Sonntag, 19. August 2018

Kermani: Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime

"Wir haben nichts gegen Muslime" – immer wieder habe ich das in Indien gehört. Aber plötzlich ist da ein indisches "Wir", das nichtmuslimisch ist, und ein muslimisches "Sie", gegen das wir nichts haben. Diese Muslime fühlten sich bis gestern genauso als Inder wie die Hindus. Und wie oft höre ich in Deutschland das "wir" nichts gegen Muslime haben.
 Oder alle möglichen Talksendungen zum Islam: Wie können "wir" mit dem Islam umgehen, müssen wir Angst haben vor den Muslimen? Daß zu diesen "Wir" auch Muslime gehören könnten, scheint den Talkgästen beinah undenkbar zu sein. [...]
"Wir" Deutsche müssen Dialog führen mit den Muslimen, sagen die Gutwilligen. Das ist löblich, nur bedeutet es für etwa 3 Millionen Menschen in diesem Land, daß sie den Dialog mit sich selbst führen müßten.(S.27 -Hervorhebungen von Fontanefan)

"Im Habsburger oder im Osmanischen Reich, bis vor kurzem in Städten wie Sarmakand oder Sarajewo, heute noch in Isfahan oder Los Angeles  waren oder sind Parallelgesellschaften kein Schreckgespenst [...]. Ohne sie gäbe es vermutlich keine Christen mehr im Nahen Osten, und ihr heutiger Exodus hat viel mit dem verhängnisvollen Drang mal der Mehrheitsgesellschaft, mal der Staatsführer, mal von ein paar hundert Terroristen zu tun, Einheitlichkeit herzustellen und kulturelle Nischen auszumerzen." (S.12/13)
"Identität per se ist etwas Vereinfachendes, etwas Einschränkendes, wie jede Art von Definition." (S.17)
"Das bedeutet, daß just mit der Auflösung festgefügter Identitätsmuster, wie sie die Globalisierung mit sich bringt, offenbar der Drang entsteht, sich an etwas festzuhalten, was als eigenes, als Merkmal, das einen von anderen unterscheidet, zu reklamieren wäre. Man kehrt zurück zu dem, was man früher zu sein glaubte, aber im eigenen Leben nie war." (S. 31)
"Niemand bricht radikaler mit der Vergangenheit als jene Gruppierungen, die in die Vergangenheit zurückkehren wollen." (S.32)
"Die Säkularität, wie wir sie kennen und die weit über die Trennung von Staat und Religion hinausgeht [...], Ist eine singuläre Erscheinung in Europa. [...] Wenn wir von säkularen Westen sprechen, meinen wir Westeuropa." (S.33)
"Will man in Westeuropa ein Wir schaffen, reicht das Christentum als Identitätskitt nicht aus." S.35) 
[...] Meine Heimat ist nicht Deutschland. Sie ist mehr als Deutschland: Meine Heimat ist Köln geworden. Meine Heimat ist das gesprochene Persisch und das geschriebene Deutsch: Wenn ich im Ausland bin, fühle ich mich sofort unter Landsleuten, wenn ich Persisch höre – nicht wenn ich deutsch höre. Aber das erste, was ich tue, ist zu schauen, wo es eine deutsche Zeitung gibt. Ich vermeide, soweit es geht, jede fremdsprachige Lektüre, weil ich für mein Leben gern gutes Deutsch lese. Etwas auf Englisch oder Persisch zu lesen, ist mir niemals Vergnügen, auch wenn ich es verstehe. [...]
Mit der gesprochenen deutschen Sprache verbinde ich nicht Gefühle der Vertrautheit, Wärme, Geborgenheit, ich spreche Deutsch auch viel zu schnell. [...] (S.136)
"In der Poesie ist es wieder ganz anders. Wenn ich ein Gedicht auf Spanisch höre, dann ist es mir intuitiv näher, als wenn ich ein deutsches oder persisches Gedicht höre – und/ das, obwohl ich kaum Spanisch spreche.[...]
Das hat gewiss damit zu tun, dass die ersten Gedichte, die ich mit Begeisterung vortrug, von Pablo Neruda waren. [...] Meine Heimat ist nicht nur Deutschland oder Iran, sondern auch die Poesie von Pablo Neruda, die mich in die Liebe begleitet hat." (S.136/137)
Ja, Hölderlin ist Heimat, eindeutig – oder der erste FC Köln, ebenfalls Heimat, seit ich vier Jahre alt bin, ein Verein übrigens in dessen inoffizieller Hymne es heißt: Wir sind multikulturell. (S.138)
"Im Ernst: nicht ganz dazu zu gehören, sich wenigstens einige Züge von Fremdheit zu bewahren, ist ein Zustand, den ich nicht aufgeben möchte." (S.139)

