Sonntag, 29. März 2026

Wetter (Hessen)

 Wetter wird das erste Mal im Codex Eberhardi (1150–1160) urkundlich genannt. Es wird ein   karolingischer   Königshof inmitten eines ausgedehnten Bezirks an Reichsgut vermutet. Er dürfte mit dem   fränkischen   Kastell auf dem nahe gelegenen Christenberg in Verbindung gestanden haben. Der Hof lag an einem Flussübergang der nord-südlich verlaufenden sogenannten Weinstraße (Wagenstraße), einer überregionalen Verbindung aus dem Frankfurter Raum in das Sachsenland (Paderborn). Eine Besiedlung des Klosterberges konnte durch archäologische Grabungen bis in das 8. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Ab dem 11. Jahrhundert ist auch die Nutztierhaltung nachweisbar, was durch hunderte Tierknochen belegt ist.

Der Marktflecken Wetter selbst wird 1223 als „civitas“ bezeichnet und ist damit eine der frühesten Städte in Hessen. Bereits 1235 finden fünf Bürger und Schöppen Erwähnung, womit ein Stadtgericht belegt ist. Mit der Schließung des Amtsgerichts Wetter 1945 endete die Tradition der Rechtsprechung in Wetter.

Das Stift Wetter entstand wohl im beginnenden 11. Jahrhundert; eine Verbindung zum ottonischen Königshaus wird vermutet. Es wurde im Jahr 1108 erstmals erwähnt. Das Stift diente später neben der Aufnahme von weiblichen Adeligen auch als Bildungsanstalt. 1266 war ein „Magister Konrad“, 1323 ein Rektor Heinrich an der Schule des Stifts tätig.

Die Entwicklung der Stadt, die später Sitz eines Amtes wurde, wurde durch die Tätigkeit von Elisabeth von Thüringen in Marburg und die spätere Wallfahrt zum Grab der Heiligen gebremst. Nachdem Marburg zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte in Deutschland geworden war und im 16. Jahrhundert die Philipps-Universität Marburg gegründet wurde, rutschte Wetter in die Bedeutungslosigkeit ab. Auch mehrere Stadtbrände (u. a. 1622, 1626, 1629 und 1649), die nur wenige Bauwerke, darunter die Stiftskirche, überstanden, warfen die Stadt in ihrer Entwicklung immer wieder zurück.

Demokratie Design?

 

"[...] Das Kumulieren und Panaschieren ist an sich ein wertvolles Instrument für mehr Mitbestimmung, in der Praxis gerät es jedoch zur logistischen Herausforderung. Mit einer Breite von fast 1,5 Metern und mehr als 1.100 Namen glich der Stimmzettel zur Frankfurter Stadtverordnetenversammlung eher einer „Wahltapete“ als einem übersichtlichen Dokument.

Passend dazu ist die Region Frankfurt/Rhein-Main in diesem Jahr „World Design Capital“. In Anbetracht dieser Papierberge stellt sich mir die Frage: Braucht unsere Demokratie ein Design-Update? Dass dahinter weit mehr steckt als bloße Praktikabilität, erläutert der Politikwissenschaftler Christian Stecker in unserer Veranstaltungsaufzeichnung „Ausgezählt!“ – eine profunde Analyse, die auch demokratietheoretische Argumente in den Fokus rückt.

Doch wie genau befruchten sich Demokratie und Design? Dieser Frage widmen wir uns ab dem 17. April in unseren „Denkräumen“. Unsere Stipendiatinnen und Stipendiaten der Jungen Akademie laden Sie herzlich ein, gemeinsam über neue Impulse für unsere Gesellschaft nachzudenken. Details zum ersten Termin finden Sie direkt unter diesem Intro. [...]

17 April

Freitag, 18.00–20.30 Uhr
 
Weißfrauen Diakoniekirche, Frankfurt

Design Demokratie

Platz und Raum für Gemeinschaft

Demokratie muss gestaltet werden: auf Plätzen, in Parks, am Familien-Esstisch. Was braucht es räumlich, damit das gut gelingen kann? Darüber spricht die Junge Akademie mit Peter Cachola Schmal vom Deutschen Architekturmuseum und mit Lutz Dietzold vom Rat für Formgebung.
https://www.evangelische-akademie.de/kalender/design-demokratie/63880/?utm_source=newsletter&utm_medium=email

https://jeanpol.wordpress.com/2026/03/29/titelder-stillstand-ist-hausgemacht-und-wird-falsch-bekampft/

Mittwoch, 25. März 2026

Verstehen Sie Spaß?

 Wenn ich gefragt werde, ob mir etwas Spaß gemacht hat, verstehe ich unter Spaß eine kleine bescheidene Freude.

Ein britischer Soziologe - in der ZEIT angeführt hat eine umfassende Abhandlung über das, was Briten fun nennen, geschrieben

Und daraus habe ich gelernt, dass ich keinen Spaß verstehe: Regelverstoß um seiner selbst willen, andere Leute ärgern, sie reinlegen, so dass sie gute Miene zum bösen Spiel machen müssen, wenn sie nicht als Spielverderber gelten wollen, all die vielfältigen Vorstufen von Mobbing, wo eine Gruppe sich gegen einen einzelnen stellt, um sich über ihn zu erheben, wenn er sich ärgert, macht mir keinen Spaß.

