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Freitag, 27. Oktober 2023

Avi Primor über Greueltaten in Poddembice

 "[...] Von einem Urlaub zurückgekehrt nach Poddembice, seinem Dienstort, notiert Hohenstein: »Das Unglaubliche ist Tatsache geworden. Während meiner Ferien vollzog sich die Ausmerzung der Juden von Poddembice. Ich und meine Familie danken unserem Herrgott von ganzem Herzen, daß er es uns erspart hat, Zeugen dieses grauenvollen Verbrechens zu sein oder gar aufgrund meines Amtes Henkerdienste leisten zu müssen. Ich will versuchen, so sachlich wie möglich niederzulegen, was ich erfuhr.«

Und dann folgt, was ihm sein Vertreter Heinitzer berichtet, der Zeuge, der alles mit ansah: »Ich habe niemals geglaubt, daß Menschen, deutsche Menschen so bestialisch, so sadistisch sein können. Sie wissen ja, daß die Judengemeinde seit Februar täglich vollzählig und geschlossen zur Kontrolle in den Schloßpark marschieren mußte. Eines Tages, es war der 14. April, wurden die Juden von einem großen Aufgebot an Gendarmerie in Empfang genommen. Scharf eskortiert trieb man die Juden in die polnische Kirche. Zur gleichen Zeit wurden sämtliche jüdischen Arbeiter von ihren Arbeitsplätzen weggeholt. Auch Hermann aus Ihrem Grundstück. Zehn Tage wurden die Juden in dem Gotteshaus gefangengehalten, ohne Betten und Decken, nichts von sanitären Anlagen, kein Klosett, fast dreitausend Menschen. Kinder wurden geboren und Menschen starben in dieser qualvollen Enge. Die Türen wurden von SS-Männern Tag und Nacht bewacht. Auf Kosten der Stadtverwaltung wurden die Juden mit Brot und Margarine versehen. Zweimal täglich durfte ein Trupp Männer Wasser vom Brunnen vor der Kirche holen. Das Heulen und Wehklagen, das Jammern und Schreien der unglücklichen Juden vernahm man Tag und Nacht, es war grauenhaft, gruslig. Am zehnten Tage, in früher Morgenstunde, wurde die Pforte des Gotteshauses aufgerissen und die Juden truppweise herausgelassen. Zerzaust, zerlumpt, dreckig, fast verhungert, glichen sie eher unheimlichen Spukgestalten als lebendigen Menschen. In diesem Zustand wurden sie wie Vieh auf Lastautos getrieben. Dann fuhr die Kolonne mit ihrer Todesfracht zum ersten Mal ab. SS-Motorradler zur Seite und hinterher. Nach Stunden kam die Autokolonne wieder zurück, und der zweite Akt dieses Dramas begann. Frau Goldo kam mit ihrer Tochter aus der Kirchentür. Sie sah Herrn Helferich, eilte auf ihn zu und flehte ihn um Rettung an. Ihr Mann, der Judenälteste, bot ihm in hastigen Worten ein Vermögen in solcher Höhe, daß Helferich nie wieder zu arbeiten brauchte. Inzwischen waren SS-Männer
auf diese Szene aufmerksam geworden. Sie schlugen auf die Unglücklichen ein, ergriffen den Judenältesten und mißhandelten ihn so schwer, daß er über und über blutend zu Boden sank.«

»Das Schreckliche ereignete sich bei der dritten und letzten Verladung. Da brachte man die Kranken aus der Kirche. Sie wurden den Menschen auf den Wagen einfach über die Köpfe geschoben, wie Krautsäcke, immer hinauf und hinein, ungeachtet des Geschreies der Gesunden und Kranken. Als die letzten Wagen vollgepfropft waren, da brachte man die Toten hin, 28 sind während der Gefangenschaft in der Kirche verstorben. Und statt sie nun zurückzulassen, nahmen die SS-Scheusale die Leichen und warfen sie den lebenden Insassen der Autos buchstäblich auf die Köpfe. Sogar die deutschen Zuschauer schrien vor Entsetzen auf. Und noch etwas: Ihr Hausbursche Hermann und ein anderer junger Jude hatten sich im Dachreitertürmchen der Kirche versteckt. SS-Leute fanden die beiden Burschen und haben sie unmenschlich zerschlagen. Sie wurden auf den letzten Wagen geworfen. – Herr Bürgermeister, das kann unmöglich gut gehen. Daß ich als alter Mann so etwas noch erleben mußte. Ich habe das Leben hier so satt. Ich möchte heim, heim, heim. Erschüttert sah ich, daß Heinitzer weinte.«"

(Primor, S.214-216)

Zum Film über das Wartheländische Tagebuch, aus dem dieser Bericht stammt.