Zur Leitkultur:
"[...] anders als bei dem genaueren Begriff des Grundgesetzes, vor dem alle gleich sind, gehört der ethnisch Deutsche ungeachtet seiner eigenen Ansichten und Werte zu dem Volk, das leitet. [...].
Wenn ein politisches Gebilde religiösen und ethnischen Minderheiten eine gleichberechtigte Teilhabe in Aussicht stellt, dann ein vereinigtes Europa." (S.141) 

Zu europäischen Werten:
Kermani meint, der christliche Ursprung viele europäische Werte sei nicht zu leugnen. "Aber es sind Werte, die säkularisiert, also im Laufe der Zeit innerweltlich begründet worden sind." (S.142)

"Nicht umsonst tut es Immanuel Kant nicht unter dem ewigen Frieden, einer Weltföderation republika/nisch verfasster Länder. Natürlich ist das eine Utopie, und keiner wußte das besser als Kant, dieser nüchternste unter allen europäischen Philosophen. Aber in dem Augenblick, indem Europa aufhört, diese Utopie vor Augen zu haben, sich auf diese Utopie hinzubewegen, hört es als Idee auf zu existieren. [...]
Man stelle sich vor, die EU würde den Betrieb als Reformmotor nicht nur drosseln (was wegen Überhitzung gelegentlich sinnvoll sein mag), sondern ein für allemal einstellen: Die Entwicklung ,die daraufhin in Osteuropa oder in der Türkei einträte, wäre für die alten Europäer erst recht nicht bequem. Sie wäre dramatisch." (S.142/43)

"Europa mit seinem Homogenisierungswahn, von dem es sich auch sechzig Jahre nach seinen großen Kollektivierungskriegen nur mühsam befreit, wird noch lange Zeit benötigen, um solche Lebensläufe hervor zu bringen. [wie die Obamas]. Aber vielleicht lernt es seit dem 4. November 2008 etwas schneller: Identifizierung gelingt dort, wo sie nicht auf Identität hinausläuft." (S.145)

"[...] diese Islamkonferenz ist großartig. Daß der deutsche Staat überhaupt offiziell mit dem Islam spricht, ihn also wahrnimmt, sich an einen Tisch mit 15 Muslimen setzt, daß der Innenminister, ein CDU-Innenminister sich danach vor die Presse stellt und sagt: Der Islam ist ein Teil Deutschlands, ein Teil der Zukunft Deutschlands ein Teil der Zukunft Europas, das sind Ereignisse von hohen symbolischen Wert, [...]
So sehr bemüht sich die CDU heute um ein migrationspolitisches Profil, daß man bei einer vergißt, mit wem in Deutschland die Integrationspolitik begonnen hat, nämlich mit dem Antritt der rot-grünen Koalition im Jahr 1998." (S.147/48)
"Vor allem aber hat rot grün einen Mentalitätswechsel in der Gesellschaft bewirkt, der nicht geringer zu bewerten ist als das gewachsene Bewusstsein für den Erhalt der Umwelt." (S.149)
(Navid Kermani: Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime, Cop. 2009, 9. Aufl. 2017)

Zum Vergleich:
Eine Amerikanerin über ihr Gefühl zwischen zwei Nationen, FAZ 19.8.18

sieh auch Heimat:
https://twitter.com/pallaske/status/1099778857597579266

Aladin El-Mafaalani: Das Integrationsparadox, 2018

Hier wird klar, weshalb Kermani so wichtig ist: Weil er Konflikte aufzeigt und zugleich Wege zu ihrer Lösung (nicht Patentrezepte).

Zur Fortsetzung

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