Samstag, 5. November 2016

"Auschwitz erlaubt keine Rührung"

Holocaust-Überlebende ZEIT 30.4.2014
"Renate Lasker-Harpprecht, 90, fasst das Unfassbare in Worte: Ein Gespräch über das große Beispiel der Mitgefangenen Mala, eine Baracke namens Kanada und eine halbe Tafel Schokolade, die ihr bis heute ein schlechtes Gewissen bereitet. [...]

Lasker-Harpprecht: ... ja, ich war wirklich sehr krank, ich hatte wahnsinniges Fieber und Durchfall. Es war Flecktyphus. Daran sind die meisten, die man nicht umgebracht hat, gestorben. Eines Tages kamen SS-Frauen und -Männer, wir mussten aus den Betten raus. Die haben selektiert, wer von diesen ganzen abgemagerten Leuten nach links kommt und wer nach rechts. Links bedeutete Vergasung. Mich haben die sofort nach links geschickt. Da habe ich gut reagiert und mich etwas zurückgebeugt zu einem SS-Mann, der nicht besonders grimmig aussah: "Ich bin die Schwester der Cellistin." Da hat er mir einen Tritt in den Hintern gegeben und mich auf die andere Seite bugsiert. Insofern verdanke ich meiner Schwester mein Leben.
ZEIT: Die Ihnen aber, so widersinnig das klingt, in diesen Tagen den Tod gewünscht hat – so hat es Ihre Schwester in ihren Erinnerungen aufgeschrieben.
Lasker-Harpprecht: Das stimmt. Man fiel ja vom Fleisch. Man bekam nichts zu essen und hatte blutigen Durchfall. Als meine Schwester mich in diesem elendigen Zustand sah, da wollte sie eigentlich, dass ich einschlafe ... und fertig.
ZEIT: Aber Ihre Schwester ist dann doch zu Maria Mandl gegangen, der Oberaufseherin des Frauenlagers. Sie hat all ihren Mut zusammengenommen und gefragt, ob man Sie als Läuferin einsetzen könne.
Lasker-Harpprecht: Und das wurde ich auch: Ich habe dann Botschaften übermittelt zwischen den SS-Leuten. Die Mandl mochte meine Schwester, weil sie eine der wenigen war, die noch richtig Deutsch sprachen. Und es war ganz wichtig, keine Angst zu zeigen. Ich hab sie auch nie gezeigt. [...]
ZEIT: Haben Sie bei Ihren Bewachern jemals eine menschliche Regung erlebt?
Lasker-Harpprecht: Ja, bei einem SS-Mann, der auf den schönen Namen Kasernitzky hörte. Das war später, in Belsen. Der stand Wache, als ich heimlich Wasser holen wollte, und er hat sich weggedreht. Wasser war ungeheuer kostbar. Und dann war da ein Polizist, als ich in Belsen im Büro arbeitete, der hat mir ein großes Stück Brot in die Schublade gelegt. Jeden Tag.
Es geht im Lager nicht darum, wer zusammenhält, sondern darum, wer sich am wenigsten oder am meisten hasst. Das ist ein großer Unterschied
Renate Lasker-Harpprecht
ZEIT: Wissen Sie, warum er das getan hat?
Lasker-Harpprecht: Das weiß ich nicht. Jedenfalls hat er mich nach dem Krieg um einen Persilschein gebeten. Und den habe ich ihm auch mit dem größten Vergnügen ausgestellt. Der hat sich wirklich anständig benommen. Als sich bis zum Lagerpersonal in Belsen herumgesprochen hatte, dass der Krieg für die Deutschen nicht so gut lief, wurden die natürlich alle sehr viel freundlicher. Die jagten keine Hunde mehr auf uns und versuchten, so ein bisschen gut Wetter zu machen. Das hat uns nicht sehr beeindruckt, aber so war das halt.
ZEIT: Wie erklären Sie sich, dass fast alle Aufseherinnen und Aufseher das Elend komplett ausblenden konnten?
Lasker-Harpprecht: Das möchte ich auch sehr gerne wissen. Ich schweife jetzt kurz ab, aber einmal kam ein großer italienischer Transport an in Auschwitz. Aus irgendeinem Grund hat sich da ein kleines Mädchen weggestohlen, ein süßes Mädchen, ganz blond. Die ist sicher nicht alleine gekommen, aber auf einmal war die bei mir, in meiner Nähe. Und ich habe mich sehr um das Mädchen gekümmert, das kann ich wirklich sagen, ich fand die entzückend. Die hatte so viel Vertrauen zu mir. Ich habe der Essen gegeben, ich konnte Sachen organisieren für die, weil ich ein paar Freiheiten innerhalb des Lagers hatte. Ich habe auch gesehen, dass die SS-Frauen nett waren zu diesem Kind. Aber irgendwann habe ich die Kleine aus den Augen verloren, weil ich noch mal krank wurde. Nichts Ernstes, doch als ich zurückkam, hatten sie das Mädchen auch umgebracht. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Wie kann man? Das muss auch ein bisschen mit der Mentalität der diversen Nationalitäten zusammenhängen. Ich glaube nicht, dass sie in Italien, wo es ja auch schlimm war zum Schluss, so furchtbare Sachen mit den Kindern gemacht haben.
ZEIT: Von den etwa sechs Millionen Juden, die im Holocaust ermordet worden sind, war jedes vierte Opfer ein Kind. Sie meinen, dass so eine Grausamkeit auch in der Mentalität eines Volkes begründet ist?
Lasker-Harpprecht: Auch, ja. Jedenfalls bei gewissen Generationen und bei gewissen Schichten.
ZEIT: Wissen Sie noch, wie dieses italienische Mädchen hieß?
Lasker-Harpprecht: Mit M fing der Name an. Marta oder so ähnlich. Es war ein jüdisches Kind.
ZEIT: Sie haben vorhin gesagt, dass man sich im Lager alles organisieren konnte. Wie muss man sich das vorstellen?
Lasker-Harpprecht: Es gab im Lager Namen für die Orte, an denen man arbeitete. Die Baracke, in der man sich wirklich alles beschaffen konnte, hieß "Kanada". Da gab es absolut alles. Offensichtlich war man der Ansicht, dass Kanada ein Schlaraffenland ist. Man hat den Menschen, die ins Lager kamen, ja ihre Sachen abgenommen. Und viele Häftlinge, vor allen Dingen aus Polen und Griechenland, hatten sich Goldmünzen und solche Sachen in ihre Kleidersäume eingenäht. Und in Kanada lagerte das alles. Die Kapos, die es ohnehin unter den Häftlingen noch am besten hatten, haben sich dann die ganzen Sachen organisiert, die die verschiedenen Kommandos aus Kanada, vom Steineklopfen oder vom Feld mitbrachten. Das war einer der Gründe, warum wir die nicht leiden konnten.