Etwas ausprobieren, ohne sich beweisen zu müssen, macht Spaß.

Spaß, den man verstehen muss, verstehe ich meist gar nicht. Gute Miene zum bösen Spiel zu machen, ist eine Frage der Stimmung. Mal gelingt es, mal nicht. Mit einem Scherz hereingelegt zu werden, kann mir, wenn er einfallsreich ist, schon gefallen; aber ich will nicht jeden Scherz für einfallsreich halten müssen. 

Blödsinn und "höherer Blödsinn" kann Spaß machen und manches Beispiel hat man lange im Sinn.

Nicht nur: "Dunkel war's, der Mond schien helle, als ein Wagen blitzeschnelle, langsam um die Ecke fuhr..."

Dienstag, 24. März 2026

Wussten sie schon? Komi?

 Die Republik Komi liegt im äußersten Nordosten Europas, einer dünnbesiedelten Taiga- und Tundra-Region. Die Landschaft ist vorwiegend flach, im Nordwesten liegt der Timanrücken, im Osten grenzt sie an das Uralgebirge. Die wichtigsten Flüsse sind die Petschora sowie die Wytschegda, ein Nebenfluss der Nördlichen Dwina. Die Urwälder von Komi sind das größte zusammenhängende Urwaldgebiet Europas und seit 1995 UNESCO-Weltnaturerbe. Die Manpupunjor-Felsen zählen zu den Sieben Wundern Russlands.

Donnerstag, 19. März 2026

Transidentität - ein guter Austausch auf gutefrage.net

 https://www.gutefrage.net/frage/mein-partner-hat-sich-als-trans-geouted-aber-ich-bin-hetero-was-soll-ich-tun Partner mtw  Partnerin

Wortzusammensetzungen: Was kommt in die Fuge zwischen zwei Wörtern?

 Beispiel:

Warum heißt es eigentlich Gruppenmitglieder, wenn es doch nur um eine Gruppe geht?

"Kurzfassung: Dieses -‍en- war ursprünglich einmal eine Genitivendung (obwohl Gruppe niemals einen derartigen Genitiv hatte), aber heute wird sie genauso wie -‍es- wahl­los in solche Komposita eingestreut, um die Wortfuge (=dort, wo die beiden Wörter zu­sam­menstoßen) zu kennzeichnen. Man nennt es deshalb auch „Fugenzeichen“.

Die Langfassung ist, wie zu erwarten, deutlich länger als ein Absatz.

Wörter wie Gruppenmitglied, Ankunftszeit, Eselsmilch, Fensterrahmen, Betriebsleiter, Katzenklo, … sind sogenannte Determinativkomposita: Sie bestehen als zwei Teilen X und Y, die für sich alleine eine Bedeutung tragen. Ein XY bezeichnet diejenigen Y, die irgendwie zu X gehören, oder die Eigenschaften von X haben. Die Ankunftszeit ist also die Zeit der Ankunft, und das Katzenklo gehört der Katze bzw. ist für sie. In der Gram­matik nennt man sie auch oft Tatpuruṣa (das Wort stammt aus dem Saṁskr̥t, weil die altindischen Grammatiker schon seit mehr als 2000 Jahren diese Strukturen syste­matisch beschreiben).

Oft ist die Beziehung zwischen den Teilen X und Y die eines Genitivs: das Mitglied der Gruppe, die Milch des Esels, der Leiter des Betriebs etc. Deshalb wurden solche Zu­sam­mensetzungen oft so gebildet, daß das Vorderglied im Gen. Sg. steht.

Im Deutschen kann der Gen Sg auf zwei Arten gebildet werden: Mit -‍(e)s (stark) wie z.B. des Esels, Betriebes oder mit -‍(e)n (schwach) wie z.B. des Grafen, des Jungen, und weibliche Wörter haben gar kein Genitivkennzeichen. Allerdings hat sich das im Lauf der Sprachgeschichte oft hin- und herverschoben, wir sagen z.B. heute des Hahnes, aber im Mittelalter sagte man noch des Hahnen (obwohl man es nicht so schrieb).

Deshalb kam zu zu einem Chaos beim Bilden dieser Zusammensetzungen; beispiels­weise sprechen wir heute vom Hahnenschrei oder dem Schwanengesang, obwohl die beiden Vögel heute ihren Genitiv mit -es bilden. Der ehemalige Genitiv ist also nicht mehr zu erkennen.

Dazu kommt, daß das Deutsche in den letzten zweihundert Jahren eine ausgeprägt Liebe zur Bildung solcher Zusammensetzungen entwickelt hat und in jedem Jahr­zehnt unzählige neue dazukommen. Die Sprecher wollen sich dabei an bereits vor­han­denen Mustern in der Sprache orientieren, können das aber nicht, weil bereits der rela­tiv kleine Bestand an alten, aus dem Mittelalter kommenden Zusammensetzungen inkonsistent war (so wie Hahnenschrei, Schwanenhals). Die neu dazugekommen hal­ten sich gleich an gar keine Regel, so daß man kein Muster hat, wie man neue derar­tige Bildungen formen soll: Mit -‍(e)s-, mit -‍(e)n- oder ohne jedes Kennzeichen.