Buchnachweis

Freitag, 19. April 2019

Flucht aus dem Zug ins Vernichtungslager

764 Sprünge in die Freiheit  Spiegel online 14.3.2014
"Jeder kennt die Bilder der Waggons, mit denen Juden in Konzentrationslager transportiert wurden. Dass Hunderten die Flucht aus den Todeszügen gelang, ist kaum bekannt. Nun dokumentiert eine Studie die Ausbrüche und liefert Erklärungen, warum die Geflüchteten jahrzehntelang schwiegen."
"[...] Das lange Schweigen der Überlebenden
So wurde wenig bekannt über die oft gnadenlosen Bewacher. Aber auch viele der Geflohenen schwiegen nach dem Krieg. Manche, weil sie von anderen KZ-Überlebenden nicht als gleichwertig respektiert wurden - schließlich hatten sie den Horror in den Vernichtungslagern nicht erlebt. Andere aus Schuldgefühlen, weil sie geflohen waren. Die Belgierin Claire Prowizur etwa hatte ihren todkranken Vater im Waggon zurückgelassen. Erst Jahrzehnte später erfuhr sie zufällig, dass er noch einmal im Waggon das Bewusstsein erlangt hatte - und überglücklich war, dass seine Tochter geflohen war.
Auch Simon Gronowski schwieg fast sechs Jahrzehnte. Seine Mutter und Schwester wurden in Auschwitz ermordet, sein Vater zerbrach daran und starb kurz nach dem Krieg. Gronowski wollte nach vorne blicken, wurde Anwalt, spielte Klavier, begeisterte sich für Jazz und redete kaum über den Krieg.
Doch die Vergangenheit ließ ihn nicht los. Er musste an den belgischen Polizisten denken, der ihm damals womöglich das Leben rettete. Fühlte sich verpflichtet, gegen den immer noch grassierenden Antisemitismus vorzugehen. Also begann er 2002, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben und Vorträge zu halten.
Sechs Wunder
"Mein Leben besteht nur aus Wundern", sagt der 82-Jährige mit kraftvoller Stimme. Der Sprung aus dem Todeszug. Der Krebs, den er besiegte. Die lebenslange Freundschaft zu dem Sohn eines flämischen Nazis. Das späte Treffen mit einem Wachmann, der ihn einst mit vorgehaltener Waffe zum Zug geführt hatte: Die beiden alten Männer trafen sich, der Wachmann bat aufrichtig um Verzeihung, dann fielen sich beide weinend in die Arme. [...]"

Mittwoch, 14. März 2018

Wie viele Juden wurden im Holocaust ermordet?

"Im Holocaust wurden zwischen 5,5 und 6,3 Millionen jüdische Menschen ermordet
Die Zahl 6 Millionen wurde wohl zuerst von Adolf Eichmann verwendet
Eine genaue Zahl wird sich wegen der Quellenlage nicht ermitteln lassen [...]"

GeschichtsCheck 11.10.216

Im weiteren Text wird erläutert, dass Historiker die Zahl zunächst niedriger schätzten und wie man zu der heutigen Schätzung kommt.

