Montag, 30. Januar 2023

Muster der Ungleichheit

"ZEIT ONLINE hat Einkommensschätzungen des Informationsdienstleisters infas 360 ausgewertet und für alle 80 Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern visualisiert. Jeder einzelne Punkt steht für einen Haushalt, die Farbe symbolisiert das geschätzte Haushaltsnettoeinkommen, also das, was einem Haushalt nach Abzug von Einkommenssteuer und Sozialabgaben übrig bleibt. Zum ersten Mal wird dadurch ein Muster der Ungleichheit sichtbar, das zeigt: In vielen Teilen der Großstädte bleiben die Einkommensklassen weitgehend unter sich. Im Fachjargon heißt das "Segregation".

Wie gespalten die Großstädte sind, beschäftigt Ungleichheitsforscher seit Langem. Bisher verwendeten die Wissenschaftler in ihren Analysen vor allem die Zahl der Menschen, die Transferleistungen beziehen. Daten darüber, wie sich die Gutverdiener in den deutschen Städten verteilen, fehlten bislang. Durch die Schätzungen von infas 360 kann ZEIT ONLINE nun die Verteilung aller Einkommensklassen darstellen. Die Trennung der Klassen verläuft nicht in allen Städten gleich. In manchen Städten drängen die Einkommensstarken an den Stadtrand, in anderen leben dort eher die Einkommensschwachen, die im Zentrum keinen Wohnraum mehr finden. Es gibt Städte, die wie Mosaike aussehen, die scheinbar keinem Muster folgen. Und es gibt Städte, in denen soziale Kanten das Stadtbild durchziehen: Straßen, Schienen oder Flüsse. Ein Beispiel dafür ist Köln.[...]"

 https://www.zeit.de/wirtschaft/2023-01/einkommensverteilung-arm-reich-ungleichheit-deutschland ZEIT 30.1.22

Exxon Mobile kannte exakte Vorhersagen des Klimawandels

 Exxon Mobile kannte exakte Vorhersagen des Klimawandels und stritt dennoch den menschengemachten Klimawandel ab.

Exxon Mobile und die Gutachten: Im Namen des ProfitsVon: Michael Hesse FR 29.01.2023

"[...] Die Rede ist von der Exxon Mobil Corporation: dem US-amerikanischen Mineralölkonzern ExxonMobil. Er dürfte als Prototyp des Klimaschurken in die Geschichtsbücher eingehen. Bereits im Jahr 2019 wurde öffentlich, dass der Konzern schon in den 1970er Jahren relativ genau wissen konnte, dass und in welchem Umfang er mitverantwortlich ist für den zu erwartenden Klimaverlauf.

Der Konzern hatte Wissenschaftler damit beauftragt herauszufinden, ob und wie man für diese Unternehmenspolitik zur Verantwortung gezogen werden könnte. Die Ergebnisse wurden in einem Beitrag im Magazin „Science“ kürzlich noch einmal wissenschaftlich aufgearbeitet. Demnach gab es zwischen 1979 und 1985 zehn interne Momoranden und eine durch das Peer-Review-Verfahren geprüfte wissenschaftliche Publikation, die eine erschreckend exakte Vorhersage der Entwicklungen machten. Zielsicher wurde das Jahr 2000, plus minus fünf Jahre, als der Zeitpunkt genannt, an dem erstmals die globale Erwärmung erkennbar sein würde. Die natürlichen Klimaschwankungen waren in das Modell eingerechnet worden. [...]

Stellt sich die Frage, wie solche Konzerne und ihre Lenker zur Verantwortung gezogen werden müssen. Die „Süddeutsche Zeitung“ brachte Sondertribunale ins Gespräch, wie sie etwa nach dem Zweiten Weltkrieg oder nach dem Jugoslawien-Krieg eingerichtet worden waren, um die schlimmsten Übeltäter ihrer Strafe zuzuführen. Möglicherweise sind die von den Mineralölkonzernen verursachten Folgen deutlich schlimmer und weitreichender als die beiden Weltkriege zusammen. Insofern könnten das Bosnien-Tribunal oder das Nürnberger-Prozess-Verfahren eine Blaupause für die Aufarbeitung der Schuldfragen vorgeben – so die SZ –, die sich im Fall von Konzernen, Wissenschaftlern und Ingenieuren in besonderer Weise stellt. [...]"


Samstag, 28. Januar 2023

Auflösung von im Internet üblichen Abkürzungen (Internetslang)

 https://www.internetslang.com/


Zusammenstellung von Wikipediafachbegriffen (englisch-deutsch)

Sensivity Reader

 MARIUS SCHAEFERS ist Sensitivity-ReadeR:

"Marius Schaefers liest den Anfang von Vladimir Nabokovs Lolita. Den Kopf tief übers Papier gesenkt, die Stirn in Falten. Schaefers liest, ohne zu wissen, woher der Abschnitt stammt. Ein Experiment. Er liest: "Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta: Die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne. Lo. Li. Ta." So ungefähr geht das weiter, und als Schaefers die halbe Seite ausgelesen hat, entlässt er Luft durch den Mund mit einem erschöpften Fff. [...]

An sich finde ich es ja wichtig, dass Texte auch mal etwas Negatives in einem auslösen sollen", sagt er, seine Stimme ist hell und brüchig wie nach einem Stimmbruch. "Literatur soll schockieren dürfen. Das ist richtig und notwendig. Aber ... [...]

Kulturkonflikte können manchmal wirken wie eine Schlacht im Sandkasten, und da hat Schaefers gerade beste Voraussetzungen, einiges an Sand abzubekommen. Die einen sagen: Er kämpft gegen die männliche, weiße3 Vorherrschaft. Die anderen: Er besiegelt mit seiner Arbeit den Untergang des Abendlandes. Er selbst sagt: "Ich bin Sensitivity-Reader und werde beauftragt, Manuskripte vor der Publikation zu lesen und anzumerken, wenn die Gefühle strukturell diskriminierter Personen verletzt werden könnten. [...]

2019 hatte Marius Schaefers sein Coming-out als Transmann und gab auf Instagram Empfehlungen, wie man6 auf das Coming-out anderer reagieren sollte. Kurz davor hatte er ein Buch gelesen, das zum Anstoß für die Arbeit als Sensitivity-Reader werden sollte. Den Titel möchte er nicht verraten, um die Autorin nicht bloßzustellen, aber er erzählt, was ihn umtrieb: "Eine Figur darin war trans, was wie ein Riesengeheimnis behandelt wurde, als dürfe bloß hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen werden." Mit seinem Leben als Transmann hatte das nichts zu tun. Er ahnte, dahinter7 steckte keine böse Absicht, eher Unwissenheit. [...]Als er dann im Internet auf den Aufruf einer Gruppe von Sensitivity-Readern stieß, war er angefixt. Er schickte seine Kontaktdaten, wenig später stand er mit anderen auf einer gemeinsamen Homepage. Vier von ihnen sind heute seine Freunde. Sensitivity-Reader können Bibliothekarin sein, Logopäde oder Sozialarbeiterin8. Sie haben Gender Studies studiert oder Jura oder gar nichts. Viele von ihnen schreiben selbst. Alte weiße Männer sind keine darunter. Die meisten weichen irgendwie von der Norm9 ab.

Marius Schaefers’ erster Auftrag war eine Kurzgeschichte über eine Transfigur. Er las und annotierte, was ihm auffiel, dafür bekam er knapp 40 Euro. Heute variieren seine Honorare, je nach Umfang des Manuskripts und der Anzahl der Aspekte, auf die er sie prüft. Ein Buch von 400 Seiten kann schon mal eine Woche dauern, er kriegt dann bis zu 1500 Euro. "Ein sehr guter Lohn", sagt er. Wirklich? Na ja, gemessen an dem, was in der Buchbranche eben so gezahlt werde. [...]"