Daher gibt es heute keine Regel, welche Zusammensetzung mit welchem Infix gebil­det werden sollen. Die Faustregeln orientieren sich am Geschlecht und an der Genitiv­form des Vorderglieds und an der Aussprechbarkeit der Konsonantenverbindungen, aber sie stehen oft in Konflikt zueinander, und im Endeffekt macht jedes dieser Kom­posita, was es eben machen will."

Antwort eines Experten auf gutefrage.netindiachinacook Community-Experte

Freitag, 13. März 2026

Kirche ist anders

 https://www.zeit.de/2026/12/anna-nicole-heinrich-praeses-evangelische-kirchenfunktionaerin-regensburg

Anna-Nicole Heinrich (Wikipedia)

"[...] Heinrich: Wir kamen ein Jahr nach dem Abi zusammen und haben nach vier Jahren geheiratet. Als wir zusammenzogen, fing er in einer Kanzlei für Wirtschaftsprüfung in München an und war 20 Wochen im Jahr unterwegs. Ich wollte nicht allein in einer Wohnung rumsitzen. So kamen wir auf die Idee mit der WG. Wir leben heute zu fünft in einer 135-Quadratmeter-Wohnung mit kleinem Gemeinschaftsgarten. Wir backen oft zusammen Pizza oder spielen, gerade feiern wir das Kartenspiel Unstable Unicorns. [...]

Ich bin auf jeden Fall eine Macherin. Ich mag es, Ergebnisse zu sehen. Das Philosophie-Studium war das Gegenteil: Du denkst und denkst und schreibst und schreibst, und dann kommt jemand mit einem Gegenargument. Ich habe parallel immer Programmierkurse belegt. Da musste man in zwei Stunden ein Schachspiel programmieren und war dann einfach fertig. [...]

Heinrich: Ich bin über die Schule in die Evangelische Jugend reingerutscht. Wir trafen uns abends zum Spielen, sonntags im Kindergottesdienst und fuhren im Sommer ans Ijsselmeer. Mit elf oder zwölf kam das Thema Taufe auf. Mir wurde klar: Ich fühle mich zwar zugehörig, bin es aber nicht richtig.

ZEIT: Deine Mutter hat sich gleich mittaufen lassen.

Heinrich: Das war ein sehr geschickter Move des Pfarrers. Wer sich taufen lässt, braucht einen Paten. Weil unser Vermieter der einzige Christ war, den wir kannten, wurde er mein Taufpate. Der Pfarrer meinte aber, es wäre schon gut, wenn es noch einen Christen im näheren Umfeld gebe. Deshalb ließ sich auch meine Mutter taufen. Sie hat den Zugang zum Glauben, meine ich, nie richtig gefunden. Aber sie würde auch nie austreten, weil sie sieht, wie die Kirche mich und meine kleine Schwester prägt. [...] 

ZEIT: Vor dir waren erfahrene Politikerinnen wie Irmgard Schwaetzer und Katrin Göring-Eckardt in diesem Amt.

Heinrich: Irmgard Schwaetzer sagte kurz nach der Wahl zu mir: Du bist 54 Jahre jünger. Lass deine Sneaker an. Die Leute haben dich gewählt, weil du bist, wie du bist.

ZEIT: War dein Alter ein Vorteil?

Heinrich: Ich konnte Sachen machen, die sich erfahrenere Leute nicht hätten erlauben können. Es wird von jungen Menschen in großen Institutionen erwartet, dass sie wilder sind und noch nicht systemblind; dass sie sagen, was sie denken. Diese Kraft nutzt sich aber auch ab. [...] 

ZEIT: Du äußerst dich oft politisch. 2022 hast du eine Aktivistin der Letzten Generation zur Synode eingeladen. Vielen ging das zu weit, jemand kritisierte einen "verzweifelten Versuch der Anbiederung". Kann Kirche zu aktivistisch sein?

Heinrich: Kirche kann nicht genug für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit tun. Niemand sprach damals mit den Leuten der Letzten Generation. Ich habe mich nicht mit ihnen auf die Straße geklebt, ich habe einer Aktivistin zehn Minuten auf unserer Bühne gegeben, in denen sie zeigen konnte, dass die Letzte Generation mehr ist als Sekundenkleber. Eine Kernfunktion von Kirche ist, Menschen ins Gespräch zu bringen, Verständigungsort zu sein. Insofern würde ich sie wieder einladen.

ZEIT: Du polarisierst auch mit eigenen Auftritten, etwa auf dem Christival in Erfurt, an dem sich auch konservative Freikirchen beteiligen, die ein Abtreibungsverbot fordern.

Heinrich: Wenn Menschen rote Linien überschreiten, braucht es Widerspruch, am besten im selben Raum. Deshalb gehe ich auch in diese Räume. Wenn ich auf dem Christival spreche, legitimiere ich damit kein Abtreibungsverbot.

ZEIT: Mit wem würdest du nicht sprechen?

Heinrich: Nach meiner Wahl habe ich mich mit allen religionspolitischen Sprechern der Bundestagsfraktionen getroffen, auch mit dem der AfD. Das waren Gespräche unter vier Augen. In so einem Setting spreche ich mit jedem. Öffentlich würde ich das immer abwägen. [...]"

