Donnerstag, 30. August 2018

Facebook-"Freunde"

Daniel Hillig ist niedergestochen worden.
Ein Facebook-"Freund" twittwert: "Daniel war keiner von euch! Er hat Nationalismus, Rassismus und Faschismus IMMER aufs deutlichste abgelehnt und bekämpft. Dass gerade die, die ihm sein Leben schwer gemacht haben, jetzt seinen Tod heuchlerisch dazu benutzen, um Bürgerkrieg ähnliche Zustände zu erzeugen, ist unerträglich!"
Andere Facebook-"Freunde" teilen ein Plakat in Runenschrift: "Ruhe in Frieden Daniel Hillig. Der Tag wird kommen wo jeder das ernten wird, was er verdient hat!"
(Zitate übernommen aus: ZEIT Nr. 36/2018 30.8.18 "Regiert der Mob?", S. 2)

Ich kann mich nicht besinnen, das Wort Frieden und die Rede vom Jüngsten Gericht je so zynisch verwendet gesehen zu haben.

Die Warnungen, dass man Ungerechtigkeiten wie die weit überzogene Bezahlung von Spitzenmanagern, nicht über viele Jahre hin dulden dürfe und dass die Ungerechtigkeiten bei der "Abwicklung" der DDR sich rächen würden, waren offenbar nicht unberechtigt.
Aber nicht nachholende Gerechtigkeit - die ich mir weiterhin wünsche -, sondern ein Rückfall in nationalsozialistische Hetze ist die Folge geworden.

Zum anderen: Wie überlegt und sprachlich differenziert formuliert der eine "Freund" und wie unbedacht und gegen das Interesse des Opfers teilt der andere die Nachricht, die von "Frieden" spricht.
Wo Emotionen aufgerührt sind, ist es schwer mit differenzierten Argumentationen dagegen anzukommen. Da ist der Slogan "Keine Gewalt!" vielleicht das Einzige, was vor unbedachten Taten retten kann.
Daniel Hillig war farbig, sein Vater Kubaner. In diesem Fall wäre es vielleicht sinnvoll gewesen, diese Tatsache früh zu erwähnen. Aber das hätte wohl auch nicht geholfen, sobald die Stimmung so aufgeheizt ist und die Nationalität eines Kriegsflüchtlings Hassgefühle wachruft.
Alexander Gauland findet alles nicht schlimm, nicht einmal ein Fliegenschiss. Aber das gehört in einen größeren Zusammenhang.

6 Lehren aus Chemnitz formuliert Holger Stark, Kommentator der ZEIT. Ich bin noch nicht so weit.
Vorerst zitiere ich nur einen Satz:
"Wer randalierenden Hooligans und Neonazis die Straße überlässt, wer Unbeteiligte nicht vor Gewalttätern schützen kann, der gibt den Rechtsstaat preis." (Hervorhebung von mir)
Hier wird in schneller Formulierung eine Unfähigkeit, Gewalt zu verhindern, als eine Handlung interpretiert. 
Wohin kämen wir, wenn man bei Terrorismus ähnlich argumentierte? Dann wäre jedes Selbstmordattentat ein Beweis, dass der Rechtsstaat preisgegeben wird. 
Aber vorerst verzichte ich auf meine eigenen Lehren und gestatte mir, nicht zu wissen,
was man aus dieser Gewaltdemonstration am dringendsten lernen sollte.

Eine Formulierung von H. Stark greife ich freilich gern auf: ein "Signal gegen den Kontrollverlust der Politik", mit meinen Worten: ein erkennbares Zeichen, dass politische Entscheidungen aufgrund demokratischer Meinungsbildung getroffen werden, das braucht es unbedingt. Die Vorstellung, dass Politiker keinen Gestaltungswillen mehr haben, sondern von außen gesetzten "Sachzwängen" folgen, ist Gift für die Demokratie und Nährboden für Radikalismus und Gewalt. 

Politische Bildung in Sachsen SPON 30.8.18

Focus meint, AfD und Regierung setzten gemeinsam den Rechtsstaat unter Spannung , genauer gesagt: , Focus 3.9.18
Wikipedia:
"Seit Juni 2018 gibt er das Steingarts Morning Briefing heraus. Es ist vom Handelsblatt Morning Briefing, das Steingart in seiner Zeit als Herausgeber des Handelsblatt selbst eingeführt und aufbaut hatte, zu unterscheiden.[12] Steingarts Morning Briefing erscheint jeden Werktag per E-Mail-Verteiler und ist auf seiner Website hinterlegt.[4] Zudem erscheint es gelegentlich als Gastbeitrag bei Focus Online.[5]
Der Starttermin wurde medial begleitet und Steingart mit den Worten zitiert: "Ich lasse Sie nicht mehr alleine aufwachen."[13][14]
Steingarts Morning Briefing wird häufig von anderen Medien aufgegriffen und zitiert.[15][16][17][18] Auch von unterschiedlichen Medienpersönlichkeiten wird es erwähnt.[19][20]
Seit August 2018 gibt es Steingarts Morning Briefing als Podcast, erweitert um Interviews zu den Themen der jeweiligen Ausgabe." (Steingarts Morning Briefing)

