Sonntag, 11. Februar 2018

Günter Gaus: Christa Wolf und Christa T.

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Gaus: Wir wissen nun, dass die Hoffnung vieler aus unserer Generation, die sie an 1945 knüpften, trügerisch, selbstbetrügerisch gewesen ist. Unabhängig vom Inhalt Ihrer und meiner, unserer damaligen Hoffnung – allgemein gefragt: Was bedeutet Ihnen die Einsicht, dass man keine Erfahrungen weiterreichen kann, dass die Nachwachsenden das Recht auf ihre eigenen Fehler beanspruchen – bis hin zu neuen grausamen Katastrophen?
Wolf: Als mir diese Einsicht zum ersten Mal dämmerte, das ist Jahre her, hat sie mich furchtbar mitgenommen; ich war nicht nur bedrückt, es hat mich in Verzweiflung gestürzt. Da hat sich etwas geändert. Ich meine schon, dass es von unserer Generation vielleicht einiges zu lernen gibt, aber nicht in dem Sinne, es nachzumachen, sondern daraus zu lernen, was man nicht unbedingt machen sollte.
Gaus: Das wär’ ja schon was!
Wolf: Ja, es wär’ schon was, aber im Moment scheint es eher so zu sein, dass auch das abgewehrt wird. Ich bin jetzt soweit, dass ich das irgendwie akzeptiere, weil ich sehe, die Jüngeren machen wirklich ihre eigenen Erfahrungen. Ich glaube, dümmer als wir, als ich sind sie nicht.
Gaus: Sie haben keine Angst, dass sie nicht Ihnen, sondern sich selber etwas zufügen, was Sie den Menschen gern ersparen würden?
Wolf: Doch, diese Angst habe ich.
Gaus: Das macht Sie nicht rasend, dass Sie nichts mitteilen können, nichts weitergeben können?
Wolf: Nicht mehr. Es hat mich rasend gemacht. Aber ...
Gaus: Dass es Sie nicht mehr rasend macht, ist das ein Schritt eher in Resignation oder in Weisheit? Oder ist das dasselbe?
Wolf: Nein, es ist sicher nicht dasselbe. – Ja, in diesem Punkt bin ich resigniert.
Gaus: Ohne Bitterkeit?
Wolf: Ja.

Gaus: Haben Sie in jüngeren Jahren daran gezweifelt, ob Sie es sich erlauben dürften, traurig und unglücklich zu sein?
Wolf: Ja, ich glaube ... Darf ich Sie etwas fragen? Nein, das gehört sich wohl nicht ...
Gaus: Eigentlich frage ich hier, aber fragen Sie mal.
Wolf: Wie kommen Sie auf die Frage?
Gaus: Das kann ich nicht sagen. Das will ich nicht sagen…