Youtube zu Literatur und Habermas

https://de.wikipedia.org/wiki/Silber_%E2%80%93_Die_Trilogie_der_Träume

 Das Wirtshaus im Spessart (1958)

Th. Mann: Die Buddenbrooks (1959) Teil I   Teil II

Th. Mann: Der Zauberberg (1981)





60 Jahre Gruppe 47  Gruppe 47 vorläufiges Schlussbild nach 30 Jahren, Glanz und Vergehen der Gruppe


Kurt Tucholsky       Paul Celan Herta Müller Heinrich Böll  Böll 2  Böll 1975 Böll 1992 Böll 2009 

Peter Handke Martin Walser u 47 H.M.Enzensberger 1961

dito

Siegfried Unseld  Uwe Johnson Max Frisch  Ingeborg Bachmann  Ingeborg Bachmann

Friedrich DürrenmattDürrenmatt: Wie entsteht ein Drama? (1969 - 1) (1969 - 2)

Heiner Müller

                                   


Habermas 90 Jahre (Seyla Benhabib  Rainer Forst im Interview mit Yves Bossart: über die Grindstruktur seines Denkens über kommunikative Vernunft)

Sloterdijk über Habermas (2022) Damals sah man Adorno als Lehrer und Habermas als seinen Assistenten (speziell Erkenntnis u. Interesse), S.s 60 S. Exzerpt Hab. als Paraphrasiker gesehen; Ss. Kritik der zynischen Vernunft (1983) von H. noch rechtpositiv besprochen, vielleicht in der Hoffnung S. in seinen Kreis einbeziehen zu können, - Begegnung H. und S. in Baltimore Auseinanderentwicklung. Der Historikerstreit sieht S. als eng und kleinlich an.)

Mehr als alles, was der Fall ist  (H: "Auch eine Geschichte der Philosophie" eine Rekonstruktion der Entwicklung des säkularen Denkens Dürnberger (H. Kants Transzendentalphilosophie als Ersatz für Metaphysik durch Kommunikationstheorie ersetzt)

Reemtsma Vortrag zu "Auch eine Geschichte der Philosophie" und Habermas Antwort

Habermas und das Begreifen der Gegenwart

Zum Verhältnis von Moral und Sittlichkeit 

Die Öffentlichkeitstheorie von Habermas

Strukturwandel der Öffentlichkeit bei H. übergangen der Kampf um Informationsfreiheit, Trennung von Information und Meinung


Mittwoch, 11. März 2026

Bach

Bachs Leben im DDR Fernsehen 

Teil  Die Herausforderung

Teil II Bist du bei mir

Teil III Stürme und Jahre

Teil IV Die Ordnung der Sterne

1122 Taler, "Das ist alles was der Verstobene an Werten hinterlassen hat" (Aufnahme des Erbes für die Bewertung des Nachlasses)

Das Genie aus der Provinz

Die ganze Wahrheit über Bach (Nur Text und Bilder, ganz ohne Musik)

Die Rolle der Zeit bei der Bewältigung der globalen Probleme der Menschheit

 "[...] In der Vergangenheit waren Macht, Rohstoffe oder Territorien oft die entscheidenden Ressourcen von Gesellschaften. Heute wird zunehmend deutlich, dass eine andere Ressource immer knapper wird: Zeit. Die Menschheit verfügt über Wissen, Technologien und organisatorische Fähigkeiten, die noch vor wenigen Generationen undenkbar gewesen wären. Doch die Frage ist, ob es gelingt, dieses Wissen rechtzeitig zu nutzen. Die Rolle der Zeit besteht daher nicht nur darin, Probleme zu begrenzen oder Fristen zu setzen. Sie bestimmt letztlich, ob die Menschheit ihre gegenwärtige Phase der historischen Beschleunigung als Übergang zu einer stabilen und kooperativen globalen Gesellschaft nutzen kann – oder ob sie von den Dynamiken überrollt wird, die sie selbst in Gang gesetzt hat.[...]"

https://jeanpol.wordpress.com/2026/03/11/die-rolle-der-zeit-bei-der-bewaltigung-der-globalen-probleme-der-menschheit/


Dienstag, 10. März 2026

Juli Zeh

 In welcher Welt leben wir eigentlich? u.a. burnout (nur Ton) Zwischenwelten Stefan Urban Städter u. Bäuerin (Vor ihrem E-Mailkontakt haben sie in einer engen WG zusammengelebt, stellen fest, dass sie sich weit voneinander entfernt haben) Der Diskurs wird so emotional, weil sie sich nicht verlieren möchten wollen. - Sie wollen die Gruppe aufrechterhalten.

Früher gab es auch große Kontroversen, aber weniger verletzende. Bei gleichem Wertekonsens mehr Schärfe. Ein Agreement to disagree fällt viel schwerer.) Es müsste eine neue Stufe des Zusammenlebens geben. ("Pubertät der Gesellschaft")

Entwicklung der letzten 250 Jahre. Seit 1960ern erheblich erhöhtes Tempo.  Der Grad an Erwartung auf Selbstverwirklichung hat das bisherige Gefühl der Herdengemeinsamkeit zerrissen. Vielleicht kann man in der Herde besser frei sein. 

Aber die Herdenerzählung wurde dekonstruiert.

Zeh: Interessengruppe materiell/sozial begründet Das scheint problematisch schnell zu verschwinden.

Andererseits Gruppenbildung über Moral. Das wird leicht zu überhöht. 

Schreckensszenarien: Spaltung der Gesellschaft, Polarisierung

Gefährdung der Demokratie

Wir brauchen etwas, worüber wir uns einigen können.

