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Sonntag, 30. August 2026

Zur Kontrolle von Beiträgen in sozialen Medien

 In einem sozialen Medium wurde die Frage gestellt: Wie findet ihr ein Schild an einem Café: „Kein Zutritt für Schwuchte1“?

Der folgende Beitrag wurde von der Kontrolle abgelehnt:

Es hat sich herausgestellt, dass Rauchen in Gaststätten auf andere Besucher gesundheitsschädlich wirken kann, dass man während ansteckender Krankheiten möglichst vermeiden sollte, andere einer Ansteckungsgefahr auszusetzen usw.

Dass jemand von dem Kontakt mit einer Person, die irgend jemand "Schwuchtel" nennt, geschädigt wird, ist nicht anzunehmen.

Insofern wäre ein willkürlicher Ausschluss aus öffentlichen Räumen abzulehnen. Nicht zuletzt hat sich gezeigt, dass jede Art von Ausgrenzung, sei es aufgrund von äußeren Merkmalen, sei es aufgrund von rassistischen Vorurteilen wie bei der Apartheid, den Kern schwerer gesellschaftlicher Störungen bilden kann.

Ich finde es wünschenswert, wenn Soziale Medien auf Beleidigungen hin geprüft werden. Wenn das durch eine KI geschieht, kann es manchmal schief laufen.

Deshalb halte ich es für sinnvoll, auf solche Fälle hinzuweisen

Samstag, 4. April 2026

Ein Beispiel für das, was sich Habermas ...

unter einem herrschaftsfreien Diskurs nicht vorgestellt hat.

 @luserl

restriktive Migration ist die dna rechter Politik ,schukldenbremse aufzulösen und Milliarden Neuverschuldung ist schon eher links . die Wissenschaft gibt es nicht und Deutschland hat nur 2% Einfluss . gibt keine einzige rechte Partei ,die verbrennerverbot und co2 Steuer fordert


@Der33333

Uff alter. Ehrlich, mein Beileid.

Wie darf man sich das vorstellen, wirfst du einen Apfel auf den Boden und schreist dann "it's magic"?

gutefrage.net 3.4.2026



Dienstag, 9. November 2021

Wollen Twitterer andere aushorchen?

 "We all like to snoop just as much as big tech" schreibt James Marriott in der Times am 12.8.2021

Bei der Paketverfolgung erfahren wir nicht selten bis auf 5 Minuten genau, wann das Paket eintreffen wird. Und dann werden wir aufgefordert, die Anlieferung zu bewerten wie eine Äußerung bei Facebook oder Twitter. Marriott meint, damit fühlen wir uns berechtigt, eine Person zu bewerten wie eine vorher nur eine Meinung. (Ein Urteil hatten wir über Meinungen schon vor dem Internet, aber wir wurden nicht darauf getrimmt, sie allüberall durch "Likes" zu dokumentieren.)

Dabei fällt mir auf, bei Twitter lese ich alles mögliche an Gefühlsäußerungen von konkreten Personen, was ich über sie nicht wissen will. Nicht, dass ich ihnen das Recht beschneiden will, ihre Gefühle in der Öffentlichkeit auszubreiten. Es ist mir auch nicht uninteressant, dass jemand eine bestimmte hat und wie viele Personen sie teilen. Ich will es nur nicht über eine konkrete Person wissen, weil es meine Meinung über die Person beeinflussen könnte, ohne dass ich den Kontext beurteilen  kann, in dem die Äußerung steht.

Wenn ich die Person dann entfolge, könnte sie aber meinen, ich hätte etwas dagegen, dass sie eine bestimmte Meinung hat oder ein bestimmtes Gefühl äußert. - So gewöhne ich mich langsam daran, lauter private Informationen zu bekommen, die mich nichts angehen. 


