Sonntag, 22. Februar 2026

Egon Flaig: Die Niederlage der politischen Vernunft. Wie wir die Errungenschaften der Aufklärung verspielen

 Egon Flaig: Die Niederlage der politischen Vernunft. Wie wir die Errungenschaften der Aufklärung verspielen

Klappentext:

Dass menschenrechtliche Prinzipien universal sein sollen, ist ein Gebot der Vernunft, das uns die Aufklärung auferlegt hat. Indes, wie sind die Erfordernisse dieses Universalismus zu erfüllen in der jeweiligen konkreten Weltlage? Das vermag uns nur eine politische Vernunft zu sagen, welche sich - anders als Kants praktische Vernunft - in Zeithorizonten bewegt. Aber eben diese Vernunft verliert heute rasch Terrain an antiuniversalistische Theorien, die kulturelle Sonderrechte propagieren und verfälschte Vergangenheiten produzieren. Dabei gerät die gute Gesinnung zum Maßstab des Handelns und die Entrüstung zum Mittel geistiger Auseinandersetzung. Um zu ermessen, was hierbei auf dem Spiel steht, verlangt Egon Flaig geistesgeschichtliche Rückbesinnung. Er fragt zum einen, welche Diskurse eine antiuniversalistische Einstellung legitimiert und vorangetrieben haben; und er erörtert zum anderen, weshalb die politische Vernunft auf historische Verankerung angewiesen ist. Denn allein aus einem kulturellen Gedächtnis heraus, das sich der Aufklärung verpflichtet weiß, gewinnen wir die Orientierung für politisches Handeln im Geiste eines emanzipatorischen Universalismus.

Youtube Wolfgang Herles interviewt Egon Flaig

4 Rezensionen in Perlentaucher

darunter Süddeutsche ZeitungAndreas Zielcke warnt davor, "den Autor wegen seiner extremen Verdikte mit dem rechten Lager zu identifizieren und verweist auf die prinzipielle Bedeutung einer Theorie der politischen Vernunft, wie sie dem Autor vorschwebt und die konservativer Politik als Fundament dienen könnte. Dafür müsste Flaig sich allerdings auf die griechische Polis berufen und von dort eine Linie zu Kant ziehen und über Carl Schmitt bis ins Heute vorstoßen, meint Zielcke. Die Referenzen sind da, meint der Rezensent, jedoch ohne systematisierten Zusammenhang."

Weitere Rezensionen:

KARSTEN FISCHER  FAZ 26.5.2017:

