Dienstag, 7. Juli 2015

Weshalb sinkt das Vertrauen in die Medien (die "vierte Gewalt") und was hat das für Folgen?

Götz Hamann: Wer vertraut uns noch?

Hamann fragt sich, woher es kommt, dass die Massenmedien, die "vierte Gewalt", heute so viel kritischer gesehen werden als vor der Konkurrenz durch Soziale Netzwerke im Internet. Dann beschreibt er die Rolle Sozialer Netzwerke so:
"In diesen Netzwerken werden Artikel von Journalisten empfohlen und geteilt, sie sind weiterhin die zentrale Informationsquelle, aber ihre Glaubwürdigkeit beziehen sie vor allem von denen, die auf sie verweisen.
Nur ist diese fünfte Gewalt bisher ziemlich unzuverlässig, und sie liefert auch keine verlässliche Einordnung des Weltgeschehens. Auf Twitter beispielsweise geht eine Nachricht unter, die nicht sofort tausendfach geteilt und bewertet wird."
Ich persönlich erlebe die Rolle Sozialer Netzwerke für mich anders. Glaubwürdigkeit bekommt ein Blogger für mich aufgrund dessen, was er schreibt und wie er argumentiert. Der Text, auf den er verweist, wird für mich glaubwürdig durch den Autor oder die Institution, von der er stammt, nicht durch den Verfasser des Tweets. - So bin ich dankbar für jeden Text von Heribert Prantl und Jürgen Habermas, auf den ich aufmerksam gemacht werde. Denn da ich nur drei Zeitungen regelmäßig lese, bin ich auf die Information über qualitätvolle Texte außerhalb der von mir gelesenen Presseorgane auf Tipps angewiesen. (Zum Teil erhalte ich sie durch Tweets der Zeitungen, denen ich folge, weil ich nicht dazu komme, sie zu lesen.) 
Interessante Artikel aus Zeitungen, deren Tendenz mir nicht liegt, erhalte ich nur über Tweets, denn zum Glück sind die Twitterer, denen ich folge, nicht nach politischen Gesichtspunkten ausgewählt. Die Zeitungen schon.
Dass die zufälligen Tweets, die ich lese, "keine verlässliche Einordnung des Weltgeschehens" liefern, ist mir klar. Dafür lese ich ja Zeitungen. Wenn die Leistung von Zeitungsredaktionen ganz durch soziale Netzwerke ersetzt werden sollte, würde mir freilich angst und bange. Leider sehe ich mich aber außerstande, ein erfolgreiches Bezahlmodell für Internetzeitungen zu entwickeln. (Meiner Meinung nach müsste es vor allem einfach und sicher sein. Das ist vermutlich die Quadratur des Kreises. Vielleicht liegt die Chance darin, dass es ein gemeinsames Bezahlmodell gibt, das auf sehr niedrigen Preisen für jeden einzelnen Abruf basiert??)

Ein paar weitere Zitate aus Hamanns Aufsatz zur Anregung einer intensiveren Lektüre:
[...] "Nicht Kommunikationsmedien sind gut oder böse, sondern die Menschen. Und so hat sich nicht nur die Zahl der klugen, sondern mehr noch die der wirren und der beleidigenden Kommentare ins Unermessliche gesteigert. "Im Internet ruft dauernd 'jemand Skandal, Skandal' und findet schneller Zuspruch denn je. So entsteht ein regelrechter Empörungsrausch", sagt Burkhardt. [Medienwissenschaftler in Hamburg]
Dieser Empörungsrausch richtet sich zunehmend gegen Journalisten: Die eingangs zitierten Attacken galten Kollegen, die über Russland schreiben. Aber solche Grenzüberschreitungen gibt es fast überall, sie treffen Kritiker der Piratenpartei und der AfD ebenso wie Befürworter einer großzügigeren Flüchtlingspolitik." [...]

