Dienstag, 9. Januar 2018

Theodor Körners Leben

  "Die bisherigen Biographen Körner's waren – mit Ausnahme des Vaters – darauf angewiesen, aus fremden Quellen ihre Nachrichten und Schilderungen zu schöpfen; ich darf es als einen Vorzug geltend machen, daß die Quelle, aus der ich schöpfe, meine eigenen Erlebnisse sind. Die von dem Vater geschriebene Biographie ist nur genügend für die Jahre der Kindheit, des Knabenalters und der ersten Jugend bis dahin, wo er siebenzehn Jahre alt das älterliche Haus verließ und die Bergakademie in Freiberg bezog. – An einen Vater von so anspruchslosem, edlem Charakter wie Körner dürfen wir nicht den Anspruch machen, daß er die Vorzüge und trefflichen Eigenschaften des Sohnes nach ihrem vollen Werthe hervorhebe, da er sich hierdurch den Vorwurf eitler Vorliebe zuzuziehen fürchten würde; ebensowenig aber ist ihm zuzumuthen, über die Fehler und Verirrungen des Sohnes ausführlichen Bericht zu erstatten. Der Briefwechsel Theodor's mit den Aeltern und Freunden liefert allerdings für die Biographie »ein schätzbares Material«; wer aber nicht »zwischen den Zeilen« zu lesen versteht, mit den Briefstellern und mit den in den Briefen erwähnten Personen nicht persönlich befreundet oder mindestens bekannt war, wird über Vieles nur unwahr oder ungenügend berichten können. Der Verfasser gegenwärtiger Biographie stand – mit wenigen Ausnahmen – zu allen in den Briefen erwähnten Personen in näherem Verhältniß, mit einigen in vertrauterem Umgange und freundschaftlichem Verkehr. Aus einem früher veröffentlichten Aufsatze: »Meine Begegnungen mit Theodor Körner« möge Nachstehendes hier eine schickliche Stelle finden. Meine erste Bekanntschaft mit Theodor Körner machte ich in Freiberg im August 1808, wohin ich als Primaner des Gymnasiums zu Altenburg einer Einladung meines früheren Schul-Pensionskameraden, des Bergstudenten Eduard v. Gottschalk, gefolgt war. Noch bewahre ich ein Stammbuchblatt, auf welchem Theodor in Bergmannstracht, sich mit der Guitarre begleitend, abgebildet ist, und die Freunde daneben mit Gläserklang in den Rundreim einstimmend. Mit Aufträgen und Empfehlungen an seine Aeltern ging ich nach Dresden und wurde freundlich auf dem Weinberge in Loschwitz aufgenommen. – Die Universität Leipzig feierte 1810 im Spätherbste ihr vierhundertjähriges Jubiläum; ich befand mich als Jenaischer Student bei der Deputation, welche die Universität zur Beglückwünschung abgeordnet hatte. Ich wohnte wieder bei meinem Freunde Gottschalk, welcher zugleich mit Körner die Freiberger Akademie verlassen hatte und in Leipzig Cameralia studirte, was wegen einer Anstellung in der Bergbauverwaltung erforderlich war. Mein erster Gang war zu Theodor, von dem ich mit herzlicher Brüderlichkeit – wir hatten schon m Freiberg » smollis« getrunken, – empfangen wurde. Durch eine Recension in der Jenaer Literaturzeitung war ich auf die von ihm unter dem Titel » Knospen« erschienene Gedichtsammlung aufmerksam gemacht worden und fand mich dadurch veranlaßt, ihm einige meiner Gedichte mitzutheilen.[...] 
In der Nachbarschaft von Gernrode, in einem hochgelegenen Wirthshause auf dem Stuben- oder Stufenberge, zeigte man vor Jahren einen von Körner in eine Fensterscheibe mit einem Diamant eingekritzelten Vers. Dort wurde erzählt: Körner sei in der Walpurgisnacht 1813 als schwarzer Jäger auf dem Blocksberge gewesen und habe in einem verfallenen Kloster nahe bei der Teufelskanzel einen daselbst verborgenen Schatz gehoben, worauf er sich, als Freiberger Bergstudent und mit einer Wünschelruthe versehen, ganz ausbündig verstanden habe. Eine Tonne Goldes mindestens sei die Ausbeute gewesen, und mit diesem Gelde habe dann Lützow eine Schwadron schwarzer Husaren, »lauter stich-, hieb- und kugelfeste Mordkerle«, angeworben und ausgerüstet. – Diese romantisch schauerliche Sage ist – wir sagen: leider! – durch die historischen Forschungen unseres gelehrten Freundes H. Pröhle also aufgeklärt worden: »Auf einem Streifzuge der Lützower durch den Harz kam Theodor Körner nach Halberstadt; hier begab er sich in die am Domplatz gelegene Wohnung des Kreissekretairs Klewitz. Er war sehr galant gegen die Damen und forderte den Herrn des Hauses auf, ihn nach seinem Keller zu begleiten. Dieser hatte dort eine ihm anvertraute westphälische Kasse vergraben. Ein patriotischer Kassenbeamter, der nachmalige preußische Steuerrath Stävie, hatte dies verrathen. Körner – ein studirter Bergmann – erkannte sofort die Stelle in der Mitte des Kellers und ließ von einigen mitgebrachten schwarzen Jägern den vergrabenen Schatz, eine Kiste mit mehreren hundert Thalern, heben.« [Fußnote]"
(Friedrich Förster: Theodor Körner's Leben, in: Theodor Körners Werke Gustav Hempel, Berlin)

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