Freitag, 7. Juli 2017

In Auschwitz

"Wenn es einen einzigen Moment gibt, an dem ich ohne Wenn und Aber zum Deutschen wurde, dann war es nicht meine Geburt in Deutschland, es war nicht meine Einbürgerung, es war nicht das erste Mal, als ich wählen gegangen bin. Schon gar nicht war es ein Sommermärchen. Es war letzten Sommer, als ich den Aufkleber an die Brust heftete, vor mir die Baracken, hinter mir das Besucherzentrum: deutsch. Ich ging zu meiner Gruppe und wartete ebenfalls stumm auf unsere Führerin. Im Tor, über dem „Arbeit macht frei“ steht, stellten sich nacheinander alle Gruppen zu einem bizarren Foto auf. Nur wir schämten uns. [...]
Das kulturelle Gedächtnis braucht Rituale, Mahnmale, Jahrestage, wiederkehrende Bilder und, ja, auch sprachliche Floskeln, um sich zu bilden, zu bewahren und zu entwickeln. Seiner Natur nach tendiert das zeremonielle Gedenken zur Wiederholung und Formelhaftigkeit. Es ruft durch Zeichen eine Erinnerung wach. [...]
Wenn in der eigenen Biographie die Referenzpunkte fehlen, auf die sich das kulturelle Gedächtnis in Formeln, Gesten und Symbolen bezieht, dann werden diese Formeln, Gesten und Symbole als leer empfunden. [...]
Dass der Holocaust in die Ferne rückt, ist allerdings nicht nur den Jahren geschuldet, die vorüberziehen, oder den Kilometern, die zwischen dem heutigen Deutschland und den zentralen Stätten des Völkermords liegen. Es kommt eine demographische Entwicklung hinzu. Immer mehr Menschen leben in Deutschland, die nicht einmal mehr einen familiengeschichtlichen Bezug zum Nationalsozialismus haben. [...]
Je ferner Auschwitz rückt, desto leichter wird es Deutschen wieder fallen, sich an ihrer Geschichte zu erbauen. Und sie werden übersehen, dass gerade in der Gebrochenheit Deutschlands bundesdeutsche Identität und, ja, Stärke und Vitalität liegt. Es gibt nichts Ganzeres als ein gebrochenes Herz, lehrte der Rabbi Nachman von Berditschew.
Der Satz ist einer meiner Lieblingssätze, Motto auch eines Buches von mir. Natürlich bezieht er sich auf die Liebe, die Liebe zu den Mitmenschen oder zu Gott, in jedem Fall auf eine individuelle Situation. Aber er lässt sich auch auf ein Gemeinwesen beziehen: Es gibt nichts Ganzeres als ein gebrochenes Herz. Wenn etwas spezifisch wäre an der deutschen Leitkultur, die dieser Tage wieder eingefordert wird, wären es nicht Menschenrechte, Gleichberechtigung, Säkularismus und so weiter, denn diese Werte sind durchweg europäisch, wenn nicht universal; es wäre das Bewusstsein seiner Schuld, das Deutschland nach und nach gelernt und auch rituell eingeübt hat – aber just diese eine Errungenschaft, die nicht Frankreich oder die Vereinigten Staaten, sondern die Bundesrepublik für sich reklamieren darf neben guten Autos und Mülltrennung, möchte das nationale Denken abschaffen. Umgekehrt gilt allerdings auch: Wer sich gegen ein völkisches Verständnis der Nation wendet, kann die historische Verantwortung nicht ethnisch engführen. Wer sich in Deutschland einbürgern lässt, wird auch die Last tragen müssen, Deutscher zu sein. Spätestens in Auschwitz wird er sie spüren, wenn er sich den Aufkleber an die Brust heftet. [...]"
(Ausschnitte aus der  Rede, die Navid Kermani zum zwanzigjährigen Bestehen des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte und Kultur an der LMU München gehalten hat: Die Zukunft der Erinnerung faz.net 7.7.17)

Samstag, 5. November 2016

"Auschwitz erlaubt keine Rührung"

Holocaust-Überlebende ZEIT 30.4.2014
"Renate Lasker-Harpprecht, 90, fasst das Unfassbare in Worte: Ein Gespräch über das große Beispiel der Mitgefangenen Mala, eine Baracke namens Kanada und eine halbe Tafel Schokolade, die ihr bis heute ein schlechtes Gewissen bereitet. [...]