Montag, 29. Juni 2020

Habermas und Arno Widmann oder wie Literatur die Demokratie retten könnte

"Der erste Satz lautet: „Wir sind von Haus aus eine geschwätzig plappernde Spezies“. Dann kommt kein Punkt, sondern ein Gedankenstrich und es geht so weiter: „kommunikativ vergesellschaftete Subjekte, die ihr Leben nur in Netzwerken erhalten, die von Sprachgeräuschen vibrieren.“ "
Das ist Habermas. Aber Arno Widmann versteht es, ihn zu lesen und uns zu erklären, was seine Faszination ausmacht. 
Habermas hat eine philosophische Theorie des Kommunikativen Handelns entwickelt und er hat die Kurzformel vom herschaftsfreien Diskurs entwickelt. Damit hat er eine Formel gefunden, die ich mir mit "Gespräch auf Augenhöhe" übersetzen kann. Das ist nach meinem Verständnis ein Gespräch, bei dem nur die Qualität des Arguments zählt und nicht die Autorität, die von einer Lebensleistung ausgeht (z.B. Einstein oder Habermas) oder von einer Institution (Papst) oder von einem Machtapparat (Trump, Stalin, Hitler). 
In der Wikipedia wird mit der über Decknamen möglichen Anonymität so etwas versucht (freilich durch die organisatorische Macht von Administratoren und Administratorennetzwerken wieder konterkariert).

Wie erklärt uns Widmann das Besondere an der Formulierungskunst von Habermas?
"Das ist Jürgen Habermas. Er kann eben beides: So reden, dass wir ihn verstehen und das dann verstecken in einem Professorendeutsch, vor dem man davonrennen möchte. Allerdings gelingt es einem nicht, weil er einen durch diesen abschreckenden Sound hindurch immer wieder packt. Hier zum Beispiel das „vibrieren“." (Nachzulesen in Widmann: Es bleibt die Literatur, FR 29.6.2020)

Während Adorno einmal (in der ZEIT) sinngemäß erklärt hat: Ich bin aus den USA nach Deutschland zurück gekommen, weil man in den USA von mir verlangt, verständlich zu schreiben, hat Habermas den Weg gefunden, beides zu tun: Sich im wissenschaftlichen Diskurs eine führende Stellung zu erarbeiten und in der öffentlichen Auseinandersetzung unmissverständlich Position zu beziehen (z.B. Historikerstreit). Dazu braucht es immer wieder Kurzformeln wie 'Verfassungspatriotismus', 'Strukturwandel der Öffentlichkeit' und eben 'herrschaftsfreier Diskurs'. 

Zurück zu Widmann: Er ist nicht nur auf den unterschiedlichsten Feldern im Bereich Kultur unterwegs, sondern er stellt aktuelle Beiträge und Diskussionen auch prägnant vor. 
Den Vorteil der sozialen Medien und ihre Gefährlichkeit für die Demokratie beschreibt er, Habermas vereinfachend, so:
"Die digitale Revolution hat uns alle zu potentiellen Autoren gemacht, schreibt Habermas. Die sozialen Medien lassen unserer „Plapperlust“ freien Lauf. Sie sind die allen ungefiltert zugängige Öffentlichkeit. [...] Die Kontrollinstanzen von z. B. Redakteur und Lektor entfallen. Jeder kann jedem twittern. Auch die Politiker sind nicht mehr angewiesen auf „Bild und Glotze“. Sie erreichen ihre Follower direkt. [...]. Es handelt sich zweifelsohne um einen demokratischen Schub. Aber er gefährdet, so dialektisch geht es zu, die Demokratie.[...] Habermas sieht die Gefahr, dass „sich die Meinungsbildung in den zersplitterten und gleichzeitig von selektiven Standards entlasteten Kommunikationsblasen gegen die rationalisierende Kraft einer diskursiven Vielfalt der Beiträge immunisiert.“ [...]
Und dann fährt Widmann fort:
"So umfassend der Einfluss der Digitalisierung auf die politische Kommunikation ist, so gering ist er auf die Literatur. [...] Literarische Werke, so Habermas, verfügen über „eine eigentümliche Autorität.“ Sie rührt aus ihrem „Eigensinn“, mit dem sie sich dem Urteil der Zeitgenossen entziehen oder gar widersetzen und dagegen einer späteren Generation sich mitteilen ja geradezu aufdrängen können." [...]  Der Künstler, der Autor hat nicht eine Erfahrung, die er geschickt in Worte zu fassen versteht, sondern er erfährt, was er erfährt, beim Schreiben. Literarische Erfahrung ist eine Sache des Textes. Darum kann der Leser sie – in manchen Fällen nach Tausenden von Jahren über mehrere Übersetzungen hinweg ohne Kenntnis der Lebensumstände des Autors – nachvollziehen.
Wir lesen, so schreibt Habermas, nicht um uns über bestimmte Sachverhalte aufzuklären, sondern – damit kommt er Adorno näher, als er ihm in den letzten 60 Jahre wohl je war -, „um wenigstens manchmal einige Zipfel jener vorsprachlich präsenten Erfahrungen, aus denen wir intuitiv leben und mit denen wir dahinleben, als solche zu ergreifen und uns anschaulich vor Augen zu führen. Ob sie nun schön sind oder schrecklich.“"
Und es bedarf eines "Qualitätsmediums", um Widmann den Apparat und die Reichweite zu geben, um uns auf den verschiedensten Gebieten so informieren, dass wir nicht nur über das Wesen von Literatur, sondern auch über die gedankliche Nähe von Adorno und Habermas aufgeklärt werden. 