"Ich habe nur eine einzige Sache regelmäßig gestohlen: frisches Gemüse"

ZEIT: Die Kapos haben alles eingesteckt?
Lasker-Harpprecht: Natürlich, natürlich.
ZEIT: Was konnten die denn mit diesem Reichtum anstellen?
Lasker-Harpprecht: Bestechen.
ZEIT: Das heißt: eine Scheibe Brot mehr?
Lasker-Harpprecht: Na ja, das ging über hundert Kanäle. Ich konnte das leider nie betreiben. Ich habe nur eine einzige Sache regelmäßig gestohlen: frisches Gemüse. Die Häftlinge, die auf dem Feld arbeiteten, steckten sich natürlich furchtbar viele Zwiebeln und Knoblauch ein. Das war sehr wichtig im Lager, denn wir hatten totalen Vitaminmangel. Ich hatte auf einmal Löcher in den Beinen.
ZEIT: Wunden vom Vitaminmangel?
Lasker-Harpprecht: Ja, ich habe immer noch Narben davon. Immer wenn diese Kommandos vom Feld zurückkamen, wurden die durchsucht, und die frischen Sachen kamen auf einen Haufen. Und wenn die Häftlinge in die Baracke gingen, haben wir Dolmetscher und Läufer uns bedient. Das hat sich gelohnt. Ich habe da aber niemals ein Stück Gold gesehen.
ZEIT: Mir ist bewusst, dass diese Frage geradezu pervers anmutet: Aber haben Sie in der Zeit im Lager irgendetwas gemacht, wofür Sie sich schämen?
Lasker-Harpprecht: Ja, Sie werden das als eine Lappalie betrachten, aber ich schäme mich heute noch dafür. Eines Tages hat mir jemand – ich weiß nicht mehr, wer das war – eine halbe Tafel Schokolade geschenkt. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, ich hatte so etwas seit Jahren nicht gesehen. Und ich habe mir gesagt: Jetzt gehe ich zu Anita, und wir teilen uns diese Schokolade. Auf dem Weg zu Anita habe ich aber die ganze Schokolade aufgegessen. Das ist das Einzige, wofür ich mich schäme.
ZEIT: So eine Kleinigkeit!
Lasker-Harpprecht: Aber es zeigt einen Mangel an Charakter und Disziplin. Das geht nicht. [...]

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