Als der Althistoriker Egon Flaig sich noch der Wissenschaft hingab, hat er die Idee von Platons „Politeia“, aus vermeintlicher Weisheit Befehle abzuleiten, als „Ende der Politik“ kritisiert. Nun aber meint er, „evidente Wahrheiten“ erkennen und aus ihnen eine Fundamentalkritik der politischen Gegenwart ableiten zu können. Das Motiv dazu ist die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Merkel, die Flaig als „neochristliche Propaganda des Verzichts auf Selbstbehauptung“, „öffentlich widerrufenen Amtseid“ und „Staatsstreich“ geißelt. Um der seiner Schrift den Titel gebenden „Niederlage der politischen Vernunft“ abzuhelfen, veranstaltet er ein weitschweifiges Tribunal gegen Foucault, Systemtheorie, Frankfurter Schule, Multikulturalismus, Ethnologie und Postkolonialismus. Aber immer, wenn Flaig seine argumentativen Schwächen spürt, flüchtet er sich in Polemik nach dem Muster, Lévi-Strauss „Schwachsinnslogik“ zu bescheinigen, oder vernebelt mit pseudotiefsinnigem Jargon wie dem „Eschatolithikum gähnender Immerselbigkeit“. Frantz Fanon soll ein Rassist wie Hitler gewesen sein, verantwortlich für den islamischen Fundamentalismus, den Staatszerfall in afrikanischen Staaten und die „arabischen Vergewaltiger“, die Flaig durch ihren „kulturellen und religiösen Hintergrund“ motiviert sieht. Angesichts solch kruder Thesen verwundert kaum, dass der Sozialphilosoph Charles Taylor in eine Reihe mit dem Nazi-Ideologen Alfred Rosenberg gestellt wird, weil er kulturellen Minderheiten Sonderrechte zugestanden sehen möchte, um erlittenes Unrecht auszugleichen. Es ist ein intellektueller Offenbarungseid, dass Flaig solche humanitären Wiedergutmachungsversuche mit mörderisch-expansiver Lebensraumideologie gleichsetzt. Zur Kritik an vermeintlichen Fehlentwicklungen amalgamiert der Autor eine klischeehafte Dekadenzkritik aus Arnold Gehlens Warnung vor überfordernder „Hypermoral“, Ferdinand Tönnies’ Hochschätzung einer zum Ertragen von Verlusten fähigen Gemeinschaft und Carl Schmitts antiliberalen Stereotypen, die Flaig vollständig übernimmt, von der Feindschaft als politischer Tatsache bis zur erforderlichen Opferbereitschaft. In Anlehnung an Werner Sombarts Stilisierung opferbereiter Helden gegenüber materialistischen Händlern wird gepriesen, dass „die Todesbereiten“ ein spezifisches Gut anböten, welches „auf dem Markt sonst nicht zu haben“ sei. Das sei erforderlich, weil die politische Freiheit sich „im Krieg mit dem theokratischen Feind“ befinde und sich „zuvorderst eines inneren Feindes erwehren“ müsse, „nämlich der Vereinseitigung der individuellen Freiheit“, welche Flaig dem alle anderen Güter überragenden „Ziel der Perfektionierung des Menschen“ untergeordnet sehen möchte. Das ist nicht nur eine totalitäre Phantasie, sondern sie ist auch unpolitisch, insofern das historische Ziel erfunden wird, es bedürfe einer Weltrepublik mit Volksentscheiden. Politik wird also nicht als ergebnisoffen, sondern als vorherbestimmt gedacht, denn für Flaig ist „die Furcht vor dem Fremden niemals unbegründet“. Mit diesem Ausgang in die selbstverschuldete Unmündigkeit kann er Paranoia als politische Tugend ausgeben und die Irrationalität, dass Islamfeindlichkeit vor allem in Gebieten mit wenig Muslimen auftritt, als Ausdruck einer berechtigten Sorge informierter Zeitgenossen beschönigen. Den Volkswillen will Flaig aber nur dann gelten lassen, wenn er ihm passt, und das gilt nicht für die Abneigung der postheroischen Gesellschaft gegenüber Opfern. Dies als pathologische Geschichtsvergessenheit zu kritisieren ist umso abwegiger, als es nur Flaigs Gnade der späten Geburt ist, die ihn zum Bellizisten macht, während die kriegserfahrene Generation noch um den Sinn der bundesrepublikanischen Friedenssehnsucht wusste. Dass der Pensionär Flaig erneute Opferbereitschaft fordert, ihren Vollzug aber einer jungen Generation abverlangen muss, ist abgeschmackt. Zur Verschleierung seiner ideologischen Glaubensbekenntnisse dient Flaig das klassische Muster der Verschwörungstheorie gegen alle Andersdenkenden in Politik, Wirtschaft, Recht, Medien, Wissenschaft und Religion. So denunziert er die seriöse Forschung zur intergenerationellen Weitergabe von Traumata als abwegig, „die kirchlichen Funktionäre“ als Lügner, die Jurisprudenz als „Gegner der Demokratie“, die „multinationalen Milliardäre“ des „globalen Neoliberalismus“ als Verbündete der „Schlepper und Schleuser der Migrationsströme“ und die Massenmedien als „Pflichtlügen“ verbreitenden „Widersacher der Meinungsfreiheit“. So entspricht seine Kritik an mangelnder politischer Kontrollierbarkeit der Medien und an Verfassungsgerichten als „Nomokratie neuen Typs“ dem russischen, polnischen, ungarischen und türkischen Neoautoritarismus. Und wenn er über „die Kosten jener Attentate in Frankreich und Belgien“ klagt, „an denen Angela Merkels unkontrollierte Gäste mitwirkten“, hat sich Flaig mit dieser durch keinerlei Fakten über Herkunft und Motivation der Terroristen gedeckten doppelten Verleumdung der Flüchtlinge und der Bundeskanzlerin der rechtsradikalen Propaganda angeschlossen. Zwar hat die Bundesrepublik schon viele irrlichternde Intellektuelle ausgehalten; ein unaufrichtiger Täuschungsversuch ist es aber, dass Flaig für seine Weltanschauung einen wissenschaftlichen Wahrheitsanspruch erhebt, obwohl er mit seinem Satz, „der hysterische Dauerton“ erzeuge „die komplementäre Paranoia“, nichts besser beschreibt als sein eigenes Vorgehen. Frei nach Adorno muss man daher sagen: Die vermeintliche Niederlage der politischen Vernunft ist diejenige von Flaigs eigener. Denn wer die Aufklärung retten möchte, darf keine Gegenaufklärung betreiben. KARSTEN FISCHER 