Vermutung: Übereinstimmung über Heimatzuordnung



 

Warum bei prinzipieller Freiheit so viel Bewusstsein von Eingeschränktsein?


Leben auf dem Dorf staatsfern, ohne Bezug zur Politik, lieber Dinge selbst lösen bis zur Selbstjustiz


Über Juli Zeh von Sonja E. Klocke Sie sieht Zehs Kritik an Maßnahmen als zu eng zu wenig komplex und ordnet sie als rechts ein. Jenny Erpenbeck sei da weniger scharf. 


Was man lernt in einer guten Ehe auch bei getrennten Schlafzimmern, wenn wir das schaffen würden in der Gesellschaft, dann wären wir weiter


Über Menschen Corona Einengung des Verhaltens

Wovor darf man Angst haben? Dora  Gote, der Dorfnazi, zu dem Empathie geschaffen wird

Wir können uns Meinungsfreiheit erlauben,  aber Rechtsgüter müssen geschützt werden

Übertreibung beim Compact-Verbot

Montag, 9. März 2026

Das Zusammenleben miit Flüchtlingen in der Nachkriegszeit

Wir hatten eine Flüchtlingsfamilie als Untermieter, das war für meine Mutter schwierig. Die Flüchtlinge hatten etwas andere Werte.

Meine Mutter hat sich damit geholfen, dass sie sich von Zeit zu Zeit in komischer Übertriebenheit gegenseitig beschimpft haben. Da konnten sie Dampf ablassen, ohne dass es Missstimmung vergrößerte. Ich wusste schon als Kind von ca. 5 Jahren, dass es Schauspielerei war. Erst 10 - 20 Jahre später habe ich erfahren, welche Funktion diese Schauspielerei erfüllte.

Wenn man so eng aufeinander sitzt, gibt es notwendigerweise Spannungen. Aber irgendwelche Abwertung gab es nicht. Ich habe nur schon relativ früh bemerkt, dass es meiner Mutter (mein Vater war im Krieg geblieben) nicht recht war, dass ich als Kleinster immer wieder einmal Süßigkeiten von der Untermieterin bekam. Aber dass es darüber eine Auseinandersetzung gab, habe ich nicht mitbekommen.

Also, es gab Spannungen, die nicht leicht auszuhalten waren. Dass das bei uns nicht so deutlich wurde, lag allerdings wohl nicht nur am Geschick meiner Mutter, sondern auch weitgehend daran, dass die Untermieterin mitgespielt hat. Der Mann der Untermieterin hat sich weitgehend herausgehalten.

Aber da habe ich vermutlich als Kind vieles nicht mitbekommen. Als ich älter war, hatten sich die Rituale und Regeln wohl schon eingespielt. Aber selbstverständlich empfand man es als Befreiung, als sie ausziehen konnten.

Die Zeit, dass zwei Familien bei uns Untermieter waren, habe ich überhaupt nicht in Erinnerung. Dass das der Fall war, habe ich nur nachher aus schriftlichen Unterlagen entnommen.

Aus historischen Untersuchungen geht klar hervor, dass es große Spannungen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen gab.

Wenn die Flüchtlinge in Lagern getrennt von den Einheimischen wohnten, wurden sie oft gemieden und als Unterklasse behandelt.

Meine Mutter hat 1950/51 einen Leserbrief geschrieben, wo sie für die Flüchtlinge in dem Lager eintrat:

"Vor 9 Jahren begann man das Ostlandlager aufzubauen, um die Ostarbeiter [ verschleppte Zwangsarbeiter]unterzubringen, die unseren fehlenden Arbeitskräfte ersetzen sollten. Seitdem bin ich zu allen Jahreszeiten am Ostlandlager vorbeigekommen, denn mein Garten liegt ein kleines Stück dahinter. Jahr für Jahr änderte sich das Bild. Um die Barackenlager herrschte Morast und grau-schwarze Farbe, bis eines Tages alles still und verlassen da lag. Man ging scheu um die Haufen von Lumpen, Kleidern und Hausgerät herum, bis sie allmählich verbrannt wurden.

Und dann wurde desinfiziert und gereinigt und ausgebessert, es kamen die Flüchtlinge aus dem deutschen Osten. Immer mehr und immer mehr kamen und gingen und immer neue trafen ein, die Menschen wechselten dauernd, aber eines blieb stetig überall das Ziel Sauberkeit, die Arbeit an der Verbesserung des Lagers und Ordnung. Mit Gemüsebeten fing es an. [Unleserlich] Sträucher und Blumen. Im letzten Jahr aber ist ein wesentlicher Aufstieg zu beobachten. Ein Zaun trennt das eigentliche Lager von den Stadtbaracken, Wäschepfähle stehen ordentlich auf dem Rasen, an dem entlang schöne Blumen gepflegt sind. Blasmusik ruft abends zu christlicher Unterweisung, man sieht das [unleserlich] denn durch den Rundfunk hört man die verschiedenen Sorgen schwer geprüfter Heimatvertriebener, den quälenden Aufenthalt in den Behelfsunterkünften zu erleichtern. Täglich hoffen diese Menschen, abgerufen zu werden zu einer Arbeit in ein unbekanntes Gebiet, in dem sie ihre hier abgestellten Möbel unterbringen können. Es ist eine unerhört anstrengende, kraftzehrende Wartezeit.