Wolf: Gut, akzeptiert. Sie haben Recht – was in der Frage als Meinung liegt. Erstens: Meine Kindheit lief in einer gespaltenen Erziehung. Das eine war die Hitlerjugend mit dem Versuch, in den Kindern Härte zu erzeugen. Das andere war die protestantische Erziehung zu Hause, die auch nicht gerade überströmend gefühlvoll war. Und dann später, in den Anfängen der Partei, natürlich auch: Man hat eigentlich glücklich zu sein, man ist verpflichtet, glücklich zu sein, da wir nun mal demnächst das Paradies auf Erden...
Gaus: Nach dem Studium Christa Wolfs habe ich genau dies gedacht, und das hat mich zu der Frage gebracht …
Wolf: Ja, das ist mir schon klar. – Da wir das Paradies nun vielleicht doch noch zu unseren Lebzeiten erreichen und errichten werden, warum soll man dann nicht verdammt noch mal jetzt schon glücklich sein! Allerdings, wenn man liebt, wenn man Kinder hat, dann wird das alles anders, dann wird man weicher, und dann wird man auch unglücklich.
Gaus: Wir berühren jetzt wieder das Thema, bei dem wir schon einmal waren, als wir über Christa T. sprachen, das Thema nämlich, dass Sie sich aus für Sie guten Gründen, zwingenden Gründen, oft genötigt haben, gegen Ihre Natur zu existieren. Hat Sie das verkürzt im Natürlichsein?
Wolf: Wenn es dabei geblieben wäre, hätte es mich sicherlich verkürzt und eingeschränkt. Aber es ist ja nicht dabei geblieben. Es stimmt, dass ich – ich weiß nicht, bis zu welchem Jahr – Krisen eher weggedrängt und versucht habe, sie rational zu lösen. Aber dann kam ein absoluter Ausbruch, ein Durchbruch von Traurigkeit, eben mit diesem Buch, mit ‚Christa T.’. Meine ersten drei Bücher könnten Sie wie Stadien dieses Durchbruchs verstehen: "Moskauer Novelle", da lief noch alles nach der Konvention; "Geteilter Himmel", das war ein Zusammenbruch dieses Mädchens, aber immerhin, sie musste durchkommen; Christa T. kommt nicht durch.
Gaus: Aber sie zerbricht nicht.
Wolf: Sie zerbricht nicht, aber sie kommt auch nicht durch, da ist sehr, sehr viel Traurigkeit in dem Buch.
Gaus: Ja, das kann man sagen. Es ist ein großes Buch, wenn ich das sagen darf.
Wolf: Es ist jedenfalls ein trauriges Buch. Ich habe das damals immer ein bisschen abgestritten, aber es ist sehr traurig.
Gaus: Aber nun noch einmal: Sie sagen, Christa T. scheitert nicht, Scheitern ist etwas anderes. Was ist Scheitern?
Wolf: Scheitern ist, wenn man keine Krisen hat, sondern hart und stracks durch etwas hindurchgeht, was man nicht selber ist, neben sich hergeht.
Gaus: Ohne Krisen?
Wolf: Mit oder ohne Krisen, jedenfalls neben sich hergeht, bis zu seinem Lebensende. Man kann ungeheueren Erfolg dabei haben, man kann, ich weiß nicht, Ministerpräsident oder sonst was werden, ein Schriftsteller allerdings kann man nicht sein. Das wäre Scheitern für mich.
Gaus: Was musste mit Christa Wolf geschehen, die das, wie sie meinte, Neue, Große für das menschliche Zusammenleben wollte, was musste ihr widerfahren, bis sie das Buch über Christa T. schrieb, über diese junge Frau, die, wie Sie sagen, nicht zerbrochen ist, aber die doch existieren musste zwischen der Bereitschaft, an der großen Sache mitzuwirken und dem Bedürfnis auf Selbstverwirklichung aus Eigenem? Was musste geschehen, bevor Sie sie erdichteten, diese Christa T., Ihre Stiefschwester im Geiste? War das eine Ersatzhandlung? Ersatz für ein reales Leben?
Wolf: Ganz im Gegenteil: Das war die Handlung, und das war das Leben, endlich.
Gaus: Aber was musste Ihnen widerfahren?
Wolf: Sie sagen in Ihrer Frage: dass ich auf das Neue, Große aus war. Ich war eigentlich nicht so sehr auf das Neue, Große aus, sondern ich hatte mir aus dem Marxismus und auch aus der sozialistischen Literatur und allem, was ich ja nun im Studium kennen gelernt hatte, das für mich herausgenommen, was ich wirklich wollte, und von dem ich glaubte, dass diese Gesellschaft und diese Idee es erreichen würden: die Selbstverwirklichung des Menschen. Als ich verstand, dass genau das nicht geschah – und das passierte auf folgende Weise: Ich war Kandidatin des ZK, und 1965 war ein Plenum, das berüchtigte 11. Plenum, das zu einem Kulturplenum, das heißt zu einer Abstrafung von Künstlern, besonders Filmleuten und Literaten, aber auch Malern, umfunktioniert wurde, und ich saß dort dabei und habe dann gesprochen, dagegengesprochen, …
Gaus: ... und zwar sehr couragiert ...
Gaus: Es musste passieren, dass ich so von innen her sehen konnte, wie der Mechanismus funktioniert. Und da wurde mir klar: Das geht nicht. Das geht nicht in die richtige Richtung. Als ich dort rauskam – ich weiß noch ganz genau, was ich dachte, als ich die Treppe runterging: die Hände weggeschlagen. Ich hab darüber auch geschrieben. Das war mein Gefühl damals. Da habe ich mich nicht in das Buch hineingerettet, sondern habe begriffen, dass das meine Art ist, sich damit auseinanderzusetzen. Das Buch hat mich gerettet, trotzdem. [...]"

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„Alles, was ich bisher geschrieben habe, nicht zuletzt dieses Buch, entstand aus Parteinahme für die sozialistische Gesellschaft, in der ich lebe.“[12] 
„Nachdenken über Christa T.“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 5. November 2017, 08:45 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Nachdenken_%C3%BCber_Christa_T.&oldid=170674910 (Abgerufen: 11. Februar 2018, 15:25 UTC)

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