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Mittwoch, 17. Juni 2026

Wie erklärt sich der Anstieg des Antisemitismus?

 Wie erklät sich der Anstieg des Antisemitismus, "der sowohl in der polizeilichen Kriminalitätsstatistik (PKS) wie auch in der von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) deutlich sichtbar ist. Die PKS zählte 2024 6.236 Delikte (2017 waren es noch 1.504), RIAS sogar 8.627 antisemitische Vorfälle. Wie der Soziologe Karl-Heinz Reuband nachweist, begann der kontinuierliche Anstieg des Antisemitismus in der PKS erst, nachdem 2017 die IHRA-Definition von Antisemitismus zum Maßstab staatlichen Handelns gemacht wurde und entsprechende Schulungen und Leitfäden die polizeiliche Arbeit neu ausrichteten. Diese Definition ist wissenschaftlich hochgradig umstritten. Sieben ihrer elf Beispiele beziehen sich auf Kritik oder Feindschaft nicht gegenüber jüdischen Menschen, sondern dem Staat Israel. Peter Ullrich kommt in seinem Gutachten über die Studie zu dem Schluss, sie sei u. a. aufgrund ihrer politischen Instrumentalisierbarkeit (von Seiten bzw. zugunsten Israels) mit politischen Implikationen für die Meinungsfreiheit nicht zu empfehlen. Namhafte Antisemitismus- und Holocaustforscher:innen haben als Alternativdefinition die „Jerusalem Declaration on Antisemitism“ (JDA) entworfen, die Feindschaft gegenüber jüdischen Menschen als jüdischen Menschen von einer Feindschaft gegenüber jüdischen Menschen als Soldaten einer Besatzungsarmee abgrenzt."

https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/der-politische-subtext-der-antisemitismusbekaempfung-94354256.html  FR 17.6.26

Die Veränderung der Definition des Antisemitismusbegriffs führte in der aufgeregten Stimmung während des Gazakriegs dazu, dass "selbst ein Schild mit der Aufschrift „Haben wir aus dem Holocaust nichts gelernt?“ bei einer Demonstration gegen den Gaza-Krieg von einem Berliner Gericht als antisemitische Straftat gewertet" wurde. (FR 17.6.26

Kommentar von Fomtanefan: 

Wenn das wirklich vorgekommen sein sollte: Die Aufforderung, an den Holocaust zu denken, wurde als antisemitische Straftat gewertet, dann ist etwas Gefährliches passiert.

Nicht, dass der Richter im Rahmen seines Ermessensspielraums so geurteilt hätte, finde ich hochgradig bedenklich. Er muss ja einen Ermessensspielraum haben, und es ist denkbar, dass diese Aufforderung in einem Kontext geschah, wo sie als antisemitisch gedeutet werden kannte.

Aber: Wenn das der Fall gewesen sein sollte, dann war diese Aufforderung als solche politisch falsch und insofern zu kritisieren. Aber die Aufforderung als solche darf nicht als antisemitisch gedeutet werden. Sonst wären wir bei einer hochgefährlichen totalitären Sprachverkehrung angelangt, wie sie George Orwell in "1984" als Neusprech gebrandmarkt hat. Eine Antisemitismusdefinition, die diese Folge hat, muss zurückgenommen werden.

Dazu: Eine Zeit lang habe ich die Formulierung des jüdischen Philosophen Ernst Tugendhat begrüßt, die lautete: "Auch ein Deutscher muss die Wahrheit sagen dürfen." Inzwischen habe ich umgedacht: Es gibt im politischen Raum nicht die eine Wahrheit, sondern nur die Wahrheit eines Subjekts (z.B. auch einer Personengruppe) und die auszusprechen ist im Kontakt mit Holocaustbetroffenen sehr problematisch. In einem Diskurs im Sinne von Habermas, muss eine Argumentation Platz finden, auch wenn sie Holocaustbetroffene verstört. Aber es hängt viel davon ab, wer und in welchem Kontext jemand etwas sagt. 

Aber eine Antisemitismusdefinition, die es möglich macht, eine Aufforderung zum Holocaustgedenken als antisemitisch zu werten und ein Krieg, der die Stellung Israels in der Welt gefährdet. die müssen kritisiert werden dürfen, um zu verhindern, dass Kritik am Antisemitismus sich zum Schaden von Juden auswächst. 

 

Mittwoch, 1. Oktober 2025

Antisemitismus ohne Begleitmaßnahme zu sanktionieren ist sinnlos

 Im arabischen Raum ist Antisemitismus weit verbreitet. Deshalb haben viele Syrer, die nach Deutschland  fliehen, eine antisemitische Einstellung.

Die deutsche Regierung sagt, dass Antisemitismus nicht geduldet würde.
Es hat aber keinen Sinn, Antisemitismus ohne Begleitmaßnahme zu sanktionieren, man müsste ein Programm zur Überwindung von Antisemitismus bei arabischen Flüchtlingen beginnen.

Eine israelkritische jüdische Journalistin berichtet über ihre Erfahrungen: "Vorurteile sind wie Blindgänger: Sie können wirkungslos bleiben - oder explodieren, wenn man sie nicht entschärft."  
(Alexandra Berlin, ZEIT 18.1.2018, S.54)


Dienstag, 29. April 2025

Ist Greta Thunberg eine Antisemitin, wenn sie die gegwärtige Politik des Staates Israel angreift?

 Es ist wichtig, sich klarzumachen, was die Hamas aus dem Angriff auf das Welthandelszentrum 2001 gelernt hat: Wenn man einen Staat, der einem militärisch völlig überlegen ist, treffen will, muss man zeigen, dass terroristische Angriffe auf die Zivilbevölkerung trotzdem möglich sind und das nicht nur durch Selbstmordattentate, sondern indem man die Zivilbevölkerung großer Teile des Landes in Angst und Schrecken versetzt.

Im Fall der USA hat das dazu geführt, dass sie Afghanistan angegriffen haben, das sie aber nicht langfristig halten konnten, sondern aus dem sie wie in Vietnam als Verlierer abziehen mussten. Es hat außerdem dazu geführt, dass sie den Irak angegriffen haben, wo es dann zu weltweit zu verfolgenden Folterungen kam, und es hat die Einrichtung eines illegalen Gefangenenlagers auf fremdem Staatsgebiet zur Folge gehabt, das mehrere US-Präsidentschaften überdauert hat, weil alle Versuche, es aufzulösen, gescheitert sind.

Die Absicht der Hamas war es, entsprechende Reaktionen Israels auszulösen. Daher die abscheulichen Mordtaten und Verbrechen und zusätzlich die Geiselnahmen, die dauerhaften Druck auf die israelische Bevölkerung und damit auf die Regierung ermöglichten.

Die erste Reaktion Israels war verhältnismäßig: Tötung von Hamasanführern und die Entmachtung der Hisbollah, die im Norden Israels ein ähnliche Gefahr wie die Hamas darstellte. Völlig unverhältnismäßig war der Angriff auf die Bevölkerung im Gazastreifen, ihre Vertreibung in den Süden mit nachfolgendem Angriff auf die Bevölkerung im Süden, wohin sie geflohen waren. Die Bombardements auf den Gazastreifen dauern inzwischen anderthalb Jahre an, inzwischen sind zigtausende Palästinenser umgekommen (über die Zahl 50 000 lässt sich streiten, über 20 000 sind es inzwischen bestimmt). Nach UN-Angaben sind davon inzwischen etwa 70 Prozent Frauen und Kinder. Hinzu kommt die fast zwei Monate andauernde Blockade von Hilfslieferungen, die nicht damit begründet werden kann, dass zwischen Terroristen und Zivilbevölkerung keine eindeutige Abgrenzung möglich sei. Wenn Israel im Libanon und sogar im Iran Terroristen gezielt töten kann, kann man nicht rechtfertigen, der gesamten Bevölkerung eines Gebietes die Lebensgrundlagen zu entziehen, um weitere Hamasmitglieder auszuschalten.

