Montag, 16. Januar 2017

Arm und Reich

Oxfam teilt mit, dass es aufgrund einer neuen Berechnungsmethode nicht über 50 Superreiche braucht, um so viel Vermögen zusammenzubringen wie die ärmere Hälfte (etwa 3,6 Mrd Menschen) der Weltbevölkerung hat, sondern nur 8. (2014 schrieb Oxfam noch, es seien 85.)

Was mich stört, ist, dass sich seriöse Presseorgane schon seit Jahren nicht zu schade sind, an diesen groben Überschlagsrechnungen herumzumäkeln.
Da wird so getan, als verbreitete Oxfam eine Fake News und dabei arbeitet man Fake Berechnungen, um den Eindruck hervorzurufen.
Vermutlich haben das über 90% derer, die meine Artikel lesen, längst durchschaut. Die brauchen nicht weiterzulesen.

Im Nachhinein reut es mich fast, dass ich mir dennoch die Zeit genommen habe, es zu erklären.
Aber da ich es ohnehin getan habe, lasse ich den Text auch noch hier stehen.

Die Süddeutsche Zeitung (wie auch das Handelsblatt, die Welt und andere) verweist darauf, dass nach der neuen Berechnung die Schulden mit berücksichtigt werden und somit einem amerikanischen Studenten mit Studienschulden weniger Vermögen zugerechnet werde als einem armen Bauer aus Burundi.
In der Tat, wenn man eine solche Berechnung anstellen würde, um die Lebenschancen von Menschen in den USA und Burundi zu vergleichen, dann käme heraus, dass das Ehepaar Obama, bevor Barack sein Buch Dream from my Father herausbrachte, schlechter dran gewesen wäre als der besagte Bauer aus Burundi. Das wäre wahrhaft grotesk!
Nur geht es beim Vergleich zwischen den Superreichen und den nahezu Besitzlosen gar nicht darum, wer im einzelnen zu den (nahezu) Besitzlosen gerechnet wird.

Fatal wäre es gewesen, wenn Oxfam bei den Armen die Schulden eingerechnet hätte und bei den Reichen nicht. Dann wären die Reichen künstlich reicher gerechnet worden und die Berechnung falsch.

Aber warum hat Oxfam überhaupt die Schulden berücksichtigt, wenn doch die Ärmsten bekanntlich so arm sind, dass niemand, der ein Geschäft machen will, ihnen Geld leiht?

Weshalb also überhaupt die Schulden berücksichtigen?

Nehmen wir das Beispiel Trump. Als er pleite war und er Milliardenkredite brauchte, um aus der Patsche herauszukommen, besaß er noch Millionenwerte (vielleicht im Wert von vielen hundert Millionen). Nur seine Schulden waren noch höher. Ihn in der Statistik zu den Multimillionären zu rechnen, wäre unkorrekt gewesen, auch wenn er ein Jahr davor dazu gehörte und ein Jahr darauf auch wieder.

Weiter: Bei einem Besitz von 50 Mrd Dollar schwankt der Wert des Vermögens täglich um viele Millionen, am manchem Börsentag sogar um 1 Milliarde. Bei den Geschäften, die Warren Buffet macht, geht er ständig Risiken ein, die ihn Hunderte Millionen kosten können. Warum wagt überhaupt jemand, solche Vermögen zu schätzen?
Weil es dabei auf eine Milliarde mehr oder weniger nicht ankommt. Und bei den Milliarden Menschen, die - nahezu - ohne Vermögen dastehen, kommt es auch nicht darauf an, ob zig Millionen Schuldner dazu gerechnet werden und so den Vermögensbetrag nach unten ziehen. Ob 8 Reichen 3,6 Milliarden oder 3,59 Milliarden Arme gegenüberstehen, macht keinen relevanten Unterschied. Schließlich ist es bei niemandem so schwer, halbwegs genaue Vermögensschätzungen vorzunehmen wie bei den Superreichen.

Schon 2014 war klar: Etwas ist faul im Kapitalismus Spiegel online 23.4.2014
Schon damals wurde an den Belegen herumgemäkelt.

Die Methoden, mit denen den Lesern Sand in die Augen gestreut wird, nähern sich mehr und mehr denen der Leugner des Klimawandels an. Einige Journalisten der seriösen Zeitungen haben begriffen, dass sie damit ihre Glaubwürdigkeit gefährden. Aber es sind noch zu wenige, und offenbar haben sie in den Redaktionskonferenzen noch nicht genügend Einfluss.
Das ist nicht nur schade, es ist sogar gefährlich.

Joseph Stiglitz: Ungleichheit als Wachstumsrisiko, faz.net 16.1.17

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