Mittwoch, 29. April 2015

WIE VIEL VERKAUFEN DEUTSCHE VERLAGE VON IHREN BÜCHERN?

"Ein durch und durch unseriöses Gewerbe" von Ulrich Greiner, ZEIT 12. Juni 1987

 Hilde Domins „Gesammelte Gedichte“: 1400. Aber Rose Ausländer: 2000. Das ist schon viel. Gerhard Köpfs Roman „Die Erbengemeinschaft“: 3700. Evelyn Schlags Erzählung „Die Kränkung“: gegen 10 000. „Ein Bestseller“, sagt Fritz. Und was ist mit den großen Namen des Verlags, zum Beispiel mit der Horkheimer-Ausgabe? „Zäh, zäh, unter tausend. Ein Buchhändler sagte mir: ‚Die kritische Theorie ist kein Thema mehr.‘“ Um so besser geht es mit der Mann-Familie. Golo Manns „Erinnerungen und Gedanken“: 120 000. Thomas Manns Tagebücher, obwohl der Band 98 Mark kostet: 8000. Fritz zieht das Resümee: „Der Umsatz im Buchhandel steigt, aber wir literarischen Verlage haben alle dieselbe Zielgruppe, und die wird eher kleiner.“ [...]Die Literatur, die Luchterhand immer wieder riskiert, hat es schwer. Beispiel: Die erste Erzählung von Anna Rheinsberg „Marthe und Ruth“: 1750. Und selbst Peter Härtlings Gedichtband „Die Mörsinger Pappel“ verkauft sich nicht berauschend. Härtling, sonst ein Autor von Bestsellern. „Wenn Härtling mit Gedichten zu mir kommt, dann blicken wir beide uns tief in die Augen und wissen Bescheid. Aber ich will nicht behaupten, daß wir Geld daran verlieren.“ Die Auflagen seien nicht kleiner geworden, verglichen mit früheren Jahren, aber die Bedingungen hätten sich geändert, und heute sei es ungleich aufwendiger, ein Buch durchzusetzen. „Das Verlagsgeschäft ist ein durch und durch unseriöses Gewerbe“, sagt Altenhein, „aber ich beklage mich nicht.“ Von der „Rättin“ des Günter Grass hat der Verlag 110 000 Stück verkauft. Von Christa Wolfs Tschernobyl-Erzählung „Störfall“ 175000 [...]
Die Schar der literarisch interessierten Leser ist äußerst begrenzt. Die Zahlen der Verlage sind überraschend ähnlich. Lyrik hat maximal tausend Käufer, neue Romane um die fünftausend. Das lohnt sich für keinen Verlag. Aber die Verlage rechnen mit Überraschungen: daß nämlich plötzlich einer über 10 000 kommt. Und sie kalkulieren mit ihren Bestsellern. Mit den Großen finanzieren sie die Kleinen, damit sie vielleicht groß werden. Das Gewerbe ist deshalb „unseriös“, wie Altenhein sagt, weil man den Bedarf an Schuhen und Kühlschränken ungefähr ausrechnen kann, den an Literatur aber nicht. Der Hersteller eines Kühlschranks kann genau bestimmen, wie der Kühlschrank aussehen soll. Der Verleger aber kann nur drucken, was die Autoren ihm liefern.

Kommentare:

  1. Literatur hat sich verändert.
    Ich muss Ihnen ja nicht sagen, was in den 60ern und 70ern der letzten Jahrhunderts gelesen wurde, welche großartigen Schriftsteller den Verlagen das gute Überleben sicherten.
    Heute schreiben viel zu viele, Bücher werden herausgehauen, hochgelobt vom Feuilleton und zwei Jahre später redet niemand mehr davon.

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    1. Grund für mich, meinen Textauszug zu verlängern: "Der Verleger aber kann nur drucken, was die Autoren ihm liefern."
      Leicht abgewandelt als "Der Kritiker aber kann nur drucken, was die Autoren ihm liefern." war das Argument von Grass, weshalb er meinte, Autoren müssten sich an ihrem Urteil richten, nicht nach dem der Kritiker.
      Nach dem Erfolg der Blechtrommel hatte er - trotz aller Kritik, die selbst ihm unter die Haut ging - es freilich verhältnismäßig leicht: Schon bald zweifelte kein namhafter Kritiker an der Qualität der Blechtrommel, und Bestseller waren viele seiner Romane von da ab ohnehin.
      Trotzdem muss ihn das Lob der Blechtrommel verletzt haben, wo er doch glaubte, viel dazu gelernt zu haben. Mit ähnlichem Recht wie Thomas Mann nach den Buddenbrooks.

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