Montag, 4. Juni 2018

Fallen, die eine realistische Weltsicht verhindert können

Hans Rosling führt in seinem Buch Factfulness mehrere Fallen an, die realistische Weltsicht verhindern können.

Die erste Falle ist nach Rosling die, dass man eine Kluft (englisch: gap) vermutet, wo in Wirklichkeit ein Kontinuum besteht, bei dem große Überlappungen zwischen den Gruppen bestehen, die miteinander verglichen werden. 

Deshalb warnt er vor dem Vergleichen von Durchschnitten (also genau das, war er am Anfang seines Buches unternommen hatte und was ich daran kritisiert hatte).  Das erläutert er an Testergebnissen von Frauen und Männern sowie an einem Einkommensvergleich zwischen Mexiko und den USA. 
Auch wenn der Durchschnitt von Tests in Mathematik bei Männern über dem entsprechenden Durchschnitt bei Frauen liegt, wird ein großer Teil der Frauen bessere Ergebnisse erzielt haben als der Durchschnitt der Männer. (S.56) Bei den Einkommen der Mexikaner im Vergleich mit den US-Bürgern ist die Überlappung zwar deutlich geringer, aber immer noch erheblich. Es gibt also im strengen Sinn keine Kluft. Auch wenn schon innerhalb der USA die Reichsten über 1000 x mehr verdienen als die ärmsten US-Bürger - von den ärmsten Mexikanern ganz zu schweigen. 

Wichtig ist ihm insbesondere die Kluft, die viele traditionell noch zwischen den armen und den reichen Ländern sehen. In Wirklichkeit hat sich diese früher bestehende Kluft weitgehend geschlossen, bis auf einen relativ kleinen Teil der Länder befinden sich alle - im Vergleich zu früher -jetzt auf einem relativ ähnlichen Niveau [Sie erinnern sich: die Durchschnittseinkommen der Länder, die Kluft innerhalb der einzelnen Länder betrachtet er nicht, denn auch hier befindet sich die Mehrzahl der Bevölkerung im mittleren Einkommensbereich].


Statt einer Zweiteilung in reich und arm empfiehlt er eine Einteilung in vier Einkommensstufen (S.47):

Stufe 1 bis zu 2 US-$ (dazu gehören etwa 1 Mrd. Menschen)
Stufe 2 bis zu 8 US-$ (dazu gehören etwa 3 Mrd. Menschen)
Stufe 3 bis zu 32 US-$ (dazu gehören etwa 2 Mrd. Menschen)
Stufe 4 über 32 US-$ (dazu gehören etwa 1 Mrd. Menschen)

Die Leser des Buches und dieses Blogs befinden sich alle auf dieser Stufe 4; deshalb empfinden sie den Unterschied zu Milliardären als wesentlicher als den gegenüber Stufe 3. Weltweit gesehen ist er es aber insofern nicht, als uns jede Menge Segnungen der Zivilisation zur Verfügung stehen, die es unterhalb unserer Stufe gibt. Vor der Fixierung auf relative Armut warnt Rosling ausdrücklich. 

Verständlich ist das, wenn man bedenkt, dass für ihn eine neue Einkommensstufe erst bei dem vierfachen Mindesteinkommen im Vergleich zum Mindesteinkommen der vorigen Stufe beginnt. 

Die nächste Falle sieht er in dem "Instinkt der Negativität". (S.63ff.)

Kurz gesagt: In den meisten Ländern der Welt ist für die meisten Bewohner der Welt der Lebensstandard angestiegen. 
Speziell in Deutschland nehmen wir eine Abschwächung der Zuwachsrate oder gar eine Stagnation als negativ. Rosling empfiehlt, einen realistischen Blick auf die Zustände 50 Jahre vorher zu wagen und die Vergangenheit nicht zu verklären. 

Falle 3: "Instinkt der geraden Linie" (Nichtberücksichtigung exponentieller Zusammenhänge, Kurven können verschiedene Formen haben) (S. 97ff.)