Die ZEIT hat eine(n) Sensivity Reader gebeten, ihren Text  auf problematische Formulierungen hin zu lesen. Die gelb hervorgehobenen Wörter und Passagen hat sie als problematisch erkannt und kommentiert. Hier ihr Kommentar zu "weiße Vorherrschaft" :

Kennzeichnung des Begriffes "weiß", um hervorzuheben, dass es sich um eine "Race", eine konstruierte Menschengruppe, nicht etwa um die Farbe handelt. Es ist wie das S in Schwarz großzuschreiben. Ein anderer Punkt: Verständnishalber könntet ihr erwähnen, dass Marius eine Person of Color ist (wie genau er sich identifiziert, bitte mit ihm ausmachen), um seine Position und Perspektive im Kampf gegen die männliche, weiße Vorherrschaft in den Kontext mit einzubetten. Etwa: "... sieht er aus wie ein amerikanischer Bürgerrechtler of Color". Jede Person handelt aus einer anderen Perspektive und Motivation heraus. Das kann so noch mal deutlich gemacht werden.

Zum vollständigen Text und allen Kommentaren in der ZEIT:

Wie sensibel muss ein Buch sein? ZEIT, 26.1.2023


Freitag, 27. Januar 2023

Konkurrenz USA, China, Russland

 "Ein Land, dessen Wirtschaft auch nur annähernd so groß ist wie die der Vereinigten Staaten, kann eine äußerst starke Konkurrenz darstellen. Man denke nur an Russland, dessen Wirtschaft oft mit der Italiens verglichen wird und kleiner ist als die von Kalifornien, Texas oder sogar New York." 

"Als die chinesische Regierung in diesem Monat bestätigte, dass die Bevölkerung des Landes zum ersten Mal seit den späten 1950er Jahren geschrumpft ist - damals verhungerten Millionen von Menschen während der katastrophalen Kampagne des ehemaligen chinesischen Führers Mao Zedong zur Beschleunigung der Industrialisierung, die als "Großer Sprung nach vorn" bekannt wurde -, löste dies eine frenetische Medienberichterstattung über die katastrophalen Folgen für den wichtigsten geopolitischen Rivalen und Möchtegern-Alternativpol zum Westen aus.
Allein die New York Times hatte zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht weniger als vier Artikel auf ihrer Homepage, die die Entwicklung ankündigten, und die Unterüberschrift einer Meinungskolumne über die nun "unbestreitbare" Umkehrung der Geschicke des Landes lautete: "Vergessen Sie das aufstrebende China. Das Gefährliche wird sein Niedergang sein". [...]

Wenn sich Geschichte, wie man sagt, manchmal reimt, dann stammt der beste Reim, den ich für Chinas gegenwärtige Situation gefunden habe, aus der Zeit, kurz bevor ich in den späten 1990er Jahren für mehrere Jahre bei der New York Times für Japan zuständig war. Als ich mich über dieses Land informierte, stellte ich zu meiner Überraschung fest, dass viele Jahre lang eines der wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Ereignisse im Kalender war, wenn der amtierende Premierminister das neue Jahr mit der feierlichen Bekanntgabe der letzten schnellen jährlichen BIP-Wachstumszahlen Japans einläutete. Wachstum um des Wachstums willen wurde in Japan in den späten 1950er und in den 1960er Jahren zu einer Art nationalem Fieber, und Japans Ziel war es damals, wie das Chinas in den letzten Jahren, die Vereinigten Staaten beim Volksvermögen zu übertreffen.
Das japanische Pro-Kopf-Vermögen näherte sich in den späten 1970er Jahren kurzzeitig dem der Vereinigten Staaten an, übertraf es für einige Jahre und erreichte Anfang der 1990er Jahre einen relativen Höchststand, bevor es in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts im Vergleich zu den Vereinigten Staaten einbrach und seinen Vorsprung nie wieder aufholte oder sich auch nur der Parität näherte. Angesichts der viel kleineren Landmasse und vor allem der viel kleineren Bevölkerung war es wahrscheinlich, dass Japan die Vereinigten Staaten beim Gesamt-BIP nie übertreffen würde. [...]

Etwa zu der Zeit, als ich 1998 dort ankam, begann in Japan ein langer Schwenk in Bezug auf die nationalen Ziele und das Selbstverständnis des Landes, der sich darauf konzentrierte, die Fixierung auf ein so grobes materielles Maß für Status und Wohlstand wie das BIP aufzugeben und langsam andere, wohl viel gesündere Ziele zu propagieren. Dazu gehörten Umweltschutz, Gesundheit und Langlebigkeit, die Erhaltung der Kultur, nachhaltige Wirtschaftsprozesse, eine stärkere Konzentration auf die Erfüllung in der Freizeit und - wenn auch immer noch überfällig und bestenfalls in Arbeit - die eng damit verbundenen Themen der Verbesserung der Stellung der Frau und der Reform der Arbeitsplatzkultur.
Aufgrund seiner demografischen Gegebenheiten wird China bald eine ähnlich tiefgreifende Überarbeitung seiner nationalen Ziele und Annahmen vornehmen müssen. Doch Triumphalisten in den Vereinigten Staaten oder anderswo im Westen, die glauben, dass der Wettbewerb mit China allein aufgrund seines raschen demografischen Rückgangs für den Rest dieses Jahrhunderts abgewendet werden kann, irren sich. Ein Land, dessen Wirtschaft auch nur annähernd so groß ist wie die der Vereinigten Staaten, kann eine äußerst starke Konkurrenz darstellen. Man denke nur an Russland, dessen Wirtschaft oft mit der Italiens verglichen wird und kleiner ist als die von Kalifornien, Texas oder sogar New York.

Aber je eher sich China mit der Wahrheit abfindet, dass ein altmodischer Großmächte-Wettbewerb, der mit hohen, ständig steigenden Ausgaben für Waffen und harte Macht verbunden ist - wie es das Land in den letzten Jahren unternommen hat -, große Teile seiner Bevölkerung zu einem Lebensstandard verdammt, der weit unter dem der Industrieländer liegt, desto besser ist das für seine Bevölkerung. Besser natürlich auch für den Rest der Welt - einschließlich der Vereinigten Staaten, deren eigene Bevölkerung trotz ihres allgemeinen Reichtums zu großen Teilen Entbehrungen zu ertragen hat. [...]"

Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version) mit kleineren persönlichen Korrekturen

Der Verfasser des hier stark gekürzten Textes ist HowardW. French

Quelle: "What China Can Learn From Japan—and Alexander the Great" Foreign Policy 26.1.2023





Donnerstag, 26. Januar 2023

Herkunft eines Zitats

 http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/45520853

Der Spiegel ist relativ verlässlich. Demnach hat Nixon eine Äußerung von Johnson aufgegriffen. Danach stammt die Äußerung also nicht ursprünglich von Nixon. Ihre Glaubwürdigkeit ist allerdings recht groß, weil Johnson am Vietnamkrieg gescheitert ist. 

Nixon als Republikaner hätte damit ausgedrückt, dass der Demokrat Johnson den Krieg verloren habe und dass er es jedenfalls nur besser machen könne als er. Die Frage ist jetzt nur noch: Ist das Johnson-Zitat belegt?

