Sonntag, 2. April 2017

Ein Portenser schreibt an seine Eltern

Pforta, d. 20.I. 21.
Liebe Eltern!
Ich habe keine Lust, etwas anderes zu machen, da werde ich gleich wieder schreiben. Das Paket habe ich gestern früh bekommen. Für den Inhalt bin ich sehr empfänglich, das ist klar. Besonders habe ich mich über Mutters Brief gefreut. Da hat man doch wenigstens einmal etwas zu lesen und vor allem: man weiß nicht gleich vorher, was darin steht, wie es bei den Zetteln doch ist.

Um gleich am Ende anzufangen: Wann ich komme, kann ich absolut noch nicht sagen. Abitur ist diese Woche noch nicht. Gott sei Dank, daß ich während der Geierwoche nicht Wochen- u. Schlafsaalinspektor zu spielen brauche; sonst wären ja dreiviertel vom Morgen futsch. Gestern abend war schon ein Rummel auf Schlafsaal! Ich glaube, wenn es noch schlimmer so wird, steigt uns der Rektor einmal auf den Kopf. Heute morgen ratzten wir natürlich sämtlich durch. Es gab auch wieder einen längeren Krach; aber belangen tut der Geier ja kaum, da ist es ja nicht so schlimm. Aber "revenons à nos moutons" d.h. "um auf die besagten Hammeln zurückzukommen". Also zunächst ist das Abitur noch nicht. Zum Schriftlichen wie zum Mündlichen muß ich selbstverständlich da sein. Ende Februar kommt außerdem der Stengel auf Woche, den kann ich doch in der letzten Woche nicht treulos verlassen. Im Februar muß es doch wohl sein, sonst bekommt Master Hering den Anzug nicht bis Ostern fertig (im übrigen höre ich, am 1. März sollen die Fahrpreise wieder um 100% erhöht werden.) Also bliebe Mitte Februar. Es wäre vielleicht der 13. oder 20. Februar zu denken. Ihr könnt es ja Herrn Höring einstweilen sagen. [...] Das neue Oberhemd habe ich noch nicht ausprobiert. Ich möchte es nicht ausbreiten, ehe ich es anziehe, sonst bekomme ich es doch nicht wieder anständig zusammen. Ich habe bisher nur festgestellt, daß die Manschetten daran halb gesteift sind. Das ist allerdings nicht je nach mein Fall. Entwerder richtig oder überhaupt nicht! [...]

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