Mittwoch, 6. November 2019

Osterhammel: Religion im 19. Jahrhundert

"Es gibt gute Gründe dafür, Religiosität, Religion und Religionen in den Mittelpunkt einer Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts zu stellen. Allenfalls für einige Länder des westlichen Europa wäre es gerechtfertigt, wie es in Lehrbüchern nicht selten geschieht, Religion als einen unter mehreren Unterpunkten von "Kultur" abzuhandeln und sich dabei auf ihre organisatorische Verfasstheit als Kirche zu beschränken. Religion war überall auf der Welt im 19. Jahrhundert eine Daseinsmacht ersten Ranges, eine Quelle individueller Lebensorientierung, ein Kristallisationspunkt für Gemeinschaftsbildungen und für die Formung kollektiver Identitäten, ein Strukturprinzip gesellschaftlicher Hierarchisierung, eine Antriebskraft politischer Kämpfe, ein Feld, auf dem anspruchsvolle intellektuelle Debatten ausgetragen wurden. [...] Noch im 19.Jahrhundert war Religion die für das Alltagsleben der Menschen wichtigste Form von Sinnbildung, also das Zentrum aller geistigen Kultur." (Osterhammel: Die Verwandlung der Welt, S.1239)

1. Begriffe und Bedingungen des Religiösen
"Die Behauptung, das 19. Jahrhundert sei insgesamt ein Zeitalter jenseits der Religion gewesen, lässt sich nicht halten, und eine andere «Großerzählung» als diese Geschichte der «Säkularisierung» ist nicht in Sicht." Auch ein weiterer zunächst plausibler Zusammenhang vereinfacht die Dinge allzu sehr. Zweifellos verbesserte die erobernde und kolonisierende, reisende und missionierende Expansion der Europäer über die Erde seit dem 16.Jahrhundert die Bedingungen für die Ausbreitung der wichtigsten europäischen Religion, doch war im Rückblick von 1900 oder 1914 aus der religiöse Einfluss des Christentums in der Welt bei weitem geringer als die politisch-militärische Macht Europas und auch als die des Westens insgesamt. In vielen nicht-westlichen Gesellschaften, die während des 19.Jahrhunderts in regelmäßige Kommunikationsbeziehungen mit Europa verstrickt wurden und in denen die Verwestlichung des Lebensstils bis heute anhält, hat das Christentum nicht Fuß fassen können. Das Christentum globalisierte sich, ohne zur global dominanten Religion zu werden." (S.1240)
"Es wäre problematisch, aus der Tatsache, dass der Religionsbegriff im Europa des 19.Jahrhunderts geschaffen wurde, den Schluss zu ziehen, es "gebe" keine Religionen, der Begriff sei nichts als ein Instrument "hegemonialer" Ordnungsstiftung durch einen arroganten Okzident. So viel ist aber richtig: Ein abstrakter und universal gemeinter Begriff von "Religion" ist ein Produkt europäischer, insbesondere protestantisch orientierter Intellektueller des 19. Jahrhunderts." (S.1241)
"In China zum Beispiel hatte man über die Jahrhunderte hinweg immer nur von jiao gesprochen, übersetzbar etwa als «Doktrinen» oder «Lehrrichtungen» und meist plural gemeint. Im späten 19.Jahrhundert wurde über Japan aus dem Westen ein übergreifender Religionsbegriff importiert und als zongjiao in das chinesische Lexikon übernommen. Das vorangestellte Zeichen zong bedeutet «Vorfahr», «Clan», aber auch «Vorbild» oder «großer Meister». Der Neologismus verschob damit den Akzent von der gleichzeitigen Pluralität der Lehrmeinungen zur historischen Tiefe tradierter Überlieferung." (S.1242)
Weltreligionen
"Ein Erbe des 19.Jahrhunderts, das bis heute den öffentlichen Sprachgebrauch bestimmt, ist die Idee von «Weltreligionen», die sich wie Hochgebirge aus der Landschaft des Religiösen emporheben. Eine große Vielzahl religiöser Orientierungen wurde im neuen Diskurs der Religionswissenschaft zu Makro-Kategorien wie «Buddhismus» oder «Hinduismus» verdichtet. Diese «Weltreligionen», zu denen auch Christentum, Islam, Judentum und nicht selten der Konfuzianismus gezählt wurden, ermöglichten eine übersichtliche Kartographie des Religiösen, seiner Zurechnung zu «Zivilisatonen» und deren Abbildung auf Weltkarten der «Großen Religionen». Unklare Verhältnisse wurden bis vor kurzem oft mit dem Etikett «Naturreligionen» versehen." (S.1243)
 "Die Rede von den «Weltreligionen» ist nicht falsch. Sie sollte aber nicht dazu verleiten, die einzelnen Religionsgebiete als geschlossene Sphären zu betrachten, in denen sich jeweils autonome, von außen kaum beeinflusste Entwicklungen vollzogen. Schließlich führt sie eine weitere Bedeutungsebene mit sich: die der religionspolitischen Dramatisierung. Visionen vom Zusammenprall der Kulturen setzen eine solche Vorstellung machtvoller Religionsblöcke voraus."  (S.1244)