Kritik an dieser Entwicklung ist kein Antisemitismus. Dass Greta Thunberg angesichts der absehbaren Unverhältnismäßigkeit nicht angemessen auf den seelischen Schock reagiert hat, den die ungeheuerlichen Gewalttaten der Hamas ausgelöst haben, nicht nur in Israel, sondern bei Juden in der ganzen Welt, erkläre ich mir durch ihren Autismus.

Wir Durchschnittsbürger reagieren auf das Leid, das wir mit ansehen müssen, stärker als auf das von Millionen von Opfern von Kriegen und Naturkatastrophen. Autisten haben oft größere Probleme, sich in Menschen einzufühlen. Dagegen hat Greta auf die Gefahren, die der Klimawandel heraufbeschworen hat, angemessener reagiert als wir. Denn beim Klimawandel geht es nicht um "nur" Zehntausende oder Hunderttausende von Todesopfern wie bei Schlachten oder einem Atombombenangriff, sondern um die Gefährdung der Überlebensmöglichkeit von Hunderten von Millionen. Wie J. Randers in seinem neuen Bericht an den Club of Rome zu 2052 nüchtern angemerkt hat: Selbst wenn wegen eines Atomkriegs Milliarden von Menschen umkommen sollten, würde das nichts daran ändern, dass ein weltweiter Temperaturanstieg von 3 oder 4 Grad so viel natürliche Lebensressourcen zerstören würde, dass es für die Lebenschancen der übrigen Menschheit keinen merkbaren Unterschied machte.

Wir Durchschnittsmenschen - oder zumindest solche wie ich - können in diesen Dimensionen gar nicht denken. Greta Thunberg hat sich schon 2018 gewundert, dass über Naturkatastrophen und Kriege mehr berichtet wird als über die uns drohende Weltkatastrophe. Eine Antisemitin ist sie deshalb nicht.

Dienstag, 5. März 2024

Documenta, Antisemitismus und Israel

 "Man muss der Welt das Recht einräumen, die Documenta selbst zu perspektivieren. Perspektivieren, wohlgemerkt, heißt nicht Relativieren. Es geht um die Feststellung verschiedener Wahrnehmungen. 1943 wurden in West-Bengalen 1,5 - 4 Millionen Menschen von Churchill wissentlich dem Hungerstod [!] ausgeliefert. Infolgedessen betrachten Inder:nnen die Rolle Großbritanniens im Zweiten Weltkrieg anders als Europäer:innen. Die Akzeptanz solcher 'gegenläufiger Gedächtnisse' (D..Diner) gehört zu einem Blick auf die Welt, der in der Lage ist, Widersprüche auszuhalten.

Wer in der globalisierten Welt eine 'Weltkunstausstellung' realisieren will, dem kann diese Welt nicht mehr bloße Gegenstand kuratorischen Bemühens sein. Ihre Bewohner:innen sind selbstbewusste Akteur:innen auf der Bühne, auf die man sie eingeladen hat. Dem Divergenten einen Platz zu gewähren, stellt daher die einzige Möglichkeit da, über seine Legitimität oder Illegitimität zu urteilen, denn darüber kann einzig im Diskurs entschieden werden." (Leonhard Emmerling u. Wolf Iro: Quo vadis Documenta? in: Frankfurter Rundschau 5.3.24, S.26/27)

Ich übernehme den Hinweis auf Churchills 'wissentlich' ungeprüft und weise ebenfalls ungeprüft auf das (auf Stalin gemünzte) Wort, gegen Hitler, werde er (Churchill)  sich 'mit dem Teufel selbst verbünden' und auf Rolf Hochhuths Angriff auf Churchill im Zusammenhang mit den Bombardierungen (Luftkrieg, bekanntlich von Deutschland begonnen) deutscher Großstädte ('zweite Front') und den Unfall (?) der polnischen Exilregierung bei dem Flug mit einem britischen Flugzeug sowie auf Gandhis Solidaritätsbotschaft an Hitler angesichts der gemeinsamen Gegnerschaft Großbritanniens. Letzteres schreibe ich in der Überzeugung, dass ich Gandhis moralische Autorität damit nicht gefährden kann, um klarzumachen, dass menschliche Perspektiven in einer 'Welt voll Teufeln' (Luther) immer wieder unvereinbar sein werden.

Donnerstag, 29. Februar 2024

No other Land (Film)

 No other Land (Dokumentarfilm)

Der israelische Regisseur Yuval Abraham sagte in der Rede zur Preisverleihung bei der Berlinale:

"Basil und ich sind im selben Alter, ich bin Israeli, er ist Palästinenser. Und in zwei Tagen werden wir in ein Land zurückgehen, wo wir nicht gleichberechtigt sind. Ich lebe unter Zivilrecht, Basil unter Militärrecht. Wir leben 30 Minuten voneinander entfernt: ich habe das Wahlrecht, Basil nicht. Ich habe die Freiheit hinzugehen, wohin ich will, Basil ist wie Millionen andere Palästinenser eingesperrt in den besetzten Gebieten. Diese Situation von Apartheid zwischen uns, diese Ungleichheit, sie muss enden. Und wir fragen, wie wir einen Wandel erreichen, um die Besatzung zu beenden, um eine politische Lösung zu erreichen."

Berlins regierender Bürgermeister Kai Wegner kritisierte auf X die Reden der beiden Regisseure als eine „untragbare Relativierung“ und antisemitisch und forderte von der Festivalleitung Konsequenzen hinsichtlich zukünftiger Veranstaltungen.[12]

Wikipedia: "Abraham ist Nachfahre von Holocaustüberlebenden.[2] Der Großteil der Familie von einem seiner Großväter wurde von den Nationalsozialisten während des Holocausts ermordet. Eine seiner Großmütter wurde in einem Konzentrationslager in Libyen geboren.[2]"

Ist es angemessen, sine Worte als antisemitisch zu bezeichnen?

Dazu auch:

West-Eastern Divan Orchestra: "Die Gründer – Said verstarb 2003 – teilten die Vision von einem friedlichen Zusammenleben der Völker im Nahen Osten. Der Name ist von dem West-östlichen Divan abgeleitet, einer Gedichtsammlung, zu der Johann Wolfgang von Goethe von dem persischen Dichter Hafis und dessen Dīwān (Gedichtsammlung) inspiriert wurde.

Das Ensemble wurde 1999 in Weimar im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt von dem argentinisch-israelischen Dirigenten Daniel Barenboim, dem in Palästina geborenen amerikanischen Literaturwissenschaftler Edward Said sowie dem damaligen Generalbeauftragten der Europäischen Kulturhauptstadt, Bernd Kauffmann, gegründet[1][2] und setzt sich aus jungen Musikern im Alter von 14 bis 25 Jahren zusammen, die aus ÄgyptenSyrienIran, dem LibanonJordanienTunesienIsraelPalästina und Andalusien kommen und sich einmal im Jahr für eine Arbeits- und anschließende Aufführungsperiode treffen. Nach zwei Arbeits- und Aufführungsphasen in Weimar in den Jahren 1999 und 2000 ist der heutige Sitz des Orchesters in Sevilla. 2007 wurde das Orchester mit dem Praemium Imperiale Grant for Young Artists ausgezeichnet. Der Mitbegründer Daniel Barenboim ist als einziger Mensch auf der Welt gleichzeitig israelischer und palästinensischer Staatsbürger.[3]


Meiner Meinung nach war das ungeheuerliche Massaker, das die Hamas am 7.10.2023 in Israel beging, darauf ausgerichtet, das Trauma des Holocaust auch in den heutigen Juden wieder aufleben zu lassen und die israelische Regierung denselben Fehler begehen zu lassen, wie ihn die US-Regierung nach dem Angriff auf das Welthandelszentrum am 11.9. 2001 begangen hat, in ihrem "Krieg gegen den Terror" das Maß zu verlieren und letztendlich ihre Unterstützer in Afghanistan im Stich zu lassen. Besonders perfide die Geiselnahme, die die Angehörigen der Geiseln dazu bringen soll, von ihrer Regierung die Freilassung der Geiseln zu fordern, die doch nur die Geiselnehmer, die Hamas, verwirklichen können. 