Freitag, 24. August 2018

Wie man Computerstandardprogrammen ausweicht

"[...] Die anderen Programme, die zusätzlich zum Standardprogramm installiert sind, kann man auswählen und dafür gibt es einen Trick. Klicken Sie die Datei, die Sie öffnen möchten, nicht mit einem Doppelklick an, sondern verwenden Sie den Rechtsklick. Es öffnet sich nun das Rechtsklick-Menü. Hier gibt es einen Menü-Punkt mit dem Namen “Öffnen mit”Wenn Sie hier mit dem Mauszeiger über “öffnen mit” fahren, so werden in einem neuen Menü alle verfügbaren Programme angezeigt, die diese Datei öffnen können. Hier wählt man nun einfach das gewünschte Programm aus (im Foto Punkt 1). Dieses Programm wird dann aber nur dieses eine Mal verwendet. Wenn man das Standardprogramm dauerhaft umstellen möchte, so ist dies auch möglich. Dafür klickt man ganz unten auf den Punkt “Standardprogramm auswählen” (im Foto Punkt 2). Bei Windows 10 heißt der gleiche Punkt “Andere App auswählen”. Es öffnet sich dann ein Fenster, in dem man ein neues Standardprogramm zum Öffnen dieses Dateityps auswählen kann. [...]"
https://levato.de/so-tricksen-sie-den-computer-aus/

Gudrun Krämer: Geschichte des Islam

Gudrun KrämerGeschichte des Islam

Einen Hinweis, dass es ein völliges Missverständnis ist, wenn man von einem islamischen Mittelalter spricht, "weil sich die Transformationsprozesse in der Spätantike in Europa und in Vorderasien auf ganz unterschiedliche und häufig gegensätzliche Weise vollzogen" und weil er "den Blick auf die wirklichen Epochengrenzen" verstelle, gibt Thomas Bauer hier. Man versteht nicht die Epochengrenzen, wenn man sich nicht klar macht, dass während des Aufstiegs des Islam zur Weltreligion für diesen Raum das römische Reich und damit die Verbindung zur Antike fortbestand und dass der Mittlere Osten (Middle East) eben nicht am östlichen Rand (Orient) des damals wichtigen Kulturraums war, sondern eher im Zentrum, wo die Seidenstraße "den Mittelmeerraum auf dem Landweg über Zentralasien mit Ostasien verband" (Seidenstraße) und der kulturelle Austausch am intensivsten war. (Man bedenke, dass das mongolische Reich, das sich zu seinem Höhepunkt von Europa bis Ostasien erstreckte, rund 150 Jahre das größte Weltreich war und erst nach rund 500 Jahren ganz unterging. In den 150 Jahren lag Europa "am westlichen Rand".

Mehr zum Buch selbst soll noch folgen.

Über das islamische Opferfest, faz.net 24.8.18

Mittwoch, 22. August 2018

Paul Spiegel: Was ist koscher?

Paul Spiegel: Was ist koscher?

Spiegel "erzählt von jüdischer Religion und Geschichte, erklärt Riten und Festtage, die Rolle der Familie und des jüdischen Humors. Natürlich geht er auch auf aktuelle Fragen ein, auf jüdisches Leben nach dem Holocaust und die Bedeutung des Staates Israel für Juden in aller Welt." (Paul SpiegelWas ist koscher?, Rezension)

Wenn man bedenkt, dass es für einen erwachsenen Juden 613 Mitzwot (Gebote und Verbote) gibt, nach denen er sich ein Leben lang richten soll*, kann man sich kaum vorstellen, dass das vielen gelingt, zumal man ja nicht freiwillig Jude wird, sondern diese Vorschriften aufgrund seiner Geburt zu befolgen hat. Freilich, wenn man sie kennt, ist es fast noch erstaunlicher, dass erwachsene Personen sich freiwillig all diesen diesen Vorschriften unterwerfen und dass sie sich jahrelang bemühen, Jude werden zu dürfen. 
Juden betreiben keine Mission, vielmehr erschweren sie es, sich ihrer Religionsgemeinschaft anzuschließen, gerade weil es nicht einfach ist, sich diesen Vorschriften und den Anfeindungen, die Juden erleben, zu stellen. 

Zu  diesen Aussagen ist freilich zweierlei hinzuzufügen: Die Juden sind insofern "Erfinder" des "Rassismus", als sie die Sonderstellung einer Gruppe allein auf ihrer Abstammung über Jahrtausende propagiert haben. (Spiegel, S.17-33; dagegen aber Spiegel S.143 "Denn anders, als uns der Antisemitismus seit über 150 Jahren einzureden versucht: Wir Juden sind keine Rasse, sondern ein Volk." - Hervorhebung von Fontanefan) Und es gibt eine Ausnahme von dem Verzicht auf Mission. Unter den Makkabäern wurden besiegte Völker sogar zur Konversion zum Judentum gezwungen. (Spiegel, S.92)
"Das Lernen der Regeln für den Tempeldienst (und damit die Erinnerung daran) war nun das Äquivalent für die eigentlichen Handlungen im Tempel. So verfuhr man in allen Lebensbereichen, die den Glauben tangierten und die nun, nach der Zerstörung, nicht mehr praktiziert werden konnten." (S.100)*
Maimonides, "einer der wichtigsten jüdischen Gelehrten aller Zeiten" lebte von 1135 bis 1204 in einer Phase intensiven Austauschs zwischen arabischen und jüdischen Gelehrten.
Seine "herausragende Leistung lag unter anderem darin, dass er als Kenner der Werke des Aristoteles, dessen Gedankengebäude mit jüdischer Philosophie zu verbinden wusste, ebenso wie er durch die Kenntnis der Texte des berühmten muslimischen Philosophen Averroes auch arabisches Gedankengut verarbeitete. [...] seine Werke sind nicht etwa auf Hebräisch, sondern auf Arabisch geschrieben! " (S.109)

