Montag, 11. Juli 2016

Wilder Westen in Nordamerika und Frontier in Südamerika und Südafrika (Frontier II aus Osterhammel: Die Verwandlung der Welt)

Fortsetzung von: Frontiers - Landnahme im 19. Jahrhundert 

Indianerkriege und Revolverterror
"Im Osten hatten die Kämpfe etwa 230 Jahre lang gedauert. Die Auseinandersetzung mit den Indianern westlich des Mississippi drängte sich dagegen auf knapp 40 Jahre zusammen. Die Invasion der Großen Ebenen durch euro-amerikanische Siedler begann erst in den 1840er Jahren." (S.490)
"In den fünfziger Jahren nahm die Zahl der Zwischenfälle zu, in den sechziger Jahren brachen die klassischen Indianerkriege aus, die tief im nationalen Gedächtnis der USA verankert sind und die durch Hollywood unsterblich gemacht wurden. Als 1862 bei dem größten Massaker, das seit der Gründung der USA von Indianern (hier: Sioux) an weißen Siedlern verübt worden war, mehrere hundert Menschen umkamen, wuchs gar die Furcht vor einem großen Indianeraufstand im Rücken der Bürgerkriegsarmeen. An den Indianerkriegen war jedoch nur eine Minderheit der Stämme beteiligt. Allein Apache, Sioux, Comanche, Cheyenne und Kiowa leisteten Dauerwiderstand." (S.491)
"Die zivilen Pioniere des «Wilden Westens», die mit Revolvern und Gewehren ihre Alltagsangelegenheiten regelten, gehörten im 19. Jahrhundert zu den am höchsten bewaffneten Populationen der Erde. Gewaltbereitschaft und Gewaltanwendung prägten auch in Friedenszeiten
das gesellschaftliche Leben in einer Weise, die sonst nur für Bürgerkriege charakteristisch ist. [...] Innerhalb der etwa vier Jahrzehnte nach dem Ende des Bürgerkrieges 1865 erreichte die Terrorherrschaft von Revolverhelden ihre größte Intensität und weiteste Verbreitung. [Richard Maxwell] Brown vertritt die Auffassung, es habe sich dabei um eine Art von kleinem «Bürgerkrieg» gehandelt: Die meisten der 200 oder 300 berühmt-berüchtigten Killer (und eine große Zahl von weniger bekannten) hätten im Auftrag von Großgrundbesitzern gehandelt und deren Interessen gegen kleine Rancher und Farmerfamilien auf Einzelgehöften (homesteaders) durchgesetzt. Sie seien keine Sozialbanditen mit Gerechtigkeitssinn und Sympathie für die kleinen Leute gewesen, sondern eher Agenten in einem Klassenkampf von oben." (S.492)
Deportationen
"Bis zur Mitte des Jahrhunderts waren rechtlich gestützte Eingriffe in die inneren Angelegenheiten der Stämme nicht vorgesehen. Sie waren einer Art von indirect rule zu Sonderkonditionen unterworfen. Erst nach 1870 setzte sich die Idee durch, auch die Indianer hätten den allgemeinen
Gesetzen des Landes zu gehorchen." (S,493)
"In Jacksons Augen war die Zivilisierungsmission der Jefferson-Generation gescheitert. Er knüpfte an die Mentalität der sogenannten Paxton Boys an, die in den 1760er Jahren in Pennsylvania schlimme Massaker an Indianern verübt hatten. Die Duldung indianischer Enklaven hielt er für
zwecklos. Sein Ziel war es, mit den Methoden, die man heute «ethnische Säuberung» nennt, die Indianer hinter den Mississippi zu vertreiben. [...] Es wurden Konzentrationslager eingerichtet, ganze indianische Gemeinschaften wurden mit wenigen Habseligkeiten bei manchmal extremen Witterungsbedingungen in Gewaltmärschen in das sogenannte Indian Territory verbracht. [...]
