Freitag, 15. April 2016

Klare Sprache

"Sagt es einfach!" von Yascha Mounk ZEIT Nr.17 14.4.2016

Im Jahr 1968 hätte mich über Mounks Artikel noch sehr gefreut, denn die Faustregeln, die er für klares Schreiben formuliert, sollten sich von selbst verstehen. Zur Zeit der 68er war es freilich üblich, auch relativ einfache Gedanken unnötig "hegelianisch" zu formulieren.

Wenn Mounk allerdings Habermas dafür kritisiert, im "Strukturwandel der Öffentlichkeit" Formulierungen gebraucht zu haben, die auch sehr intelligente Erstsemester von der Lektüre abschrecken, ist er freilich auf dem Holzweg.*
Der Fehler liegt nicht bei Habermas, der in seiner Habilitation seine neuen Gedanken so differenziert formulierte, wie er es für nötig hielt, sondern bei den Professoren, die dies Werk Erstsemestern als Einführungslektüre nahe legen.*
Mounks "So hätte ich es gesagt" offenbart, dass er unfähig ist, den Bezug des Gedankens auf den Strukturwandel der Öffentlichkeit klar auszudrücken.  Er hätte sich besser einen Gedanken ausgesucht, den er ohne wesentlichen Substanzverlust einfacher ausdrücken kann.

Habermas hat - im Unterschied zu Adorno - die angelsächsische Forderung, man solle sich möglichst verständlich ausdrücken, durchaus nicht zurückgewiesen, sondern immer wieder - unter Verzicht auf die Terminologie seiner theoretischen Texte - allgemeine Verständlichkeit sichergestellt.

Recht gebe ich Mounk in einem sofort: Die Hauptgedanken des Strukturwandels der Öffentlichkeit lassen sich sicher ohne unerträglichen Substanzverlust wesentlich einfacher wiedergeben als in diesem wichtigen Werk der Theoriegeschichte. Die Frage ist freilich: Weshalb hat noch nie jemand, der diese Gedanken Erstsemestern nahe bringen will, sich daran gemacht, die notwendige Vereinfachung zu versuchen? Könnte es nicht daran liegen, dass dabei die Gefahr sehr groß wäre, dass man wie Mounk eklatant an dem Versuch scheitert?

Fazit: Es mag viele Texte geben, auf die Mounks Kritik zutrifft. An dem Beweis, dass das für Habermas' Strukturwandel der Öffentlichkeit gilt, ist Mounk kläglich gescheitert.

*Mounks Beispiel:
So hätte ich es gesagt: Moderne Kommunikationsformen werden oft daran gemessen, wie sehr sie einem persönlichen Gespräch ähneln. Aber wie echt oder tiefgehend sie sind, hängt davon nicht unbedingt ab.
Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft
Der Sprachgebrauch von "öffentlich" und "Öffentlichkeit" verrät eine Mannigfaltigkeit konkurrierender Bedeutungen. Sie stammen aus verschiedenen geschichtlichen Phasen und gehen, in ihrer synchronen Anwendung auf Verhältnisse der industriell fortgeschrittenen und sozialstaatlich verfaßten bürgerlichen Gesellschaft , eine trübe Verbindung ein. Allerdings scheinen dieselben Verhältnisse, die sich gegen den überkommenen Sprachgebrauch zur Wehr setzen, eine wie immer konfuse Verwendung dieser Worte, ja ihre terminologische Handhabung doch zu verlangen.
*Ich selbst habe den Strukturwandel der Öffentlichkeit nie ganz durchgelesen. Ich habe mich damit begnügt, die mir am wichtigsten erscheinenden Passagen zu lesen. Der Beispielsatz von Mounk ist freilich beileibe nicht der am schwersten verständliche in diesem anspruchsvollen Werk. Wer sich damit begnügt, die Hauptgedanken aus Habermas' Werk nachzuvollziehen, tut sich durchaus leichter, wenn er z.B. Stefan Müller-Doohm: Jürgen Habermas, 2014 heranzieht. Müller-Doohm würde freilich den Gedanken weit von sich weisen, die Lektüre seiner Biographie könnte die Kenntnis der Originalschriften von Habermas ersetzen. 

Fachbuch in leichter Sprache ZEIT 24.7.2013

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