Über den Bund des Volkes Israels mit Gott:
"Der Rabbi von Kozk, einer der großen, gewaltigen spirituellen Führer des osteuropäischen, chaassidischen Judentums, hatte einst ein furchtbares Gebet an Gott gerichtet. Es war eine Zeit der Not, als er es sprach: "Herr der Welt, erbarme Dich unser. Rette uns. Zeige dich endlich. Denn sonst ... sonst werden wir nicht mehr dein auserwähltes Volk sein ... wir werden den Bund mit dir aufkündigen!"
Eine schreckliche Drohung, die für Nichtjuden verrückt erscheinen mag. Denn was ist der Mensch schon im Angesicht Gottes? Wie kann er sich erdreisten, den Herrscher der Welt so herauszufordern? Er kann es, besser: Der Jude kann es, denn der Bund ist ein Vertrag, den beide Seiten, Gott und Abraham, in völliger Gleichheit miteinander geschlossen haben, als Gleichberechtigte." (S.164)

Im KZ Theresienstadt stand auf einer Wand "ein denkwürdiger Satz: wir haben deinen Namen nie vergessen, Herr, vergiss auch du uns jetzt nicht! 

Dies heute, rund sechzig Jahre nach dem Holocaust, auf der Wand [...] zu lesen ist erschütternd. Zugleich ist es aber auch ein weiteres Zeugnis dieser gleichberechtigten Wechselbeziehung zwischen Gott und dem jüdischen Volk, die ohne Vergleich in der Religionsgeschichte ist." (S.164)

"Eine Überlieferung besagt, dass der Messias – auf den wir Juden ja immer noch warten – erst dann kommen wird, wenn alle Juden zweimal hintereinander die Schabbatgebote einhalten, oder aber, wenn alle Juden zweimal hinter einander die Schabbatgebote nicht einhalten!
Beide Fälle beschreiben zwei völlig entgegengesetzte Möglichkeiten: Im ersten Fall geht die Überlieferung davon aus, dass alle Juden wirklich fromm geworden sind und die Gebote Gottes in all ihren komplexen Anforderungen erfüllen. Damit wäre das gesamte jüdische Volk wahrhaftig und wirklich gesetzestreu, es würde auf Gottes Wegen wandeln und hätte all die Niederungen der menschlichen Schwäche, der Niedertracht, des Bösen und des Gemeinen hinter sich gelassen. Dann käme, fast zwangsläufig, die Erlösung in Gestalt des Messias, der nach der Überlieferung nicht nur das jüdische Volk, sondern die gesamte Welt erlösen wird. Das ist dann die Zeit, wenn "Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet" werden.
Bei der zweiten Möglichkeit ist das genaue Gegenteil der Fall: Kein einziger Jude hält sich an die göttlichen Gebote. Das jüdische Volk ist also ein "abgefallenes" Volk, abtrünnig geworden von Gott, gottlos, es lebt auf allertiefstem Niveau, fern jeglicher Spiritualität, fern jeglicher Ethik, jeglicher Moral – dann muss der Messias ebenfalls kommen, denn dann steht es ganz schlimm um das auserwählte Volk. Es muss dringend gerettet werden, ebenso wie der Rest der Welt."

(S. 199/200)

Über das Leben von Juden in Deutschland:
"Und wenn man bedenkt, dass die Jewish Agency noch Ende der vierziger Jahre gedroht hat, alle Juden, die nicht innerhalb von sechs Wochen Deutschland verlassen, später nicht mehr als Juden an zu erkennen und ihnen somit eine spätere Einwanderung nach Israel zu verwehren, mag das heute, wo Zehntausende Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind, wie aus einer anderen Zeit erscheinen." S.299/300)
"Nur wenn sich Deutschland weiterhin als freier, pluralistischer und liberaler Staat bewährt, werden die Juden sich eines Tages in Deutschland wieder "daheim" fühlen können." (S.303)
* "Nach jüdischem Recht dürfen in Lebensgefahr bis auf drei (Mord, Götzendienst, Unzucht) sämtliche Gebote der Tora gebrochen werden" (Wikipedia)
* Eine Schulung in Abstraktion, die durchaus positiv gesehen werden kann, auch wenn solche Verfahren (wie etwa das Studium der toten Sprache Latein) mit dem Begriff "Säbelzahntigercurriculum" verspottet worden sind."

Zur Fortsetzung (Geschichte des Islam)

Dienstag, 21. August 2018

Abschaffung der Sommerzeit?

"[...] Das EU-Parlament hatte bereits im Februar für die Abschaffung der Sommerzeit gestimmt und die Kommission dazu aufgefordert, die Vor- und Nachteile zu prüfen.
Wenn die Behörde nun tatsächlich einen entsprechenden Vorschlag vorlegt, könnte das Gesetz zur Zeitumstellung geändert werden. Die Umstellung würde dann in der ganzen EU abgeschafft werden – die einzelnen Länder hätten jedoch einen gewissen Freiraum: Jedes Land könnte selbst entscheiden, ob es dauerhaft die Sommerzeit oder die Winterzeit haben will.[...]"(https://utopia.de/zeitumstellung-umfrage-eu-sommerzeit-winterzeit-ergebnis-101540/ - dort auch mehr dazu)