Die schlimmste Episode war die Deportation des Volkes der Seminolen aus Florida. Hier verflocht sich Jacksons Kampagne mit der Sklavereifrage." (S.494)
"Einige der vertriebenen Stämme setzten in ihren neuen Wohngebieten ihre unhonoriert gebliebene Anpassung an die euro-amerikanische Umgebung fort. Den «Five Civilized Tribes» Cherokees,
Creeks, Choctaws, Chickasaws und Seminolen - ging es zwischen 1850 und dem Beginn des Bürgerkrieges relativ gut. Sie überwanden die Folgen des removal, fanden zu neuer Einigkeit, gaben sich Verfassungen und bauten an eigenen politischen Institutionen, in denen sich die alte indianische Demokratie mit den institutionellen Formen der US-Demokratie verband. Viele wirtschafteten in bäuerlichen Familienbetrieben, andere beschäftigten schwarze Sklaven in Plantagen.[...] In den 1850er Jahren schufen sie sich ein Schulwesen, um das sie die weiße Bevölkerung in den benachbarten Staaten Arkansas und Missouri hätte beneiden können. [...]
Die allgemeine Brutalisierung der amerikanischen Gesellschaft durch den Bürgerkrieg setzte sich nach Kriegsende in erneuter Aggression gegen die Indianer fort." (S.495)
"Mit der Verbreitung des 1874 patentierten und umgehend in riesigen Mengen produzierten Stacheldrahts und der lückenlosen Festlegung privater Besitzansprüche kam der «offene Westen» zu seinem Ende." (S.497)
Eigentum
"Die Indianer wie viele andere jagende, sammelnde und Land bestellende Völker der Welt kannten durchaus «Privat»-Eigentum. Es bezog sich aber nicht auf Land «an sich», sondern auf die Dinge, die sich auf dem Land befanden. Dazu gehörte die Ernte, über die im Prinzip diejenigen verfügen
konnten, die sie produziert hatten." (S.499)

Südamerika und Südafrika
Argentinien
"Die größte Ähnlichkeit zu den USA findet man in Argentinien. [...] Im Unterschied zur US-Frontier wurde das Land in Argentinien nicht in kleine Einheiten zerlegt. Die Regierungen verkauften es
oder vergaben es in großen Stücken als politische Geschenke. So entstanden große Viehgüter, die ihr Land zuweilen an kleinere Rancher verpachteten. [...] Ein für Argentinien charakteristischer Sozialtypus war der Gaucho: ein Wanderarbeiter, Ranchknecht und Pferdemann der Pampa." (Der
Cowboy war im Grunde eine lateinamerikanische Erfindung: Erst über die großen Viehfarmen Nordmexikos verbreitete er sich nach Texas und von dort in den übrigen Wilden Westen. [...])" (S.501/2)
"Fast aufs Jahr gleichzeitig mit dem letzten großen Indianerkrieg der USA wurden die riesigen Landflächen des inneren Argentinten für die wirtschaftliche Nutzung geräumt. Den Indianern wurde noch nicht einmal das kümmerliche Überleben in Reservaten gestattet." (S.503)
Brasilien
"Brasilien ist das einzige Land der Welt, in dem einige der nach 1492 in Amerika begonnenen
Frontier-Prozesse von Ausbeutung und Ansiedlung immer noch anhalten." (S.504)

Südafrika
"Die Frontier-Prozesse in Südamerika Südafrika und Südafrika standen in keiner realen
Wechselwirkung miteinander. Daher fällt umso mehr ihre exakte Gleichzeitigkeit auf. Die letzten Indianerkriege fanden in Nord- und Südamerika in den 1870er und 1880er Jahren statt, also genau zu derselben Zeit, als die weiße (britische) Eroberung des südafrikanischen Landesinneren abgeschlossen wurde. Für Südafrika markiert das Jahr 1879 einen Schlusspunkt. In diesem Jahr wurden die Zulu, die wichtigste afrikanische Gegenmacht zu den Briten, militärisch geschlagen. [...] Die Sioux und die Zulu waren beide bedeutende regionale Militärmächte, die sich manche ihrer einheimischen Nachbarn untertänig und abhängig gemacht hatten. Als Folge eines jahrzehntelangen Kontakts mit Weißen waren sie sich über deren militärische Möglichkeiten durchaus im Klaren. Beide hatten sich auch nur in einem sehr geringen Maße den Invasoren und ihrem Lebensstil assimiliert." (S.505)
