Dienstag, 21. April 2026

A. Polgar:„Ich kann keine Romane lesen“

 

„Ich kann keine Romane lesen“

(von norberto42 am 21. April 2026)

In tausend Schicksale bist du durch Neugier, Gefühl, Nötigung hineingeknüpft, tausend Atem wehen Hauch und Sturm in deine Segel, immer schreckhafter wird die unentrinnbareVision von Figuren, Gesichtern, Stimmen, die deine Szene hintergründig abschließt.

Und da soll man Romane lesen?

Bei dieser Übervölkerung des Bewußtseins noch Leute hineinlassen, die gar nicht sind oder waren? Dem bis zum Niederbrechen in Anspruch genommenen Interesse für das Leben, seine Figuren und Schicksale, auch noch konstruiertes Leben, erfundene Figuren, zusammengelogene Schicksale aufladen? Wie, bei dieser schrecklichen Antlitze-Inflation, die das Dasein ohnehin mit sich bringt, soll ich noch Antlitze aus der Phantasie-Minze des Romanschreibers in meinen geistigen Umlauf setzen? Zubauen statt abbauen? Ich soll mein Mitgefühl, das schon vor der Stube des Schusters Potzner ohnmächtig versagt, noch durch imaginierte Leiden imaginierter Erdenwandler, die sich ein Herr am Schreibtisch aus dem tintigen Finger gesogen hat, in Bewegung setzen lassen? Ich soll zu den unlösbaren Problemen, die schon der Charakter meines Hausmeisters stellt, mir noch welche einwirtschaften, die eine Laune des Romanschreibers den von ihr geborenen Charakteren hineinpraktiziert hat? Romanleser sein, das heißt: ins grauslich überstopfte lebendige Leben noch papierenes stopfen, auf die zum Platzen geschwollene Welt noch Scheinwelt okulieren, an die Phantasie, für die ein Gott grandseigneural-üppig gedeckt hat, Ersatznahrung aus dem Laden der Fälscher verfuttern. Ich, der ich gar keine Besuche mache, soll mich durch Hütten und Paläste schleifen lassen, in Töpfe, Betten, Hirne gucken und zusehen, wie’s dort brodelt, wo doch schon der Brodem meines eignen kleinen Lebens mich betäubt, mir kosmischer Nebel scheint, unendlich, undurchdringlich ? Ich, der ich nicht genug Tränen habe, meinen eignen Toten — von meinen eignen Lebenden ganz zu schweigen — zu zahlen, soll an Gräbern schluchzen, die eine Feder aus Papier herausgeschaufelt hat und in denen gar keiner drinliegt? Wie kann man nur Romane lesen?

Alfred Polgar: Ich kann keine Romane lesen. In: Orchester von oben, 1926, S. 266 ff. = https://archive.org/details/orchestervonoben0000unse/page/264/mode/2up

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