Aladin El-Mafaalani: Das Integrationsparadox

"[...] Gelungene Integration erhöht deshalb das Konfliktpotenzial, weil Inklusion, Gleichberechtigung oder eine Verbesserung der Teilhabechancen nicht zu einer Homogenisierung der Lebensweisen, sondern zu einer Heterogenisierung, nicht zu mehr Harmonie und Konsens in der Gesellschaft, sondern zu mehr Dissonanz und Neuaushandlungen führt. Zunächst sind es Konflikte um soziale Positionen und Ressourcen, im Zeitverlauf werden soziale Privilegien und kulturelle Dominanzverhältnisse in Frage gestellt und neu ausgehandelt. Desintegration geht ein her mit sozialen Problemen. Das dauerhafte Ausgeschlossensein vom Tisch steigert die Wahrscheinlichkeit für abweichendes Verhalten, für Kriminalität und Gewalt. Bei Integration handelt es sich hingegen um grundlegende, die Gesellschaft verändernde Konflikte. Analog dazu: Langzeitarbeitslosigkeit ist ein soziales Problem und damit Desintegration, der Streit zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern ist ein sozialer Konflikt zwischen zwei integralen (= integrierten) Teilen, die ein Ganzes ergeben." (Aladin El-Mafaalani in: FAS 12.8.18, S.42)

mehr dazu:
Aladin El-Mafaalani: Das Integrationsparadox – Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt, 2018

Sonntag, 19. August 2018

Kermani: Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime

"Wir haben nichts gegen Muslime" – immer wieder habe ich das in Indien gehört. Aber plötzlich ist da ein indisches "Wir", das nichtmuslimisch ist, und ein muslimisches "Sie", gegen das wir nichts haben. Diese Muslime fühlten sich bis gestern genauso als Inder wie die Hindus. Und wie oft höre ich in Deutschland das "wir" nichts gegen Muslime haben.
 Oder alle möglichen Talksendungen zum Islam: Wie können "wir" mit dem Islam umgehen, müssen wir Angst haben vor den Muslimen? Daß zu diesen "Wir" auch Muslime gehören könnten, scheint den Talkgästen beinah undenkbar zu sein. [...]
"Wir" Deutsche müssen Dialog führen mit den Muslimen, sagen die Gutwilligen. Das ist löblich, nur bedeutet es für etwa 3 Millionen Menschen in diesem Land, daß sie den Dialog mit sich selbst führen müßten.(S.27 -Hervorhebungen von Fontanefan)

"Im Habsburger oder im Osmanischen Reich, bis vor kurzem in Städten wie Sarmakand oder Sarajewo, heute noch in Isfahan oder Los Angeles  waren oder sind Parallelgesellschaften kein Schreckgespenst [...]. Ohne sie gäbe es vermutlich keine Christen mehr im Nahen Osten, und ihr heutiger Exodus hat viel mit dem verhängnisvollen Drang mal der Mehrheitsgesellschaft, mal der Staatsführer, mal von ein paar hundert Terroristen zu tun, Einheitlichkeit herzustellen und kulturelle Nischen auszumerzen." (S.12/13)
"Identität per se ist etwas Vereinfachendes, etwas Einschränkendes, wie jede Art von Definition." (S.17)
"Das bedeutet, daß just mit der Auflösung festgefügter Identitätsmuster, wie sie die Globalisierung mit sich bringt, offenbar der Drang entsteht, sich an etwas festzuhalten, was als eigenes, als Merkmal, das einen von anderen unterscheidet, zu reklamieren wäre. Man kehrt zurück zu dem, was man früher zu sein glaubte, aber im eigenen Leben nie war." (S. 31)
"Niemand bricht radikaler mit der Vergangenheit als jene Gruppierungen, die in die Vergangenheit zurückkehren wollen." (S.32)
"Die Säkularität, wie wir sie kennen und die weit über die Trennung von Staat und Religion hinausgeht [...], Ist eine singuläre Erscheinung in Europa. [...] Wenn wir von säkularen Westen sprechen, meinen wir Westeuropa." (S.33)
"Will man in Westeuropa ein Wir schaffen, reicht das Christentum als Identitätskitt nicht aus." S.35) 
[...] Meine Heimat ist nicht Deutschland. Sie ist mehr als Deutschland: Meine Heimat ist Köln geworden. Meine Heimat ist das gesprochene Persisch und das geschriebene Deutsch: Wenn ich im Ausland bin, fühle ich mich sofort unter Landsleuten, wenn ich Persisch höre – nicht wenn ich deutsch höre. Aber das erste, was ich tue, ist zu schauen, wo es eine deutsche Zeitung gibt. Ich vermeide, soweit es geht, jede fremdsprachige Lektüre, weil ich für mein Leben gern gutes Deutsch lese. Etwas auf Englisch oder Persisch zu lesen, ist mir niemals Vergnügen, auch wenn ich es verstehe. [...]
Mit der gesprochenen deutschen Sprache verbinde ich nicht Gefühle der Vertrautheit, Wärme, Geborgenheit, ich spreche Deutsch auch viel zu schnell. [...] (S.136)
"In der Poesie ist es wieder ganz anders. Wenn ich ein Gedicht auf Spanisch höre, dann ist es mir intuitiv näher, als wenn ich ein deutsches oder persisches Gedicht höre – und/ das, obwohl ich kaum Spanisch spreche.[...]
Das hat gewiss damit zu tun, dass die ersten Gedichte, die ich mit Begeisterung vortrug, von Pablo Neruda waren. [...] Meine Heimat ist nicht nur Deutschland oder Iran, sondern auch die Poesie von Pablo Neruda, die mich in die Liebe begleitet hat." (S.136/137)
Ja, Hölderlin ist Heimat, eindeutig – oder der erste FC Köln, ebenfalls Heimat, seit ich vier Jahre alt bin, ein Verein übrigens in dessen inoffizieller Hymne es heißt: Wir sind multikulturell. (S.138)
"Im Ernst: nicht ganz dazu zu gehören, sich wenigstens einige Züge von Fremdheit zu bewahren, ist ein Zustand, den ich nicht aufgeben möchte." (S.139)