Der US-Präsident Lyndon B. Johnson wird in Wikiquote angeführt mit dem Zitat: "John Kennedy wurde ermordet, und auch ich werde ermordet (...) der einzige Unterschied ist: Ich lebe." - gegen Ende seiner Amtszeit und vor dem Hintergrund des schleppend verlaufenden Vietnamkrieges; Der Spiegel: Ich lebe, Heftsausgabe vom 20. Januar 1969 - Wikiquote führt den Spiegel als Quelle an, wertet ihn freilich als unsichere Quelle, daher wird das Zitat als "zugeschrieben" und nicht belegt gewertet. Das vom Spiegel angeführte Zitat ´Ich werde nicht der erste amerikanische Präsident sein, der einen Krieg verliert. ´´ erwähnt Wikiquote nicht; aber es könnte natürlich glaubwürdig belegt sein.


Mittwoch, 25. Januar 2023

ChatGPT

 

Ich habe jetzt in ZUM-Unterrichten ein neues Stichwort angelegt, damit man dort über die Suche etwas leicht Verständliches erfährt:

https://unterrichten.zum.de/wiki/Historische_Stichworte/ChatGPT

Außerdem kann ich für die unterrichtliche Verwendung folgende Links empfehlen:

https://unterrichten.digital/2023/01/23/chatgpt-unterricht-feedback-mega-prompt/

https://unterrichten.digital/2022/12/10/kuenstliche-intelligenz-ki-schule-unterricht/

https://hochschulforumdigitalisierung.de/de/blog/chatgpt-evolution-spannagel

https://bobblume.de/2023/03/09/diskussion-chatgpt-nur-ein-weiteres-werkzeug-10-thesen/

Aus Blumes Zusammenfassung:

"In der Kurzbeschreibung liegt schon der Kern der Unvergleichbarkeit. Während Bibliotheken  zunächst eine physische Funktion der Aufbewahrung von weiteren Trägermedien haben und Bücher als Trägermedien zwar sehr unterschiedlich sind, aber nur die eben in ihnen intendierten Inhalte transportieren können, ist ChatGPT multifunktional anwendbar und auf jeden Bereich, der mit Sprache und Kommunikation zu tun hat, übertragbar. Damit ist es nicht einfach nur ein weiteres Werkzeug, sondern ein semantisches Schweizer Taschenmesser, das – dabei bleibe ich – für eine fundamentale Änderung schulischen Lernens sorgen wird. Und zwar, und das ist entscheidend, egal ob es genutzt oder ignoriert wird." (Hervorhebung: Fontanefan)

https://www.youtube.com/watch?v=afu1CgCBK_E&t=6s

Ist Geschichte gestaltbar? ( L.I.S.A.Veranstaltung )

 L.I.S.A.Veranstaltung mit unserem langjährigen Kooperationspartner vhs.wissen live haben wir für kommenden Montag den Philosophen Prof. Dr. Kurt Bayertz sowie den Journalisten Patrick Bahners ins Haus der Gerda Henkel Stiftung eingeladen, um über eine nicht nur geschichtsphilosophische, sondern auch aktuelle Frage zu sprechen: Ist Geschichte gestaltbar?

30. Januar um 19:30 Uhr in den Livestream einzuschalten. Dazu müssten Sie sich bitte zuvor auf der Seite von vhs.wissen live anmelden. Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme!

sieh vhs wissen

"Die Idee, dass Menschen ihre Geschichte machen oder gestalten können, ist aus dem politischen Leben nicht verschwunden. Im Gegenteil scheint sie angesichts der akut gewordenen globalen Probleme wie dem Klimaschutz eine Art Wiedergeburt zu erleben.
»We are here to make history« – mit diesen Worten stimmte 2014 der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, die Regierungsvertreter auf den Klimagipfel in New York ein. Nicht nur Regierungsvertreter und Politiker, auch Bürger und Aktivisten erheben den Anspruch, Geschichte gestalten zu können. Aber die Vorstellung, dass menschliches Handeln sich nicht innerhalb einer vorgegebenen kosmischen Ordnung oder am Leitfaden einer göttlichen Vorsehung abspielt, ist verhältnismäßig jung: Sie ist ein Produkt der Aufklärung. Und unumstritten war sie zu keinem Zeitpunkt. Im Gegenteil: Von Beginn an war sie mit grundsätzlichen, teils religiös, teils philosophisch, teils empirisch motivierten Bedenken konfrontiert.

Kurt Bayertz lehrte bis 2017 praktische Philosophie an der Universität Münster. Für sein Buch „Der aufrechte Gang – Eine Geschichte des anthropologischen Denkens“ wurde er mit dem Tractatus-Preis für philosophische Essayistik ausgezeichnet.

Patrick Bahners ist Journalist im Feuilleton der FAZ. Er hatte Lehraufträge am Historischen Seminar der Universität Bonn und am Institut für Literaturwissenschaft der Universität Frankfurt am Main inne. 2003/2004 war er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. 2012 hatte er die Dahrendorf-Gastprofessur an der Universität Konstanz inne."

Montag, 23. Januar 2023

Bericht aus der Wikipedia

 Bundeswehr bearbeitet Pistorius?

Heute vormittag schlug der Twitter-Account „Bundesedit“ Alarm. Eine anonyme Bearbeitung? Aus dem Verteidigungsministerium? Am Artikel „Boris Pistorius“? Manipuliert die Truppe schon vor dem offiziellen Wechsel das öffentliche Bild des neuen Ministers, in vorauseilendem Gehorsam?

Zumindest ein Einzelner hat die Wikipedia-Regeln verletzt. Z., 17.1.23


Wikipedia Kurier

Sonntag, 22. Januar 2023

Weshalb einmal erworbenes Kapital so beständig erhalten bleibt oder: Was Boris Becker nicht beherzigt hat

 Katharina Pistor: 

Der Code des Kapitals  - Wie das Recht Reichtum und Ungleichheit schafft

"[...] Tatsächlich ist die Abschirmung von Gütern und Vermögenswerten vor der Steuer eine der unter ihren Besitzern gefragtesten Codierungsstrategien. Und Rechtsanwälten, den Herren des Codes, werden außergewöhnlich hohe Honorare dafür gezahlt, dass sie solche Werte mithilfe der Gesetze derselben Staaten aus dem Zugriffsbereich der Gläubiger herausschaffen, einschließlich der Steuerbehörden."

"Die Wohlhabenden führen oft besondere Fähigkeiten, die harte Arbeit und die persönlichen Opfer, die sie selbst oder ihre Eltern oder Vorfahren erbracht haben, als Rechtfertigung für das Vermögen an, das sie heute besitzen. Gewiss mögen diese Faktoren zur Entstehung ihrer Reichtümer beigetragen haben. Doch ohne rechtliche Codierung hätten die meisten davon nur kurze Zeit überdauert. Über lange Zeiträume hinweg Reichtum anzuhäufen erfordert eine zusätzliche Absicherung, die nur ein von den Zwangsbefugnissen des Staates gestützter Code bieten kann. Es wird oft als Zufall betrachtet, dass der ökonomische Erfolg, der die modernen Volkswirtschaften von früheren Zeiten mit viel geringeren Wachstumsraten und einer viel höheren Volatilität des Reichtums trennt, eng mit dem Aufstieg der Nationalstaaten verknüpft ist, die sich auf das Recht als das primäre Mittel zur Herstellung sozialer Ordnung stützen. Viele Kommentatoren führen das Aufkommen privater Eigentumsrechte, verstanden als wesentliche Begrenzungen der Macht des Staates, als die entscheidende Erklärung für den Aufstieg des Westens an. Dennoch ist es möglicherweise zutreffender, diesen Aufstieg auf die Bereitschaft des Staates zurückzuführen, die private Codierung von Gütern im Recht zu unterstützen, und zwar nicht nur in Form von Eigentumsrechten im engeren Sinne, sondern auch von anderen rechtlichen Privilegien, die einem Gut Priorität, Beständigkeit, Konvertierbarkeit und Universalität verleihen. Tatsächlich wird die Tatsache, dass das Kapital mit der Macht des Staates verbunden und von ihr abhängig ist, in den Debatten über Marktwirtschaften häufig außer Acht gelassen. Verträge und Eigentumsrechte schützen zwar freie Märkte, doch der Kapitalismus braucht noch mehr – nämlich die rechtliche Privilegierung mancher Güter, die ihren Inhabern einen komparativen Vorteil gegenüber anderen bei der Anhäufung von Vermögen verschafft. Die Offenlegung der rechtlichen Struktur des Kapitals trägt zudem zur Lösung des Rätsels bei, das Thomas Piketty in seinem bahnbrechenden Buch Das Kapital im 20. Jahrhundert präsentiert hat. Wie er dort zeigt, liegt die durchschnittliche Kapitalrendite in den entwickelten Volkswirtschaften über der durchschnittlichen gesamtwirtschaftlichen Wachstumsrate (r >g). Piketty hat dieses Rätsel nicht aufgeklärt, sondern sich damit begnügt, sein bemerkenswert regelmäßiges empirisches Auftreten zu dokumentieren. Doch seine eigenen Daten liefern wichtige Hinweise für seine Lösung. [...]"