Falle 4: Angst (Schätzen Sie die Risiken ein.)


Furchterregende Risiken wie Terror oder Flugzeugunglücke sind meist relativ ungefährlich, weil sie nicht oft auftreten. 

Falle 5: Dimension (Setzen Sie die Dinge in Relationen.)

Falle 6: Verallgemeinerung (Hinterfragen Sie Ihre Kategorien.)


Wer vor allem mit einer Kluft zwischen Armen und Reichen auf der Welt rechnet, dem entgehen nicht selten wichtige Geschäftsmodelle. Besser ist es, die Einteilung in weltweite Einkommensstufen  im Blick zu haben.
"Jede Schwangerschaft führt zu einem bis zu zwei Jahre dauernden Ausbleiben der Menstruation. Wenn sie Hersteller von Damenbinden sind, ist das schlecht für Ihr Geschäft. Folglich sollten Sie wissen – und sehr froh darüber sein –, dass Frauen heute weltweit weniger Kinder gebären. Sie sollten auch wissen, dass die Zahl gebildeter Frauen zunimmt, die außer Haus arbeiten, und auch darüber sollten Sie froh sein. Denn diese Entwicklungen haben in den letzten Jahrzehnten einen explodierenden Markt für ihre Produkte geschaffen: Milliarden menstruierender Frauen, die jetzt in Ländern der Stufen 2 und 3 leben.
Aber wie ich bei einer internen Besprechung eines der weltgrößten Produzenten von Sanitärartikeln feststellen konnte, ist dies den meisten Herstellern im Westen völlig entgangen." (S.182/83)

Falle 7:  Schicksal (Langsamer Wandel ist dennoch Wandel.)


Die großen Veränderungen, die sich in den letzten Jahrzehnten in einigen Ländern Schwarzafrikas (z.B. in Ghana) ergeben haben, sind den meisten Menschen in Europa und den USA nicht bewusst. Veränderungen, die Jahrzehnte brauchen, tauchen in den Nachrichten höchst selten auf.  So wurde zwar "der stärkste jemals registrierte Rückgang" der "Zahl der Geburten pro Frau von mehr als sechs Kindern pro Frau im Jahr 1984 auf weniger als drei Kinder pro Frau 15 Jahre später" (S.212) im muslimischen Iran erreicht. Doch: "Über den schnellsten Rückgang der Kinderzahl pro Frau in der Weltgeschichte wurde in keinem der freien westlichen Medien berichtet." (S. 213)

Falle 8: Einzige Perspektive (Legen Sie sich einen Werkzeugkasten zu.)

Falle 9: Schuldzuweisung (Suchen Sie nicht nach einem Sündenbock.)

Falle 10: Dringlichkeit (Machen Sie kleine Schritte.) S.269ff.

Rosling gibt sehr gute Beispiele als Begründung. So hat er in einem Fall, als unklar war, ob bei einer Reihe von Krankheitsfällen eine Vergiftung oder eine Epidemie die Ursache war, für Quarantäne mit Straßensperren plädiert. Das führte zu Panikreaktionen, die über 20 Menschenleben kosteten. (S.270) Bei der Ebola-Epidemie hat er deshalb gegen Quarantäne und für Überprüfung der Kontakte der Erkrankten plädiert. Und das hat sich trotz der weit größeren Zahl der Betroffenen bewährt.
Bevor man eine "Patentlösung" weltweit anwendet, sollte man zunächst durch begrenzte Experimente sehr sorgfältig prüfen, was die negativen Folgen dieser Lösung sind. Die gibt es praktisch immer. 
Das schließt nicht aus, dass man sehr ehrgeizige Ziele anstrebt (dazu Bernd Ulrich in der ZEIT: Wie radikal ist realistisch?) - Von großen Zielen reden (Pariser Klimagipfel 2015) und sie in der Praxis verleugnen, ist keine sinnvolle Lösung.

Zusammenfassung der Fallen, S.308

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