Zur Leitkultur:
"[...] anders als bei dem genaueren Begriff des Grundgesetzes, vor dem alle gleich sind, gehört der ethnisch Deutsche ungeachtet seiner eigenen Ansichten und Werte zu dem Volk, das leitet. [...].
Wenn ein politisches Gebilde religiösen und ethnischen Minderheiten eine gleichberechtigte Teilhabe in Aussicht stellt, dann ein vereinigtes Europa." (S.141) 

Zu europäischen Werten:
Kermani meint, der christliche Ursprung viele europäische Werte sei nicht zu leugnen. "Aber es sind Werte, die säkularisiert, also im Laufe der Zeit innerweltlich begründet worden sind." (S.142)

"Nicht umsonst tut es Immanuel Kant nicht unter dem ewigen Frieden, einer Weltföderation republika/nisch verfasster Länder. Natürlich ist das eine Utopie, und keiner wußte das besser als Kant, dieser nüchternste unter allen europäischen Philosophen. Aber in dem Augenblick, indem Europa aufhört, diese Utopie vor Augen zu haben, sich auf diese Utopie hinzubewegen, hört es als Idee auf zu existieren. [...]
Man stelle sich vor, die EU würde den Betrieb als Reformmotor nicht nur drosseln (was wegen Überhitzung gelegentlich sinnvoll sein mag), sondern ein für allemal einstellen: Die Entwicklung ,die daraufhin in Osteuropa oder in der Türkei einträte, wäre für die alten Europäer erst recht nicht bequem. Sie wäre dramatisch." (S.142/43)

"Europa mit seinem Homogenisierungswahn, von dem es sich auch sechzig Jahre nach seinen großen Kollektivierungskriegen nur mühsam befreit, wird noch lange Zeit benötigen, um solche Lebensläufe hervor zu bringen. [wie die Obamas]. Aber vielleicht lernt es seit dem 4. November 2008 etwas schneller: Identifizierung gelingt dort, wo sie nicht auf Identität hinausläuft." (S.145)

"[...] diese Islamkonferenz ist großartig. Daß der deutsche Staat überhaupt offiziell mit dem Islam spricht, ihn also wahrnimmt, sich an einen Tisch mit 15 Muslimen setzt, daß der Innenminister, ein CDU-Innenminister sich danach vor die Presse stellt und sagt: Der Islam ist ein Teil Deutschlands, ein Teil der Zukunft Deutschlands ein Teil der Zukunft Europas, das sind Ereignisse von hohen symbolischen Wert, [...]
So sehr bemüht sich die CDU heute um ein migrationspolitisches Profil, daß man bei einer vergißt, mit wem in Deutschland die Integrationspolitik begonnen hat, nämlich mit dem Antritt der rot-grünen Koalition im Jahr 1998." (S.147/48)
"Vor allem aber hat rot grün einen Mentalitätswechsel in der Gesellschaft bewirkt, der nicht geringer zu bewerten ist als das gewachsene Bewusstsein für den Erhalt der Umwelt." (S.149)
(Navid Kermani: Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime, Cop. 2009, 9. Aufl. 2017)

Zum Vergleich:
Eine Amerikanerin über ihr Gefühl zwischen zwei Nationen, FAZ 19.8.18

sieh auch Heimat:
https://twitter.com/pallaske/status/1099778857597579266

Aladin El-Mafaalani: Das Integrationsparadox, 2018

Hier wird klar, weshalb Kermani so wichtig ist: Weil er Konflikte aufzeigt und zugleich Wege zu ihrer Lösung (nicht Patentrezepte).

Zur Fortsetzung

Donnerstag, 16. August 2018

Ein Kanon notwendigen Wissens?

Über den Gedanken, überhaupt einen Kanon zu entwickeln, habe ich an anderer Stelle geschrieben. Hier geht es um einzelne Werke, die Thomas Kerstan empfiehlt:

Wilhelm Bockler: Der Reibert. Das Handbuch für den Soldaten
Kundenrezension
Handgranatenwurf als Bildungsgut? Ich würde dagegen halten:
Patrick Kingsley: Die neue Odyssee. Eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise, München 2016

Paul Spiegel: Was ist koscher?
So viel von der Weltgeschichte kommt in dem Kanon von Thomas Kerstan nicht vor und dann zu einem gank kleinen Volk ein ganzes Buch und das nur zu seinen Essensbräuchen? Das kann doch nicht wahr sein. Ist es auch nicht. Denn die Frage steht nur als Beispiel für viele Fragen über das Judentum, auf die die wenigsten Nicht-Juden eine Antwort wissen und wenn, dann meist eine unzutreffende. Aber auch sehr viele Juden würden wohl nicht alle Fragen beantworten können.
Weshalb steht das Buch im Kanon? 
1. Weil das jüdische Volk die Grundlage für die drei abrahamitischen monotheistischen Religionen schuf: Judentum, Christentum und Islam.
2. Weil diesem Volk die Bewahrung seiner Kultur über ca. 4000 Jahre gelang und das, obwohl es ca. 2000 Jahre weltweit zerstreut war. (Spiegel, S.162)
3. Weil an ihm der ungeheuerlichste Versuch eines Völkermordes unternommen wurde. 
Und damit ist man beim nächsten Buch.

Art Spiegelmann: Maus - Die Geschichte eines Überlebenden,1993
Dies Buch ist m.E. eine gute Wahl. Das wird aus dem englischen Wikipediaartikel, der verlinkt ist, besser klar als aus dem deutschen
Ich selbst ziehe den Film Shoa und die Werke Primo Levis vor, aber das ist sehr subjektiv.*  

Joyce: Ulysses
ist gewiss als Provokation gemeint und dient vermutlich vor allem dem Hinweis darauf, dass die Erfahrung, dass der Zugang zu großer Literatur sehr schwer sei kann.
Für die Praxis sinnvoller wären wohl Ausschnitte aus dem Ulysses, aus Musils Mann ohne Eigenschaften, Melvilles Moby Dick und Schmidt Zettl's Traum und und und

Emine Sevgi Özdamar: Mutterzunge
Eine Anregung, die ich sehr begrüßt habe, da ich das Buch noch nicht kannte.