"Diesen Gemeinsamkeiten stehen einige Unterschiede im Schicksal von Sioux und Zulu gegenüber. Dem hohen ökonomischen Druck, der auf sie ausgeübt wurde, setzten die beiden Völker eine unterschiedliche Widerstandskraft entgegen. Die Sioux waren nomadische Bisonjäger. die sich in
Jagdbanden organisiert hatten und über keine ausgeprägte politische und militärische Hierarchie verfügten. Sie waren auf dem expandierenden Binnenmarkt der USA wirtschaftlich völlig nutzlos geworden. Die Zulu hingegen existierten auf der Basis einer viel stärkeren stationären Mischwirtschaft von Viehzucht und Ackerbau. Sie verfügten über eine zentralisierte monarchische Organisation und integrierten sich gesellschaftlich durch ein System klar definierter Altersgruppen. Daher ließ sich die Zulugesellschaft trotz ihrer militärischen Niederlage und der folgenden
Okkupation ihrer Wohngebiete nicht so einfach zerschlagen und demoralisieren wie die Gesellschaft der Sioux." (S.506)
"Die Buren profitierten von der Zerrüttung zahlreicher afrikanischer Gemeinschaften, die eine Folge jüngster militärischer Auseinandersetzungen unter den afrikanischen Völkern, der Mfecane, war:
Zwischen 1816 und 1828 hatte der blitzartig erstarkte Militärstaat der Zulu unter deren Kriegskönig Shaka große Gebiete im Grasland entvölkert und zugleich den weißen Siedlern Bundesgenossen aus dem Anti-Zulu-Lager zugeführt. Der Große Treck war ein militärisch und logistisch erfolgreiches Manöver einer der ethnischen Gruppen in Südafrika, die um Land konkurrierten. Er wurde zu einem kolonialen Eroberungszug von zunächst «privatem» Charakter. Eine Staatsbildung erfolgte erst später, gleichsam als «Nebenfolge» (Jörg Fisch) privater Landaneignung, als sich die Buren zwei
eigene Republiken schufen: 1852 die Republik Transvaal, 1854 den Oranje-Freistaat. [...] Militärisch stand den Buren keine Zentralarmee zur Seite. [...]
Jede Frontier weist besondere demographische Verhältnisse auf, und hier liegt ein besonders wichtiger Unterschied zwischen Nordamerika und Südafrika. Vor den 1880er Jahren gab es keine Masseneinwanderung nach Südafrika. [...]" (S.507)
"In Südafrika wie in Nordamerika war der sich und seine Familie selbst versorgende bewaffnete Pionier zunächst der vorherrschende Grenzertypus. In Amerika war die Grenze aber schon früh mit Elementen großbetrieblicher Produktion für Exportmärkte durchsetzt. Im 18.Jahrhundert waren Tabak- und Baumwollplantagen, von denen sich manche an der Grenze befanden, in großräumige Handelsnetze eingesponnen. Im Laufe des 19.Jahrhunderts wurde die Grenze zunehmend zum Organ
kapitalistischer Entwicklungsprozesse. In Südafrika waren die Buren nach dem Exodus eines Teils von ihnen ins Landesinnere zunächst noch weiter von den Weltmärkten entfernt als zuvor. [...] In Südafrika benötigten Farmen und Bergwerke einheimische Lohnarbeit. Den Afrikanern wurden daher nicht nur Subsistenznischen eingeräumt; sie wurden auch auf der untersten Stufe einer rassisch definierten Hierarchie in die dynamischen Sektoren der Wirtschaft integriert. [...] Die südafrikanischen Reservate, die erst viel später - nach 1951 - unter der Bezeichnung homelands ihre volle Ausprägung fanden, waren weniger ein Freiluftgefängnis zur Isolation einer ökonomisch funktionslosen Bevölkerung als der Versuch, schwarze Arbeitskraft politisch zu kontrollieren und ökonomisch zu kanalisieren. Sie beruhten auf dem Prinzip, dass sich in den Reservaten die Familien
durch Subsistenzlandwirtschaft selbst ernährten, während die männlichen Arbeitskräfte, deren physische Reproduktionskosten auf diese Weise minimal gehalten wurden, in den dynamischen Sektoren beschäftigt wurden. [...]