Die, die trotz all dem weiter eine Verständigung zwischen Palästinensern und Israelis anstreben, als Antisemiten zu bezeichnen, verstellt meiner Meinung nach den einzigen Weg, der langfristig zur Lösung der Konflikts beitragen kann: eine Verständigung zwischen den Opfern dieses Konflikts. 

Dienstag, 21. November 2023

Ist Greta Thunberg Antisemitin? - Bisher sind von ihr nur Aussagen zur Solidarität mit Palästinensern bekannt.

 Ich habe meinerseits keine antisemitische Äußerung Greta Thunbergs gefunden, allerdings auch keine, in der sie im Zusammenhang mit ihrer Forderung nach Frieden und Gerechtigkeit ausdrücklich darauf hinweist, dass die Hamas mit bestialischen Morden und mit ihren Geiselnahmen dagegen verstoßen hat. Muss man das aber tun, wo doch inzwischen bekannt ist, wie sehr die Hams von den Palästinensern im Gazastreifen abgelehnt wird?

Jens Berger ist der Frage nach Gretas Anisemitismus intensiver nachgegangen und verbindet das mit scharfen Angriffen auf Organe der deutschen Qualitätspresse. Die Angriffe mache ich mir nicht zu eigen. Aber für antisemitisch kann ich Thunbergs Äußerungen weiterhin nicht halten. 

"Der aktuelle SPIEGEL widmet der „Greta-Frage“ als Titelthema gleich ganze 14 Seiten; 14 Seiten, auf denen sich der SPIEGEL fragt, ob die Schwedin „Antisemitin oder einfach nur naiv“ ist und die Antwort trotz Fragezeichen gleich mitbringt: Ja, das Vorbild unserer Kinder ist eine Antisemitin. Was hat Thunberg verbrochen, wird man sich nun fragen. Doch auf diese Frage findet man auch nach mehrfacher Lektüre der SPIEGEL-Titelstory keine Antwort. [...]

Startschuss der Kampagne war ein Beitrag, den Thunberg am 20. Oktober in den sozialen Netzwerken verfasst hat und in dem sie zusammen mit drei anderen Klimaaktivistinnen ihre Solidarität mit den Palästinensern ausdrückte und einen Waffenstillstand fordert. [...] 

auf einer Klimademo in Amsterdam [...] stand Thunberg mit einer Kufiya auf der Bühne und sagte, die Klimaschutzbewegung habe die Pflicht, „auf die Stimmen jener zu hören, die unterdrückt sind und für Frieden und Gerechtigkeit kämpfen“. Sie haben richtig gelesen. Dieses Zitat wird im SPIEGEL-Artikel tatsächlich als Beleg für eine antisemitische Grundhaltung Thunbergs herangezogen. [...]" (Jens Berger, Nachdenkseiten 21.11.23)


Montag, 16. Oktober 2023

Man sollte annehmen, solche Kommentare könne es gar nicht geben

 „Der Terror der Hamas ist keine Eskalationsstufe, nein, es ist einfach nur eine andere Ausdrucksform. Die widerlichste, verachtungswürdigste von allen, der heimtückische Mord, das Massaker. Aber der Hass, er hat dieselbe Wurzel: Antisemitismus. Die Anti-Corona-Demonstranten sind ebensolche Antisemiten.“ 

"Noch vor anderthalb Jahren, nicht vor 80, standen 50.000 Menschen am Brandenburger Tor, und in ihren vom Hass dumm gewordenen Gesichtern war auch der Judenhass zu erkennen. Der deutsche, über Jahrhunderte gegärte, garstige Judenhass."

Woraus kann man bei einer Corona-Demonstration auf Judenhass schließen? Aus den Gesichtern? und das bei 50 000 Menschen??

Beifall für Verschwörungstheorien, die den guten Willen von Bill Gates nicht nut in Zweifel ziehen, sondern als belegt ausgeben. Das könnte beweisen, dass hier Hass geschürt werden soll, aber von fern gesehene Gesichter sollen Judenhass beweisen. 

Wie kann man den erkennen, selbst wenn man aus nächster Nähe in ein von blinder Wut verzerrtes Gesicht schaut?  Angesichts einer solchen  Behauptung ist schon geradezu belanglos, dass man auch erkennen können soll, wie alt das Hassgefühl einer Person ist.

Quelle: https://www.nachdenkseiten.de/?p=105354  - Noch darf man hoffen, dass hinter der Bezahlschranke ein ganz harmloser Text steht und der Autor die haarsträubenden Behauptungen nur erfunden hat. Hoffen darf man, aber halten Sie diese Hoffnung auch für begründt?

Donnerstag, 7. September 2023

Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz: „Aus Vorsicht sagt man lieber nichts“

 

Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz: „Aus Vorsicht sagt man lieber nichts“ FR 1.9.2023 Interview von Michael Hesse

"[...] Gibt es Unterschiede zwischen dem rechten und linken Antisemitismus?

Auf der äußersten Rechten gehört Antisemitismus, also Feindschaft gegen Juden, zur ideologischen Grundausrüstung. Das kann man auf der linken natürlich überhaupt nicht sagen. Und jetzt wird die Sache komplizierter. Wenn man Antisemitismus definiert als Judenfeindschaft, dann kommt das auf der Linken nicht vor. Wenn man jede Form von Abneigung gegen Israel, Antizionismus, jede Kritik am Regierungshandeln israelischer Politiker, wie es heute sehr verbreitet ist, als Antisemitismus wertet, dann gibt es das natürlich auch stärker und in größerem Maße auf der linken Seite.

Wie genau lässt sich Antisemitismus definieren?

Ein Antisemit ist einer oder eine, der oder die die Juden nicht mag, weil sie Juden sind. So trivial und schlicht ist das im Grunde. Die wissenschaftliche Betrachtung differenziert eine klassische Judenfeindschaft, die religiös motiviert ist, an der beide christlichen Kirchen eine große historische Schuld haben. Das ist der Antijudaismus, der Juden ablehnt, weil sie die Heilsbotschaft des Christentums verweigern. Das ist die erste Form, der Nährboden, die klassische Form von Judenfeindschaft. Darauf gründet dann, im 19. Jahrhundert entstanden, die Judenfeindschaft, die jetzt den Oberbegriff für alle Formen gibt, den Antisemitismus.

Was unterscheidet diesen?

Das ist die Judenfeindschaft, die nicht die religiöse Überzeugung, sondern die „Gene“, das „Blut“ in Anspruch nimmt. Sie behauptet, scheinbar wissenschaftlich fundiert, die vermeintliche Andersartigkeit, die Schlechtigkeit, die Verworfenheit der Juden beweisen zu können. Da sprach man von arischem und nicht-arischem „Blut“ und derlei Unsinn. Wir wissen heute, dass es keine Rassen gibt. Aber es gibt weiterhin Rassismus, die prägende Form der Judenfeindschaft ist der Antisemitismus, der seit dem 19. Jahrhundert mit dem Höhepunkt der Hitler-Herrschaft genetisch mit pseudo-wissenschaftlichen Behauptungen argumentiert. Es gibt dann die Judenfeindschaft nach dem Holocaust, aus Schuldumkehr, aus Schuld und Scham geboren. Die Gelehrten nennen das den sekundären Antisemitismus. Und dann gibt es den Hass gegen die Juden, weil es Israel gibt. Das ist im Augenblick der sensibelste Punkt. Das führt auch zum größten Politikum. Was darf man sagen? Ist man Antisemit, wenn man sagt, der israelische Ministerpräsident treibt eine verwegene Politik? Aus Vorsicht sagt man lieber nichts. [...]