Lasker-Harpprecht: ... ja, ich war wirklich sehr krank, ich hatte wahnsinniges Fieber und Durchfall. Es war Flecktyphus. Daran sind die meisten, die man nicht umgebracht hat, gestorben. Eines Tages kamen SS-Frauen und -Männer, wir mussten aus den Betten raus. Die haben selektiert, wer von diesen ganzen abgemagerten Leuten nach links kommt und wer nach rechts. Links bedeutete Vergasung. Mich haben die sofort nach links geschickt. Da habe ich gut reagiert und mich etwas zurückgebeugt zu einem SS-Mann, der nicht besonders grimmig aussah: "Ich bin die Schwester der Cellistin." Da hat er mir einen Tritt in den Hintern gegeben und mich auf die andere Seite bugsiert. Insofern verdanke ich meiner Schwester mein Leben.
ZEIT: Die Ihnen aber, so widersinnig das klingt, in diesen Tagen den Tod gewünscht hat – so hat es Ihre Schwester in ihren Erinnerungen aufgeschrieben.
Lasker-Harpprecht: Das stimmt. Man fiel ja vom Fleisch. Man bekam nichts zu essen und hatte blutigen Durchfall. Als meine Schwester mich in diesem elendigen Zustand sah, da wollte sie eigentlich, dass ich einschlafe ... und fertig.
ZEIT: Aber Ihre Schwester ist dann doch zu Maria Mandl gegangen, der Oberaufseherin des Frauenlagers. Sie hat all ihren Mut zusammengenommen und gefragt, ob man Sie als Läuferin einsetzen könne.
Lasker-Harpprecht: Und das wurde ich auch: Ich habe dann Botschaften übermittelt zwischen den SS-Leuten. Die Mandl mochte meine Schwester, weil sie eine der wenigen war, die noch richtig Deutsch sprachen. Und es war ganz wichtig, keine Angst zu zeigen. Ich hab sie auch nie gezeigt. [...]
ZEIT: Haben Sie bei Ihren Bewachern jemals eine menschliche Regung erlebt?
Lasker-Harpprecht: Ja, bei einem SS-Mann, der auf den schönen Namen Kasernitzky hörte. Das war später, in Belsen. Der stand Wache, als ich heimlich Wasser holen wollte, und er hat sich weggedreht. Wasser war ungeheuer kostbar. Und dann war da ein Polizist, als ich in Belsen im Büro arbeitete, der hat mir ein großes Stück Brot in die Schublade gelegt. Jeden Tag.
Es geht im Lager nicht darum, wer zusammenhält, sondern darum, wer sich am wenigsten oder am meisten hasst. Das ist ein großer Unterschied
Renate Lasker-Harpprecht
ZEIT: Wissen Sie, warum er das getan hat?
Lasker-Harpprecht: Das weiß ich nicht. Jedenfalls hat er mich nach dem Krieg um einen Persilschein gebeten. Und den habe ich ihm auch mit dem größten Vergnügen ausgestellt. Der hat sich wirklich anständig benommen. Als sich bis zum Lagerpersonal in Belsen herumgesprochen hatte, dass der Krieg für die Deutschen nicht so gut lief, wurden die natürlich alle sehr viel freundlicher. Die jagten keine Hunde mehr auf uns und versuchten, so ein bisschen gut Wetter zu machen. Das hat uns nicht sehr beeindruckt, aber so war das halt.
ZEIT: Wie erklären Sie sich, dass fast alle Aufseherinnen und Aufseher das Elend komplett ausblenden konnten?
Lasker-Harpprecht: Das möchte ich auch sehr gerne wissen. Ich schweife jetzt kurz ab, aber einmal kam ein großer italienischer Transport an in Auschwitz. Aus irgendeinem Grund hat sich da ein kleines Mädchen weggestohlen, ein süßes Mädchen, ganz blond. Die ist sicher nicht alleine gekommen, aber auf einmal war die bei mir, in meiner Nähe. Und ich habe mich sehr um das Mädchen gekümmert, das kann ich wirklich sagen, ich fand die entzückend. Die hatte so viel Vertrauen zu mir. Ich habe der Essen gegeben, ich konnte Sachen organisieren für die, weil ich ein paar Freiheiten innerhalb des Lagers hatte. Ich habe auch gesehen, dass die SS-Frauen nett waren zu diesem Kind. Aber irgendwann habe ich die Kleine aus den Augen verloren, weil ich noch mal krank wurde. Nichts Ernstes, doch als ich zurückkam, hatten sie das Mädchen auch umgebracht. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Wie kann man? Das muss auch ein bisschen mit der Mentalität der diversen Nationalitäten zusammenhängen. Ich glaube nicht, dass sie in Italien, wo es ja auch schlimm war zum Schluss, so furchtbare Sachen mit den Kindern gemacht haben.
ZEIT: Von den etwa sechs Millionen Juden, die im Holocaust ermordet worden sind, war jedes vierte Opfer ein Kind. Sie meinen, dass so eine Grausamkeit auch in der Mentalität eines Volkes begründet ist?
Lasker-Harpprecht: Auch, ja. Jedenfalls bei gewissen Generationen und bei gewissen Schichten.
ZEIT: Wissen Sie noch, wie dieses italienische Mädchen hieß?
Lasker-Harpprecht: Mit M fing der Name an. Marta oder so ähnlich. Es war ein jüdisches Kind.
ZEIT: Sie haben vorhin gesagt, dass man sich im Lager alles organisieren konnte. Wie muss man sich das vorstellen?
Lasker-Harpprecht: Es gab im Lager Namen für die Orte, an denen man arbeitete. Die Baracke, in der man sich wirklich alles beschaffen konnte, hieß "Kanada". Da gab es absolut alles. Offensichtlich war man der Ansicht, dass Kanada ein Schlaraffenland ist. Man hat den Menschen, die ins Lager kamen, ja ihre Sachen abgenommen. Und viele Häftlinge, vor allen Dingen aus Polen und Griechenland, hatten sich Goldmünzen und solche Sachen in ihre Kleidersäume eingenäht. Und in Kanada lagerte das alles. Die Kapos, die es ohnehin unter den Häftlingen noch am besten hatten, haben sich dann die ganzen Sachen organisiert, die die verschiedenen Kommandos aus Kanada, vom Steineklopfen oder vom Feld mitbrachten. Das war einer der Gründe, warum wir die nicht leiden konnten.