http://fontanefan3.blogspot.com/2021/03/pistor-der-code-des-kapitals.html

Fritz Reuter

 "Wenn einer lang' in den Schatten seten hett un hei kickt denn mit einmal in de leiwe Gottessünn, denn kann hei blind warden, un wenn einer sinen Dag äwer in den Keller rümmer hantiert hett un kümmt rut un kickt in den blagen Hewen, denn flirrt em dat vör de Ogen, un hei kann düsig warden un kann't bliwen sin Lewen lang." mehr dazu

Samstag, 21. Januar 2023

Über künstliche Intelligenz

 https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:7022415152918462464/

Für ein Moratorium gegen neue Tierplätze in der Massentierhaltung

 Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Olaf Scholz,

in Deutschland sind über 3 Millionen neue Tierplätze geplant - in Form von sehr großen Massentierhaltungen mit bis zu 460 000 Hähnchen und 34 000 Schweinen in einem Bestand. Neue und vergrößerte Stallanlagen in diesen Dimensionen sind praktisch nicht transformationsfähig und verbrauchen enorme Mengen an Heizgas. Jetzt brauchen wir dringend weniger Tiere in besserer Haltung - mit Stroh und auf regionaler Futtergrundlage. Mit eingestreuten Offenställen kann der Heizgasbedarf auf null reduziert werden. Es gilt die Zahl der Tierplätze zu verringern und nicht die Zahl der Betriebe. Das gelingt nur mit staatlichen Vorgaben für den tier- und klimafreundlichen Umbau der Ställe. Wir bitten Sie vor diesem Hintergrund, unverzüglich zu handeln.

Bitte erlassen Sie umgehend ein bundesweites Moratorium gegen zusätzliche neue Tierplätze und fördern Sie verstärkt Betriebe, die jetzt umbauen und weniger Tiere Heizgas-frei und tiergerechter halten.

Experten:innen haben längst die Tierhaltungsverfahren beschrieben, mit denen mehr Tier- und Umweltschutz sowie weniger Luftverschmutzung sichergestellt werden kann. Es liegt an Ihnen, ob dieser Winter zum Umbau genutzt wird. Oder ob jetzt noch neu geplante industrielle Massentierhaltungen mit überdurchschnittlich großen Tierbeständen und riesigem Heizgasbedarf genehmigt werden:

  • Während sich Schweine in Offenställen wärmende Nester im Stroh bauen, müssen konventionelle Ställe mit Spaltenboden zusätzlich beheizt werden, zumeist mit Gas. Aktuell verbrauchen die bestehenden 21 Millionen Schweineplätze in Deutschland rechnerisch rund 1,4 Milliarden Kilowattstunden (kWh) Flüssiggas pro Jahr. Jeder neue Tierplatz in der Massentierhaltung ohne Stroh verschärft in Zeiten der Energiekrise die Konkurrenz um Heizgasenergie zwischen Mensch und Tier.

  • Neue Tierhaltungsanlagen in industriellem Maßstab stoßen in der Regel 20 Jahre lang Treibhausgase und Ammoniak aus, die Gülle aus gewerblichen Tierhaltungen trägt vielerorts zu Nitratbelastungen in Gewässern bei. Es wird weiter Regenwald gerodet für Futter in deutschen Massentierhaltungen.

  • Wenn so ein Megastall brennt, haben die Tiere - wie etwa Muttersauen in eisernen Kastenständen - keine Chance auf Rettung. Erst im April 2021 mussten 56 000 Schweine in einer Megamastanlage in Alt Tellin (Mecklenburg-Vorpommern) bei lebendigem Leibe verbrennen! Die Feuerwehr kann die Tiere aus Megamastanlagen praktisch nicht retten.

  • Schon ohne Feuer ist in Ställen der geplanten Größenordnung unvorstellbares Tierleid an der Tagesordnung. So werden in Großmastanlagen laut Bundeslandwirtschaftsministerium deutlich häufiger Antibiotika eingesetzt als in kleinen und mittleren.
    Das Resultat: Antibiotikaresistente Krankheitserreger auf Fleisch! Für uns Verbraucher klingt es wie russisches Roulette, wenn jedes zweite Hähnchen im Supermarkt mit antibiotikaresistenten Erregern kontaminiert ist, die diese Medikamente unwirksam machen und schwere Infektionen auslösen können.

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Olaf Scholz, bitte stoppen Sie die neu geplanten Mega-Massentierhaltungen jetzt mit einem bundesweiten Erlass: Jede Tierhaltung muss eine eigene regionale Futtergrundlage nachweisen, auch für Eiweißfutter. Das Moratorium gegen neue Mega-Tierställe muss gelten bis gesetzliche Regeln für alle Tierarten vorliegen, die Tierwohl und Umweltschutz gleichermaßen sicherstellen. Bauern und Bäuerinnen brauchen klare Gesetze für Klima- und Tierschutz im Stall, damit sie wissen wie sie Ställe umbauen können. Ich unterstütze: Bauernhöfe statt Tierfabriken!


Inflation Reduction Act 2022

"Der Inflation Reduction Act of 2022 (IRA) ist ein wegweisendes[1] Bundesgesetz der Vereinigten Staaten, das darauf abzielt, die Inflation einzudämmen, indem das Defizit verringert, die Preise für verschreibungspflichtige Medikamente gesenkt und in die heimische Energieerzeugung investiert wird, während gleichzeitig saubere Energie gefördert wird. Es wurde vom 117. Kongress der Vereinigten Staaten verabschiedet und am 16. August 2022 von Präsident Joe Biden unterzeichnet. Es handelt sich um ein Haushaltsüberleitungsgesetz, das von den Senatoren Chuck Schumer (D-NY) und Joe Manchin (D-WV) eingebracht wurde.[2] Das Gesetz war das Ergebnis von Verhandlungen über das vorgeschlagene Build-Back-Better-Gesetz, das gegenüber dem ursprünglichen Vorschlag reduziert und umfassend überarbeitet wurde, nachdem sich Manchin dagegen ausgesprochen hatte.[3] Es wurde als Änderungsantrag zum Build-Back-Better-Gesetz eingebracht und der Gesetzestext wurde ersetzt.