Gudrun Krämer: Geschichte des Islam
Reichten dafür nicht auch einige Wikipediaartikel mit den zugehörigen Links? -
Natürlich enthält das Buch viel, was die nicht enthalten. Und die Lektüre eine Buches prägt sich besser ein als die von Wikipediaartikeln. (Außerdem machen die sich schlecht auf einer Liste neben Goethes Faust.) Und welcher ernsthafte Leser schlägt sich heute schon durch einen Wust von Namen und Fachausdrücken, ohne gelegentlich in der Wikipedia nachzusehen.

Zur Ergänzung:
Einen Hinweis, dass es ein völliges Missverständnis ist, wenn man von einem islamischen Mittelalter spricht, "weil sich die Transformationsprozesse in der Spätantike in Europa und in Vorderasien auf ganz unterschiedliche und häufig gegensätzliche Weise vollzogen" und weil er "den Blick auf die wirklichen Epochengrenzen" verstelle, gibt Thomas Bauer hier. Man versteht nicht die Epochengrenzen, wenn man sich nicht klar macht, dass während des Aufstiegs des Islam zur Weltreligion für diesen Raum das römische Reich und damit die Verbindung zur Antike fortbestand und dass der Mittlere Osten (Middle East) eben nicht am östlichen Rand (Orient) des damals wichtigen Kulturraums war, sondern eher im Zentrum, wo die Seidenstraße "den Mittelmeerraum auf dem Landweg über Zentralasien mit Ostasien verband" (Seidenstraße) und der kulturelle Austausch am intensivsten war. (Man bedenke, dass das mongolische Reich, das sich zu seinem Höhepunkt von Europa bis Ostasien erstreckte, rund 150 Jahre das größte Weltreich war und erst nach rund 500 Jahren ganz unterging. In den 150 Jahren lag Europa "am westlichen Rand".

Er geht auf den "Grenzverkehr" zwischen den Kulturen ein, den er als Kind erlebte. Auch ihm geht es wie Özdamar um Brückenbauen.
Ich könnte jedes Wort* unterschreiben, aber auch hier: De facto wäre für einen realen Kanon eine Auswahl aus diesem Werk (wie die von Jens aus Ilias und Odyssee) besser. Denn zusammen mit "Wir neuen Deutschen" vier Bücher zu Multikulturalität und Integration sind vielleicht angesichts der fehlenden anderen Perspektive (z.B. Münkler: Die neuen Deutschen) und anderen wichtigen Problemen etwas viel und arg tagesaktuell?

Jared DiamondArm und Reich – Die Schicksale menschlicher Gesellschaften, 1998  -     dazu stellt sich (bei Kerstan nicht genannt): DiamondKollaps – Warum Gesellschaften überleben oder untergehen2005

Minecraft ist ein Open-World-Spiel ohne ein fest vorgegebenes Spielziel.[20] Das Hauptaugenmerk liegt auf der Erkundung und Entdeckung der von Höhlen und Dungeons durchzogenen Spielwelt sowie dem Bau eigener Gebäude und Vorrichtungen. Der Spieler kann Rohstoffe abbauen („Mine“), diese zu anderen Gegenständen weiterverarbeiten („Craft“) und gegen Monster kämpfen. (Wikipedia)

Wird fortgesetzt und vermutlich auch ergänzt, z.B. durch Links.
Empfehlungen:
Gödel, Escher, Bach – ein Endloses Geflochtenes Band (MIT-Kurs dazu)

*Ich bin vermutlich zu alt, um mich in die Kunstform Comic einzugewöhnen, da es bei der Oper trotz früher Wertschätzung einiger Mozartopern (der Musik, nicht der Aufführungen) Jahrzehnte gedauert hat und bei Kriminalfilmen und -romanen nach Jahrzehnten nicht gelungen ist.
* Das gilt freilich nur für den allgemeinen Teil bis S.68. Ab da spricht er aufgrund von Kenntnissen, die mir fehlen, für mein Empfinden des öfteren zu undifferenziert. Aufgrund der mutigen Differenzierungen, die er aber immer wieder vornimmt, hat er für mich die moralische Autorität, dass ich ihm abnehme, dass seine Aussagen gerechtfertigt sind. Für mein Empfinden geht er bei der Beurteilung handelnder Personen gelegentlich zu weit. Die moralischen Kriterien, die er anwendet, teile ich aber. 

zur Fortsetzung

Unterrichtsmaterial zum Thema Bildungskanon (ZEIT)

Privatisierung von Autobahnen

"Die Geschichte der Privatisierung öffentlicher Einrichtungen und Unternehmen steckt voller Unvernunft. Es stinkt dort geradezu nach politischer Korruption. Hoheitliche Aufgaben werden von Rechtsanwaltskanzleien und Beratungsfirmen übernommen – für Honorare, die die 200-Million-Grenze locker überschreiten. Verfilzung zwischen Politik und privaten Betreibern ist üblich."
mehr dazu:
Privatisierung der Autobahnen: Lukratives Desaster. Von Werner Rügemer.