Wollen wir diesen unseren Brüdern und Schwestern das Leben noch schwerer machen durch Unfreundlichkeit und Nichtachtung? Sollten wir Ihnen nicht durch Höflichkeit und Hilfsbereitschaft zeigen, dass wir ihre schwierige Lage erkennen. Heimatlose Menschen sind wund und empfinden Liebe und Güte doppelt stark, aber auch alle Herzenskälte. Wir wollen heilen helfen, denn die Wunden der anderen machen auch uns krank. Wir alle aber wollen gesunden."

Das Gefühl "Wir halten zusammen" bestand nicht von selbst, es kostete viel Mühe, es zu wecken und aufrechtzuerhalten.

Sonntag, 8. März 2026

Von der Pferdebahn 1898 bis zum Bierstreik

 Was KIs alles zu einem Lied zutage führen:

Zum Dresdner Straßenbahnerstreiks von 1900:

„Zu Dresden in der Residenz, Da gab es einen Streit, Den man in ganz Europa kennt, Er dauerte lange Zeit. Es war am neunzehnten August, Da fing die Sache an, Da streikten in der Residenz Die Leute von der Straßenbahn.“

https://antworteneinerki.blogspot.com/2026/03/das-lobtaulied-in-wolfgang-steinitz.html

Zum Löbtauer Bierstreik

https://antworteneinerki.blogspot.com/2026/03/erlautere-die-hintergrunde-des-lobtauer.html

https://antworteneinerki.blogspot.com/2026/03/der-lobtauer-bierstreik-von-189091.html


Freitag, 6. März 2026

Taubes und Carl Schmitt

Einführungsseminar zu Carl Schmidt Nägele Gegenuni

1. Carl Schmitt : Der Begriff des Politischen. 
Politik ist für Schmitt nicht einfach Handeln im staatlichen Raum, sondern direkt an den Begriff eines Feindes gebunden. 
"Die spezifische Unterscheidung, auf welche sich die politischen Handlungen und Motive zurückführen lassen, ist die Unterscheidung von Freund und Feind. [...] Jeder religiöse, moralische, ökonomische, ethnische oder andere Gegensatz verwandelt sich in einen politischen Gegensatz, wenn er stark genug ist, die Menschen nach Freund und Feind effektiv zu gruppieren."
Nach meinem Verständnis wird für Schmitt der Staat erst dann interessant, wenn es nicht mehr um Kompromisse und Aushandeln geht, sondern wenn der Staat die Funktion hat, bei einem Verhältnis von Freund und Feind  eine Regelung für den Ausnahmezustand zu finden. Dann erst ist der Souverän gefragt.
2. Carl Schmitt Parlamentarismuskritik
Parlamentarismus, Klärung durch Diskussion gehört zum Liberalismus,  aber nicht zur Demokratie.
Demokratie ist eine Organisationsform ohne Inhalt, Liberalismus ist Ideologie und Partei. De facto siegt nicht das bessere Argument, sondern Kompromisse zu Interessengegensätzen  werden ausgehandelt.
In der Demokratie wird nicht nur Gleiches gleich (wir), sondern auch Ungleiches ungleich (der Feind)  behandelt. Dafür braucht man Gleichheit der Bürger.  Demokratie ist auch ohne Wahlrecht möglich. (Akklamation, Auslosung)
Demokratie [...] ist die Identität von Herrscher und Beherrschten, Regierenden und Regierten, Befehlenden und Gehorchenden. Verfassungslehre S. 234
Prinzip der Identität des Volkes mit sich selbst als politischer Einheit. Ausscheidung und Vernichtung des Heterogenen. Für Einheit braucht man einen Mythos (Faschismus, Marxismus)

Konkretes Ordnungsdenken Carl Schmitt und NS






" [..] Mit Carl Schmitt traf er sich in der apokalyptischen Überzeugung, das eschatologische Ende der Geschichte eröffne die Möglichkeit einer neuen politischen Praxis. Israel steht für ihn als „Ort der Revolution“, als „unruhiges Element in der Weltgeschichte“, das erst eigentlich einen Geschichtsbegriff erschaffen habe. Wie Nietzsche und Max Weber betont er die weltgeschichtliche Bedeutung Israels als „axiologischen“ Anfang der abendländischen Eschatologie. Gegen Carl Schmitt will Taubes die Perspektive einer Erlösung von der Gebundenheit an diese Welt aufrechterhalten; ohne die notwendige Unterscheidung zwischen weltlich und geistlich sei der Mensch Herrschern und Gewalten ausgeliefert, die in einem „monistischen Kosmos kein Jenseits mehr kennen würden“.[9] Den „Kern des Judentums“ habe Taubes nach dem Holocaust in einem „mit Hilfe von Paulus spiritualisierten Judentum“ gefunden, während etwa Scholem diesen in der Kabbala gefunden habe. „Taubes rekonstruierte das Judentum nicht aus den Quellen der jüdischen Mystik, sondern aus denen der jüdisch-urchristlichen Apokalyptik, die den explosiven Gehalt der Gnosis aufnahm.“[10"(Jacob Taubes)

