"[...] Der
britische Markt für Walfischtran begann bereits zu Beginn des 19.
Jahrhunderts allmählich flauer zu werden, denn man verwendete in
zunehmendem Maß Leuchtgas und Paraffin, die beide billiger waren;
dagegen konnten sich die Walfänger von Neuengland eines ständig
zunehmenden Binnenmarkts – in der Hauptsache in den ländlichen
Gebieten – erfreuen. Bis zum Jahre 1820 hatten die Bewohner von
Neuengland ihre alte Vorherrschaft wieder hergestellt; um die Mitte
des 19. Jahrhunderts waren mehr als drei Viertel der gesamten
Walfangflotte der Welt in amerikanischen Händen, und die englischen
Walfangschiffe waren fast ganz aus dem pazifischen Raum und aus den
südlichen Breiten verschwunden.
Während
nun die Britten damit begannen, Ostaustralien und Nordwestamerika
– jedes auf eine begrenzte und ganz spezielle Art – zu besiedeln,
war die Europäisierung der Inseln im pazifischen Ozean im späten
18. und im frühen 19. Jahrhundert in erster Linie das Werk der
amerikanischen Walfänger und Händler. Diese Männer waren
gewissermaßen das nautische Pendant zu jenen Pionieren, die den
amerikanischen Westen besiedelten, und sie waren ebenso wie jene
repräsentativ für die vermutlich wohl destruktivste Gesellschaft,
die es auf der Welt jemals gegeben hat. Sie beuteten die Inseln wie
völlig zügellose Privatunternehmen aus; es gab damals dort keine
verantwortliche Regierung, die sie in irgendeiner Form zur Mäßigung
gezwungen oder einer Kontrolle unterworfen hätte. Den Walen selbst
war nicht sofort dasselbe Los beschieden wie den Seeottern; das blieb
späteren Zeiten vorbehalten, in denen die Jäger in starkem Maß mit
mechanischen Hilfsmitteln arbeiteten.
Auch
die Polynesier erlitten nicht gleich das Schicksal der Mohawks, denn
weder die Walfischjäger noch die Händler ließen sich für dauernd
in ihrem Territorium nieder. Dass man jedoch diese wilden Horden von
disziplinlosen Seeleuten auf die Inselbevölkerung losließ,
erschütterte die fragilen Gesellschaftsstrukturen der Inselbewohner.
In Tahiti hatte der Zerfall der polynesischen Lebensformen fast
gleichzeitig mit dem Besuch der ersten Europäer auf dieser Insel
begonnen. Sowohl Cook als auch Bougainville hatten diese Entwicklung
vorausgesagt, und beide hatten auch die Faktoren richtig erkannt, die
die Hauptschuld an dieser Entwicklung trugen: die bekannte Gruppe
ansteckender Krankheit – einschließlich der Geschlechtskrankheiten
–, die sich unter den isolierten Völkern, denen es an
entsprechender Immunität mangelte, rasend schnell ausbreiteten; eine
gefährliche Abhängigkeit von europäischen Werkzeugen und
Gebrauchsgegenständen und eine sich daraus konsequent ergebende
Vernachlässigung angeborene Kunstfertigkeiten, die bis zu deren
völligem Verlust reichte; schließlich noch eine zunehmende
Missachtung der traditionellen Disziplin und eine Gleichgültigkeit
gegenüber den Sanktionen, mit deren Hilfe sie bisher aufrecht
erhalten worden war. Diese Entwicklung wurde natürlich dadurch
gefördert, dass sich im Inselbereich mächtige fremde Männer
befanden, denen gegenüber diese Sanktionen wirkungslos waren.
Nach
seinem zweiten Besuch auf Tahiti im Jahr 1792 berichtete Bligh, dass
bereits Waldfangschiffe die Insel anliefen; die Herstellung von
Steinäxten und von tapa – Kleidung aus Feigenbaumbast,
deren Schönheit Cook so gerühmt hatte – war fast völlig
eingestellt worden; viele Eingeborenen hatten ihre anmutige eigene
Kleidung weggeworfen und dafür die abgelegten Kleidungsstücke der
Seeleute angezogen, und selbst ihre Sprache hatte sich mit einer Art
englischem Jargon durchsetzt. Sie waren schmutzig geworden, viele
Inselbewohner infizierten sich mit Geschlechtskrankheiten, und diese
Krankheiten breiteten sich mit rasender Eile weiter aus. (S. 508-510) (sieh auch: Fortsetzung S.510-512)
(John H. Parry: Europäische Kolonialreiche. Welthandel und Weltherrschaft im 18. Jahrhundert, Kindlers Kulturgeschichte Europas, Copyright Parry 1971, dtv 1983)
"[...] Der Walfang erreichte den Höhepunkt seiner internationalen Bedeutung etwa zwischen 1820 und 1860. [...] Neuentdeckungen von Walpopulationen lösten "Ölkämpfe" zwischen einzelnen Schiffen und ganzen nationalen Flotten aus, die an den Goldrausch in Kalifornien oder Australien erinnerten. [...] 1848 reiche Walfanggründe entdeckt, vor allem bevölkert von dem heute fast verschwundenen Grönlandwal, die wichtigste Entdeckung überhaupt im Walfang des 19.Jahrhunderts, denn keine Walart liefert durch ihre Barten besseres "Fischbein". Sie führte zur ersten kommerziellen Präsenz der USA im maritimen Norden, [...] Das Interesse der USA an Alaska wäre ohne diese vorausgehende Entwicklung kaum denkbar. [...] Die 1870er Jahre waren eine allgemeine Krisenzeit für den amerikanischen Walfang. Die einstweilige Rettung kam von der Nachfrageseite durch das neue Schönheitsideal der Wespentaille und die dadurch gestiegenen Ansprüche an eine Korsett-Technik, die auf die feste Elastizität von Fischbeinstäbchen angewiesen war. Es lohnte sich jetzt, noch weiter auf dem Meer vorzudringen. [...]
Das einzige nicht-westliche Volk, das unabhängig von westlichen Einflüssen Walen nachstellte, waren die Japaner. [...] Seit dem späten 17.Jahrhundert verwandte man statt des Harpunierens die Methode, Wale (die vor Japan zumeist zu kleineren und langsamer schwimmenden Arten gehören) von Booten aus in große Netze zu treiben. Die Verarbeitung der Wale, bei der nichts ungenutzt blieb, geschah nicht auf Schiffen (wie bei den US-whalers), sondern an Land. [...]
Das Erschreckende: Die Europäisierung Neuenglands (und der angehenden USA) hat zu der nach John H. Parry "vermutlich wohl destruktivste[n] Gesellschaft, die es auf der Welt jemals gegeben hat" (S.509) geführt. Parrys Urteil geht selbstverständlich vor allem auf den auf Völkermord hinauslaufenden Umgang mit der indigenen Bevölkerung Nordamerikas zurück, die er in anderem Zusammenhang behandelt.