Sonntag, 25. Juni 2017

Ein Stromdieb

Lebensgefährlicher Job aufgrund fehlender Alternativen:
http://www.zeit.de/2017/16/elektrizitaet-strom-diebstahl-kenia-nairobi/komplettansicht

Kurz gesagt, besteht sein Geschäftsmodell darin, Strom des offiziellen Anbieters zu klauen und ihn dann an die Bewohner des Slums zu verkaufen. Es ist ein Job voller Risiken und Gefahren. Dreimal schon durchzuckte der Strom Odhiambos Körper, einmal fiel er ohnmächtig von der Leiter herunter. "Aber hey", sagt Odhiambo, "das Geld ist süß." [...]
Eigentlich wollte Odhiambo nie Stromdieb werden. "Ich hatte nicht nur höllisch Angst vor Elektrizität, sondern auch vor der Höhe der Leiter", sagt er. Sein Vater aber, der als Elektriker in den "schicken Vierteln" arbeitet, bestand darauf. Der Sohn sollte ein Auskommen haben. Nacht für Nacht schickte er Odhimabo zum Stromklauen, brachte ihm bei, wie das geht: Atme tief durch. Steig die Leiter hinauf zu den Stromkabeln von KPLC. Leuchte die vier Kabel an. Geh auf das gelbe, da ist am meisten Strom drauf. Miss den Strom mit dem Tester, setz deinen Haken, kappe das Hauptkabel. Leg deine Diebeskabel nach unten. Erst wenn du das getan hast, kannst du den Strom wieder fließen lassen. Das ist das Wichtigste, vergiss es nicht. Sonst durchzuckt dich der Strom, bumm, dir wird entsetzlich kalt, du wirst grauenhaft müde. Sie geben dir dann Milch zu trinken, damit sich die Neuronen in deinem Körper wieder neutralisieren. Aber du weißt ja, wie viele im Jahr hier an Stromschlägen sterben.
Wer von den Gassen Kiberas in den Himmel schaut, sieht ganze Kabelnester, die sich an die offiziellen Leitungen krallen – das Werk der Stromdiebe. Ihre Haken haben sie mit Draht umwickelt, ihre Diebesleitungen verlaufen in alle Himmelsrichtungen. Bisweilen sind sie mit Zweig- und Astkonstruktionen voneinander getrennt, die im Wind schwanken. Die Kabel führen zu Holz- und Wellblechhütten, schmiegen sich an Hauswände, ragen aus dem Erdboden hervor. "Du hast zwei Möglichkeiten", sagt Odhiambo. "Du kannst deine Kabel ober- oder unterirdisch verlegen. Beides ist kreuzgefährlich." Das oberirdische Kabel kann herunterfallen, wenn der Wind zu stark weht. Stürzt es auf ein Wellblechdach, können die Menschen darunter durch einen Stromschlag sterben. Fällt es auf eine Hütte, kann Feuer ausbrechen. "Verlegst du sie unterirdisch, in der weichen Erde, können sie in der Regenzeit nass werden." Tritt einer der Slumbewohner darauf, kann ihn der Stromschlag treffen. In jedem Jahr sterben etwa 20 Menschen in Kibera an Stromschlägen.

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