Shida Bazyar: Die Lücken
Tageszeitung: "[...] Durch die erzählerische Meta-Perspektive einer Verstorbenen wird von der deutschen NS- und Post-NS-Geschichte aus einem "exiliranischen" Blickwinkel erzählt, und zwar auf mehreren Zeitebenen. Anker ist dabei die fiktive Stadt Heimesbach, angelehnt ans reale Hermeskeil in Rheinland-Pfalz, wo die Autorin selbst aufgewachsen ist. Herausfordernd findet der Kritiker diese Vielschichtigkeit, auch die Sprache sei schwierig; immer wieder "verhakt" er sich in komplizierten Sätzen. Aber je mehr er liest, desto deutlicher wird ihm, dass sich alles lohnt: es braucht die erzählerische Meta-Perspektive, um Kontinuitäten, Parallelitäten zwischen verschiedenen Zeiten herzustellen. Auch die Perspektiven des hilfsbereiten Heimesbachers Völker ebenso wie die des kurdischen Paares Azad und Asrin sind wichtig, um Differenzierung zu gewährleisten. Wie "filigran" Bazyar zwischen all dem die "Mechanismen des Ein- und Ausgeschlossenseins" im Dorf beleuchtet, dabei die Lücken in der NS-Aufbereitung aufzeigt und auch noch "extrem dicht" mit einer exiliranischen Perspektive auf deutsche Politik verknüpft, das hat für den Kritiker seinen Ruhm allemal verdient. [...]"
Die ZEIT: "[...] Keiner redet, keiner erzählt, deswegen hat Bazyar eine besondere Erzählperspektive gefunden, wie Hüchtker erklärt. Die Erzählerin ist als Kind geflohen, hat dann drei Jahre im Hunsrücker Heimesbach verbracht und schwebt nun als Tote über der Geschichte des Dorfes und kann sie von den Zwanzigern an erzählen. Die beeindruckte Kritikerin erfährt im Nachwort, dass Bazyar vieles aus der Geschichte des Städtchens übernommen hat, in dem sie aufgewachsen ist, so zum Beispiel einen KZ-Arzt, der in der Bundesrepublik ungehindert weiter praktizieren konnte. Mit Fingerspitzengefühl schreibt die Autorin laut Hüchtker über Juden, die gerade noch fliehen konnten oder über Deutsche, die die jede Schuld von sich weisen. Gerade das Zarte, aber doch unglaublich Präzise in ihrem Schreiben mache die Wucht des Buches aus, lobt die Kritikerin. "Das Grauen spricht für sich", findet sie. Ein Roman, der ohne Empörung die Lücken aufdeckt, die die deutschen Dörfer nur allzu gern in ihren Chroniken stehenlassen wollen*, ist das Resümee."
*Ein Beispiel dafür bildet die Ortsgeschichte von Hoheneiche, wo bis zum 2.3.2022 die NS-Zeit in dem Satz zusammengefasst wurde "1938 wurde der Betrieb „arisiert“[4]"Erst dann wurden mit 168 Wörter und 4 Anmerkungen Aussagen des Ortshistorikers B.H. Roth aus einem Vortrag von 2008 über den Ort in der NS-Zeit aufgenommen. (Das hat 14 Jahre gebraucht - länger als die NS-Zeit in Deutschland andauerte.)
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