 Egon Flaig: „Die Niederlage der politischen Vernunft“. Wie wir die Errungenschaften der Aufklärung verspielen. Zu Klampen Verlag, Springe 2017. 416 S., geb., 24,80 €.


Gesine Palmer (https://www.deutschlandfunkkultur.de/egon-flaig-die-niederlage-der-politischen-vernunft-braucht-100.html: 

"Der Althistoriker Egon Flaig gehört zu den Professoren in Deutschland, die sich seit Jahren mit Denk- und Streitschriften in den politischen Alltag einmischen. In seinem neuen Buch sieht er das Ende der Aufklärung heraufdämmern.

Der Titel erlaubt kaum Zweifel: Egon Flaigs Sicht auf die politische Lage ist pessimistisch. Die „politische Vernunft“ erleidet soeben ihre Niederlage – oder hat sie schon erlitten. „Wir“ verspielen Errungenschaften der Aufklärung, von denen insbesondere drei auf dem Spiele stehen.
„...nämlich der menschenrechtliche Universalismus, die Wissenschaft als letzte Instanz in Wahrheitsfragen und die republikanische auf Volkssouveränität beruhende Organisation menschlicher Gemeinschaften.“
Für seine düstere Beschreibung der Gefahr, in der wir leben, bemüht Flaig so ziemlich alles, was gut und teuer ist: Die Dialektik der Aufklärung und die ihr folgende Negative Dialektik der Frankfurter Schule waren außerstande, der Erosion der Menschenrechte entgegenzutreten. Ihr Erbe Jürgen Habermas habe vielmehr gemeinsam mit Niklas Luhmann und der Theorie von der Legitimität durch Verfahren ganz wesentlich „zur Entkräftung der staatlichen Institutionen“ beigetragen. 
Denn, so Flaig, die „nomokratische“ Idee könne nur so lange funktionieren, wie ein Wertekonsens bestehe, der überstimmte Minderheiten motiviere, Mehrheitsentscheidungen auch anzuerkennen. Dies jedoch werde immer prekärer. Distanz zwischen Bürgern und Politik, Abtrennung der demokratisch am wenigsten legitimierten Organe, der Verfassungsgerichte, von der Willensbildung des Volkes und die zunehmende Bildung von Parallelgesellschaften macht er als Gründe dafür aus.
In der Diskussion seiner Lösungsvorschläge verstrickt Flaig sich mit all seinen klugen Beobachtungen und Zitaten – von Heraklit über Rousseau zu Hannah Arendt, von Gorgias über Kant zu Foucault – in kaum auflösbare Widersprüche. Einerseits beklagt er, dass „ganze Armeen von medialen Akteuren“ sich der „Leitgesinnung“ postkolonialer Diskurse verpflichtet hätten und eine totalitäre Atmosphäre erzeugen:
„Gegen Horkheimers These, wonach eine zunehmende moralische Indifferenz das Funktionieren totalitärer Systeme begünstige, stellte einst Hermann Lübbe den Einwand: ‚Moralisierende Argumente spielen in totalitären Systemen eine ungleich größere Rolle als in liberalen.‘ Das lässt sich auch umkehren: Wenn das Moralisieren in den Kontroversen die Oberhand gewinnt, dann entsteht eine totalitäre Atmosphäre.“
Andererseits ist alles, was er dagegen aufzubieten hat, ein moralisch diffuser Wertbegriff, eine noch zweifelhaftere Aufforderung zur Dankbarkeit gegenüber früheren Generationen und schließlich eine moralische Höherwertung der eigenen, der universalistischen westlichen Kultur gegenüber den feindlichen anderen. Nach Lektüre des gesamten Buches bleibt die Frage, wo genau eigentlich die „politisch vernünftige“ Stoßkraft seiner Argumentation liegt. 