Warum durfte die Nakba-Ausstellung nicht auf dem Kirchentag gezeigt werden? Was sagt das über die Diskussionskultur in Deutschland aus?

Eigentlich ist das Ausdruck einer demokratischen Katastrophe, die wir gerade erleben. Dass man aus Furcht, das Falsche zu tun, lieber schweigt und regelrechte Schweigegebote errichtet. Die Nakba, also der Heimatverlust der Palästinenser, der Hand in Hand mit der Staatsgründung Israels geht, wird einfach aus dem deutschen Bewusstsein entfernt. Alle begrüßen wir mit gutem Recht die Gründung Israels als Heimstatt für die Juden. Aber wir tun so, als sei Israel im luftleeren Raum entstanden. Und wenn die evangelische Kirche wie jetzt auf dem Kirchentag sich daran beteiligt und sagt, wir wollen davon nichts wissen, das darf es nicht gegeben haben, dieses Ereignis, dann ist das katastrophal. Es ist doch keinerlei Schuldvorwurf damit verbunden, wenn man der Nakba gedenkt und über sie spricht. Man fordert damit doch nicht den Untergang Israels, sondern will nur auch des Leides der anderen gedenken. Solange das nicht geschieht, wird es keinen Frieden in der Region geben. Stattdessen soll die Tatsache im allgemeinen Bewusstsein getilgt werden. Wenn der Deutsche Bundestag unter der Flagge „Antisemitismus bekämpfen“ einen Beschluss gegen die BDS-Boykott-Aktion fasst und meint, er habe damit jetzt ein starkes Zeichen gegen den Antisemitismus gesetzt, dann ist das ein Irrtum, dann ist das Teil einer Verweigerungshaltung, historischen Realitäten ins Auge zu sehen. [...]

Die rechtsgerichtete israelische Regierung hat einen erheblichen Einfluss auf die deutsche Meinung. Das funktioniert natürlich auch über die Antisemitismus-Beauftragten, die es in Bund und Ländern und Behörden gibt, die mit großem Eifer und oftmals weniger Sachkenntnis ihre Tätigkeit ausüben und ein offenes Ohr haben für alles, was unterdrückt werden muss, weil es nicht in die offizielle Linie einer philosemitischen Kultur und bedingungsloser Israel-Liebe passt. [...] Die deutsche Regierung verhandelt ja nicht mit irgendwelchen Leuten, sondern muss ihre Gespräche mit der israelischen Regierung führen, das sind ganz selbstverständliche Tatsachen. Die färben aber ab. Das führt zu einem allgemeinen Drang zu äußerstem Wohlverhalten, dass Bürgermeister und Kommunen kritischen Wissenschaftlern keine öffentlichen Räume mehr zur Verfügung stellen, dass Auftrittsverbote ausgesprochen werden. [...] Die Empathie für den Staat Israel als deutsche Staatsräson ist so selbstverständlich geboten, wie die Solidarität angesichts feindlicher Bedrohung des Landes. Kritik an politischen Handlungen ist aber auch Freundespflicht, wie einst Bundespräsident Johannes Rau mahnte."

Wikipedia:

"[...] Benz vertiefte den Vergleich in seinem 2010 veröffentlichten Werk Die Feinde aus dem Morgenland. Wie die Angst vor den Muslimen unsere Demokratie gefährdet. Gemeinsam sei antisemitischen wie islamophoben Vorurteilen „die Einteilung in Gut und Böse sowie das Phänomen der Ausgrenzung“. Ein grundlegender Unterschied sei, dass es „heute nicht mehr um die Emanzipation der Juden, sondern um die Integration der Muslime“ gehe.[18] Benz betonte später, er habe nie Islamfeindlichkeit und Antisemitismus gleichgesetzt, sondern „die Methoden der Ausgrenzung verglichen“. So wie es eine Methode „irgendwelcher ‚Experten‘“ gewesen sei, Judenfeindschaft zunächst mit Inhalten des Talmud und später aus rassistischer Sicht durch „jüdische“ Gene zu begründen, die Juden „zum Bösen geführt“ hätten, gebe es heute Experten, die ähnlich argumentierten: „Was früher Talmud-Hetze war, ist jetzt Koran-Hetze. Man stigmatisiert eine Minderheit als gefährlich, weil es ihr angeblich die Religion befiehlt.“[19] So beurteilte Benz auch die Aussagen von Thilo Sarrazin zur genetischen Disposition von Juden und anderen Gruppen als rassistisch.[20] Auch den Verschwörungstheoretiker Udo Ulfkotte kritisierte Benz scharf. Ulfkotte beschwöre eine „muslimische Weltrevolution“ und einen „geheimen Plan zur Unterwanderung nichtmuslimischer Staaten“. Dies entspringe nur seiner Fantasie, genüge den Fremdenfeinden aber als Versicherung, so wie die Protokolle der Weisen von Zion Antisemiten genügten.[21] [...]"

Donnerstag, 16. Juni 2022

15. documenta

documenta fifteen (Wikipedia)

ruangrupa (Kollektiv von Künstlerinnen und Künstlern, Leitung der documenta 15)

"[...] Als Künstlerkollektiv ist ruangrupa an vielen Gemeinschafts- und Austauschprojekten beteiligt, was die Teilnahme an großen Ausstellungen einschließt wie der Gwangju Biennale (2002 & 2018), der Istanbul Biennale (2005), der Asia Pacific Triennial of Contemporary Art (Brisbane, 2012), der Singapur Biennale (2011), der Biennale São Paulo (2014), der Aichi Triennale (Nagoya, 2016) sowie der Cosmopolis im Centre Pompidou (Paris, 2017). Im Jahr 2016 kuratierte ruangrupa die TRANSaction: Sonsbeek 2016 in Arnheim, NL.[...]"

 Tweets

z.B. What can we potentially do with the COLLECTIVE RESSOURCES ?

artist talk 22.6. light matters

Alice Yard


Liebe Leute, werdet Freunde!  ZEIT 15.6.22

Nie waren sich Kunst und Leben so nah. Erste Eindrücke von der Documenta in Kassel, die am Wochenende beginnt. Von Hanno Rauterberg

Zur Auseinandersetzung über Antisemitismus auf der documenta 15 

von A. Dirk Moses 24.7.22

"Der berechtigte Antisemitismus-Vorwurf gegen das indonesische Künstlerkollektiv Taring Padi auf der documenta15 wird international diskutiert. Doch wie kann man aus der Dialektik von Anklage und Verteidigung herausfinden und die „geschlossenen Welten“ zwischen Norden und Süden öffnen? [...]"


Dienstag, 14. Juni 2022

„Juden werden als weiße europäische Kolonialisten wahrgenommen“ - Antisemitismus?

 Antisemitismus: „Juden werden als weiße europäische Kolonialisten wahrgenommen“ FR 14.6.22 Harry Nutt interviewt Natan Sznaider

"[...] Dass die Documenta beschlossen hat, die aktuelle Ausstellung im Zeichen des globalen Südens auszurichten, ist an sich nicht sonderlich aufregend. Wenn man sie jedoch ganz ausdrücklich im Rahmen eines postkolonialistischen Diskurses positioniert, wird es hochpolitisch, erst recht in Bezug auf Israel. Seit Edward Saids 1978 und 1979 erschienenen Büchern „Orientalism“ und „The Question of Palestine“ ist der postkolonialistische Diskurs explizit antiisraelisch. Juden werden als weiße europäische Kolonialisten wahrgenommen. So gesehen ist postkolonialistisch orientierte Kunst eine, die sich klar gegen die Ausübung jüdischer Souveränität im Nahen Osten wendet. Das hat in Deutschland gerade vor dem Hintergrund der Documenta-Geschichte eine besondere Brisanz.

Worin besteht sie genau?