Mittwoch, 15. August 2018

Status confessionis im Kontext von Judenverfolgung und Apartheidregime

Der Status confessionis bezeichnet einen Fall, wo eine Entscheidung so wichtig ist, dass sie als ein notwendiges Bekenntnis angesehen wird. Das war unter der Naziherrschaft bei der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 und dann wieder bei der Entscheidung gegen das Apartheidssystem in Südafrika der Fall.
Im selben Sinne - freilich nicht mit dem Terminus Status confessionis  - argumentierte die Kairos-Bewegung in Südafrika.
Mehr dazu bei Ulrich DuchrowGieriges Geld. Auswege aus der Kapitalismusfalle – Befreiungstheologische Perspektiven, 2013, S.148-152

Fernöstliche Liebespaare

Freitag, 10. August 2018

Axel Honneth: Kampf um Anerkennung

Axel Honneth: Kampf um Anerkennung

Plastík-fressende Bakterien

http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/pet-plastik-fressende-bakterien-von-forschern-entdeckt-a-1081845.html 11.3.16
https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2016-03/plastikmuell-recycling-bakterien 11.3.16

https://www.wired.de/collection/science/bakterien-mikroorganismen-fressen-plastik-muell
27.4.17

Einerseits sind es erfreuliche Botschaften. Andererseits braucht es offenbar sehr lang, bevor diese Entdeckung auch außerhalb des Labors einsetzbar ist.
Außerdem geht es zunächst um PET, die Plastikart, die schon bisher am besten zu recyeln ist.
Die Masse der Meldungen stammt von März 2016. Danach hat sich offenbar nicht viel getan. Da ist die Einsparung von Plastik auf absehbare Zeit die vorzuziehende Alternative.

Immerhin: Die Vorstellung, dass es in den nächsten Jahren ein absolutes Plastikverbot geben wird, ist unrealistisch.

Junge Juden und Muslime begegnen sich in Auschwitz-Birkenau

"Der Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V. und die Union progressiver Juden in Deutschland K.d.ö.R bringen vom 6. bis 9. August 25 jüdische und muslimische junge Erwachsene im nationalsozialistischen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zusammen. Die Ministerpräsidenten Günther und Ramelow sind bei der Gedenkfeier für die Opfer der Schoa anwesend. Die Vorsitzenden der beiden Dachverbände, Aiman A. Mazyek und Rabbiner Prof. Dr. Walter Homolka, formulieren als Hoffnung: „Das Miteinander von Juden und Muslimen in Deutschland muss gelingen.“ [...]" (Junge Juden und Muslime begegnen sich in Auschwitz-Birkenau 6.8.18)

Lehrer dringend gesucht

"Note ungenügend für die Bildungspolitik: Eltern, Schüler und Pädagogen sind sauer, dass bisher keine Lösung für den massiven Lehrermangel in Deutschland gefunden wurde. Immer mehr Seiteneinsteiger stehen an der Tafel." (tagesschau.de 9.8.18)

Warum so viel über das Schreiben geredet, aber zu wenig geschrieben wird

Warum so viel über das Schreiben geredet, aber zu wenig geschrieben wird.

"[...] Die Aufwertung mündlicher Formen der Leistungsmessung z.B. durch Verschiebung des prozentualen Verhältnisses schriftlich-mündlich zugunsten der mündlichen Mitarbeit. In Baden-Württembergs Gymnasien kann ein Referat (GFS genannt) als zusätzliche schriftliche Note angerechnet werden. GFS steht für "Gleichwertige Feststellung von Schülerleistung". [...]"

Ein sehr lesenswerter Blogartikel von Klaus Dautel

Sonntag, 5. August 2018

Der längste Hungerstreik der Welt

Irom Chanu Sharmila war vom 5 November 2000 bis zum 9 August 2016 im Hungerstreik im Protest gegen ein 1958 erlassenes indisches Polizeigesetz, den Armed Forces (Special Powers) Act, 1958, der auf  ein 1942 gegen Gandhis Quit-India-Bewegung erlassenes Kolonialgesetz zurückgeht und indischen Bundesstaaten die Verhängung eines Ausnahmezustandes ermöglicht.
Irom Sharmila wurde bis 2015 unter der Anklage des versuchten Selbstmords gefangen gehalten und zwangsweise künstlich ernährt. Trotz ihrer Ausdauer erreichte  sie - anders als Mandela und Gandhi - ihr Ziel nicht, weil sie nicht genügend einflussreiche Unterstützer fand.
Das AmnestyJournal erinnert in seiner Julinummer an diesen längsten Hungerstreik der Weltgeschichte.

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SPD löst Historische Kommission auf "Eine gewisse Geschichtslosigkeit"

Der Parteivorstand plant, die Kommission aufzulösen. [...] Faulenbach [der Vorsitzende der Historischen Kommission der SPD] warf den Entscheidern im SPD-Vorstand, insbesondere Mitgliedern der jüngeren Generation, "eine gewisse Geschichtslosigkeit" vor: "Die sind immer im Heute. Die haben kein Gestern, und deshalb leider auch kein Morgen. Und das führt zu einer Kurzatmigkeit der Politik, die dann auch bedeutet, dass man Geschichte geringschätzt - aber zum eigenen Schaden, zum Schaden der eigenen Durchsetzungsfähigkeit." Die Kommission habe aktuell eine Tagung für den 8. und 9. November vorbereiten wollen, um der November-Revolution von 1918 und der Entstehung der Weimarer Republik zu gedenken. Auf das Angebot der Kommission, ein historisches Gutachten zum Agenda-2010-Prozess zu erstellen, sei nie eingegangen worden. [...] (https://www.deutschlandfunk.de/spd-loest-historische-kommission-auf-eine-gewisse.862.de.html?dram:article_id=424525)

Jeremias Gotthelf

Jeremias Gotthelf (Wikipedia)