Süffig formulierte Kritik soll den „Kampf der Kulturen“ untermauernDabei fängt das Buch wirklich vielversprechend an. Ausgehend von Hannah Arendts Beobachtung, dass in totalitären Ordnungen die Tatsachenwahrheit stärker gefährdet ist als etwa die mathematische, trägt Flaig einige historische Argumente für das aufgeklärte Europa und gegen die blinden Flecken des postkolonialen Diskurses vor, die nicht nur süffig formuliert, sondern durchaus bedenkenswert sind.
So krönt er seine Kritik an Frantz Fanon mit dem Hinweis, dass der Kampf, den das britische Empire zwischen 1816 und 1862 gegen den Sklavenhandel führte, das Vereinigte Königreich ziemlich genau so viel gekostet habe
„wie die britischen Händler zwischen 1760 und 1807 am Verkauf von Sklaven verdient hatten.“
Tatsächlich gab es ja aus dem Inneren der westlichen Kultur selbst traditionell starke und schließlich wirksame Kritik an der Sklaverei, und auf der Gegenseite haben viele der afrikanischen Eliten nach der „Entlassung“ in die Unabhängigkeit in ihren Völkern schwer gewütet. Aber muss man dafür gleich behaupten:
„Der afrikanische ‚Antikolonialismus‘ wurde geboren als Kampf zur Verteidigung der Sklaverei?“
Das hieße denn doch, nun wieder von der anderen Seite mit zweierlei Maß zu messen. Dann schreibt man der „bösen fremden“ Kultur schlecht, was fehlgeleitete Gruppen in ihr verbrochen haben, der „guten eigenen“ Kultur hingegen schreibt man gut, was oftmals schwer drangsalierte Minderheiten in ihr gegen den Hauptstrom schließlich durchgesetzt haben.
Nun ist ein solcher ideeller Kampf der Kulturen ja durchaus in der Absicht Flaigs – und alles Lob des Universalismus dient schließlich nur dazu, die westliche, genauer, die griechisch-römische Tradition gegen alle theokratischen Tendenzen zu verteidigen.
Flaig sieht Feinde und fordert Opferbereitschaft
Den Kampf gegen die spätestens seit den Fluchtbewegungen von 2015 einsetzende „neoreligiöse Durchflutung öffentlicher Räume“ als „Kampf der Kulturen“ zu bezeichnen, ist für Flaig nicht ehrenrührig. Vielmehr wendet er große rhetorische Kunst auf, um ein Bewusstsein von der Wirklichkeit von Feinden aufzurütteln:
„Das horrende Blutgeld, welches kriegführende Demokratien durch gerichtliche Urteile an feindlich gesonnene Familien und Stämme zu zahlen haben, dient nicht zuletzt der Aufrüstung eben jenes Feindes, den die ISAF bekriegt. (…) Wer die Feindschaft nicht denken kann und die Konsequenzen eines Krieges nicht aushält, ist reif für die Knechtschaft.“
Fazit: Viele Probleme mit dem allgemeinen Meinungsbrei und dem „intellektuellen Sinkflug“, die Flaig aufspießt, lässt man sich durchaus gern aus seiner Perspektive schildern – einfach weil es erfrischend ist, wenn jemand ohne Bindung an die ängstlichen Tabus mancher Soziotope ausspricht, was auch der genervten Beobachterin von innen schon öfter aufgefallen ist. Viele Kritiken an bekannten Meisterdenkern sind im Detail bedenkenswert, und immer wieder beruft sich Flaig auf Kant, wogegen wenig zu sagen ist.
Aber dann, wenn man schon fast überzeugt ist, dass hier ein hochgebildeter Autor wirklich einfach nur die Freiheit der Ordnungen mit den neutralisierten Religionen gegen das Andringen theokratischer Barbareien verteidigen will, kommt er mit dem, was der Neukantianer Hermann Cohen als das Schlimmste in den vernunftaversen Religionen gebrandmarkt hat: mit dem Opfer. „Werte gebe es nicht ohne Opfer“, betitelt Flaig ein ganzes Kapitel, und er bemüht keine Geringeren als Jakob Burckhardt und Derrida, um zu verkünden, dass die Größe einer Epoche sich an ihrer Opferbereitschaft bemisst.
Wenn das wahr wäre, dann hätten gegenwärtig die Selbstmordattentatskulturen ihre größte Epoche. Wer das glaubt, hat wirklich Grund zum Pessimismus.


