Mein Urteil aus dem Jahr 1983: Ein sehr menschliches, ein sehr reifes Buch. Kein Wunder, dass es offenbar nicht neu aufgelegt worden ist. (Es war aber schon 1975 als Diogenes-Taschenbuch herausgekommen, Zürich 1975 und ist als Taschenbuch auch 2026 in der 6. Auflage erhältlich !)
Zitate: Strindberg hatte im Krieg die Theater beherrscht. Heute ist er ebenso tot wie Ibsen, den er damals verdrängte.... es gehören aber jene Tode zu denen, die man besser interimistische nennen sollte. Weshalb spielt man Fiesco, nicht aber die Wildente? [ ...] Sollte das etwas mit der deutschen Schule zu tun haben? Und sollte sie etwas mit der deutschen Universitätsgermanistik zu tun haben? Und womit hat die etwas zu tun? Wer kanonisiert / und wer schließt von den Heiligen Schriften aus? Damals saßen wir fasziniert vor den Strindberg-Stücken. Wie wir nie vor der Maria Stuart oder dem Tasso gesessen hatten. [...]. Ich dachte gelangweilt zurück an die Frau von Stein und an Schillers Amalie. Und wünschte inbrünstig, der Briefwechsel zwischen Strindberg und Nietzsche wäre so umfangreich gewesen wie der zwischen Goethe und Schiller. Strindberg war nicht lange vor dem Krieg gestorben. Kein Lebender lebte im Krieg so mächtig wie er.
Die Vormacht des Theaters innerhalb der Literatur war damals unbestritten. Es vergesellschaftete den Geist. Man muss es schon in der Vergangenheit sagen. Wir lernen heute, dass es nicht immer so ist. [...]
Dieser gesellschaftlichen Bedeutung des Theaters, vor allem der großen literarischen Premieren entsprach die Rolle, die ihm in der Presse eingeräumt wurde. Man blättere in alten Zeitungen! Wie wenig Platz wurde einem bedeutenden Buch gegeben? Und wie viel allen dritten Besetzungen der dritten Amazone in Kleists Penthesilea? In Gesellschaften waren nicht von Frieden von Versailles die Rede. Nicht einmal von einer Theateraufführung, sondern von der Theater-Politik. Der Theater-Kritik. Das Theater war die Kirche der Zeit und der Theaterkritiker ihr militanter Theologe. Die 'Weimarer' Theater in Berlin und ihre Depandenzen: Schwannecke, das russische Lokal an der Weidendammer Brücke, wo Granach ostjüdische Geschichten singsang und sich nach der Bergner sehnte (ob sie anwesend war oder nicht). Auch die Redaktion des Börsen-Courier, wo Ihering der Kreml und das Weiße Haus in einer Person war ... Alle diese Sonnen strahlten aus in die fernsten Provinzen, waren die Zentralgestirne der Kultur jener 14 Jahre."(S.67/68)
»Mein zwanzigstes Jahrhundert.
Inhalt & Kernthemen
Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts: Marcuse beschreibt prägende Epochen des 20. Jahrhunderts – vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und das Dritte Reich bis hin zu den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg.
Exil und Emigration:
Als deutsch-jüdischer Intellektueller floh Marcuse 1933 vor den Nationalsozialisten. Seine Flucht- und Exilstationen führen über Sanary-sur-Mer (Frankreich), Paris und New York bis nach Los Angeles. Begegnungen mit Zeitgenossen:
Das Buch zeichnet lebendige Porträts zahlreicher prominenter Weggefährten und Künstler, darunter Thomas Mann, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Ernst Bloch, Joseph Roth und Bruno Frank. Stil und Haltung: Typisch für Marcuse ist ein ironischer, essayistischer und oft selbstkritischer Ton.
Er verzichtet auf pathologische Selbsterhöhung und ordnet die eigenen Erlebnisse stets in den größeren philosophischen und gesellschaftlichen Kontext seiner Zeit ein. Der Untertitel „Auf dem Weg zu einer Autobiographie“ unterstreicht dabei den offenen, uneitlen Charakter des Werkes.
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