"Ich habe nur eine einzige Sache regelmäßig gestohlen: frisches Gemüse"

ZEIT: Die Kapos haben alles eingesteckt?
Lasker-Harpprecht: Natürlich, natürlich.
ZEIT: Was konnten die denn mit diesem Reichtum anstellen?
Lasker-Harpprecht: Bestechen.
ZEIT: Das heißt: eine Scheibe Brot mehr?
Lasker-Harpprecht: Na ja, das ging über hundert Kanäle. Ich konnte das leider nie betreiben. Ich habe nur eine einzige Sache regelmäßig gestohlen: frisches Gemüse. Die Häftlinge, die auf dem Feld arbeiteten, steckten sich natürlich furchtbar viele Zwiebeln und Knoblauch ein. Das war sehr wichtig im Lager, denn wir hatten totalen Vitaminmangel. Ich hatte auf einmal Löcher in den Beinen.
ZEIT: Wunden vom Vitaminmangel?
Lasker-Harpprecht: Ja, ich habe immer noch Narben davon. Immer wenn diese Kommandos vom Feld zurückkamen, wurden die durchsucht, und die frischen Sachen kamen auf einen Haufen. Und wenn die Häftlinge in die Baracke gingen, haben wir Dolmetscher und Läufer uns bedient. Das hat sich gelohnt. Ich habe da aber niemals ein Stück Gold gesehen.
ZEIT: Mir ist bewusst, dass diese Frage geradezu pervers anmutet: Aber haben Sie in der Zeit im Lager irgendetwas gemacht, wofür Sie sich schämen?
Lasker-Harpprecht: Ja, Sie werden das als eine Lappalie betrachten, aber ich schäme mich heute noch dafür. Eines Tages hat mir jemand – ich weiß nicht mehr, wer das war – eine halbe Tafel Schokolade geschenkt. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, ich hatte so etwas seit Jahren nicht gesehen. Und ich habe mir gesagt: Jetzt gehe ich zu Anita, und wir teilen uns diese Schokolade. Auf dem Weg zu Anita habe ich aber die ganze Schokolade aufgegessen. Das ist das Einzige, wofür ich mich schäme.
ZEIT: So eine Kleinigkeit!
Lasker-Harpprecht: Aber es zeigt einen Mangel an Charakter und Disziplin. Das geht nicht. [...]

Montag, 22. Juni 2015

Auschwitz: Flucht und Aufstand

Insgesamt versuchten ungefähr 700 Häftlinge die Flucht aus Auschwitz; sie gelang in etwa 300 Fällen. Versuchte Flucht wurde mit Verhungern bestraft; oft wurden auch die Familienangehörigen von Flüchtigen verhaftet und in Auschwitz I zur Abschreckung ausgestellt. Eine andere Strafe war, Mitgefangene für die Flucht büßen zu lassen.
Am 7. Oktober 1944 führte das jüdische Sonderkommando (die Häftlinge, welche die Gaskammern und Krematorien bedienen mussten und von den anderen Häftlingen getrennt gehalten wurden) einen Aufstand durch. Weibliche Gefangene hatten Sprengstoff von einer Waffenfabrik eingeschmuggelt, und das Krematorium IV wurde damit teilweise zerstört. Anschließend versuchten die Gefangenen eine Massenflucht, aber alle 250 Entflohenen wurden kurz darauf gefasst und getötet. (KZ Auschwitz-Birkenau)

Mittwoch, 22. April 2015

Oskar Gröning: "Ich war dabei."