"Drei Errungenschaften der Aufklärung“ sieht der Historiker Egon Flaig akut gefährdet: den „menschenrechtlichen Universalismus, die Wissenschaft als letzte Instanz in Wahrheitsfragen und die republikanische auf Volkssouveränität beruhende Organisation menschlicher Gemeinschaften“. Sie gegen ihre „dreifache Negation“ zu verteidigen, hat er ein Buch über Die Niederlage der politischen Vernunft verfasst. So geht denn auch mit der Verteidigung der Aufklärung diejenige der politischen Vernunft einher, deren Niederlage der Titel des Buches zwar konstatiert, damit aber keineswegs sagen will, dass sie bereits verloren ist.

Ihre Aufgabe, der Menschheit den Weg zur Republik zu weisen, „verbietet“ es der politischen Vernunft Flaig zufolge, „interesselose Neutralität zu üben, wenn die Maßstäbe zur Rechtfertigung von Wahrheitsansprüchen angetastet und beschädigt werden“. Nicht zuletzt darum bedarf sie zweier Bedingungen: der Urteilskraft der Individuen und der Öffentlichkeit des Wettstreits ihrer Argumente.

Doch stellt sich zunächst einmal die Frage, was diese politische Vernunft sei. Flaig beantwortet sie wie folgt:

Ein Universalismus, der es sich zum expliziten Ziel setzt, die gesamte Menschheit auf die Wanderschaft zu bringen – hin zu einem weltbürgerlichen Zustand, unter der Fahne der Freiheit. Das geistige Vermögen, diese Wanderschaft zu ersinnen und ihre Implikationen zu durchdenken, soll „Politische Vernunft“ heißen.

Der Weg zur Weltrepublik wird sich dem Autor zufolge als „schwierig“ erweisen und „mit Rückschlägen sowie mit schweren interkulturellen, interreligiösen, interethnischen und interstaatlichen Konfrontationen“ verbunden sein. Dabei sei der „eurokratische Moloch“ in Brüssel keineswegs ein erster Schritt hin zu ihr, könne er doch nicht einmal den Weg zu einer „säkulare[n] Republik Europa“ weisen. Dennoch sei es „geboten, uns auf sie [die Weltrepublik] vorzubereiten“. Jedoch schon heute im eigenen Land so zu agieren, als sei das Ziel bereits erreicht, wie das die Bundeskanzlerin 2015 „mit ihrem die Einigung der Menschheit in einer grenzenlosen Weltrepublik“ antizipierenden „asylbezogenen Kosmopolitismus“ getan habe, sei fatal.

Zur Verteidigung der Ideale der Aufklärung und der politischen Vernunft holt Flaig weit aus und unterzieht zunächst einmal zentrale Vertreter des Antikolonialismus und des poststrukturalistischen Denkens einer grundsätzlichen Kritik, beginnend mit dem „faschistoide[n] ‚Antikolonialismus‘“ des 1961 verstorbenen Algeriers Frantz Fanon und seinem – auch aufgrund von Jean-Paul Sartres Vorwort berühmt gewordenen – „brillante[n] Manifest der Gegenaufklärung“, das 1964 postum unter dem Titel Die Verdammten dieser Erde erschien. Flaig verortet Fanons Tiraden ideengeschichtlich in der Nähe von Ernst Moritz Arndts Franzosenhass und Johann Gottlieb Fichtes Reden an die deutsche Nation. Vor allem aber weist er dem Autor des Pamphlets rassistische Gewaltverherrlichung und Verachtung der Menschenrechte sowie des Abolitionismus nach. Anders als der Rassismus der deutschen Nationalsozialisten bestehe derjenige Fanons allerdings nicht darin, „eine Rasse über alle anderen zu erheben, sondern darin, eine einzige Rasse dem Rest der Menschheit entgegenzustellen: Er dämonisiert die weiße Rasse als das Böse schlechthin“.