Es gibt hierzulande ein großes jüdisches Milieu, das sich mit Israel solidarisiert, nicht zuletzt weil es davon überzeugt ist, dass die eigene Sicherheit in Deutschland und Europa durch Israel garantiert wird. In diesem Milieu werden Angriffe auf Israel mit Angriffen auf ihr jüdisches Leben selbst gleichgesetzt. Auf der anderen Seite hat sich ein sogenanntes weltoffenes Kulturmilieu etabliert, das sich ganz bewusst entprovinzialisieren möchte. Man will nicht mehr deutsch, sondern europäisch sein. Und als Europäer sind sie bereit, mit deutschen Tabus zu brechen, deren Akzeptanz lange als selbstverständlich galt, etwa die historische Einzigartigkeit des Holocaust. Zu diesem neuen Selbstverständnis gehört auch die Kritik an Israel, die nun als weltoffen gilt. Daraus sind neue Widersprüche entstanden, die nun auch auf der Documenta ausgetragen werden und ganz sicher nichts mit künstlerischem Geschmack oder Ästhetik zu tun haben. [...]

Hat sich die Documenta GmbH vor der Auseinandersetzung mit dem Thema BDS weggeduckt?

Wenn man guten Willens ist, könnte man ihr zumindest Naivität attestieren. Vielleicht war man geneigt, in bester Absicht progressiv, woke und dem globalen Süden gegenüber aufgeschlossen zu sein. Dabei ist allerdings das wichtigste Merkmal des postkolonialistischen Diskurses vergessen worden: Kontextualisierung. Herkunft, soziales Gefälle, Sprecherposition – alles ist bedeutend. Bei der Documenta scheint man aber davon ausgegangen zu sein, dass die Ausstellung auf einem globalen Mond stattfindet und nicht in der deutschen Provinz. Ich vermute, dass dieses Missverständnis sehr viel mit einer neu entstandenen deutschen Kulturelite zu tun hat, die nicht mehr deutsch sein will. Die Kunst dient da gewissermaßen als Katapult für einen ideellen Befreiungsschlag. Mit der Bezugnahme auf postkoloniale Narrative meinte man wohl, sich der eigenen Geschichte entledigen zu können. [...]"

Freitag, 4. März 2022

Stepan Bandera - Gewalterfahrungen in der Ukraine

 "Während der Majdan-Proteste 2013 und 2014 in Kiew wurde Bandera nicht nur von nationalistischen, sondern auch von sich für die Demokratie einsetzenden Ukrainern als Identifikationsfigur genutzt. Seine politischen Ansichten und ideologischen Einstellungen sowie seine Rolle als der Prowidnyk einer Bewegung, die einen faschistischen Staat proklamierte, ihn von Juden, Polen und Russen säubern und mit Hitler, Mussolini, Franco und Pavelić kollaborieren wollte, sind vor allem in der Westukraine und der ukrainischen Diaspora bis heute weitestgehend unbekannt."

(Grzegorz Rossoliński-Liebe: Stepan Bandera und die gespaltene Erinnerung an die Gewalt in der Ukrainehttps://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/ 19.2.22)

Stepan Bandera (Wikipedia)

Mittwoch, 8. Dezember 2021

Zum Antisemitismusbegriff

 Julia Bernstein Israelbezogener Antisemitismus: Erkennen – Handeln – Vorbeugen“ 2021

Leseprobe aus Bernstein, Israelbezogener Antisemitismus. Erkennen – Handeln – Vorbeugen, ISBN 978-3-7799-6359-2 © 2021 Beltz Juventa in der Verlagsgruppe Beltz, Weinheim Basel 

"Wenn es in Deutschland um Israel geht, lässt sich mitunter etwas höchst Seltenes und deshalb Verdächtiges beobachten: Menschen unterschiedlichen Bildungsstandes, unterschiedlicher Gruppenzugehörigkeiten oder politischer Überzeugungen zeigen sich einig darin, dem jüdischen Staat „kritisch“ zugewandt zu sein. Ob Deutsche oder Nichtdeutsche, muslimisch, nichtreligiös oder christlich, von der Universität und dem Bildungsbürgertum zum Stammtisch oder von „Links“ über die „Mitte der Gesellschaft“ hin zum Rechtsextremismus: häufig finden die unterschiedlichsten Menschen über eine ablehnende Haltung zum jüdischen Staat zusammen. 

„Es ist so schrecklich, was da unten los ist, was die Israelis jetzt in Palästina machen.“ Eine solche Aussage ist deshalb immer wieder aus allen Ecken zu hören, auf jeden Fall dann, wenn man als Jude in Deutschland auf diesen „Missstand“ angesprochen wird (Zick et al. 2017a, S. 69 ff.; Bernstein 2020, S. 84 ff.). Sie kommt scheinbar ganz unverfänglich als Meinungsäußerung über Israel oder den Nahostkonflikt daher und geht deshalb vielen Menschen leicht über die Lippen. Nicht nur das, mit solchen Aussagen machen Menschen ihrem Ärger Luft: Es gehe ja gar nicht um Juden, mit der deutschen Geschichte, dem Nationalsozialismus und dem Holocaust habe das doch nichts zu tun. Kritik an Israel zu äußern, ja das müsse immer möglich sein, und überhaupt, die Israelis machen ja nicht alles richtig, sind auch nicht besser und den Mund lasse man sich schon gar nicht verbieten. Das lässt schon ersichtlich werden: Die „Israelkritik“ ist der zeitgemäße Ausdruck des Antisemitismus, mit ihr wird heutzutage die Judenfeindschaft legitimiert. Denn nach dem Holocaust ist der Antisemitismus sozial geächtet worden, angesichts des nationalsozialistischen Antisemitismus und der Ermordung von sechs Millionen Juden ist es verpönt, sich zur Judenfeindschaft zu bekennen, oder schlicht undenkbar, das negative Gefühl Juden gegenüber überhaupt einzugestehen, obwohl das Bild von den Juden sich nach dem Holocaust nicht verändert hat. Ein „Israelkritiker“ zu sein, steht den Menschen besser zu Gesicht als ein Antisemit zu sein. Die alten Feindbilder über Juden werden aber einfach auf Israel übertragen, das negative Gefühl den Juden gegenüber übersetzt sich in eine Meinung über Israel, die dann im Zweifel als „Kritik“ rationalisiert wird. So hat der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt in einem Essay schon früh festgestellt (1980, S. 93): „Kein Mensch ist heute mehr Antisemit, man versteht nur die Araber.“ 

Der Antisemitismus hat nach dem Holocaust also mit dem Israelbezug eine Form angenommen, die die soziale Ächtung der Judenfeindschaft in Deutschland nach dem Holocaust unterläuft. Manche Menschen stellen sich voller Überzeugung und Engagement gegen den Antisemitismus, wie er in seiner rassistischen Variante die Vergangenheit geprägt hat, sie tragen dann also mitunter seine Ächtung vor sich her, und verfestigen ihn gleichzeitig über die „Israelkritik“ in der Gegenwart. 

Diese Janusköpfigkeit der Deutschen prägt den Antisemitismus der Gegenwart: Zum einen gerieren sich Menschen vor dem Hintergrund oder gar wegen der nationalsozialistischen Geschichte und des Holocausts als geläutert und beschwören die Verpflichtung zur Ächtung des Antisemitismus immer wieder in Sprechblasen wie „Wehret den Anfängen“ verpackt herauf, zum anderen weisen Umfragen aus, dass sich der israelbezogene Antisemitismus in den Einstellungen von vierzig Prozent der Bevölkerung zeigt (vgl. Zick et al. 2017b, S. 27).