Seine Schrift: Ad Carl Schmitt. Gegenstrebige Fügung. Merve Verlag, Berlin 1987, ISBN 3-88396-054-3 online (englische Ausgabe: To Carl Schmitt, Letters and Reflections, Columbia University Press 2013[12])



zusammengerollte Zeit / messianische Zeit (Kairos) Zwischenzeit, die von Handlung ergriffen werden muss
die vor dem jüngsten Tag Gestorben werden als erste auferstehen, die am jüngsten Tag noch Lebenden als letzte
Paulus lässt das jüdische Gottesvolk durch die Gemeinschaft der Glaubenden ersetzt
nicht mehr jemandem glauben, sondern an jemanden glauben
Römerbrief verheiratet sein, als sei man es nicht (im letzten Augenblick: Ernstfall, Ausnahmezustand)
Paulus versteht sich als Apostel der Heiden  Mose forderte vom Gottesvolk Treue
Inklusions- oder Exklusionstheologie
Paulus (Glaube)        Carl Schmitt (Bedrohungsbewusstsein - Krankheit)


H. M. Enzensberger  (youtube) Wikipedia

Lob der Wikipedia-Mitarbeiterschaft

 Zum 25-jährigen Jubiläum der Wikipedia wurde manches Positive über die Wikipedia gesagt. Bei Gelegenheit werde ich eine KI dazu auffordern, das zusammenzustellen.

Heute drängt es mich, nach über 20 Jahren Wikipediaarbeit, bei der ich durchaus manche unerfreuliche Erfahrungen gemacht habe, der Wikipediamitarbeiterschaft dafür zu danken, dass sie diese wichtige Einrichtung, obwohl es immer schwieriger wird, dort mitzuarbeiten, weiterhin voranbringt (voranbringen) und inzwischen in über 200 Sprachsektionen.

Insbesondere bin ich glücklich, dass Wikipedianerinnen in diese Gemeinschaft einen so empathischen Ton hineingebracht haben, dass das Erzübel des rauen Tons von beglückenden Edelsteinen unterbrochen wird.

Damit man mir abnimmt, dass ich weiß, wovon ich spreche, möchte ich elian (eine Wikipediapionierin)   und 1falt (eine Meisterin der Empathie seit 2018) nennen.

Danke!


Mittwoch, 4. März 2026

US-Kriegsministerium besteht auf Verwendung von KI für staatliche Überwachung und autonome Waffen



"Anthropic-Chef Dario Amodei erklärte, Künstliche Intelligenz mache es möglich, verstreute Daten einzelner Menschen in großem Stil automatisiert zu einem ausführlichen Bild ihres Lebens zusammenzusetzen. Zugleich sei KI noch nicht verlässlich genug, um in vollständig autonomen Waffen eingesetzt zu werden. „Wir werden nicht wissentlich ein Produkt liefern, das Amerikas Krieger und Zivilisten in Gefahr bringt“. "

"Im Februar 2026 stufte die US-Regierung Anthropic als Sicherheitsrisiko für die Lieferkette ein und untersagte allen Bundesbehörden mit sofortiger Wirkung die Nutzung von Anthropic-Technologie. Kriegsminister Pete Hegseth ordnete an, dass Auftragnehmer des US-Militärs keine Geschäfte mehr mit Anthropic machen dürfen. Für das Ministerium gilt eine sechsmonatige Frist, um zu einem anderen Anbieter zu wechseln. Anthropic besteht darauf, dass Künstliche Intelligenz der Firma nicht für Massenüberwachung in den USA sowie nicht in komplett autonomen Waffen eingesetzt wird."

"Der mit Anthropic konkurrierende ChatGPT-Entwickler OpenAI schloss unterdessen eine Vereinbarung mit dem US-Militär über den Einsatz seiner KI-Modelle in klassifizierten Cloud-Netzwerken.[46][47]"

(Wikipedia)

"„Arroganz und Verrat“: Trump bestraft KI-Konzern Anthropic mit hartem Bann [...]

Die Weigerung seines Unternehmens begründete Anthropic-CEO Amodei mit zwei roten Linien, die nicht überschritten werden dürften. Die erste lautet: KI soll keine autonomen Waffen steuern, bei denen Maschinen selbstständig töten. Und die zweite: KI soll nicht zur Massenüberwachung von US-Bürger:innen eingesetzt werden." FR 3./4.3.26

Dienstag, 3. März 2026

Treibhausgasemissionen

Die natürlichen Quellen von CO₂ betragen etwa 750 Gigatonnen pro Jahr, und ungefähr gleiche Mengen werden durch natürliche Senken (Ozeane, Vegetation) wieder aufgenommen – das System war also über Jahrtausende nahezu im Gleichgewicht.

Der menschliche Zusatz liegt derzeit bei etwa 40 Gigatonnen CO₂ jährlich, was rund 5 % der natürlichen Flüsse entspricht, aber nicht vollständig kompensiert wird. Diese kleine, aber stetige Störung ist der Hauptgrund für den Anstieg der atmosphärischen CO₂-Konzentration (von etwa 280 ppm vor der Industrialisierung auf über 420 ppm heute).

Für Methan (CH₄) stammen etwa 40 % aus natürlichen Quellen (Feuchtgebiete, Termiten, Vulkane) und 60 % aus menschlichen Aktivitäten (Viehzucht, Reisanbau, fossile Brennstoffe).

Beim Distickstoffoxid (N₂O) ist der menschliche Anteil rund 40 %, vor allem durch Düngemittel und industrielle Prozesse.