Mittwoch, 31. Oktober 2018

Schlagwort, #Hashtag, Ambivalenz

Dieser Tage erscheint "Das Diktat des Hashtags: Über ein Prinzip der aktuellen Debattenbildung" von Andreas Bernard.

Eine Vorschau auf wichtige Aussagen des Buches gibt der Autor in der ZEIT vom 31.1018 unter dem Haupttitel "Das Diktat des Hashtags".
Nach meiner Beobachtung gibt es allerdings einen fließenderen Übergang vom Schlagwort zum debattenbildenden #Hashtag. 
Bernard schreibt:
"Seitdem Twitter ab 2007 und Instagram ab 2010 den Hashtag eingeführt haben, charakterisiert eine Form der Organisation von Aussagen und Dokumenten die alltägliche Mediennutzung, die noch vor kurzer Zeit auf hoch spezialisierte Berufsfelder und Personenkreise beschränkt war."
Zur weiteren Entwicklung führt er aus:
"Besondere Bedeutung kommt ihm heute als Gestaltungsprinzip von gesellschaftspolitischen Debatten zu. Unter dem Schlagwort "#MeToo"ist in den vergangenen zwölf Monaten etwa eine weltweit geführte, epochemachende Diskussion über sexualisierte Gewalt entstanden, deren inhaltliche Positionen und Legitimationen in allen Facetten diskutiert worden sind. Was bislang jedoch so gut wie nie zur Sprache kam, ist die Frage, inwiefern die medialen und sprachlichen Umstände dieser Debatte die inhaltlichen Verläufe mitgeprägt haben, inwiefern zum Beispiel die wiederkehrenden Missverständnisse und Konflikte zwischen den Beiträgerinnen und Beiträgern angesichts der Eingrenzung dessen, was "Belästigung" oder "Missbrauch" heißt, auf die spezifische Organisation der Aussagen durch den Hashtag zurückweisen. Denn wenn die unterschiedlichen und vielfältigen Stimmen, die ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt teilen, dies allesamt unter dem gleichen, identitätsstiftenden Schlagwort tun – "#MeToo" –, verstärken die medialen Rahmenbedingungen womöglich genau jene Homogenisierungs- und Nivellierungstendenzen, die in der Debatte dann inhaltlich kritisiert wurden."

Das ist treffend beobachtet, geht aber nicht darauf ein, dass es Verschlagwortung schon vor 2007 in Blogs* mit durchaus vergleichbarer Absicht wie 2007 in Twitter gab und dass die "bekanntesten und meistverwendeten" Hashtags (insbesondere #BlackLivesMatter", "#Ferguson", "#MeToo" und in Deutschland #Aufschrei erst ab 2013 auftraten und "Knotenpunkte eines neuen Mediengeflechts, das es einer von Fremdzuschreibungen geprägten Bevölkerungsgruppe erlaubt, direkte und wahrhaftigere Selbstbeschreibungen zu versammeln" wurden.