Der Poststrukturalist Michel Foucault wiederum habe „maßgeblich jene semantische Achsendrehung beim Feststellen von Schuld und Verantwortung mitbewirkt, die das geistige Klima der westlichen Welt vergifte“. Ihr zufolge sind nicht etwa die Potentaten in diktatorisch geführten Ländern (etwa Afrikas) die Hauptschuldigen am Elend der Bevölkerungen dieser Staaten, sondern die westlichen Demokratien, die deren Verbrechen zulassen. Diese „bystander-These“ habe sich „als eine der schlimmsten denunziatorischen Waffen erwiesen, um die Zivilgesellschaften der westlichen Welt moralisch zu terrorisieren und Regierungshandeln entgegen allen demokratischen Mandaten zu erzwingen“. Da Foucault zudem „Geschmack an der theokratischen Aufladung des politischen Kampfes“ gefunden habe, geißelt Flaig ebenso sehr die „Obskuranz seines politischen Denkens“ und verortet es ideengeschichtlich „in d[er] Nähe der großen katholischen Konterrevolutionäre des 19. Jahrhunderts“.

In einem weiteren Abschnitt wendet sich Flaig Claude Lévi-Strauss und Étienne Balibar sowie dem „Konzept“ des „Rassismus ohne Rassen“ zu, dem er eine „kategoriale Entleerung des Wortes“ vorwirft. Eine solche „akategoriale Gebrauchsweise des Wortes“ räche sich mit „gnadenloser Schizophasie“. Zudem sei die sich in ihm ausdrückende „entgrenzte Rassismusdefinition“ mit der „verfassungsmäßig garantierte[n] Meinungsfreiheit“ unvereinbar. Ebenso werde der Begriff Diskriminierung „uferlos“, wenn alleine schon all das als Diskriminierung gelte, „was der sich diskriminiert Fühlende als solche bezeichnet“.

Will Flaig die politische Vernunft und somit die Kultur der Aufklärung gegenüber anderen Kulturen auszeichnen, kann er auch das „Konzept der Gleichheit der Kulturen“ nicht gelten lassen. Daher unternimmt er einige durchaus erfolgreiche Anstrengungen, es als „in sich unstimmig und empirisch falsch“ nachzuweisen. So zeigt er, dass selbst „die dümmsten Mythen“ dieser Vorstellung gemäß alleine schon darum „Achtung beanspruchen [dürfen], weil sie zum geistigen Repertoire irgendeines Teils der Menschheit gehören“, und „unter dem Schutzschild der gegenseitigen Achtung […] jede Kultur befugt [ist], in ihrem Innern die Menschenrechte in einem Ausmaß zu mißachten, wie sie allein es für richtig hält“. Vor allem aber weist er darauf hin, dass unter der Annahme, „alle Kulturen“ fänden „in sich selber die höchste Wertigkeit“ und es stünde „kein ‚Gesetz‘ über ihnen“, auch eine „exterminatorische Kultur dieselbe Daseinsberechtigung wie alle anderen [hat], glaubt sie doch ernsthaft, andere Kulturen und Völker auslöschen zu müssen, um selber leben zu können“.

Dem von ihm heftig kritisierten Konzept des „kommunitäre[n] Multikulturalismus“, dessen „Leitidee“ zufolge eine jede Kultur einer multikulturellen Gesellschaft „gemäß ihrem eigenen Recht“ neben allen anderen leben kann und soll, hält der Autor entgegen, dass „Divergenz in den moralischen und rechtlichen Wertungen […] soziale Unverträglichkeiten [schafft], die sofort, wenn man sie thematisiert, zu politischen Unverträglichkeiten werden. Solche Unvereinbarkeiten werden explosiv, wenn unterschiedliche Kulturen dasselbe Territorium bewohnen“ und „erzeugen einen vorkriegsbürgerlichen Zustand“. Dabei weiß Flaig sehr wohl, dass Kulturen stets „Gemengelagen“ sind und kulturelle Identitäten „niemals homogen“. Eben darum aber müssen Kulturen ihm zufolge „unablässig semantische und soziale Kohärenz“ herstellen, um überhaupt „als Kulturen funktionieren“ zu können.

