 1968 rücken Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei ein und beenden den Prager Frühling brutal. Nun trägt jener Mann, der einst in Hitlers Bunker saß, Kurt Georg Kiesinger die Lage im Bundeskanzleramt vor.

Insgesamt fünfeinhalb Jahre bekleidet Ulrich de Maizière das Amt des ranghöchsten Soldaten - unter drei höchst unterschiedlichen Regierungskoalitionen. Nach dem Abschied aus dem Amt 1972 bleibt er noch beratend für das Verteidigungsministerium tätig und wird Ehrenpräsident der Clausewitz-Gesellschaft. In seiner Zeit in der Bundeswehr erwirbt er sich den Ruf eines untadeligen Reformers. Darauf kann sein Sohn als neuer Verteidigungsminister aufbauen, wenn er jetzt die größte Strukturveränderung in der Geschichte der Bundeswehr vollenden muss: Der Name de Maizière hat in der Truppe einen guten Ruf." (Die Welt, 6.3.2011)

Donnerstag, 20. August 2020

Nariman Hammouti: Ich diene Deutschland

 

"Klappentext" der Bundeszentrale für politische Bildung:

"Was bedeutet es, als Frau und Muslima in der Bundeswehr zu dienen? Nariman Hammouti schildert ihre persönliche Laufbahn als Soldatin – und macht so nicht nur auf die wichtigen Aufgaben der deutschen Parlamentsarmee aufmerksam, sondern gibt auch Einblicke in aktuell anstehende Reformprozesse.

Das Bild der Bundeswehr ist nicht ungetrübt – Vorfälle rechtsnationaler Gewalt wie auch Modernisierungsschwierigkeiten der Truppe haben dazu beigetragen. Doch dies ist nicht das vollständige Bild und lässt vergessen, welch wichtige Funktion die Bundeswehr erfüllt und welche Opfer ihre Soldatinnen und Soldaten erbringen, von langen Arbeitszeiten und riskanten Auslandseinsätzen bis hin zum Einsatz ihres Lebens. 
Nariman Hammouti gibt sehr persönliche Einblicke in Laufbahnen und Strukturen der Bundeswehr und in anstehende und laufende Reformprozesse. Sie selbst ist deutsche Soldatin und Muslima aus einer marokkanischen Familie und muss sich oft für beides innerhalb und außerhalb der Bundeswehr rechtfertigen. Doch ihre Laufbahn sei, wie sie sagt, die höchste Form der Integration: Sie sei stolz auf ihren Beruf und bereit, für Deutschland zu sterben."

Sonntag, 3. März 2019

Zu hohe Bezahlung für Berater?

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/ursula-von-der-leyen-so-teuer-ist-die-berater-armee-a-1256016-amp.html

Angesichts der Stundensätze von hochspezialisierten IT-Experten, die  in der Wirtschaft üblich sind, scheinen mir nicht die Beraterhonorare zu hoch, sondern ihre Effektivität zu niedrig. Vor allem ist kaum nachzuvollziehen, weshalb das Bundesverteidigungsministerium trotz vieler Berater seit Jahrzehnten bei Monopolisten Schrott einzukaufen scheint, statt auf Verträgen mit Qualitätsstandards zu bestehen.
Oder raten die Berater dazu? Dann freilich wäre der Mindestlohn zu hoch.

Samstag, 30. Januar 2016

Žižek zur Flüchtlingsfrage

Ich danke Theo Byland für die Empfehlung des folgenden Artikels:


Neue Zürcher Zeitung 30.1.2016

Der Philosoph Slavoj Žižek im Gespräch

In der neuen Weltunordnung will Slavoj Žižek die Übersicht bewahren. Der Solitär von Ljubljana arbeitet manisch an seinem Werk. René Scheu hat den slowenischen Philosophen besucht.
  • von René Scheu
Slavoj Žižek:
Ich habe kürzlich in allen möglichen Weltsprachen einen längeren Essay zur Flüchtlingsfrage publiziert – und wurde von «politisch korrekten» Linken mit viel «Shit» beworfen. Unter Bezugnahme auf ein paar jüngere Ideen meines amerikanischen Freundes Fredric Jameson habe ich dafür plädiert, die Armee in der Flüchtlingskrise zum Einsatz zu bringen – nicht um die EU-Aussengrenzen unter Androhung von Waffengewalt zu schützen, sondern um im Innern für geordnete Verhältnisse zu sorgen und um Camps in Nordafrika und im Nahen Osten einzurichten, in denen die Flüchtlinge begrüsst, registriert werden und ihr Status abgeklärt wird. Anerkannte Flüchtlinge könnten dann risikolos mit dem Flugzeug nach Europa gebracht und möglichst schnell in den Arbeitsprozess integriert werden.

Was soll daran skandalös sein?
Militarisierung! Die besagten Kollegen wollen stattdessen alle Grenzen öffnen – wer das infrage stellt, ist in ihren Augen ein Unmensch. In Wirklichkeit führte diese Art der Pseudowillkommenskultur zu einer chaotischen Situation im Innern – und die wiederum spielt bloss den Kapitalisten in die Hände.

Ha, endlich, die bösen Kapitalisten. Klären Sie mich auf: Was ist genau Ihr Punkt?
Wir sollten nicht Unordnung importieren, sondern Ordnung exportieren!

Schön gesagt. Aber was bedeutet das konkret?
Schauen Sie sich den Nahen Osten an. Der Irak ist heute, dank der Intervention der Amerikaner, zur Hälfte ein gescheiterter Staat und grossteils in den Händen des IS. Dasselbe gilt für Libyen – der Staat ist inexistent, Chaos herrscht. Syrien liegt darnieder, Amerikaner und Russen bekämpfen sich hier indirekt. Alle diese Staaten sind mit Blick auf die Rohstoffe perfekt in die Weltwirtschaft integriert, aber sie sind politisch der Anarchie anheimgefallen. Genau das ist mein Punkt: Diese beiden Pole schliessen sich nicht aus, sondern ergänzen sich perfekt. Wir haben dort grosses Unheil angerichtet – und wir sollten nun nicht auch noch bei uns grosses Unheil anrichten. Ist das klar genug?

[...]

Was halten Sie von Angela Merkel?

Als Angela Merkel den Flüchtlingen aus dem Osten und Süden zu verstehen gab: Kommt nur, wir schaffen das!, fand ich ihren Entscheid mutig. Und ich hätte an ihrer Stelle wohl gleich gehandelt. Doch zuvor hätte ich mir überlegt, wie ein realistischer Plan aussehen müsste, der ein geordnetes Verfahren erlaubt. In Deutschland sieht es doch wie folgt aus: Chaos im Innern – aber die Kapitalisten freuen sich schon auf die billigen neuen Arbeitskräfte! Ein Paranoiker könnte meinen, Merkel habe allein im Dienste der deutschen Industrie gehandelt. [mehr]

Dienstag, 9. April 2013