Als in den 1930er Jahren in den USA erstmals eine Art von humaner Indianerpolitik realisiert wurde, war es für ein genuines Indian revival zu spät. In Südafrika stand damals das Maximum an Unterdrückung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit noch bevor." (S.508/09)
Turner in Südafrika
Auf keine andere Interpretation einer Nationalgeschichte außer derjenigen der USA ist die Frontier-These öfter, nachhaltiger, aber auch kontroverser angewendet worden als auf die südafrikanische. [...] Die Frontier des 19. Jahrhunderts wird ebensowenig wie die Sklaverei am Kap (vor der Abschaffung der Sklaverei im British Empire 1833/34) als unmittelbare Quelle der Apartheid gesehen. Beides, Sklaverei wie Frontier, trug jedoch dazu bei, dass sich bereits im späten 19. Jahrhundert eine (auch religiös motivierte) kulturelle Überheblichkeit der Weißen sowie Praktiken scharfer Ausgrenzung herausbildeten.Die Frontier-These liefert keinen Generalschlüssel zur Geschichte Südafrikas, weist aber auf die große Bedeutung von Geographie und Umwelteinflüssen für die Herausbildung sozialer Haltungen hin.
Das Turnersehe Motiv der Emergenz von Freiheit an der Frontier findet sich in Südafrika nur in gebrochener Weise. Der burische Exodus vom Kap ins Landesinnere war unter anderem auch eine Reaktion auf eine soziale Revolution: die Befreiung der Sklaven am Kap 1834. [...] Der Auszug der Treckburen aus der (relativ) urbanen und weltoffenen Kapkolonie war, politisch gesehen, eine Flucht vor solchem rechtlichen Egalitarismus." (S.510/11)
"Die Buren wiederum wollten in ihren isolierten Republiken in Ruhe gelassen werden und strebten nicht nach einer Eroberung des Kaps. Der 1886 beginnende «Goldrausch» am Witwatersrand störte diese Selbstgenügsamkeit. Die Buren wollten von den neuen Reichtümern durchaus profitieren und ließen britischen Kapitalisten freie Hand, sorgten aber dafür, die politische Macht in der Hand zu behalten. [...] Der Südafrikanische Krieg oder Burenkrieg von 1899-1902 entstand aus einer solchen Gemengelage. Er endete mit dem militärischen Sieg einer Imperialmacht, die sich ungewöhnlich verausgaben musste, um einen militärisch scheinbar belanglosen Gegner niederzuringen, und der nun
Zweifel kamen, ob koloniale Vorherrschaft - zumal gegen andere Weiße zu einem solch hohen Preis durchgesetzt werden solle.
Die burische Gesellschaft auf dem Hohen Veldt war durch den Krieg tief verwundet worden; ein Zehntel der Bevölkerung war umgekommen. Die Buren stellten aber weiterhin die große Mehrheit unter der weißen Bevölkerung Südafrikas, und sie kontrollierten die Landwirtschaft. Andere
Bundesgenossen gab es für die Briten im Land nicht. Da ein permanentes Besatzungsregime nicht in Frage kam, musste man sich mit den unterlegenen Buren arrangieren.[...] Anders als in Argentinien, wo die Macht der Gaucho-Frontier bald zerschlagen wurde, eroberte in Südafrika die Frontier-Peripherie das politische Zentrum und prägte ihm fast das ganze 20. Jahrhundert über ihren Stempel auf. [...] Für die politische Entwicklung der USA war der Bürgerkrieg das, was für Südafrika der Burenkrieg bedeutete - allerdings in einem wesentlich komprimierteren Zeitablauf. Die Sezession der
Südstaaten der USA von der Union 1860/61 war ein Äquivalent des Großen Trecks, und die Pflanzerdemokratie der Südstaaten vor der Sezession zeigt große Ähnlichkeiten mit dem gleichzeitigen Herrenvolk-Republikanismus der burischen Pioniere, [...] In den großen Kompromissen nach dem jeweiligen Kriegsende von 1865 in den USA und 1902 in Südafrika vermochten die unterlegenen weißen Parteien ihre Interessen und Werte in hohem Maße zur Geltung zu bringen - in beiden Fällen auf Kosten der Schwarzen. Offensichtlich hat aber in den USA die Frontier nicht in derselben Weise gesiegt wie in Südafrika: Die Werte und Symbole des eigentlichen «Wilden Westens» machten sich nicht auf der Ebene der politischen Ordnung, sondern als Ingredienzien des amerikanischen Kollektivbewusstseins und «Nationalcharakters» bemerkbar. (S.512/13)

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