Denn nach dem Holocaust ist der Antisemitismus sozial geächtet worden, angesichts des nationalsozialistischen Antisemitismus und der Ermordung von sechs Millionen Juden ist es verpönt, sich zur Judenfeindschaft zu bekennen, oder schlicht undenkbar, das negative Gefühl Juden gegenüber überhaupt einzugestehen, obwohl das Bild von den Juden sich nach dem Holocaust nicht verändert hat. Ein „Israelkritiker“ zu sein, steht den Menschen besser zu Gesicht als ein Antisemit zu sein. Die alten Feindbilder über Juden werden aber einfach auf Israel übertragen, das negative Gefühl den Juden gegenüber übersetzt sich in eine Meinung über Israel, die dann im Zweifel als „Kritik“ rationalisiert wird. So hat der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt in einem Essay schon früh festgestellt (1980, S. 93): „Kein Mensch ist heute mehr Antisemit, man versteht nur die Araber.“ [...]"

Gert Krell/Michael Brumlik: Dämonisierung, Delegitimisierung und Doppelstandards FR 8.12.21, S.22/23

"[...] Antisemitisch, antizionistisch, antiisraelisch oder israelkritisch sind Begriffe für sehr verschiedene Einstellungen; alle vier können in Kombinationen auftreten, aber auch für sich stehen. Es gibt auch proisraelische Antisemiten; und es gibt Menschen, die Israel sehr gewogen sind, zugleich aber auch kritisch gegenüberstehen – nicht weil sie Antisemiten wären, sondern aus Sorge um seine Zukunft.
Julia Bernsteins Mischung aus Kampf gegen Antisemitismus mit Kampf gegen Kritik an der Besatzung und an der großisraelischen Politik der israelischen Rechtsparteien führt bei ihr zu einer maßlosen Überziehung des Antisemitismusvorwurfs. Damit aber schadet sie dem Kampf gegen den real existierenden Antisemitismus; auch und gerade in der politischen Bildung. Lehrer:innen dürfen durchaus ihre eigene politische Meinung zu kontroversen Sachverhalten in ihre Klassen einbringen; aggressive Werbung für die eigene Position, vor allem, wenn sie auf einem Pol einer breiten Debatte angesiedelt ist, ist jedoch nicht zulässig. Auf jeden Fall aber müssten auch andere Positionen zur Sprache kommen. Das hieße für den Nahostkonflikt, auch die innerisraelischen, innerjüdischen oder die allgemeinen wissenschaftlichen Kontroversen (auch über den Antisemitismus-Begriff!) wenigstens anzudeuten [...]
Das größte pädagogische Versäumnis der Autorin aber liegt darin, dass sie Lehrer:innen und Schüler:innen keine Perspektive anbietet. Ein Konflikt, in dem die eine Seite die andere vernichten will und die andere sich nur verteidigt, hat ja auch keine Perspektive außer der militärischen Selbstbehauptung. Wie sollen denn Schüler:innen und Jugendliche mit jüdischen oder arabischem bzw. muslimischem Hintergrund auf Julia Bernsteins Diagnose reagieren? [...]"

Dabei besonders wichtig erscheint mir der Beitrag von Stephan Hebel. Im Anschluss darauf gehe ich dort darauf ein, dass selbst Hebels klare Differenzierung bei kürzeren Äußerungen ausreicht, Israelkritik und Antisemitismus eindeutig zu unterscheiden. Für eine solche Unterscheidung ist immer eine Betrachtung des Kontextes nötig, sowohl des Argumentationskontextes wie des Handlungskontextes. 

Dienstag, 18. Mai 2021

Israel: Der Unterschied zwischen legitimer Kritik und Antisemitismus

"Das Besondere am Verhältnis zu Israel zu wahren, ohne beim Umgang mit seiner Politik allgemeine ethische Maßstäbe aufzugeben – das erfordert mehr als noch so berechtigte Empörung über offenen Antisemitismus. [...]" Stephan Hebel, FR 17.5.21 (Druckausgabe: 18.5.)

Dabei formuliert Hebel folgende notwendige Voraussetzungen legitimer Israelkritik:

"Erstens: Die Existenz Israels hat mit den historischen Verbrechen Deutschlands so viel zu tun, dass wir kein Recht besitzen, sie infrage zu stellen. Genauso wenig wie das Recht dieses Landes, sich gegen Terror zu verteidigen. [...]

Zweitens: Auch wenn Jerusalem die Bevölkerung in den besetzten Gebieten auf höchst kritikwürdige Weise abwertet und entsprechend behandelt: Es sind nicht „die Juden“, die das tun, es ist die Regierung des Staates Israel. [...]

Drittens: Zu den Grenzüberschreitungen zwischen Kritik an Israel gehört das sogenannte Anlegen doppelter Standards: Israel wird oft in einer Weise geschmäht, die in Bezug auf Raketen aus Gaza oder auch auf Terrorregime anderswo in der Welt unterbleibt. Nur wer überall gleiche Maßstäbe anlegt, kann mit Kritik überzeugen. Nur wer nicht so tut, als sei der Palästina-Konflikt eindeutig einer Seite anzulasten, wird dem Thema gerecht. [...]"

Diese ausgezeichnete, differenzierte Unterscheidung zwischen Antisemitismus und legitimer Kritik habe ich mir schon lange gewünscht, hätte sie aber in dieser Klarheit nicht formulieren können. Es lohnt sich unbedingt, den vollständigen Beitrag nachzulesen, ob in der Druckausgabe der Frankfurter Rundschau vom 18.5.21 oder den obigen Link.

Ich möchte hinzufügen: Der Anspruch, den Hebel hier ansetzt, ist sehr hoch. Manche kürzere Formulierung kann dabei Antisemitismus zugeordnet werden, obwohl sie nicht so gemeint ist. Andererseits kann auch bei formaler Erfüllung der Forderung Hebels ein Text geeignet sein, von Antisemiten in ihrem Sinne missbraucht zu werden, wenn er verkürzt wiedergegeben wird. Insofern sollte man beachten, dass in einer aufgeheizten Situation ein Text als antisemitisch verstanden werden kann, der Hebels Kriterien genügt.

Hinzufügen möchte ich: Es macht einen großen Unterschied, wer einen Text formuliert. 

Wenn ein Deutscher an der Politik des Staates Israel übt, darf man verlangen, dass er streng im Sinne von Hebel formuliert. Jemandem, der die Vorgeschichte des Staates Israel nicht kennt, sollte man nachsehen, wenn er gelegentlich missverständlich formuliert. Umso wichtiger ist es, dass man antisemitischen Vorurteilen, die in einer Konfliktsituation mit dem Staat Israel im Nahen Osten entstanden sind, in aller Deutlichkeit entgegentritt und mithilft, sie abzubauen. 

Sehr wertvoll ist da die Arbeit, die Daniel Barenboim mit seinem Symphonieorchester leistet, das zu gleichen Teilen aus israelischen und arabischen Musikern besteht. (West-Eastern Divan Orchestra)

Zum Zusammenhang, in dem Antisemitismus gegenwärtig in den USA auftritt:

Saul FriedländerEin fundamentales Verbrechen Die ZEIT 7.7.21 



Montag, 6. Juli 2020

Rassismus in Deutschland wird noch immer mit einem "sehr weißen Blick" betrachtet

https://www.fr.de/politik/deutschland-usa-rassismus-black-lives-matter-schwarze-juden-antisemitismus-13822506.html

"[...] Rassismus: Aus Solidarität muss breite Einmischung werden 
Womit der Begriff der White Supremacy ins Spiel kommt als einer Ideologie, mit der die eine Gruppe sich über die andere(n) erhebt. Wie steht es um so verstandenen „Weißen Rassismus“ bei uns? Bricht da nicht gerade etwas zum Besseren auf? Ajnwojner bleibt skeptisch. Sie sieht selbst in der aktuellen deutschen Debatte einen „sehr weißen Blick“, vor allem, wenn es um Alltagserfahrungen von Rassismus geht: „Die Fäden haben nicht die Betroffenen in der Hand.“ Erreicht sei erst etwas, wenn aus der gegenwärtigen vielstimmigen Bekundung von Solidarität auch breite, auf strukturelle Veränderungen zielende Einmischung wird.
Andererseits: Die Betroffenen treiben den Wandel selbst voran. Postmigrantische Selbstorganisationen, PoC und Schwarze Deutsche, Institutionen wie das jüdische Förderungswerk ELES und andere prägen die aktuellen Debatten und Proteste wesentlich mit und vernetzen sich zunehmend, auch wenn das nicht ohne schwierige Aushandlungsprozesse und Konflikte geht. Vor allem aber drängt ihre Klientel immer mehr in die Institutionen. Zwar sind es bei weitem noch nicht genug, aber sie werden dort bleiben und Wirkung entfalten, wenn die Solidaritätswellen abgeebbt sind."
 (Von Ursula Rüssmann)