"Politisches Leben ist eine Art von Krankheitszustand, welcher überwunden werden muß, eine Gärung, welche das Ungesunde ausscheiden, wiederum Ruhe und Frieden ins Leben bringen soll. Wer meint, in einem Volke müsse beständig reges politisches Leben sein, das sei der rechte Normalzustand, der täuscht sich übel, so übel wie der, welcher wähnte, der Mensch müsse beständig im Fieber liegen." (Zeitgeist und Berner Geist, Kapitel 2: Vom politischen Leben, und wie eine Frau einen Ratsherren macht, und wer ihr hilft. - zitiert nach "Die Deutsche Literatur vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert" Band VI, S.179/180)

"Sie kennen nur Rechte, von den Pflichten wollen sie nichts wissen, insofern sie nicht eine Passion oder Leidenschaft dazu haben. Sie begehren das Recht, zu ernten, was ihnen beliebt, zu schneiden, wo sie nicht gesät haben." ("Jacobs, des Handwerksgesellen, Wanderungen durch die Schweiz" (1846/47), 17. Kapitel  - zitiert nach "Die Deutsche Literatur vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert" Band VI, S.174)

Seine Meistererzählung: Die schwarze Spinne

Wie Gotthelf wohl Shitstorms gesehen hätte?

Die Formel "Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden." (Rosa Luxemburg) konnte er noch nicht kennen. Die Mehrzahl derer, die sich Shitstorms anschließen, wollen sie wohl nicht gelten lassen. 
Die wichtige Rolle, die freie Meinungsäußerung auch ohne Billigung durch eine mächtige Institution für gerechte Entscheidungen hat, war für ihn noch nicht erkennbar.

Freitag, 3. August 2018

Thietmar von Merseburg

Thietmar von Merseburg (Wikipedia)

FAZ 27.7.18 + WP:
Heinrich I.: ungezügeltes Sexualleben  Th. Chronik I, 24
Otto I. : Vorbild für die eigene Zeit.

Otto II.: Seine Flucht aus griechischer Gefangenschaft durch List und Sprung ins Meer, Aufhebung des Bistums Merseburg wirft einen dunklen Schatten auf die Herrschaft Ottos II.

Otto III. Der frühe Tod Ottos wird als göttliche Strafe für alle Menschen gedeutet.

Heinrich II.: Wiedereinrichtung des Bistums Merseburg wurde Heinrich hoch angerechnet. Heinrich ist für Thietmar ebenfalls der Überwinder des jahrzehntelangen Zwistes zwischen den Nachkommen Ottos I. und den Nachkommen seines Bruders Heinrichs


Zweikampf von zwei Grafen, Sieger wird enthauptet
Th. nennt sich selbst "Schlemmer und Heuchler, Geizhals und Verleumder"
Schlacht am Kap Colonna oder Schlacht bei Crotone vom 15. Juli 982, Otto II. nach scheinbarem Sieg vernichtend geschlagen

Donnerstag, 2. August 2018

Wer verdient unser Mitgefühl?

Die im Schlauchboot oder die auf der Titanic?

Unbedingt die auf der Titanic, denn sie können uns Mitgefühl mit denen im Schlauchboot lehren und wo möglich sogar mit denen, die auf dem Weg durch die Sahara um ihr Leben kämpfen und auf die oft Folter wartet.

Ulrike Gastmann versteht es, im Artikel "Schiffbruch" Mitgefühl mit beiden zu wecken. Deshalb liebe ich ihre Kolumne "Ruf des Ostens" in der ZEIT. Sie fühlt sich stellvertretend für uns in Situationen ein, die wir nicht kennen.

Werden die syrischen Kriegsflüchtlinge bleiben wollen oder nach Syrien zurückkehren?

Ich bin sicher, sie werden zurückkehren wollenNur die wenigsten Menschen können sich gut in einem fremden Land einleben, wenn sie unfreiwillig die Heimat verlassen haben.
Etwas anderes ist es, ob viele Freiheit und Leben auf Spiel setzen, um sich diesen Wunsch zu erfüllen.
Dietrich Bonhoeffer ist freiwillig nach Hitlerdeutschland zurückgekehrt, weil er es für seine Pflicht hielt, und dann hingerichtet worden. So etwas macht nicht jeder. Schon gar nicht, wenn er, um sein Leben zu retten, geflohen ist.
Dennoch werden viele zurückkehren, weil sie die Hoffnung haben, dass Assad sie nicht wieder verfolgen wird.

Zur Frage der Rückkehrwilligkeit:
Zitat: "Sieben Jahre nach Beginn des Aufstands ist fast eine halbe Million Syrer tot, mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Mehrere Zehntausend Syrer sind in Gefängnissen. Ein Drittel aller Gebäude in Syrien ist so zerstört, dass darin niemand mehr wohnen kann."
Trotzdem haben in der Grenzregion des Libanon 70 000 syrische Flüchtlinge sich in eine Liste eingetragen, weil sie hoffen, dass Assad sie wieder ins Land lässt.
Zur Frage der Integration und des Heimwehs:
Golo Mann, der in der Emigration in Frankreich erfolgreich als Lehrer, in den USA erfolgreich als Professor gearbeitet und auf Englisch publiziert hat, hat erklärt, dass er 'furchtbares Heimweh' (Günter Gaus: Zur Person Bd.2, S.185) empfunden habe. Er wollte unbedingt wieder in Deutschland arbeiten. Aber er wollte sich auch einen Platz im Ausland bewahren, damit er nicht noch einmal fliehen müsse.
Dabei war er "nur" interniert gewesen und hatte "nur" aus Frankreich über die Pyrenäen fliehen müssen, um dann in Portugal auf ein Schiff zu warten, das ihn in die USA und damit in Sicherheit bringen würde.