Dass es diesen Empörungsrausch gibt, ist nicht zu leugnen. Das ist wohl nicht zu verhindern, wenn jeder mitschreiben kann. Zu Verantwortung aufzurufen, bringt freilich wenig. Zu Verantwortung zu erziehen, ist zwar auf erstaunlich vielen Gebieten möglich (Mülltrennungsbereitschaft aus Umweltbewusstsein hat funktioniert, ist freilich nicht das effizienteste Verfahren), aber das allgemeine, gleiche und freie Wahlrecht hat man schließlich auch eingeführt, ohne die Wähler vorher zu erziehen. 
"Nicht vergessen ist auch, dass einige Journalisten die Exzesse, die der Finanzkrise im Jahr 2008 vorangingen, zwar untersucht und kritisiert haben. Aber den großen Crash sahen auch sie nicht kommen. Und weil das in eine Zeit fiel, in der in deutschen Medien die neoliberalen Stimmen dominierten, blieb der Eindruck, Wirtschaftsjournalisten hätten nicht nur nicht genau hingesehen. Sie seien vielmehr Propagandisten dieses ungezügelten Kapitalismus." [...]
Hat diese Zeit, in der in deutschen Medien die neoliberalen Stimmen dominierten, denn schon aufgehört? Im Feuilleton der ZEIT schon, aber nicht im Wirtschaftsteil oder gar im politischen.
"Vielleicht wird man einmal sagen, dass der Absturz der Germanwings-Maschine ein Wendepunkt war. Dass das Publikum von nun an genug hatte vom Skandal. Und, dass Journalisten wieder Erfolg damit hatten, sich zurückzuhalten.
Wahrscheinlicher ist allerdings, dass die Debatte nur das bisher klarste Zeichen dafür war, wie tief gespalten das Publikum ist: auf der einen Seite diejenigen, die Stabilität und Orientierung wollen. Auf der anderen Seite jene, deren Lust am Skandal unstillbar ist. "
Das halte ich auch für das Wahrscheinlichere. Aber das ist eine Folge der menschlichen Freiheit.
Übrigens, ich schreibe im Internet unter mehreren Pseudonymen. Meine Blogbeiträge sind freilich über das Impressum meiner bürgerlichen Identität zuzuordnen. Dass Soziale Netzwerke eine fünfte Gewalt darstellten, halte ich für eine ganz unangebrachte Vorstellung. Sie ermöglichen allenfalls etwas mehr Bürgerbeteiligung. 

Weit gewichtiger als der Aufsatz von Götz Hamann ist der von Bernhard Pörksen aus derselben Nummer der ZEIT:
Pöbeleien im Netz ersticken Debatten. Wir brauchen endlich Regeln! Ein Appell von Bernhard Pörksen
"In einem solchen Zusammenwirken der unterschiedlichsten Kräfte zeigt sich eine Neuverteilung der publizistischen Machtverhältnisse. Einerseits verlieren die traditionellen Gatekeeper des Journalismus an Macht, aber damit beginnt nicht das Reich totaler Freiheit, sondern es gewinnen Gatekeeper neuen Typs an Einfluss, die ihre publizistische Mitverantwortung bislang offensiv ignorieren. Auf eine Formel gebracht: Beobachtbar ist eine Disintermediation bei gleichzeitiger Hyperintermediation*. Das sind, zugegebenermaßen, ziemlich scheußliche Ausdrücke aus dem Begriffsarsenal der Medienwissenschaft. Sie zeigen jedoch, warum die Ausweitung der Verantwortungszone in all den Debatten über die Macht der Medien und die Veränderung der Öffentlichkeit unbedingt geleistet werden muss und warum die allgemeinen Appelle in Richtung einer Publikumsethik ins Leere gehen. [...] Und schließlich bedeutet dies, dass der klassische Journalismus an Deutungsautorität verliert (und damit die Agenda der Allgemeinheit an Strahlkraft und Verbindlichkeit einbüßt). Der gesamte Mechanismus der Weltaneignung und Wirklichkeitskonstruktion, den Disintermediation ermöglicht, ist also zwiespältig: Er kann uns befreien, weil auf einmal für jeden sichtbar die Diktatur der Mono-Perspektive zerbröselt. Und er kann uns in eine neue Verbiesterung und ideologische Verhärtung hineinlocken, weil sich nun der Einzelne – ohne offizielles Korrektiv, ohne die Irritation durch einen allgemein anerkannten Glaubwürdigkeitsfilter – seine Weltsicht zusammenbasteln und in seine höchstpersönliche Wirklichkeitsblase hineingoogeln kann.
[...] Worauf es insgesamt ankommt, ebendies meint Disintermediation bei gleichzeitiger Hyperintermediation: Es entstehen, parallel zur publizistischen Selbstermächtigung des Einzelnen, Nachrichten- und Weltbildmaschinen eigener Art, globale Monopole der Wirklichkeitskonstruktion, die längst mächtiger sind als die klassischen Nachrichtenmacher. [...] Diese Gesellschaft braucht also, will sie nicht ihre liberal-aufklärerische Tradition verlassen, Denkräume und Wertedebatten, um die Frage nach der publizistischen Verantwortung in der öffentlichen Sphäre neu zu stellen, sie überhaupt erst zu behandeln. [...] Die neuen Player in der Erregungsarena der Gegenwart sind längst mitten unter uns, und es wäre fatal, die Frage nach der publizistischen Verantwortung aller weiterhin zu ignorieren."

Mein Kommentar zu Pörskens Artikel findet sich im Blog Fontanefan.

*It's the proliferation—not elimination—of intermediaries that has made blogging so widespread.  The right term here is “hyperintermediation,” not “disintermediation.”(Intermediaries online are more powerful, and more subtle, than ever before.)

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