Donnerstag, 13. Februar 2020

Ist grünes Wachstum sinnvoll?

Ulrike Herrmann: Nachhaltigkeit im Kapitalismus? 27.1.2020
Mitschrift:
In GB waren die Löhne vor der Industrialisierung doppelt so hoch wie auf dem Kontinent. Maschinen waren teuer, die Arbeit musste teurer sein, damit sie sich lohnten. (Das gilt heute noch.) Kapitalismus braucht Wachstum und Wachstum entstand nicht aufgrund von Arbeit, sondern durch Verwendung von Technik in Verbindung mit fossiler Energie.
Kapitalismus hat zu Migration geführt. Sehr vieles, was der Kapitalismus herbeigeführt hat, war Wohlstand, höhere Lebenserwartung und gleichberechtigte Wähler in der Demokratie. Immer mehr Gleichberechtigung und Bildung wird durch Wohlstand ermöglicht. Kapitalismus ist für die beteiligten Menschen eine Win-win-Situation. Weil die Gewerkschaften das ermöglichen, stützen sie den Kapitalismus.
Zur Weltwirtschaftskrise 1929ff.: Übersehen wird die Vorgeschichte (Anstieg der Produktivität von 1919 bis 1923 um 43%, da bei gleichbleibenden Löhnen dadurch eine Überproduktion entstand.) Heute besteht dasselbe Problem. In den USA die Reallöhne heute genauso hoch wie 1975. In Deutschland "nur" von 2000 bis 2014.
Neoliberalismus hat durch Verhinderung von Nachfrage Wachstum gebremst. (Das ist eine Art unfreiwillige Umweltschutzmaßnahme.) D. verbraucht anteilig 3 Planeten, bei anhaltend gleichem Wachstum (von 1,3%) wären es bald 6 Planeten.
"Ich bin keine Kapitalismuskritikerin"; aber "so schön er ist", er braucht Wachstum, und das lässt sich nicht dauerhaft aufrecht erhalten.
Studie vom Umweltbundesamt: Durchschnittlicher Haushalt hat 10 000 Gegenstände. Davon werden nur 5000 verwendet. Warum produzieren wir nicht nur noch die Hälfte?
H.Ch. Binswanger: Ohne Wachstum reißen die Investitionsketten. Das ist katastrophal für die Weltwirtschaft. (Beispiel: Bankrott von Lehman Brothers: Nur kleine Bank, nur Spekulation, keine Verbraucher betroffen, aber schon das hat zur Katastrophe geführt.) 2009 hat die Regierung 450 Mrd. € für Investitionen eingesetzt.
Eine ökolog. Kreislaufwirtschaft ist möglich. Niemand müsste hungern. Vergleich mit 1975. Eigentlich doch nicht schlecht; aber dte. Wirtschaftsleistung ist seitdem um 100% gestiegen. Der Übergang zur  Kreislaufwirtschaft ist aber noch nicht gefunden. Sie ist aber leider trotzdem alternativlos. Private Autos auch E-Autos sind zu aufwändig; dafür reicht Ökostrom nie. Er wird immer knapp bleiben. Öl ist zu fördern mit 3% Energieeinsatz. Ökostrom aber erfordert über 15%. Alle Arbeitsplätze für Produktion Lebensversicherung hat keinerlei Zukunft, alle Arbeitsplätze dort fallen fort, ebenso werden Kredite überflüssig, auch Werbung etc. - Beschäftigung zur Beseitigung der Umweltschäden wird bleiben, aber mit viel geringerer Produktivität. Es funktioniert nicht mit Preissignalen und Marktmechanismus.
Die einzige Chance für den Übergang ist ein Analogon zur britischen Kriegswirtschaft von 1939. Die Friedenswirtschaft musste schrumpfen, damit alle Kapazitäten in Rüstung gesteckt werden konnten. Der Staat gab Produktion und Rationierung vor. 


Niko Paech: Post-Wachstums-Ökonomie, Barbarei & Nachhaltigkeit - Jung & Naiv:

Daraus: In der Bundesrepublik findet gegenwärtig eine systematische Abschaffung der Ökosphäre statt. Gegenwärtig wird über Wohnungsnot in Deutschland gesprochen. Wenn man sich klar macht, dass in den 50er Jahren nur 15 m² Wohnraum pro Person zur Verfügung stand, es gegenwärtig aber 46 m² pro Person bemerkt man die perspektivische Verzerrung. Von den Grünen wurde Anfang der 80er Jahre ein Bodenmoratorium (kein weiterer Verbrauch von Boden) gefordert. Dazu kam es nicht. Selbst in Kenntnis der ökologischen Krise gibt es einen Wettlauf um mehr Bodenverbrauch. Bald aber müssen wir Straßen und Flugplätze abbauen und Boden renaturieren, um mehr landwirtschaftliche Flächen zu gewinnen. Die Vorstellung, wir dürften immer mehr Maschinenleistung in Anspruch nehmen, ist eine Anmaßung, eine moderne Form von Barbarei. Wir haben die Barbarei der absolutistischen Fürsten nicht abgeschafft, sondern nur demokratisiert. Heute haben wir Millionen solcher Barbaren. Der ökologische Rucksack von 20-jährigen ist heute oft schon größer als der von Menschen am Ende des Mittelalters an ihrem Lebensende. 
Die Vorstellung, durch technische Mittel ließe sich der gegenwärtige Ökologieverbrauch aus nachhaltigen Quellen speisen ist ein Irrglaube, weil man nicht bedenkt, dass für die Produktion nachhaltiger Energien große Mengen seltener Rohstoffe gebraucht werden, deren Gewinnung zusätzlich höchst gefährliche Schadstoffe freisetzt (Beispiel: seltene Erden, besonders Neodym).
Eine weiter Wachstumsgrenze ist die psychische.  Mehr Wachstum führt auch zu mehr Stress. Der Euro scheitert daran, dass die Staaten zu unterschiedlich sind und deshalb die gemeinsame Währung die Wirtschaftsentwicklung geschädigt hat. Regionalwährungen wären stabiler als eine Zentralwährung. Allenfalls Euro als Ergänzung zu Regionalwährungen. 
Wachstumstreiber: Von der Produktion her: Je mehr Maschinen u. Infrastruktur vorhanden sind, desto mehr müssen instand gehalten werden. Von der Nachfrageseite: Als Beweis für Anerkennung haben wir einen Wettbewerb um mehr Geld und mehr Konsum. 
Konkurrenz und Kampf um Anerkennung kann auch auf kulturellem Feld stattfinden. 
Wird die Umstellung gelingen? - Es fehlt nicht an Wissen, sondern an Umgewöhnung. Man muss das Neue üben. Heute gibt es keine Partei mehr, die sich der Wachstumskritik annimmt. - Für eine Transformation müssten wir ein neues Arbeitsmodell entwickeln mit weniger Arbeitsstunden, so dass wir 1. Vollbeschäftigung bekommen und 2. Zeit haben um urbane Selbstversorgung zu organisieren. Beschränkung auf das Notwendige, neuer Freiheitsbegriff: "Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion" (Schumacher: Small is Beautiful). 

Niko Paech: Die Wachstumsparty ist vorbei  30.1.2020

http://www.postwachstumsoekonomie.de/vortragsreihe/videos/

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