Das verabschiedete Gesetz wird 738 Milliarden Dollar einbringen und 391 Milliarden Dollar an Ausgaben für Energie und Klimawandel, 238 Milliarden Dollar für den Defizitabbau, drei Jahre lang Subventionen für den Affordable Care Act, eine Reform der verschreibungspflichtigen Medikamente zur Senkung der Preise und eine Steuerreform genehmigen.[2][4] Das Gesetz stellt die größte Investition zur Bekämpfung des Klimawandels in der Geschichte der Vereinigten Staaten dar. [https://edition.cnn.com/2022/07/28/politics/climate-deal-joe-manchin/index.html

Es umfasst auch eine umfangreiche Erweiterung und Modernisierung der Steuerbehörde (Internal Revenue Service, IRS). Nach mehreren unabhängigen Analysen wird das Gesetz die Treibhausgasemissionen der USA bis 2030 voraussichtlich um 40 % unter das Niveau von 2005 senken. https://www.nytimes.com/2022/08/16/business/biden-climate-tax-inflation-reduction.html]* Die voraussichtlichen Auswirkungen des Gesetzes auf die Inflation sind umstritten. [...]" (Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version))

https://en.wikipedia.org/wiki/Inflation_Reduction_Act_of_2022

* Hier sind Zweifel allerdings sehr angebracht angesichts des Greenwashings durch Regierungen: "Alexandra Urisman Otto fand heraus, "dass nur ein Drittel unserer tatsächlichen Treibhausgasemissionen in unsere Klimaziele und die offiziellen nationalen Statistiken einbezogen waren. Der Rest war entweder ins Ausland verlagert oder in den Schlupflöchern internationaler Klimabilanzregelwerke versteckt worden." (Das Klima-Buch, S.219)

Die Washington Post fand heraus: "dass die Karten zur Orientierung in der Landschaft der Klimakrise auch auf internationaler Ebene vollkommen unzureichend waren. Ihre Untersuchung enthüllte, dass die Lücke zwischen den an die Vereinten Nationen gemeldeten Emissionen und den tatsächlich imitierten Treibhausgasen gewaltig war und 8,5 bis 13,3 Milliarden Tonnen im Jahr betrug. Das entsprach einem Anteil von 16-23 Prozent und damit fast den gesamten jährlichen Emissionen Chinas. [...] (Das Klima-Buch, S.232)

Die Kritik, die von europäischen Regierungen in Richtung "unlauterer Wettbewerb" kommt, deutet darauf hin, dass sie ihre Untätigkeit rechtfertigen wollen.


Klimabetrug mithilfe von Zertifikaten

 "Als er zum ersten Mal über ein Projekt stolperte, dessen Macher angaben, viel mehr CO₂ einzusparen, als es ihm realistisch schien, dachte Ayrey: gut, kann passieren. Dann stieß er auf noch eins, wieder auf eins, auf immer mehr Waldprojekte, deren Zahlen ihm alles andere als glaubwürdig erschienen. Dabei waren die meisten vom renommierten Marktführer Verra zertifiziert.

Wieder am Boden, erzählt Ayrey, wie er die Angaben der Projekte 

nachrechnete. Dabei, sagt er, sei ihm klar geworden, dass Verra ein 

System geschaffen habe, "in dem systematisch manipuliert" werde. 

"Es ist wie beim Doping", sagt Ayrey. "Drei Leute dopen, deshalb 

müssen alle dopen. Und jeder weiß Bescheid."

(Grün getarnt, Die ZEIT, 18.1.23)

Freitag, 20. Januar 2023

Bundesregierung verfehlt ihre Klimaziele

"[...] Je mehr langfristige Gas-Lieferverträge, neue Häfen und Pipelines es gibt, desto 
stärker  steigt künftig der politische Druck, länger auf Gas zu setzen, als es für den Klimaschutz sinnvoll wäre. Man werde einen Gas-Bedarfsplan erstellen, heißt es im Wirtschaftsministerium.
Aus dem werde dann hervorgehen, wie viel von der Infrastruktur man wirklich 
brauche. So eine Reihenfolge ist allerdings ungewöhnlich. Erst verabschiedet 
die Ampel ein Gesetz, mit dem sie viele neue LNG-Häfen genehmigt, dann 
bittet sie dafür den Bundestag um Milliarden für deren Bau. Und danach macht sie 
einen Bedarfsplan. [...]" Von Petra Pinzler Die ZEIT, 18. Januar 2023

Dienstag, 17. Januar 2023

Kermani beim Neujahrsempfang in Frankfurt: „Vergesst Mohammad Hosseini nicht“

 Navid Kermani erinnert beim Neujahrsempfang im Frankfurter Römer an die Proteste und Hinrichtungen im Iran.

Es war eine Geschichte aus seinem Leben, die Navid Kermani beim Neujahrsempfang im Kaisersaal des Römers zu erzählen hatte. Er war, sagte er, am Wochenende mit seiner Tochter Skifahren, im Lift hatte er Empfang, da brach diese Nachricht über ihn herein: Zwei Menschen, die im Iran protestiert hatten, wurden hingerichtet. Einer von ihnen ist Mohammad Hosseini, der 39 Jahre alt wurde, ein Waise war und Arbeiter in einer Geflügelfabrik.

Mohammad Hosseini hinterließ einen Abschiedsbrief, in der er sich eine Gesellschaft wünschte, in der Kinder in Frieden leben könnten, in der Liebe zwischen den Menschen herrsche, in der Frauen echte Rechte hätten: „Frau, Leben, Freiheit“, beschwor er den Slogan der politischen Emanzipation im Iran. Ob er den Text selbst geschrieben habe, ob ihm jemand seine Stimme verlieh? „Das ist egal. Es spricht die Wahrheit“, sagte Navid Kermani, deutsch-iranischer Schriftsteller und Intellektueller. „Vergesst Mohammad Hosseini nicht.“

Frankfurt und seine Bezüge zum Iran

Auch Frankfurt habe Bezüge zum Iran, führte Navid Kermani aus, Goethe etwa mit dem West-östlicher Divan, und Nargess Eskandari-Grünberg, die in der ersten Reihe saß. „Frau Grünberg-Eskandari“, wie er sie gleich zweimal nannte, was die Sympathien aber nicht schmälerte, habe als junge Frau im Iran im berüchtigten Evin-Gefängnis als politische Gefangene eingesessen. Sie habe als politische Geflüchtete in Deutschland Deutsch gelernt und in Frankfurt Karriere gemacht. Es gehe ihr sicher ebenso wie ihm, wenn Meldungen über Hinrichtungen im Iran auf dem Handybildschirm auftauchten: Die Welt breche in die Realität herein.

Mehr als 100 Menschen stünden im Iran auf der Todesliste, sagte er. Mehr als 500 Menschen seien bereits getötet worden, vier davon hingerichtet. Mehr als 19 000 Menschen säßen in den überfüllten Gefängnissen.

Deutschland habe, als die Proteste im September begannen, vier Wochen gezögert. Dann habe die Bundesaußenministerin eine 180-Grad-Wende in ihrer Iran-Politik gemacht. „Der Druck von innen und der Druck von außen werden etwas bewirken“, ist sich Kermani gewiss.

Es gehe im Iran nicht nur um den Kopftuchzwang. Auch wenn der Tod von Mahsa Amini, der eine Haarlocke unter dem Kopftuch hervorgelugt haben soll, den Auftakt der Proteste bildete. Es gehe um Frauenrechte, Menschenrechte, den Alltag, Korruption, Armut, Umweltverschmutzung. Im Iran trockneten Flüsse aus, in den Städten wabere Smog durch die Luft. Das Regime versuche die Proteste mit einer äußersten Gewaltbereitschaft, einem Meer von Blut, zu unterdrücken. Doch der Wandel lasse sich nicht aufhalten. 85 Prozent der Menschen im Iran solidarisierten sich mit dem Protest - auch wenn nur noch wenige todesmutig auf die Straße gingen. „Der Iran hat eine Stimme“, sagte Kermani. Gleiches wünsche er sich für Afghanistan.  ( FR 10.1.23)

"Weltpolitik bestimmt die Reden beim Neujahrsempfang der Stadt Frankfurt, die OB-Wahl die Gespräche in den Hallen

Es ist wie früher. Wie im Januar 2020, vor der verdammten Pandemie. Vor der Tür warten die Menschen in Schlangen. In langen Schlangen. 1200 Gäste sind geladen. Vor dem Kaisersaal drängt sich alles. Und am Bufett werden vor allem Menschen froh, die Fleisch mögen. So war es immer beim Neujahrsempfang der Stadt Frankfurt im Römer, der zuletzt zwei Mal coronabedingt ausfiel. Und so ist es auch am Dienstagabend.