Gegen die von ihm konstatierte politische und mediale „Verharmlosung kultureller Unverträglichkeiten“ beharrt er darauf, „daß Menschen aus bestimmten kulturellen und religiösen Herkunftsräumen mentale Prägungen aufweisen, die es ihnen verwehren, Menschenrechte und Demokratie anzuerkennen“, ohne diese ‚Prägungen‘ allerdings zu essentialisieren. Bilden diese Menschen in einer Kultur „Parallelgesellschaften mit konträren Wertesystemen“, statt ihre ‚Prägungen‘ zu überwinden, so „zerbrechen“ sie „den einheitlichen Raum des gemeinsamen Rechts, ohne den keine Republik existieren kann“. Sozusagen als Dreingabe zeigt Flaig zudem auf, welche fundamentalen Gemeinsamkeiten der kommunitaristische Multikulturalismus eben „mit jenem Ethnopluralismus“ nationaler Ideologien teilt, „von dem er sich wütend abzugrenzen versucht“. Die Frage „Universalismus oder […] Multikulturalismus“, beantwortet der Autor aus all diesen Gründen dezidiert zugunsten des ersteren. Nicht weniger vehement wendet er sich gegen die politische und mediale „Verharmlosung“ solcher „kultureller Unverträglichkeiten“.

Gegen die von Kirchen und verschiedenen NGOs gepredigte „hegemoniale Leitideologie und Leitmoral“, deren „moralische[r] Furor“ sich in den Jahren 2015 und 2016 einer „totalitären Atmosphäre“ genähert habe, indem sie „einzelne Menschenrechte menschenrechtswidrig […] überstrapazier[t]en“, macht sich der Autor für eine „menschenrechtliche und wissenschaftliche Leitkultur“ stark, die nicht auf Gefühle, sondern auf Argumente setzt. Und vor allem für individuelle und politische Freiheit, wobei diese über jener steht, da nur die politische Freiheit in der Lage ist, die individuelle zu garantieren. Für diese politische Freiheit und andere Werte der Aufklärung gelte es, gegen ihre erklärten FeindInnen zu kämpfen und gegebenenfalls auch Opfer zu bringen. Werte werden Flaig zufolge überhaupt nur dann zu solchen, wenn Menschen hierzu bereit sind. Hinzuzufügen wäre vielleicht, dass dies keineswegs die Annahme impliziert, es sei selbst schon ein Wert, überhaupt Werte (oder ein Wertsystem) zu haben. Ob dem so ist, hängt vielmehr davon ab, um welche Werte es sich jeweils handelt. Denn bekanntlich sind Menschen bereit, sich für die unsinnigsten und unmenschlichsten Werte(systeme) zu opfern. Umgekehrt ist es aber sehr wohl von Übel, keine Werte und kein Wertesystem zu haben. Denn dann läuft man Gefahr, eines dieser unmenschlichen Wertesysteme oktroyiert zu bekommen und dessen Opfer zu werden. Zu denken ist etwa an die „menschrechtsfeindliche[n] Religionen“, gegen die Flaig sich wendet.

So ist „Feindschaft“ ihm zufolge auch „eine unvermeidbare Beziehung zu jenen Kräften, die offen jene universalen Werte bekämpfen, ohne die eine menschenrechtlich verpflichtende Weltrepublik nicht denkbar ist“. Eben darum wendet sich der Autor vehement gegen jenen „politische[n] Pazifismus, der sich als ‚Friedensbewegung‘ versteht“, da dieser den Krieg keineswegs abschaffe, sondern vielmehr eine Seite „lähmt“. Wer aber „Feindschaft nicht denken kann und die Konsequenzen eines Krieges nicht aushält“, ist Flaig zufolge „reif für die Knechtschaft“. Denn es gebe zwar „Beziehungen, die sich nur realisieren, wenn beide Seiten zustimmen, so etwa die Liebe“. Im Falle eines Krieges genüge es jedoch, „daß eine Seite ihn will und ihn beginnt“. Daesh und andere islamoterroristische Organisationen stellen dies seit einiger Zeit nachdrücklich unter Beweis.

