Mittwoch, 5. Oktober 2016

Neue Sicht auf die sowjetische Außenpolitik in den 1930er und 1940er Jahren (Maiskis Tagebücher)

Gabriel Gorodetsky hat in einem Moskauer Archiv die Tagbücher des sowjetischen Botschafters in London I. M. Maiski gefunden, die deutlich mehr Aufschluss über die russische Außenpolitik geben als Maiskis Memoiren.
Dazu die taz:

Gorodetsky kann nachweisen, wie Maiski eigene Ideen in den Mund prominenter britischer Gesprächspartner legt, um sie dann in einem Kabel nach Moskau als wichtigen Vorschlag der Gastgeber zu präsentieren; wie er seinen Dienstherren schlechte Nachrichten vorenthält, um Zeit zu gewinnen und die Briten vielleicht doch für seine – das heißt der Zentrale – Ideen zu gewinnen. Dass er damit mehr riskiert als Diplomaten, die dasselbe tun – nur eben keinem Stalin unterstehen und die Erfahrung der Großen Säuberung nicht kennen – stimmt durchaus, nur ändert es nichts an der Tatsache, dass Maiskis Niederschrift alles andere als „spontan“ zu nennen ist.
Authentisch ist sie hingegen in einem anderen Sinne. Wenn Maiski kein Wort der Kritik zum Hitler-Stalin-Pakt einfällt, er den sowjetischen Überfall auf Finnland 1939 als gerechte Antwort auf finnische Provokationen abhandelt oder Katyn als Lüge der NS-Propaganda, ist er – wohl ohne an den künftigen ersten Leser seines Tagebuchs denken zu müssen – ganz der treue Diener sowohl des Landes als auch des Systems. [...] Eigentlich lernt man aus dieser ausufernden Kontextualisierung [Gorodetskys Kommentaren] mehr als aus der Quelle selbst. Kein Kompliment für die Tagebücher, durchaus eines für den Herausgeber. [...]" (taz 18.9.16)

Die Welt bringt Auszüge aus den Tagebüchern. Daraus zum 23.3.1938:


"Randolph Churchill rief mich an und sagte, sein Vater würde sich sehr über eine Begegnung mit mir freuen. Wir kamen überein, uns zum Lunch in Randolph Churchills Wohnung zu treffen. Ich fand dort einen sehr erregten Winston Churchill vor. Er kam unmittelbar zur Sache und hielt mir den folgenden Vortrag: „Könnten Sie mir bitte offen sagen, was in Ihrem Land vor sich geht? ... Sie kennen meinen allgemeinen Standpunkt. Ich verabscheue Nazideutschland zutiefst. Ich halte es für einen Feind nicht nur des Friedens und der Demokratie, sondern auch des britischen Empire. ...
Churchill empfindet die allgemeine Lage als bedrohlich. Wohin steuert Hitler? Churchill zweifelt nicht daran, dass Hitler von einem „Mitteleuropa“ träumt, das sich von der Nordsee bis zum Schwarzen Meer und zum Mittelmeer erstreckt, möglicherweise bis Bagdad. Seine Chancen seien ausgezeichnet, es sei denn, er stoße auf wirksame Gegenwehr seitens der anderen Großmächte." (Welt 15.9.16)

"Vor allem in der Zeit, als Churchill in der 30er Jahren eher bedeutungslos war, wurde er von Maiskis gepflegt [...] in Maiskis Tagebüchern über 400-mal erwähnt. [...]
In der Mitte der 30er Jahre war es sehr gefährlich, Jude zu sein. In den Tagebüchern gibt es daher keinen Hinweis darauf." (FR 5.10.16, S.30/31)

Maiski kam kurz vor Stalins Tod ins Gefängnis, wurde danach aber freigelassen und einer von vielen stellvertretenden Außenministern. Er starb im Alter von 91 Jahren. 

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