Revolution und Atheismus
"Die Attacke der französischen Revolutionäre auf Kirche und Religion an sich, vorbereitet durch die Religionskritik und antikirchliche Polemik radikaler Strömungen innerhalb der Aufklärung, war hingegen beispiellos und einer der extremsten Aspekte des revolutionären Umbruchs überhaupt." (S.1244)
In der nordamerikanischen Revolution gab es aber keine Kirchenfeindlichkeit und keinen staatlich unterstützten Atheismus. Auch in Frankreich gewann die Kirche wieder viel von ihrem Einfluss zurück.
"Erst unter der Dritten Republik wurde der Laizismus, also die konsequente Trennung von Kirche und Staat, zu einem Grundmuster französischer Politik, war aber weit entfernt von einem staatlich erzwungenen Atheismus." (S.1245/46)
Toleranz
"Die atlantische Revolution hinterließ ein weniger spektakuläres, aber kontinuierlicher wirksames Erbe: die religiöse Toleranz." (S.1246)
Aber "religiösen Pluralismus" gab es schon früher und anderswo, nur wurde er nicht im Zusammenhang mit den Menschenrechten der Aufklärung festgeschrieben.
"Noch um 1800 hatten es religiöse Minderheiten im muslimischen Orient leichter als im christlichen Abendland." (S.1247)

2. Säkularisierungen
De-Christianisierung in Europa?
 In Deutschland, wo der Gegensatz zwischen Protestanten und Katholiken besonders wichtig blieb, konnten sich die Kirchen eine ungewöhnlich große Rolle im Erziehungswesen und in der Wohlfahrtspflege sichern, finanziell waren sie hier besonders gut gestellt." (S.1249)
Symbolik und Recht
 "Im katholischen Europa zwischen Portugal und Polen gab es um 1750, auf dem Höchststand klösterlichen Wachstums seit der Reformation, mindestens 200000 Mönche und 150 000 Nonnen. Das waren knapp 0,3 Prozent der europäischen Gesamtbevölkerung westlich von Russland. [...]  In Tibet soll es um 1800 die unglaubliche Zahl von 760000 Klosterbewohnern gegeben haben, doppelt so viel wie im gesamten vorrevolutionären Europa." (S.1250)
Religiöse Intensität in den USA
Das awakening [...] des frühen 19. Jahrhunderts steigerte sich zu einer gigantischen Selbstchristianisierung der Nordamerikaner, die, anders als in Europa, niemals amtskirchlich aufgefangen wurde, sondern ihre Dynamik in einer fluiden Kirchen- und Sektenlandschaft bewahrte. [...] Der Fall der USA zeigt auch, dass religiöse Vitalisierung, die «Schwärmerei» der aufgeklärten Kritik, nicht zu einem Rückfall in Theokratie, fanatische Sozialkontrolle und Irrationalismus auf anderen Lebensgebieten führen muss. Religiöse Bewegtheit kann in ihren Folgen eingehegt werden, wenn die Unterscheidung zwischen privatem und öffentlichem Raum bereits stabil etabliert ist." (S.1253)
Religion, Staat, Nation
"Es ging in Europa immer wieder um drei Punkte: das Recht zur Ernennung von Bischöfen, die Anerkennung der Zivilehe und den Einfluss auf das Schulwesen. Aus diesem Konfliktgemenge erwuchs in den 1860er und 1870er Jahren ein beinahe gesamteuropäischer Kampf zwischen Kirche und Staat." (S.1254)
"Der US-Nationalismus war stark christlich aufgeladen, jedoch auf eine gleichsam überkonfessionelle Weise." (S.1255)

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