Eines aber ist grundlegend anders als noch 2020. Die erste Rede des Abends hält nicht Peter Feldmann. Der wurde im November als Oberbürgermeister abgewählt. Dafür spricht Nargess Eskandari-Grünberg. Die ist wahlweise amtierende Oberbürgermeisterin oder kommissarische Oberbürgermeisterin oder Bürgermeisterin oder Diversitätsdezernentin. Jedenfalls ist sie erste Rednerin, trägt die silberne Amtskette und spricht zu sehr aktuellen Themen, was die meisten Gäste sehr gut finden.

Da geht es etwa um den Fechenheimer Wald, in dem die Polizei in den nächsten Tagen wohl mit schwerem Gerät anrücken wird. „Wir tragen gemeinsam Verantwortung, dass Auseinandersetzungen, wie sie im Fechenheimer Wald zu erwarten sind, friedlich verlaufen.“ Und es geht um die Krawalle in der Silvesternacht. Eskandari-Grünberg verurteilt die Angriffe auf Rettungskräfte und Polizei. Sie sagt aber auch: „Wenn ein kompliziertes Thema auf kriminelles Verhalten von Jugendlichen und jungen Menschen reduziert wird – und dies auch noch migrant:innenfeindlich und rassistisch – ist das nicht akzeptabel.“

Auch über die großen Krisen in der Welt spricht die Politikerin der Grünen. Über den Iran, wo die Bevölkerung für Menschenrechte kämpfe und der Ruf „Frau, Leben, Freiheit“ den Demonstrierenden Mut mache. Und über die Ukraine, in der es um „nicht weniger als Selbstbestimmung, Toleranz, Frieden und Freiheit“ gehe.

Um die Frankfurter Kommunalpolitik geht es nach den Reden fast überall in den weitläufigen Gängen des Römers. Und über Grüne Soße. Denn die gab es immer in den Vorpandemiejahren – außer in dem Jahr, als es nur Laugenbrezeln gab. Dieses Jahr: „Gibt keine“, sagt Ordnungsdezernentin Annette Rinn (FDP). Und ist etwas enttäuscht. „Handkäse gibt es auch nicht.“ Aber Handkäse hin, Grüne Soße her – für die Ordnungsdezernentin beginnt „das Jahr der Verbesserung“. Im Bahnhofsviertel, in der Ausländerbehörde – „alles wird besser und Yanki Pürsün Oberbürgermeister“. Sieht FDP-Kandidat Pürsün natürlich ähnlich. Verpackt es nur anders: Die Gremien der Stadt sollten mit der Stadtgesellschaft „Hand in Hand einen riesigen Schritt vorangehen“. Mit ihm als Stadtoberhaupt.

Grünen-Parteichefin Julia Frank lacht da nur. Sie ist „optimistisch für die OB-Wahl“. Für die Kandidatin der Grünen, für Manuela Rottmann. Die ist noch ganz im Bann der Rede von Navid Kermani. „Ich wünsche mir, dass die Krisen auf der Welt abnehmen“, sagt Rottmann. Sie hoffe, dass es zumindest in Teilen der Welt die Chance auf Frieden in diesem Jahr gibt.

Auch OB-Kandidatin der Linken, Daniela Mehler-Würzbach, wünscht sich, da alle derzeit fassungslos aufs Weltgeschehen schauten, „Mut zur Veränderung für die Politik.“ Und selbstverständlich, dass „die Frankfurterinnen und Frankfurter bereit sind für eine linke Oberbürgermeisterin“.

Logischerweise wünscht sich Uwe Becker etwas anderes. Dass er, der OB-Kandidat der CDU, „die Chance bekommt, meine Heimatstadt zu gestalten“. Und ja, er würde sich auch freuen, wenn die Frankfurterinnen und Frankfurter ihm bereits im ersten Wahlgang ihr Vertrauen schenken würden. „Frankfurt kann mehr und ich will mehr daraus machen.“ Aber Silvester hat er es erst einmal ruhig angehen lassen, „gemütlich zu Hause“, um auf den Trubel der nächsten Wochen vorbereitet zu sein. Nico Wehnemann (Die Partei) freut sich auch über die Kandidatur Beckers. Wie Peter Feldmann würde er in jedes Fettnäpfchen treten, „das ist großartig für unseren eigenen Bembel-Wahlkampf“.

Der Oberbürgermeisterkandidat der SPD, Mike Josef hofft auf ein ruhigeres Jahr als 2022. Zum einen wegen der weltweiten Krisen, aber natürlich auch weil die Frankfurter SPD durch die Abwahl von Feldmann sich wenig auf das politische Tagesgeschäft konzentrieren konnte. Er wünscht sich Gesundheit und blickt zuversichtlich auf den Wahlkampf. [...]" (FR 10.1.23 Von: Timur Tinç, Sandra Busch, Georg Leppert)


Auch interessant


Umsteuern für soziale Gerechtigkeit

Heute leben "mindestens 1,7 Milliarden Arbeitnehmer*innen in Ländern, in denen die Lebenshaltungskosten schneller steigen als die Löhne. Und rund 828 Millionen Menschen hungern – also etwa jeder zehnte Mensch auf der Erde. Frauen und Mädchen machen fast 60 Prozent der hungernden Weltbevölkerung aus."

Das zeigt der aktuelle Bericht "Umsteuern für soziale Gerechtigkeit" von Oxfam.


Hier ein Bericht über die Ungleichheit hinsichtlich des CO2-Ausstoßes:

https://oxfamilibrary.openrepository.com/bitstream/handle/10546/621052/mb-confronting-carbon-inequality-210920-en.pdf

Ölkonzern belog die Welt jahrzehntelang über die Klimakrise

"Klimaforscher der Harvard University und des Potsdam-Instituts für Klimaforschung (PIK) machen dem Ölkonzern ExxonMobil schwere Vorwürfe. Das US-Unternehmen habe die globale Erderwärmung als Folge des Ausstoßes von Treibhausgasen seit Ende der 1970er Jahre genau vorhergesagt, schreiben die Forscher in einem Artikel im Fachjournal "Science". Zugleich habe das Unternehmen, das zu den größten Luftverschmutzern der Welt zählt, diesen Zusammenhang jahrzehntelang systematisch heruntergespielt.

Dass Exxon schon lange von der Bedrohung durch die globale Erwärmung wusste, war bereits grundsätzlich bekannt. Die Klimaforscher werteten nun die dem Unternehmen intern vorliegenden Daten und darauf basierenden Prognosen von 1977 bis 2003 aus – das Ergebnis nannten sie "verblüffend". [...]

Die Prognosen waren demnach deutlich besser als die, die der Nasa-Wissenschaftlers James Hansen 1988 dem US-Kongress vorlegte. Hansen gilt als Pionier der modernen Klimaforschung und warnte in den 1980er Jahren als einer der ersten vor den Gefahren der globalen Erwärmung.

"Eine Exxon-Projektion sagte sogar schon 1977 korrekt voraus, dass die Nutzung fossiler Brennstoffe ein 'kohlendioxidinduziertes Superinterglazial' verursachen würde", erklärte Stefan Rahmstorf vom PIK, Ko-Autor der Studie. "Das ist eine Warmzeit, die nicht nur viel wärmer ist als alles in der Geschichte der menschlichen Zivilisation, sondern sogar wärmer als die letzte Warmzeit vor 125.000 Jahren."