Flaig, ein zweifellos für viele ausgesprochen provokanter Verteidiger von Aufklärung und politischer Vernunft sieht sich dem Verfasser des „fundamentalste[n] Werk[s] des modernen Denkens“, Immanuel Kant, verpflichtet. So ist ihm der Königsberger mit seiner – wie Kant in der Schrift Zum ewigen Frieden formuliert – eine „positive Idee einer Weltrepublik“ entwickelnden politischen Philosophie auch ein wichtiger Gewährsmann. Gelegentlich reicht er sogar an dessen argumentative Genauigkeit heran. Flaigs Scharfzüngigkeit, die den Vergleich mit derjenigen eines anderen Aufklärers, nämlich Julien Offray de La Mettrie, durchaus nicht zu scheuen brauchtfährt ihm allerdings immer dann in die argumentative Parade, wenn er sich zu Verbalinjurien hinreißen lässt und er seinen philosophischen oder politischen Gegner beispielsweise „Schwachsinnslogik“ attestiert oder sie als „Ignoranten mit der Wünschelrute historischer Esoterik“ tituliert, die irgendwo einen „‚realexistierenden Multikulturalismus‘ zu entdecken meinen“. Der Autor hätte klüger daran getan, sich ganz auf seine argumentative Kraft zu verlassen. Doch gehen die polemischen Gäule nur zu oft mit ihm durch.

Einige der von ihm kritisierten DenkerInnen und PolitikerInnen überbieten ihn in dieser Disziplin allerdings bei Weitem, wie bereits der erste Satz des vorliegenden Buches zeigt. Er zitiert Stanislaw Tillich, mit den auf DemonstrantInnen, die einen Bus mit AsylbewerberInnen blockierten, gemünzten Worten: „Das sind keine Menschen, das sind Verbrecher!“. Damit „grenzt“ der sächsische Ministerpräsidenten „den politischen Gegner aus der Menschheit aus“, wie Flaig ebenso kühl wie zutreffend anmerkt.

Bei aller argumentativen Stärke lassen Flaigs Belege und Quellennachweise doch allzu oft zu wünschen übrig. Einige Beispiele aus dem Bereich der Sexualkriminalität mögen dies belegen: Nachdem der Autor die Massenvergewaltigungen während der Demonstrationen auf dem Tahirplatz in Kairo erwähnt und darauf hinweist, dass solche Verbrechen während europäischer, asiatischer und amerikanischer Erhebungen nicht vorgekommen sind, kritisiert er die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer dafür, dass sie „am 10. Juni 2013 in einem Interview [bestritt], daß diese Vergewaltigungen einen kulturellen und religiösen Hintergrund hatten; statt dessen seien die Ursachen sozialer Art“. Offenbar bezieht sich der Autor auf eine Diskussion im Deutschlandfunk, an der Krämer an dem besagten Tag beteiligt war. Einen genauen Beleg aber lässt er vermissen. Ein zweites Beispiel: Seine zweifelhafte Behauptung, „daß die allermeisten Vergewaltiger Muslime sind“, versucht er mit einem Zitat von Alice Schwarzer aus dem Jahr 2003 zu untermauern, dem zufolge ihr ein Kölner Polizist gesagt habe, „70 oder 80 Prozent der Vergewaltigungen in Köln würden von Türken verübt“. Auch dies, ohne dass er das Zitat genau ausweist. Ebenfalls ohne Quellenangabe bleibt seine Feststellung, dass im Jahr 1975 in Schweden 421 Vergewaltigungen angezeigt wurden, „der Schwedische Nationalrat für Verbrechensprävention“ 2014 hingegen mehr als zehnmal so viele, nämlich „6 620 Fälle“ meldete. Diesen drei Beispielen ließen sich mühelos weitere anfügen, doch mögen sie an dieser Stelle genügen.


Bernhard SchircksOhne Ideologien zu mehr Frieden

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