Zur Ambivalenz noch einmal Bernard:


"Hashtags, so könnte man sagen, kommodifizieren die Wörter, die ihnen folgen. Wenn Georg Lukács 1923 im berühmten Kapitel "Das Phänomen der Verdinglichung" von Geschichte und Klassenbewusstsein zeigen wollte, "wie weit der Warenverkehr die herrschende Form des Stoffwechsels einer Gesellschaft ist", dann gilt diese Diagnose ein knappes Jahrhundert später auch für die Metabolik der sozialen Medien. Nicht katalogisierbare, einzigartige, widerspenstige Bausteine sind in der Logik des Hashtags irrelevant. Stattdessen geht es um die größtmögliche Anhäufung von Beiträgen, um die Akkumulation des gleichförmigen, unter identischem Schlagwort subsumierten Aussagenkapitals, das sich in quantifizierbaren Listen wie den "Trending Topics" abbilden und weiter vermehren soll.
Der Hashtag ist ein gutes Jahrzehnt nach seinem Auftauchen also von einer unauflösbaren Ambivalenz gekennzeichnet. Er bringt die verstreuten Stimmen zum Ertönen und tilgt gleichzeitig das, was an ihnen unverrechenbar ist."


*Dazu ein Beitrag aus "Lehrerzimmer" vom 28.9.2005 (Dabei kann von den Tags "English" noch als  Kategorie gedeutet werden, "UK" aber durchaus schon als Schlagwort.) Dagegen ist das Label "Lesen" bei Fontanefan, wie aus den wenigen Artikeln, die sich in der Zeit von 2006 bis 2017 unter den über 2000 Artikeln dazu finden, ersichtlich, bereits eindeutig ein Schlagwort, freilich kein debattenstiftendes. Der Anstoß von Debatten wurde erst mit den Blogparaden versucht und das nie mit einem mit Twitterhashtags vergleichbaren Erfolg. 

Freitag, 22. September 2017

Bots in sozialen Medien

Der Diskussionsbeitrag lautet, wie folgt:

werner jacob
31 Min. Tage her

She‘s a true traitor! Treat her like a traitor - tread her in the ass!

Woran erkennt man den Bot?
Die Konversation läuft durchweg auf Deutsch. Dann schaltet sich jemand plötzlich auf Englisch in die Diskussion ein, die sich auf einen Artikel im Guardian bezieht. Er gebraucht keinerlei Argument, sondern versucht nur, Emotionen zu wecken.

Kurz darauf (4 Minuten später) folgt der folgende Diskussionsbeitrag:


Michael Steinberg
27 Min. Tage her

Als ich mich der Klage gegen CETA angeschlossen habe, ging es nicht im Geringsten darum, für oder gegen Frau Merkel Stimmung zu machen. Leider höre ich die Stimmen á la "Merkel muß weg" vorzugsweise aus dem Dunstkreis Pegida/AfD & Co... und so lesen sich auch Passagen wie "eine der größten ökologischen Katastrophen" (da sollte man dann doch besser die Hebel an den jeweiligen Verursachern ansetzen) oder "Frau Merkel bleibt uns für weitere 4 Jahre nicht erspart". [...]
Der Bot hat erfolgreich agiert.
Freilich gab es davor einen Diskussionsbeitrag auf Deutsch:


Kurt Jungwirth
57 Min. Tage her

Für mich ist Frau Merkel die größte Lügnerin die es in Deutschland je gegeben hat

Bei dem hält es schwer, den Beitrag eindeutig einem Menschen oder einem Bot zuzuweisen.
Eins aber hat er mit dem Bot-Beitrag gemeinsam: Er ist kurz, enthält keinerlei Argument und ist geeignet, Emotionen wachzurufen.
Bei mir war die Reaktion bisher, dass ich bei solchen Beiträgen nicht mehr weitergelesen habe. Jetzt weiß ich: Es ist ein Beitrag, der in das Umfeld von Bot-Beiträgen passt. In diesem Fall vermute ich, dass der Verfasser ein Mensch ist, der durch argumentationslose, nur auf Emotionen setzende Beiträge ermutigt worden ist, einen ähnlichen Beitrag beizusteuern. 
Man könnte ihn, auch wenn er von einem Menschen stammt, als bot-generiert bezeichnen, weil er durch bot-artige ("argumentationslose, nur auf Emotionen setzende Beiträge") ermutigt worden ist.
Ich glaube nicht, dass Michael Steinberg den Mechanismus durchschaut. Jedenfalls ist sein Beitrag vorläufig noch zu komplex, um von einem Computer zu stammen.
Wie aber soll man noch ernsthaft Meinungen im Netz austauschen, wenn man damit rechnen muss, dass ein nennenswerter Anteil der Diskussion mehr oder minder bot-generiert oder von Bots provoziert ist. 

Mehr dazu 
Maybe the A. I. dystopia is already here, in: The Washington Post 28.7.2017