Samstag, 17. Januar 2026

Sprachentwicklung

 Die deutsche Sprache hat sich seit dem 18. Jahrhundert nicht viel verändert; die ak­tu­el­le Stufe der Sprachentwicklung heißt Neuhochdeutsch. Lessing hat z.B. ≈1770 ge­schrie­ben und ist heute gut verständlich. Hier ein Zitat aus Nathan der Weise:

Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Osten,
Der einen Ring von unschätzbarem Wert
Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein
Opal, der hundert schöne Farben spielte,
Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
Und Menschen angenehm zu machen, wer
In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
Daß ihn der Mann in Osten darum nie
Vom Finger ließ; und die Verfügung traf,
Auf ewig ihn bei seinem Hause zu
Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring
Von seinen Söhnen dem geliebtesten;
Und setzte fest, daß dieser wiederum
Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,
Der ihm der liebste sei; und stets der liebste,
Ohn' Ansehn der Geburt, in Kraft allein
Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. –

Wenn Du weiter zurückgehst, wird es schlimmer; Du triffst dann auf eine ältere Va­ri­an­te des Deutschen, die Frühneuhochdeutsch genannt wird und die Dir zwar ei­ni­ger­maßen verständlich, aber auch ordentlich seltsam vorkommen wird. Ich illustriere das mit einem Zitat aus dem Schlaraffenland von Hans Sachs, ≈1530:

wer unnütz ist, wil nichts nit lern,
der komt im lant zu großen ern,
wan wer der faulest wirt erkant,
derselb ist könig in dem lant,
wer wüst, wild und unsinnig ist,
grob, unverstanden alle frist,
aus dem macht man im lant ein fürstn.
wer geren ficht mit leberwürstn,
aus dem ein ritter wirt gemacht;
wer schlüchtisch ist und nichtsen acht,
dan eßen, trinken und vil schlafn,
aus dem macht man im lant ein grafn;

Da ich nicht sicher bin, wie gut Du das verstehst, gebe ich eine grobe Übersetzung. Wer unnütz ist und nichts lernen will, der bringt es in dem Land zu großen Ehren: Wenn je­mand als der Faulste erkannt wird, dann ist er König in dem Land. Wer wüst, wild und un­sin­nig ist, grob, und sich nicht an Fristen hält, aus dem macht man im Land einen Für­sten. Wer gerne mit Leberwürsten kämpft, aus dem wird ein Ritter ge­macht. Und wer auf gar nichts achtet als auf Essen, Trinken und Schlafen, aus dem macht man im Land ei­nen Grafen.

Das war jetzt zwar noch beschränkt verständlich, aber in der nächsten Stufe wird es noch mal viel schlimmer. Von grob 1000 bis 1400 wurde Mittelhochdeutsch ge­spro­­chen, und das verstehst Du nur sehr beschränkt. Auch dazu gebe ich einen Be­leg, der heu­te ausnahmsweise nicht aus dem Nibelungenlied stammt, sondern aus Kud­run, das ist ohnehin die erbaulichere Lektüre.

Schiere kom Ortrûn von Ormanîelant,
diu junge küniginne, mit windender hant
ze vroun Kûdrûnen. diu junge maget hêre
viel ir vür die vüeze; si klagete ir vater Ludewîgen sêre
Si sprach: 'lâʒ dich erbarmen, edelez vürsten kint,.
sô vîl mîner mâge, die hie erstorben sint,
und gedenke wie dir wære, do man sluoc den vater dînen.
edele küniginne, nu hân ich hiute vlorn hie den mînen.

Das wirst Du vermutlich nicht verstehen, es geht aber mit Übersetzung: Eilends kam da Ortrun, die die Hände wand. Die junge Königtochter vom Normannenland, zu Frau Kud­run. Die junge edle Maid fiel ihr zu Füßen; sie beklagte ihren Vater Ludwig sehr (der war nämlich gerade am Schlachtfeld gestorben). Sie sprach „Laß Dich erbarmen, edles Fürsten Kind, so viele von den Meinen, die hier ge­stor­ben sind. Und stell Dir vor, wie es Dir zumute war, als man Deinen Vater er­schlug. Edle Königin, nun habe ich heute hier den meinen verloren.“

Vor dem Mittelhochdeutschen kam das Althochdeutsche, das von den ersten schrift­­­lichen Überlieferungen des Deutschen (≈600) bis etwa 1000 reicht. Es ist noch ein schö­­nes Stück fremdartiger. Ich zitiere jetzt die erste Strophe des Ludwigsliedes (in ei­­nem frän­ki­schen Dialekt des Althochdeutschen, ≈900), und es wird Dir auffal­len, daß es da­mals noch kein W gab, man schrieb stattdessen Doppel-U:

Einan kuning uueiz ih, Heizsit her Hluduig,
Ther gerno gode thionot: Ih uueiz her imos lonot.
Kind uuarth her faterlos, Thes uuarth imo sar buoz:
Holoda inan truhtin, Magaczogo uuarth her sin. 

Die Übersetzung lautet: Ich weiß einen König: Er heißt Ludwig, er dient Gott gerne. Ich weiß, er wird es ihm lohnen. Als Kind war er vaterlos, doch erhielt er sogleich Ersatz: Der Herr selbst nahm sich seiner an und wurde sein Erzieher.


Zusammengestellt von indiachinacook auf gutefrage.net

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