"In einem Nachkriegsprozess gegen einen SS-Mann, der direkt an der Ermordung von KZ-Häftlingen beteiligt war, wurde Gröning als Zeuge geladen. Zum damaligen Zeitpunkt galt Gröning als juristisch unschuldig und wurde deshalb nicht angeklagt. Die Presse gab ihm den Beinamen „Buchhalter von Auschwitz“.[2] Den Holocaust bestätigte er als Augenzeuge: „Ich habe alles gesehen. Die Vergasungen, die Verbrennungen, die Selektionen. In Auschwitz sind 1,5 Millionen Juden ermordet worden. Ich war dabei.“" (Seite „Oskar Gröning“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 21. April 2015, 23:12 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Oskar_Gr%C3%B6ning&oldid=141230769 (Abgerufen: 22. April 2015, 05:22 UTC))
Mein Respekt gilt dem Mann, der dazu zu lernen verstand. Wenn ihm jetzt der Prozess gemacht wird, ist das ein Beweis dafür, dass wir - gerechtfertigt oder nicht, braucht in diesem Kontext nicht diskutiert zu werden - aus Abstand anders über die NS-Zeit denken, als man noch in der Nachkriegszeit darüber dachte.
Für seine moralische Beurteilung ist mir ganz wichtig:
"Er stellte insgesamt drei Versetzungsgesuche an die Front. Am 17. Oktober 1944 überstellte ihn die SS schließlich zu einer Feldeinheit, die in der Ardennen-Offensive kämpfte." (Seite „Oskar Gröning“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 21. April 2015, 23:12 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Oskar_Gr%C3%B6ning&oldid=141230769 (Abgerufen: 22. April 2015, 05:22 UTC))

Man konnte also der Aufgabe des SS-Schergen entkommen, ohne dafür bestraft zu werden; aber es brauchte Ausdauer und Zähigkeit und die Bereitschaft, immer wieder in großer Todesgefahr zu leben. 

Zusatz:
HEINRICH WEFING: AUSCHWITZ-PROZESS: Mord verjährt nicht, ZEIT online,  22. April 2015 mit über 120 Kommentaren
"Oskar Gröning wird wohl nie wieder einem Menschen ein Haar krümmen. Dennoch gibt es einen großen, fast historischen Grund, weshalb der Greis noch vor Gericht steht." 
Zur Aussage des Richters, der 1991/92 mit Gröning sprach , Zeit 26.5.15

vgl. auch meinen Artikel bei Fontanefan, 25.4.15

Freitag, 20. Februar 2015

Michel Friedman und Martin Walser im Gespräch

"Herr Walser, ich kaufe Ihnen die Ahnungslosigkeit nicht ab", ZEIT 19.2.15

[...] Friedman: Die junge Generation trägt weder Schuld noch Verantwortung für das, was ihre Eltern in Hitlerdeutschland getan haben. Sie trägt allerdings Verantwortung für ihr eigenes Leben, für das, was sie heutzutage tut oder unterlässt. Geschichte kann einem dabei helfen, die Untaten der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Mein Motiv, mit den jungen Menschen über die Schoa und über Auschwitz zu reden, ist nicht auf die Vergangenheit gerichtet, sondern in die Zukunft. Indem wir gemeinsam sensibilisieren für die vielen Anfangserscheinungen der Gewalt, die zum Judenmord geführt haben – und davon gibt es mittlerweile wieder sehr viele –, um diesen entgegenzutreten. Die Verantwortungskompetenz in der Gegenwart zu schärfen ist das Motiv für mein Engagement.
Walser: Herr Friedman, ich kenne das von Ihnen, mich hat auch immer Ihr pädagogischer Eros beeindruckt. Aber das ist etwas ganz anderes als meine Herangehensweise. Ich finde das ganz toll, wie Sie das machen, ich habe das auch beobachtet. Aber ich sage auch: Ich komme als erziehendes Element nicht infrage. Ich habe mich immer nur vor die Leute hingestellt und gesagt: Mir geht es so und so. Mach daraus, was du willst und was du kannst. In den Sechzigerjahren bin ich umhergereist und habe eine Organisation gegründet gegen den US-amerikanischen Krieg in Vietnam. Da habe ich nie gesagt: Du musst jetzt unbedingt … Das ist nicht meine Art. [...]