Fazit: Die natürlichen Quellen sind zwar viel größer, aber im Gleichgewicht – der menschengemachte Überschuss kippt dieses Gleichgewicht langsam, was die langfristige Erwärmung antreibt."

https://www.gutefrage.net/frage/wie-hoch-sind-die-treibhausgasemissionen-die-durch-den-menschen-verursacht-werden-im-vergleich-zu-den-natuerlichen-quellen-von-co2n20-und-methan

Krankheit darf nicht dem Profit dienen

 

"[...] Bernard Lown sagte dazu einmal: „Ein profitorientiertes Gesundheitswesen ist ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich. In dem Augenblick, in dem die Fürsorge dem Profit dient, hat sie die wahre Fürsorge verloren.“ [...]"

Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist. www.medizinHuman.de

https://www.fr.de/meinung/kolumnen/das-system-wird-kollabieren-94190636.html


Freitag, 27. Februar 2026

"Was ist eigentlich, wenn ich Deutschland mal verlassen muss?".

 "Der Ex-FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai erlebt mit Sorge, wie sich das wohlhabende Bürgertum radikalisiert. Und fragt sich deshalb, ob er eines Tages auswandern muss. [...]

 "[...] Djir-Sarai: Um es klar zu sagen: Ich mache mir Sorgen um die bürgerliche Mitte in Deutschland. In den Milieus, die eigentlich mal für Diskurs, Verständigung und Kompromiss standen, herrscht mittlerweile ein Geist der Kompromisslosigkeit. Der Staat soll liefern – und zwar sofort. Und wenn er nicht liefert, muss eben ein neues System her. Diese Haltung ist brandgefährlich.

ZEIT: Haben Sie ein Beispiel für diese Haltung?

Djir-Sarai: Ich skizziere Ihnen mal einen Typus: Stellen wir uns den Geschäftsführer eines Unternehmens vor, finanziell erfolgreich, internationale Ausbildung, internationaler Freundeskreis, vielleicht mit einem türkischen Schwiegersohn. Und einige solcher Leute reden nun plötzlich wie Radikale.

ZEIT: Wie denn?

Djir-Sarai: Sie schimpfen auf "die da oben", obwohl sie selbst natürlich zu "denen da oben" gehören. Sie sprechen mit einer tiefen Verachtung über Politiker. "Die können das nicht, die sind doof, die verstehen die Probleme im Land nicht, die sind abgehoben." Und dazu kommt dann nicht selten eine Verachtung für das System: "Hier geht alles so langsam, hier reden zu viele Leute mit, hier muss mal einer durchgreifen." So in etwa ist die Tonlage.

ZEIT: Man könnte ja auch sagen: Es läuft tatsächlich vieles gerade nicht besonders gut in Deutschland.

Djir-Sarai: Das stimmt, und das macht mich auch wütend. Aber ich komme zu einer anderen Schlussfolgerung: Dann muss man sich mehr engagieren, sich mehr einbringen, mehr diskutieren. Was ich aber stattdessen erlebe, ist ein Rückzug. Man richtet sich ein in seiner Wut und schimpft nur noch auf all diejenigen, die es angeblich verbocken. Und das sind natürlich immer die anderen. [...]

Djir-Sarai: Ich bin schon immer für eine restriktive Migrationspolitik. Ich hatte immer ein Problem damit, dass wir Leute ins Land lassen, die unsere Werte ablehnen. Das ist eine Bedrohung für unsere offene Gesellschaft. Ich wäre auch beim Thema Einbürgerung und Integration weitaus härter als die bisherige Politik. Für diese Haltung habe ich von links immer Prügel bekommen. [...] 

Djir-Sarai: Ich habe mich selbst neulich dabei erwischt, wie ich meiner Frau die Frage gestellt habe: "War es eigentlich ein Fehler, dass unsere Kinder meinen iranischen Nachnamen tragen?" Ich war in diesem Moment über meine eigene Frage entsetzt. Noch vor zehn Jahren wäre es mir nie in den Sinn gekommen, so was auch nur zu denken. [...] 

Djir-Sarai: Ich glaube, sie war auch massiv irritiert davon. So hat sie jedenfalls geguckt. Aber das Thema ist ja noch größer. Ich liebe Deutschland, es ist meine Heimat. Aber ich habe mir zuletzt schon die Frage gestellt: Was ist eigentlich, wenn ich Deutschland mal verlassen muss? Die Frage fand ich früher absurd.

ZEIT: Warum?

Djir-Sarai: Weil meine Eltern mich das immer gefragt haben. Und ich habe mich deshalb mit ihnen gestritten. Die haben zum Beispiel immer zu mir gesagt, du musst etwas studieren, womit man überall auf der Welt arbeiten kann. Medizin zum Beispiel. Und ich habe gesagt: Warum soll ich denn weggehen? Ich bin hier zu Hause. Und die sagten: Na ja, man weiß nie, wie sich die Dinge entwickeln. Ich habe mich darüber richtig aufgeregt.

ZEIT: Und heute würden Sie sagen, Ihre Eltern hatten recht?

Djir-Sarai: Nein, aber ich erwische mich jedenfalls selbst, wie ich dieselben Gedanken habe und genauso mit meinen Kindern heute rede." ZEIT 26.2.26