Samstag, 16. Mai 2020

Antisemitismus ein komplexes Phänomen

Zu dem sehr komplexen Thema Antisemitismus gibt es drei neuere Publikationen, die am 16.5. in der Frankfurter Rundschau besprochen wurden: 
Christian Thomas: ANTISEMITISMUS. Jude in Deutschland 16.5.20 FR
Es wird deutlich, dass das Thema Antisemitismus sehr komplex ist und dass es äußerst schwierig ist, ihn zu bekämpfen, ohne das Missfallen derer zu erregen, die eine andere Art der Bekämpfung für sinnvoller halten.
Daniel Barenboim hat mit dem West-Eastern-Divan-Orchestra viel dazu beigetragen, dass Juden und Araber, Israelis und Palästinenser bei der gemeinsamen Arbeit an Musik, die ihnen gefällt, zueinander finden und  sich besser verstehen.
Dennoch sieht er besonders genau, weshalb das so schwer ist: Unter Arabern ist Antisemitismus und ein Hass auf Israelis sehr stark verbreitet und Israelis können das verständlicherweise nicht akzeptieren. Das liegt an schwerwiegenden Gründen. Barenboim hat das Problem so beschrieben:
"Wenn es wahr ist, dass die Palästinenser nicht in der Lage sein werden, Israel zu akzeptieren, ohne auch seine Geschichte einschließlich des Holocaust zu akzeptieren, dann ist ebenso wahr, dass Israel nicht in der Lage sein wird, die Palästinenser zu akzeptieren, solange der Holocaust sein einziges moralisches Kriterium für seine Existenz ist."
So werden vermutlich die Bewohner ehemaliger Kolonien nicht akzeptieren, wenn ihnen gesagt wird, das damalige Unrecht sei nicht so schlimm wie der Holocaust. Ein Völkermord wird nicht dadurch "nicht so schlimm", wenn ein sehr viel schlimmerer stattgefunden hat. Gerade Deutsche sollten sich hüten, so zu argumentieren, weil Deutsche sowohl den Völkermord an den Herero und Nama als auch den Holocaust verursacht haben. 

Montag, 24. Februar 2020

Wer kann bestimmen, was Rassismus ist?

Der folgende ZEIT-Artikel vertritt eine höchst ehrenwerte Position, die man zur Kenntnis nehmen sollte, wenn man meiner Argumentation nicht kritiklos auf den Leim gehen möchte. Ich wiederhole aber nicht die gesamte Argumentation, die man nachlesen kann, sondern zitiere hier nur den Schluss, den ich für problematisch halte:
"Selbst der rassistischste AfD-Wähler wird nie die Drohung erfahren, aus diesem Land ausgeschlossen zu werden. Immer werden Politiker der sogenannten Mitte sagen, man muss auch seine Sorgen anhören. Diese Sicherheit des Dazugehörens fehlt Deutschen nichtweißer Hautfarbe. Und wenn wir uns mit unseren Werten ernstnehmen, wenn wir also wollen, dass die Schönheit des ersten Satzes unserer Verfassung zugleich auch eine Wahrheit ist, dann schulden wir es ihnen, diese Sicherheit zu schaffen. Jetzt. Bedingungslos. Für immer." (Rassismus: Bedingungsloses Zuhören)

Meine Behauptung: Wer von Rassismus betroffen ist, merkt es.
Andere können das nicht unmittelbar nachvollziehen, denn menschliche Wahrheit* ist immer subjektiv.*
Wie komme ich darauf?
Ernst Tugendhat hat einmal gesagt: "Auch ein Deutscher muss die Wahrheit sagen dürfen."
Das hielt ich für eine sehr berechtigte Aussage, bis mir auffiel, dass nach dem Holocaust manches, was ich, ein Deutscher, für wahr halte, für einen Holocaustüberlebenden nicht nur grundfalsch sein, sondern eine schwere Verletzung bedeuten kann.
Wahrheit ist also so subjektiv, dass meine Wahrheit zwar sinnvoll in den allgemeinen Diskurs eingebracht werden kann, nicht aber einem Holocaustüberlebenden ins Gesicht gesagt werden kann, ohne ihn tief zu verletzen.

Was hat das mit der Begriffsbestimmung von Rassismus zu tun?
Antisemitismus ist eine Form von Rassismus. Wenn Personen von Antisemitismus betroffen sind, ist das für sie eine schwere Verletzung. Dass sie von Antisemitismus betroffen sind, ist ihre Wahrheit.
Wenn die Regierung Israels als Betroffene bestimmen könnte, was Antisemitismus ist, könnte sie jede Kritik an ihrem Handeln als Antisemitismus bezeichnen und damit die innerisraelische Opposition zu Antisemiten erklären.
Das ist nahe an dem, was gegenwärtig in der Türkei geschieht, wo (weitestgehend) vorurteilsfreie Berichterstattung als Spionage deklariert und als solche bestraft werden kann.

Zu Recht wird der Begriff Rasse als obsolet bezeichnet. Wenn jemand wegen seiner äußerlichen Merkmale abgewertet wird, indem man ihn einer angeblich minderwertigen "Rasse" zuordnet, verdient er daher unsere Solidarität.
Wenn Bangel aber behauptet, nur die Angegriffenen verstünden, was Rassismus ist, begeht er meiner Meinung nach einen Fehler. Er hat Recht damit, dass nur der Angegriffene beurteilen kann, wie verletzend Rassismus ist.
Denn nur in Ausnahmefällen (z.B., wenn man einen Menschen sehr liebt) wird man Verletzungen, die einem anderen zugefügt werden, genauso stark - oder gar stärker - empfinden als die, die einem selbst zugefügt werden. [Folterer versuchen, weil es diese Fälle gibt, gelegentlich, wenn sie die Gefolterten nicht brechen können, ob es ihnen über die Folter ihrer Angehörigen gelingt ihr/ihm ihren Willen aufzuzwingen.]
Hans Magnus Enzensberger hat dazu einmal dem Sinne nach gesagt: Jedem steht der eigene Zahnschmerz mehr weh als das Leid der vielen Millionen auf der Welt.

Deshalb haben die Angegriffenen aber noch nicht das Recht, für die Gesellschaft zu definieren, was Rassismus sei. Dass muss m.E. im gesamtgesellschaftlichen Diskurs geschehen.
Wenn z.B. Menschen in Deutschland Chinesen ausweichen und auf die andere Straßenseite wechseln, weil sie fürchten, von ihnen mit dem Coronavirus angesteckt zu werden, dann ist das in den meisten Fällen eine übertriebene Angstreaktion.* Weil es von den Chinesen aber als Rassismus empfunden werden kann, ist es ein angemessener Ausdruck von Solidarität, auf sie zuzugehen und sie besonders freundlich zu grüßen. (Bei Twitter habe ich einen solchen vorbildlichen solidarischen Akt dokumentiert gesehen.)
Aber wer seine übertriebene Angst nicht überwinden kann, ist deshalb noch kein Rassist, auch wenn sein Verhalten von Menschen, die öfter Rassismus erfahren haben, nahe liegender Weise so gedeutet werden wird.