Die Analysen von Exxon hätten auch "genau vorausgesagt, wann die vom Menschen verursachte globale Erwärmung zum ersten Mal in den Messdaten festgestellt werden würde". Sie berechneten demnach sogar recht präzise ein "Kohlenstoffbudget" für eine Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad.

Konzern widersprach in der Öffentlichkeit den eigenen Daten

In öffentlichen Erklärungen habe das Unternehmen "seinen eigenen wissenschaftlichen Daten" jedoch systematisch widersprochen, kritisieren die Forscher. ExxonMobil habe "Unsicherheiten übertrieben, Klimamodelle kritisiert, den Mythos globaler Abkühlung verbreitet und Unwissenheit darüber vorgetäuscht, wann – oder ob – die vom Menschen verursachte globale Erwärmung messbar sein würde", erklärte der Hauptautor der Studie, Geoffrey Supran von der Harvard University.

ExxonMobil könne daher mit Recht der "bewussten Klimavergehen" beschuldigt werden, schloss Supran."

https://www.t-online.de/finanzen/unternehmen-verbraucher/unternehmen/id_100111034/oelkonzern-exxonmobile-belog-die-welt-jahrzehntelang-ueber-die-klimakrise.html

t-online 13.1.2023

Donnerstag, 12. Januar 2023

"Frühstück bei Tiffany"

 https://www.spiegel.de/geschichte/fruehstueck-bei-tiffany-a-947345.html

Wird bei der Räumung von Lützerath ein Kampf um Symbole oder um Klimagerechtigkeit geführt?

Weltweit werden pro Mensch etwa 6,5 t Treibhausgase freigesetzt. Mit den Klimazielen verträglich wären aber nur 3 Tonnen pro Mensch. 

Selbst in Europa aber setzen 50% der Bevölkerung, also rund 375 Millionen Menschen pro Jahr nur 1,5 Tonnen frei.

Wenn Lützerath geräumt und die dort liegende Kohle verstromt wird, werden in den nächsten Jahren weitere 280 Millionen Tonnen emittiert, d. h. RWE darf aufgrund eines Gerichtsurteils zusätzlich mehr emittieren als 180 Millionen Europäer im Jahr verbrauchen.

Der Kampf geht nicht um Symbole, sondern um Klimagerechtigkeit für Millionen.


"In diesem Jahr setzte ein Mensch durchschnittlich etwa 6,5 Tonnen Treibhausgase frei. [...] Die obersten 10 Prozent der Emittenten setzen pro Person und Jahr durchschnittlich etwa 30 Tonnen Treibhausgase frei, während es bei der ärmsten Hälfte der Bevölkerung etwa 1,5 Tonnen pro Kopf und Jahr sind. Anders ausgedrückt: Die obersten 10 Prozent der Weltbevölkerung sind für etwa 50 Prozent aller Treibhausgasemissionen verantwortlich, während die untere Hälfte der Weltbevölkerung lediglich 12 Prozent aller Emissionen beiträgt. [...]" (S.445)

 "Ganz ähnlich emittieren in Europa die ärmsten 50 Prozent etwa 5 Tonnen pro Person (weniger als der globale Durchschnitt), während die reichsten 10 Prozent etwa 30 Tonnen freisetzen. [...]" (G. Thunberg: Das Klima-BuchS.446) 

"Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz unter Führung von Bundesminister Robert Habeck (Grüne) Habeck, der Energiekonzern RWE sowie die zuständige NRW-Landesministerin Mona Neubaur (Grüne) hatten sich im Oktober darauf verständigt, den Kohleausstieg im Rheinischen Revier von 2038 auf 2030 vorzuziehen. Zugleich erklärten sie, die Versorgungssicherheit in der aktuellen Energiekrise stärken und dafür zwei RWE-Kraftwerksblöcke, die Ende 2022 abgeschaltet werden sollten, bis zum 31. März 2024 am Netz lassen zu wollen. Insgesamt sollten damit laut BMWK 280 Millionen Tonnen CO2-Emissionen eingespart werden, da bis 2038 ursprünglich eine doppelt so hohe Förderung geplant gewesen sei. Allerdings werden durch die Regelung mindestens weitere 280 Millionen Tonnen emittiert." (wwf: Lützerath weiterer Tiefpunkt in Sachen Klimaschutz, 11.1.2023)


 Zitate aus G. Thunberg: Das Klima-Buch

"Man erwartet, dass die Nachfrage sich bis 2050 mindestens verdoppelt.[...] Und man erwartet, dass 2050 ein Fünftel der weltweiten Stahlproduktion in Indien erfolgen wird, gegen über 5 Prozent heute. Besorgniserregend ist indessen, dass nach Schätzungen 37 Prozent der mit den Klimazielen vereinbaren Kohlenstoffemissionen aus der Stahlerzeugung bis 2050 heute schon verbraucht sind."(Seite 286)

"Der globalen Norden ist für 92 Prozent der die erträglichen globalen Grenzen der überschreitenden Emissionen verantwortlich, [...] ein Niveau, das wir 1988 überschritten. Die meisten Länder des globalen Südens halten sich immer noch innerhalb des Bereichs ihres fairen Anteils an der Einhaltung der Grenzen und haben folglich überhaupt nichts zu der Krise beigetragen. Dennoch erleidet der globale Süden den übergroßen Anteil der Schäden, darunter 82-92 Prozent der ökonomischen Kosten des Klimakollapses und 98-99 Prozent der mit dem Klima zusammenhängenden Todesfälle. Das Ausmaß dieser Ungerechtigkeit lässt sich kaum übertreiben." (S.341)

Kate RaworthWikipedia-logo.png: "Wenn die Menschheit [...] die Erderwärmung unter 1,5 °C halten soll, dann müssen 2030 nach Angaben von OxfamWikipedia-logo.png die reichsten 10 Prozent der Menschen ihre konsumbedingten Emissionen innerhalb der nächsten zehn Jahre auf nur ein Zehntel des Standes von 2015 reduzieren – und damit den ärmsten 50 Prozent der Weltbevölkerung Raum geben, damit sie ihre grundlegenden Konsumbedürfnisse befriedigen können. [...] Auch wenn die Wirtschaftstheorie sich den Menschen als unersättlichen Konsumenten vorstellte, mussten die realen Menschen doch noch davon überzeugt werden, dass sie es tatsächlich waren. 'Massenproduktion ist nur dann profitabel wenn sie dauerhaft stattfinden kann', schrieb Edward Bernays 1928 in seinem Klassiker Propaganda. 'Die einzelne Fabrik… kann nicht warten, bis die Öffentlichkeit das Produkt von sich aus nachfragt. Über Werbung und Propaganda muss sie ständig in Verbindung mit der Öffentlichkeit bleiben, um die stetige Nachfrage sicherzustellen [...]" (S.364/365)

"[...] einmal abgesehen von radikalen Optionen wie dem vollständigen Verzicht auf Flugreisen, Autofahren oder die Benutzung elektronischer Geräte, gibt es nur sehr wenig, dass jeder von uns für sich allein tun könnte und ähnlich wirkungsvoll wäre wie der Verzicht auf Rindfleisch. In den USA würde der Ersatz von Rindfleisch durch diverse nahrhafte pflanzliche Lebensmittel, die genau dieselbe Menge an Proteinen liefern, pro Jahr zu einer Verringerung der Emissionen um etwa 350 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent führen. Zum Vergleich: Diese Einsparungen entsprechen mehr als 90 Prozent der gesamten Emissionen des US-amerikanischen Wohnungssektors. Der Ersatz von Rindfleisch durch pflanzliche Alternativen würde nicht nur unsere Gesundheit beträchtlich verbessern, sondern die Treibhausgasemissionen um dieselbe Menge reduzieren, wie sie unsere energieintensiven Häuser und Wohnungen emittieren." (S.377)

