Sonntag, 19. Juli 2026

KI: Hier bin ich und höre auf deine Befehle

 Die alten Ägypter legten ihren Verstorbenen kleine Figuren ins Grab - Uschebtis, die Antwortgebenden–, die für sie anfallende Arbeiten im Jenseits erledigen sollten. Zum ersten Mal in der Geschichte erscheint hier die die Idee des Computers: des antwortgebenden, jeden Befehl,ausführenden Repräsentanten. Die Instruktionen, mit denen die kleinen Figuren beschriftet sind, ähneln frappierend der algorithmischen Abfolge eines modernen Computerprogramms:

 'Magische Puppe, hör mich an! / Wenn ich gerufen werde / die Arbeit auszuführen…/ wisse, Du bist an meiner statt / von den Hütern des Jenseits dazu bestimmt / die Felder zu besäen / die Kanäle mit Wasser zu füllen / den Sand herüberzuschaffen…' Am Ende heißt es: 'Hier bin ich und höre auf Deine Befehle.'
Wir würden das heute dialogorientierte Benutzerführung nennen – und den Glauben daran, dass ein Zauberspruch ein Tonfigürchen zum Leben erweckt, einen Aberglauben. [...] Jedes einzelne System mag beherrschbar sein; die Schwierigkeit entsteht durch die Verbindungen und Wechselwirkungen.
 Der Soziologe Charles Perrow prägte dafür den Begriff der normal accidents: in hochkomplexen eng gekoppelten Systemen sind schwere Fehler nicht die Ausnahme, sondern irgendwann unvermeidlich, weil die Gesamtkomplexität die Übersicht übersteigt. [...] 
Auch gegen die KI-Dystopie hilft am Ende nur der Anspruch des Menschen und sein Beharren auf Eigensinn: auf der eigenen Beobachtung, auf dem unberechenbaren Wort und der unverfügbar Tat. Der Mensch ist mehr als eine Spiegelung im Glas des Neuen." (DIE ZEIT 16.7.2026, S.34)

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