Die völlig inakzeptablen Beleidigungen von Renate Künast könnten (zumindest theoretisch) subjektive Wahrheiten der Beleidiger sein.
Die Unterscheidung zwischen "Wahrheit" und "Beleidigung" kann aber nicht allein beim Beleidigten und schon gar nicht bei dem, dessen Äußerung als beleidigend empfunden wurde, liegen. Sie muss innerhalb des gesamtgesellschaftlichen Rahmens intersubjektiv geschehen. Entsprechendes gilt für rassistische Äußerungen und nicht-rassistische.

Im Gültigkeitsbereich des Grundgesetzes haben Richter einen Ermessensspielraum, im Rahmen der Gesetze darüber zu entscheiden, was so rassistisch ist, dass es diskriminierend oder gar beleidigend ist. (Andererseits kann solch ein Urteil angefochten werden und öffentliche Urteilsschelte geübt werden. Was zum Glück relativ häufig geschieht.) Ihre Empathie wird immer eine menschlich beschränkte sein. Deshalb kann Rechtsprechung immer nur Annäherung an Gerechtigkeit sein. Für die Fälle, wo sie zu weit davon entfernt ist, gibt es die genannten Korrekturmöglichkeiten, so unvollkommen sie bleiben.

Um auf den Schluss des oben angeführten Artikels aus der ZEIT einzugehen:
Der Satz "Die Würde des Menschen ist unantastbar" ist keine Wahrheit, sondern ein Postulat, das aufgestellt worden ist, weil sie im NS-Staat millionenfach in unerträglicher Weise missachtet worden ist.  Der Auftrag des Grundgesetzes ist: "Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."
Bedingungslose Sicherheit der Menschenwürde zu garantieren geht über die Möglichkeit jeder empirisch feststellbaren Staatsgewalt hinaus. "Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Die ist meine Ansicht. Doch wichtiger ist Karl Jaspers Ermahnung:

"Wir wollen lernen, miteinander zu reden. Das heißt, wir wollten nicht nur unsere Meinung wiederholen, sondern hören, was der andere denkt. Wir wollen nicht nur behaupten, sondern im Zusammenhang nachdenken, auf Gründe hören, bereit bleiben, zu neuer Einsicht zu kommen. Wir wollen uns innerlich versuchsweise auf den Standpunkt des anderen stellen. Ja, wir wollen das uns Widersprechende geradezu aufsuchen. Das Ergreifen des Gemeinsamen im Widersprechenden ist wichtiger als die voreilige Fixierung von sich ausschließenden Standpunkten, mit denen man die Unterhaltung als aussichtslos beendet." 
(Karl Jaspers: Die Schuldfrage. Von der politischen Haftung Deutschland, 2012, Seite 8 – zitiert nach Harald Jähner: Wolfszeit 2019, S. 409)

* Für westliche Ohren mag das befremdlich klingen, nicht aber für asiatische Philosophie.

*  Vgl. D. Bonhoeffer: Was heißt die Wahrheit sagen?

* Mit Angst nichts zu tun hat folgender Vorgang, den ein Spanier aus der S-Bahn berichtet: Bin leicht erkältet, muss niesen. Typ neben mir steht auf, setzt sich weg, funkelt mich böse an und zischt: "Dreckiger Scheiß-Italiener! Dich haben Sie wohl vergessen, wegzusperren?"
Wenn man so etwas nie selbst erlebt hat, fällt Einfühlung natürlich sehr viel schwerer, als wenn man es aus eigener Erfahrung kennt.

Samstag, 4. Januar 2020

Antisemitismus

"Die Ergebnisse einer CNN-Umfrage zu Antisemitismus in Europa haben in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem Beunruhigung ausgelöst. [...]
Viele junge Deutsche wissen laut der Umfrage kaum etwas über den Holocaust. Von den 18- bis 34-Jährigen schätzen rund 40 Prozent, dass sie "wenig" oder "gar nichts" darüber wissen. Das geht aus der Studie des Fernsehsenders CNN hervor. Etwa jeder 20. Europäer hat noch nie etwas über die systematische Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten gehört. [...]
Die Befragten der Studie zu Antisemitismus in Europa äußerten sich nach Angaben von CNN gemischt über Israel. Eine Mehrheit von 54 Prozent ist demnach der Ansicht, dass Israel das Recht hat, als jüdischer Staat zu existieren. Ein Drittel glaube, Kritik an Israel sei meist durch Antisemitismus motiviert. Ein Drittel sagte jedoch auch, Israel nutze den Holocaust als Rechtfertigung für seine Handlungen."

https://www.dw.com/de/yad-vashem-besorgt-wegen-antisemitismus/a-46468603 Deutsche Welle 27.11.2018

"Antisemitismus war ein neuer Begriff für ein altes, auf dem Kontinent weitverbreitetes Phänomen: den Hass auf Juden. Die traditionelle christliche, seit Jahrhunderten bestehende Feindseligkeit gegenüber »den Mördern Christi« hielt sich hartnäckig und wurde vom christlichen Klerus gepflegt [...]
Vom ausgehenden 19. Jahrhundert an wurden die alten, oft bösartigen Formen des Judenhasses von etwas noch Ärgerem überlagert. Nun nämlich vermengten sie sich mit neuen, potenziell mörderischen Rassenlehren, die eine pseudowissenschaftliche, biologische Rechtfertigung für Hass und Verfolgung boten. Die ältere Diskriminierung, die zweifellos schon schlimm genug gewesen war, hatte es Juden gestattet (sie manchmal auch gezwungen), zum Christentum zu konvertieren. Das schloss der wissenschaftlich verbrämte, biologische Antisemitismus aus. Ihm zufolge waren Juden rassisch, »ihrem Blut nach« anders. Ein Jude, so hieß es, könne ebenso wenig zum Franzosen oder Deutschen werden, wie beispielsweise eine Katze zu einem Hund gemacht werden könne. Es war eine Doktrin, die nicht nur auf Diskriminierung hinauslief, sondern auf totalen Ausschluss. Und sie führte potenziell auf den Weg physischer Vernichtung."
(Ian Kershaw: Höllensturz.  Europa 1914 bis 1949, dva 2016 S.36)

Im arabischen Raum ist Antisemitismus weit verbreitet. Deshalb haben viele Syrer, die nach Deutschland  fliehen, eine antisemitische Einstellung.
Die deutsche Regierung sagt, dass Antisemitismus nicht geduldet würde.
Es hat aber keinen Sinn, Antisemitismus ohne Begleitmaßnahme zu sanktionieren, man müsste ein Programm zur Überwindung von Antisemitismus bei arabischen Flüchtlingen beginnen.

Eine israelkritische jüdische Journalistin berichtet über ihre Erfahrungen: "Vorurteile sind wie Blindgänger: Sie können wirkungslos bleiben - oder explodieren, wenn man sie nicht entschärft."  
(Alexandra Berlin, ZEIT 18.1.2018, S.54)


Antisemitismus (Wikipedia)

"Ein Drittel sagte jedoch auch, Israel nutze den Holocaust als Rechtfertigung für seine Handlungen." (Deutsche Welle 27.11.2018)
Wie kommt es zu diesem Ergebnis? Ist vielleicht ein Satz wie "Israel nutzt den Holocaust als Rechtfertigung für seine Handlungen." als eine von mehreren multiple-choice-Alternativen vorgegeben worden?
Dann könnte es sein, dass viele dieses Statement angekreuzt haben, weil sie der Ansicht sind, die gegenwärtige Siedlungspolitik der Netanjahu-Regierung sei unverantwortlich und nicht durch den Verweis auf den Holocaust zu rechtfertigen.
"Vorurteile sind wie Blindgänger".
Hilft die CNN-Umfrage das Vorurteil zu verbreiten, "Israel nutze den Holocaust als Rechtfertigung für seine Handlungen". Und soll sie vielleicht als Argument dafür dienen, die gegenwärtige Siedlungspolitik der Netanjahu-Regierung sei durch den Verweis auf den Holocaust zu rechtfertigen?

Mehr zum Thema Antisemitismus und Rassismus in der Gegenwart und seit dem 19. Jahrhundert auf diesem Blog