Donnerstag, 6. Oktober 2016

Kershaw: Inflation (Folgen des 1. Weltkriegs)

Soldaten, die als Sieger zu einem Heldenempfang in London heimkehrten,
fanden zumindest ein Land vor, das sie wiedererkannten.
Soldaten dagegen, die - in vielen Fällen versprengt und ungeordnet nach
Wien, Budapest, München oder Berlin zurückströmten, gerieten
in einen revolutionären Umbruch und in wirtschaftliches Chaos.
Seltsamerweise schaffte es das besiegte Deutschland besser als das
siegreiche Großbritannien (übrigens auch besser als die neutralen
Niederlande), den Nachkriegs-Arbeitsmarkt zu steuern und die
Arbeitslosigkeit niedrig zu halten - teils, indem die Frauen aus den
Beschäftigungen, die sie während des Krieges angenommen hatten,
wieder herausgedrängt und durch Männer ersetzt wurden. Zudem
half die Inflation. Eine zu diesem Zeitpunkt deflationäre Wirtschaftspolitik
hätte die deutsche Wirtschaft nur noch weiter ruiniert, es den
vielen demobilisierten Soldaten jedenfalls unmöglich gemacht, überhaupt
Arbeitsplätze zu finden. Die galoppierende Inflation, die die
Regierung nicht zu drosseln versuchte, war allerdings ein hoher Preis,
der bald teuer bezahlt werden musste.
Während des Krieges, als die Staatsverschuldung fast um das Dreißigfache,
die Geldsumme des im Umlauf befindlichen Papiergelds um
mehr als das Zwanzigfache zunahm, war die Inflationsrate in Deutschland
gestiegen. 1918 lagen die Preise etwa fünfmal höher als vor dem
Krieg, die Währung hatte etwa die Hälfte ihres früheren Wertes verloren.
Damit stand Deutschland nicht allein. In Österreich-Ungarn
waren Inflation und Abwertung während des Krieges sogar noch
höher gewesen. Die meisten Länder durchliefen, mehr oder weniger
ausgeprägt, während des Krieges einen Inflationsprozess. In Frankreich,
den Niederlanden, Italien und den skandinavischen Ländern
lagen die Preise 1919 dreimal höher als 1913, im Vereinigten König-
reich waren sie fast zweieinhalbmal so hoch. In Ost- und Mitteleuropa
jedoch geriet die Preisinflation in den Nachkriegsjahren außer Kontrolle.
Die Währungen von Polen, Österreich und Russland wurden
durch Hyperinflation ruiniert. Jan Slomka, lange Jahre Ortsvorsteher
des Dorfes Dzikow in Südostpolen (dem wir im zweiten Kapitel bereits
begegnet sind), erinnerte sich ein paar Jahre später an die Folgen der
Inflation, die zu toben begann, nachdem die österreichische Krone
1920 durch die Geldnoten der Polnischen Mark ersetzt worden war:

Wenn irgendjemand irgendetwas verkaufte und mit dem Geld
nicht sofort etwas anderes kaufte, machte er schwere Verluste.
Es gab viele, die ihr Haus oder Feld verkauften oder einen Teil
ihrer Rinder, nur um ihr Geld entweder zu Hause oder auf
einer Bank aufzubewahren. Sie verloren alles, was sie hatten,
und wurden zu Bettlern. Andererseits machten jene, die sich
Geld liehen und damit Sachen erstanden, ein Vermögen. Es
gab Geld in Unmengen. Man musste es in Aktentaschen oder
Körben tragen, Geldbörsen und dergleichen waren nutzlos.
Für häusliche Dinge bezahlte man Tausende, dann Millionen,
schließlich Milliarden.

Erst die Einführung einer vollkommen neuen Währung, des Zloty, im
Jahr 1924 brachte Polen eine Stabilisierung.
In Deutschland war der Sturz in die Hyperinflation Teil einer
schweren politischen Krise, die das Land 1923 erfasste, nachdem die
Franzosen, als Vergeltung für den Verzug der deutschen Reparationszahlungen,
das Ruhrgebiet, Deutschlands industrielles Kernland.
besetzt hatten. Ihren Ursprung freilich hatte die Hyperinflation in
der Kriegsfinanzierung, die auf einer riskanten Spekulation beruhte:
Die Deutschen setzten darauf, dass sie den Krieg gewinnen würden
und sich die Kriegskosten von den besiegten Ländern wiederholen
könnten.
(Kershaw: Höllensturz, S.144)

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