Dienstag, 12. Juli 2016

Frontier in Eurasien (Osterhammel: Die Verwandlung der Welt)

"[...] Noch zu Beginn des 19.Jahrhunderts waren mobile Lebensformen, deren Grundlage die Aufzucht und Nutzung von Tierherden war, über ein riesiges Gebiet verbreitet, das von der Südgrenze des skandinavisch-sibirisch-mandschurischen Waldgürtels südlich bis zum Himalaya, zu den Hochländern des Irans und Anatoliens und zur Arabischen Halbinsel reichte und sich westöstlich
von der Volga bis kurz vor die Tore von Peking erstreckte: ein Gebiet, das noch weit mehr umfasste als das «Zentralasien» heutiger Karten. Stationäre Landwirtschaft konzentrierte sich an den Rändern des eurasischen Kontinents von Nordchina bis zum Panjab und dann wieder in Europa westlich der Volga, die die Welt der Grasländer und Steppen nach Westen hin abschloss.'!" Ein solcher idealtypischer Gegensatz zwischen Statik und Mobilität darf freilich nicht übersehen lassen, dass es auch in Europa oder Südasien (kaum dagegen in China) auch im 19.Jahrhundert wandernde Bevölkerungsgruppen gab.
Nomadismus an der Steppengrenze
Innerhalb dieser riesigen Sphäre mobiler Existenzweisen haben die Ethnologen verschiedene
Spielarten des Nomadismus unterschieden:
(I) die Kamel-Nomaden der Wüste, die sich auch in ganz Nordafrika finden;
(2) die Schaf- und Ziegenhirten Afghanistans, des Irans und Anatoliens;
(3) die Reiternomaden der eurasischen Steppe, unter denen Mongolen und Kasachen die bekanntesten sind;
schließlich (4) die Yak-Hirten des tibetischen Hochlandes.
Diese verschiedenen Varianten des Nomadismus hatten mehrere charakteristische Gemeinsamkeiten:
große Distanz und oft auch heftige Abneigung gegenüber städtischem Leben, eine soziale Organisation in Abstammungsgemeinschaften mit gewählten Oberhäuptern sowie eine große Bedeutung der Nähe zum Tier für die kulturelle Identitätsbildung. Das nomadische Asien war von
unzähligen ökologischen Grenzen durchzogen, in zahlreiche Sprachgemeinschaften parzelliert und religiös zumindest in die drei großen Orientierungen Islam, Buddhismus und Schamanismus (mit jeweils mehreren Richtungen und Spielarten) differenziert. [...] Das Leben von Nomaden ist risikoreicher als das von Ackerbauern, und dies prägt ihre Weltsicht. Herden können sich mit exponentieller Geschwindigkeit vermehren und schnell zu Reichtum führen, sind aber biologisch noch anfälliger als die Pflanzenzucht. Mobiles Leben verlangt ständig Entscheidungen über Wege, das Management von Herden und das Verhalten zu Nachbarn und Fremden, denen man begegnet. [...]
Wie der russische Anthropologe Anatoly M. Khazanov betont hat, sind nomadische Gesellschaften, anders als die Gesellschaften von Subsistenzbauern, niemals autark. Sie können isoliert nicht funktionieren. Je feiner eine bestimmte Nomadengesellschaft sozial differenziert ist, desto aktiver
sucht sie Kontakt und Wechselwirkung mit der Außenwelt.
Khazanov unterscheidet vier große Klassen von Strategien, die Nomaden zur Verfügung stehen:
(1) freiwillige Sesshaftwerdung,
(2) Handel mit komplementären Gesellschaften oder auch Zwischenhandel mit Hilfe der
perfektionierten Transportmittel (etwa des Kamels), die vielen Nomadengesellschaften zur Verfügung stehen;
(3) freiwillige oder widerstandslos erduldete Unterordnung unter sesshafte Gesellschaften und den Aufbau von Abhängigkeitsbeziehungen zu ihnen;
(4) umgekehrt Dominierung sesshafter Gesellschaften und Aufbau entsprechender asymmetrischer
Dauerbeziehungen.
Die vierte dieser Strategien erreichte den Höhepunkt ihres Erfolges im Mittelalter, als von Spanien bis China Bauerngesellschaften unter die Kontrolle von Reiternomaden fielen. Noch die großen Dynastien des kontinentalen Asien, die den Erdteil in der frühen Neuzeit beherrschten, stammten aus Zentralasien und hatten nicht unbedingt einen nomadischen, so doch einen nicht-bäuerlichen Hintergrund. Dies gilt auch noch für die mandschurische Qing-Dynastie, die China von 1644 bis 1911 regierte. [...] Selbst Russland leistete noch weit ins 17. Jahrhundert hinein Tributabgaben in astronomischer Höhe an die Krimtataren. [...] (S.514-516)
Reichsperipherien
Es ist eine Besonderheit von  Frontiers in Eurasien, dass sie imperial überformt waren. Anders als in Amerika und im subsaharischen Afrika war das zentralisierte und in sich hierarchisch geordnete Großreich die dominierende politische Form. Es gab dabei, grob unterschieden, zwei Formen von Reichen: zum einen die von Reiternomaden getragenen Steppenreiche, die sich zu ihrer bäuerlich-sesshaften Umwelt parasitär verhielten, zum anderen solche Reiche, die sich ihre Ressourcen vor allem durch direkte Besteuerung der eigenen Bauernschaft besorgten. [...]
Schon in der frühen Neuzeit wurden die Nomaden des zentralen Asien also imperial eingekreist. [...] Am Ende des 18. Jahrhunderts waren daher die Kernländer der alten militärischen Dynamik der Reiternomaden unter den Imperien aufgeteilt. Dieser Zustand sollte bis zur Gründung mittelasiatischer Republiken nach dem Ende der Sowjetunion 1991 andauern. [...]
Das Qing-Reich traf bei seiner Expansion nach 1680 an mehreren seiner Ränder auf Völker, die keine ethnischen Chinesen ('Han-Chinesen') waren und die daher als herrschafts- und zivilisierungsbedürftig eingestuft wurden: in Südchina, auf der neu eroberten Insel Taiwan und in der Mongolei. [...]  Sie waren also keine semi-autonomen Tributstaaten wie Korea oder Siam, sondern kolonisierte Völker im Inneren des Reiches." (S.517-518)
"Eine demographisch wirklich ins Gewicht fallende hanchinesische Kolonisationsbewegung begann aber erst im frühen 20. Jahrhundert, [...]  Die millionenfache Expansion von Han-Chinesen in die Peripherie begann erst nach 1949 unter kommunistischer Herrschaft. Erst im 20. Jahrhundert entstand also eine innerchinesische Frontier der siedelnden Ressourcenerschließung, [...]" (S.519)
"Wenn es mithin im Eurasien des 19. Jahrhunderts eine Frontier gab, dann muss man sie im Süden und Osten des Zarenreiches suchen.!" Der russische Staat entstand als Frontstaat. [...] Erst unter Katharina der Großen wurde das Reich zu einer imperialen Potenz ersten Ranges. Unter der Zarin wurde das einst mächtige Khanat der Krimtataren zerschlagen und dem Reich damit der Zugang zum Schwarzen Meer geöffnet. [...] Trotz dieser Grundlagen fällt die eigentliche Bildung des zarischen Vielvölkerreiches ebenso wie die militärische Expansion bis an das andere Ende des asiatischen Kontinents in die Zeit des kalendarischen 19.Jahrhunderts." (S.521)

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