Dienstag, 14. September 2021

Ein Brief von Luisa Neubauer (Fridays for Future)

           Anrede,

ich habe nachgezählt: Seit 143 Wochen streike ich jeden Freitag für das Klima – zu Fuß, auf dem Fahrrad, im Netz. Ich bin Luisa, 25 Jahre alt und Aktivistin von Fridays for Future. In diesen drei Jahren haben wir gezeigt, wie machtvoll wir sind, wenn wir uns zusammenschließen. Und wie viel wir erreichen können: Klima ist mittlerweile das Thema, das den Menschen am wichtigsten ist.[1] Doch zu konsequenter Klimapolitik hat das bisher noch nicht geführt.

Seit Monaten arbeiten wir deshalb auf einen Tag hin: Den großen Klimastreik am 24. September. Er entscheidet, ob die Menschen Klimaschutz nicht nur wichtig finden – sondern auch danach wählen. Und macht einer neuen Regierung klar, dass sie handeln muss. Doch damit das gelingt, brauchen wir Sie, Walter Böhme – bitte demonstrieren Sie mit uns! Wir von Fridays for Future haben monatelang alles gegeben, damit Sie an diesem Tag in nur wenigen Stunden einen großen Unterschied machen können.

Denn diese Wahl ist eine Jahrhundertwahl. Sie ist entscheidend, um die schlimmsten Klimakatastrophen noch abzuwenden – uns bleibt kaum Zeit, um die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Die politischen Entscheidungen der nächsten vier Jahre werden das Schicksal meiner Generation bestimmen. Dürren, Stürme, Überflutungen: Das Klima kollabiert gerade vor unseren Augen. An vielen Orten der Welt sind Klimaextreme schon Alltag. Wenn wir jetzt nicht alle Kräfte bündeln, wird das Leben im Laufe dieses Jahrhunderts für Millionen Menschen immer mehr ein Kampf ums Überleben. Dieser Gedanke macht mir Angst – und vielleicht geht es Ihnen ja genauso.

Aber wir haben einen Plan. 48 Stunden vor der Wahl strömen wir mit Hunderttausenden in ganz Deutschland auf die Straßen und fordern konsequenten Klimaschutz. Unsere Botschaft ist klar: 1,5 Grad sind nicht verhandelbar! Und unsere Bewegung ist entschlossen: Um unsere Gegenwart zu schützen und unsere Zukunft zu retten, müssen wir jetzt richtig loslegen. Mit dem „Weiter so“ der GroKo muss endlich Schluss sein.

Doch wir jungen Menschen allein werden das nicht schaffen. Damit unser Protest den Weg in die Wahlkabine und die nächste Regierung findet, brauchen wir Mitstreiter*innen aus allen Generationen: Die Bankkauffrau, die in ihrer Mittagspause ein Stück mitläuft. Die Oma, die mit ihren Freundinnen selbstgenähte Fahnen schwenkt. Der Vater, der sein Kind im bunt geschmückten Bollerwagen zieht. Die Fußballerin, die mit ihrem Team ein großes Banner hochhält. Jeder Mensch zählt. Dieser Freitag zählt – wie kein anderer! Bitte, Walter Böhme: Kommen Sie am 24. September zum entscheidenden Klimastreik. Auch bei Ihnen in der Ecke ist was los – schauen Sie vorbei und machen Sie den Protest stark.

Mit 13 Jahren habe ich in einer Erdkunde-Stunde gelernt, was der Treibhauseffekt ist. Damals habe ich mich gefragt, warum so ein gravierendes Problem in nur 90 Minuten abgehandelt wird. Ich wollte mehr wissen, studierte Geographie und kam zu einer erschütternden Erkenntnis: Wir sind an einem Punkt in der Geschichte angelangt, an dem die Menschheit die größte Zerstörungskraft der Erde ist. Durch unsere Emissionen erschaffen wir Wüsten. Wir verändern, wie Ozeane und Luftmassen zirkulieren. Wir vernichten Gletscher und terrorisieren die Ökosysteme, die wir zum Leben brauchen.

Das belegt auch wieder der neueste Weltklimabericht – keine Überraschung. 60 Jahre lang hat die Politik die Warnungen der Wissenschaft ignoriert. Man fragt mich dann freundlich, was wir von Fridays for Future zu dem Bericht sagen und ich antworte ruhig und fernsehtauglich. Aber innerlich bebe und wüte ich. Seit Jahren kämpfen wir für ein Ende der ökologischen Krisen. Und seit Jahren erklären uns politische Vertreter*innen, dass wir doch ein bisschen mehr Geduld und etwas weniger schlechte Laune haben sollen.

Dabei wissen wir, was uns in diese Krise manövriert hat: Profitgier, Machthunger und Skrupellosigkeit einiger weniger aus Politik und Wirtschaft. Doch die Ausbeutung der Natur und unserer Lebensgrundlagen funktioniert nur, weil die meisten Menschen bisher die Füße stillhalten. Gemeinsam können wir das jetzt ändern. Mit der Bundestagswahl haben wir die Chance, für mehr Klimagerechtigkeit zu stimmen. Auch wenn bisher kein Wahlprogramm für echten Klimaschutz ausreicht [2] – je weniger Klimabremser*innen im nächsten Bundestag sitzen, desto erfolgreicher wird unser Protest sein.

Stellen Sie sich nur vor, was irgendwann in den Geschichtsbüchern stehen könnte: Die Klimakrise eskalierte, die Menschheit raste in ihr selbstgemachtes Verderben. Aber dann gab es da diese riesige Bewegung von Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft, die aufstanden und etwas dagegen unternahmen. Schreiben Sie mit uns Geschichte, Walter Böhme – kommen Sie am 24. September zum großen Klimastreik.

Hoffnungsvolle Grüße
Luisa Neubauer

PS: Im Lockdown bin ich monatelang für meine Großmutter zuhause geblieben, um ihr Leben zu schützen. Am 24. September geht sie jetzt für mich auf die Straße – um meine Zukunft zu schützen. Natürlich achten wir bei allen Demos auf die Corona-Regeln. Kann ich auch auf Sie zählen?

[1]„Bundestagswahl: Wie steht es in den Umfragen?“, ZDF Online, 6. September 2021

[2]„Keine Partei würde Klimaziele erreichen“, tagesschau.de, 9. September 2021

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