Und weil wir darauf hinweisen, dass unsere politischen Führungskräfte dreißig Jahre lang debattiert haben, während unsere Emissionsniveaus nur weiter gestiegen sind, gibt es gewählte Volksvertreter, die uns als Bedrohung der Demokratie bezeichnen (S.390/391)

"Um alle notwendigen Veränderungen herbeizuführen, müssen die Medien die Konzepte der Klimagerechtigkeit, der historischen Emissionen und der Einstellungen von Dominanz und Ungleichheit, die erst die Grundlage für die Klima- und Ökologiekrise gelegt haben, immer und immer wieder erklären. Es gilt, Jahrhunderte der Verfehlungen zuzugeben und wiedergutzumachen. Das mag als enormes Hindernis erscheinen, ist aber unumgänglich. Wir können nicht weiter globale 'Lösungen' nur für die reichsten 10 Prozent oder die reichsten Länder schaffen. Das wird schlicht nicht funktionieren. Zur Lösung globaler Probleme brauchen wir eine globale Sicht. Und wenn es um Klimagerechtigkeit geht, kennt Demokratie keine Grenzen. [...]" (S.394/95)

'Die Leute, die fossile Brennstoffe wie Öl und Gas fördern, haben nun eine Möglichkeit entwickelt, Kohlendioxid wieder im Untergrund zu speichern.' Kohlenstoffabscheidung und -Speicherung ist ein klassisches Thema der Ölindustrie; sie wird immer wieder versprochen, nie umgesetzt und dient dazu, die weitere Ölförderung zu rechtfertigen. Statt der Interessen der Industrie für fossile Brennstoffe wurde einer anderen Kraft die gesamte Schuld an der Beschleunigung der Treibhausgasemissionen zugeschrieben: den '1,3 Milliarden Chinesen'. Die Serie benannte keine andere Ursache. [...] 'Thinktanks', die sich weigern, die Herkunft ihrer Finanzmittel zu nennen, und die oftmals eher den Eindruck, von Lobbygruppen der Konzerne erwecken, werden nach wie vor eingeladen, Umweltschützer anzugreifen, ohne ihre Interessen offenzulegen." (S.408)

Der Ölkonzernen BP propagierte "Mitte der 2000er Jahre das Konzept eines persönlichen CO2-Fußabdrucks. Tatsächlich 'stellte BP einen der ersten persönlichen CO2-Fußabdruck-Rechner vor«. BP und andere Konzerne für fossile Brennstoffe wollten, dass wir uns so stark auf unseren eigenen individuellen Kohlenstoff-Fußabdruck konzentrieren, dass wir ihren erheblich größeren Fußabdruck gar nicht mehr wahrnehmen würden: Schließlich stammen 70 Prozent der gesamten Kohlenstoffemissionen von nur hundert Umweltverschmutzern. Auch wenn Individuen alles tun sollten, was sie können, [...] brauchen wir doch staatliche Maßnahmen, die verhindern, dass diese Konzerne unsere Atmosphäre als Mülleimer missbrauchen.

[...] wir müssen uns von der übergeordneten Verpflichtung leiten lassen, dass wir das Leben zukünftigen Generationen nicht mit einer Hypothek belasten dürfen, indem wir in diesem entscheidenden Augenblick nichts unternehmen." (S. 412)

"Und nun rückt die Wissenschaft all die unsichtbaren Spuren, die wir unserem Streben nach Macht, Vorherrschaft und Reichtum hinterlassen haben, in ein grelles Licht. [...] Wir brauchen jeden und jede, um die Klima- und Ökologiekrise zu bewältigen. Das wird aber nie geschehen, wenn die Verantwortlichen nicht anfangen, ihren Schlamassel auf gerechte Weise zu beseitigen. Die finanziell reichen Länder haben sich bereits verpflichtet voranzugehen, und es ist Zeit, dass wir es tatsächlich tun. Das bedeutet, für Verluste, Schäden und Wiedergutmachung zu zahlen. [...] Es bedeutet, alle unsere tatsächlichen Emissionen in unsere Statistiken einzubeziehen, einschließlich Konsum, Importe, Exporte, Transport, Flugverkehr, Militär und biogene Emissionen. Es bedeutet Ehrlichkeit, Solidarität, Integrität und Klimagerechtigkeit." (S.429)

Lucas Chanel/Thomas PikettyWikipedia-logo.png: "In diesem Jahr setzte ein Mensch durchschnittlich etwa 6,5 Tonnen Treibhausgase frei. [...] Die obersten 10 Prozent der Emittenten setzen pro Person und Jahr durchschnittlich etwa 30 Tonnen Treibhausgase frei, während es bei der ärmsten Hälfte der Bevölkerung etwa 1,5 Tonnen pro Kopf und Jahr sind. Anders ausgedrückt: Die obersten 10 Prozent der Weltbevölkerung sind für etwa 50 Prozent aller Treibhausgasemissionen verantwortlich, während die untere Hälfte der Weltbevölkerung lediglich 12 Prozent aller Emissionen beiträgt. [...]" (S.445) "Ganz ähnlich emittieren in Europa die ärmsten 50 Prozent etwa 5 Tonnen pro Person (weniger als der globale Durchschnitt), während die reichsten 10 Prozent etwa 30 Tonnen freisetzen. [...]" (S.446) "Daraus folgt, dass die Reichen den größten Beitrag zur Reduzierung der Emissionen leisten sollten und man den Armen die Möglichkeit geben sollte, mit dem Übergang zu einer Erderwärmung von 1,5 °C oder 2 °C fertigzuwerden. Leider geschieht das nicht – wenn überhaupt, dann liegt das, was passiert, näher am Gegenteil.

In Frankreich erhöhte die Regierung 2018 die Kohlenstoffsteuern auf eine Art und Weise, die ländliche, einkommensschwache Haushalte besonders schwer traf, ohne sonderliche Auswirkungen auf die Konsumgewohnheiten und Investitionsportfolios der Wohlhabenden zu haben. [...] Reaktionen auf diese Ungleichbehandlung führten schließlich dazu, dass die Reform aufgegeben wurde. [...] Staaten haben Pläne angekündigt, ihre Emissionen bis 2030 beträchtlich zu reduzieren [...] Laut einer neuen Studie hat die ärmste Hälfte der Bevölkerung in den USA und in den meisten europäischen Ländern dieses Ziel, gemessen in Pro-Kopf-Emissionen, schon jetzt beinahe oder vollständig erreicht. Für die Mittelschicht und die Wohlhabenden gilt dies ganz und gar nicht: Sie liegen weit über – also hinter – diesem Ziel. [...]" (S.448)

"Als Indonesien vor einigen Jahren die Subventionen für fossile Brennstoffe abschaffte, bedeutete dies zwar zusätzliche Ressourcen für den Staat, aber auch höhere Energiepreise für einkommensschwache Familien. Die anfangs höchst umstrittene Reform wurde akzeptiert, nachdem die Regierung beschloss, mit den Einnahmen eine allgemeine Krankenversicherung und Hilfen für die Ärmsten zu finanzieren. [...]

Weltweit könnte eine mäßige Vermögenssteuer für Multimillionäre mit einem Umweltverschmutzungszuschlag 1,7 Prozent des globalen Einkommens generieren, wie jüngere Forschungen gezeigt haben. Damit ließe sich der Großteil der zusätzlichen Investitionen finanzieren, die alljährlich für eine Abschwächung des Klimawandels notwendig sind."[5] (S.449)