Dienstag, 25. Februar 2014

Ein Hungerexperiment

Die Schreckensnachrichten über Millionen hungernder Menschen in Europa hatten in den letzten Kriegsjahren auch die USA erreicht: Russland, die Niederlande, Griechenland - in etlichen Regionen kämpfte die Bevölkerung gegen den Hungertod. Die Regierung in Washington fragte sich, wie sich all diese unterernährten Menschen am besten wieder aufpäppeln lassen würden. Aber auch, wie sich Körper und Psyche von Hungernden verändern und welchen Einfluss dies auf Gesellschaft und Politik Europas haben könnte. Ancel Keys war der Mann, der die Antworten auf diese Fragen finden sollte.(Spiegel online: Eines Tages: Hungerexperiment)

Er fand 400 Freiwillige, von denen er 36 für das Experiment aussuchte. Es wurde eine fürchterliche Tortur, die einen von ihnen zur Selbstverstümmelung trieb und andere zwischenzeitlich um ihren Verstand brachte. (Ausführlich sieh SPON)

Der Bericht von Johanna Lutteroth schließt:
Ende Juli 1945 war es endlich so weit: Die sogenannte Rehabilitierungsphase begann. Nun wurden die Kalorien langsam wieder aufgestockt und die Ernährung normalisiert. Aber die Euphorie der Testpersonen darüber währte nur kurz. Die Rehabilitationsperiode war "für mich schlimmer als alles andere", erinnerte sich etwa Roscoe Hinkle später. [...] 
Für Europa kamen Keys Erkenntnisse allerdings zu spät. Denn es sollte noch vier Jahre dauern, bis er alle Daten ausgewertet hatte und sie 1950 in dem fast 1400 Seiten starken Buch "The Biology of Human Starvation" veröffentlichte. Doch zu diesem Zeitpunkt war die Hungersnot in Europa längst überwunden. Die politische Schlussfolgerung, die der Forscher aus dem Minnesota-Hungerexperiment zog, hat aber bis heute Gültigkeit: "Hungernden kann Demokratie nicht beigebracht werden." (Spiegel online: Eines Tages: Hungerexperiment)

Weshalb hatten sie mitgemacht? Sie waren Kriegsdienstverweigerer und wollten beweisen, dass sie nicht aus Furcht vor Entbehrungen und lebensgefährlichem Einsatz nicht in den Krieg zogen.


Als Legg [der sich selbst verstümmelte] beispielsweise mit seiner verbundenen Hand im Krankenhaus lag und nach seiner Selbstverstümmelung zum ersten Mal mit Keys sprach, bettelte er den Arzt förmlich an, ihn nicht aus dem Experiment zu schmeißen. "Für den Rest meines Lebens werde ich gefragt werden, was ich im Krieg gemacht habe. Dieses Experiment ist meine Chance, eine ehrenhafte Antwort auf die Frage zu geben."  (Spiegel online: Eines Tages: Hungerexperiment)

Weshalb ist dieses Experiment nicht so bekannt geworden wie das Milgram-Experiment? - Ich könnte mir vieles denken; aber ich weiß es nicht. 

Angesichts der Hunderte von Millionen, die hungern, und angesichts der Ablehnung, die den "Wirtschaftsflüchtlingen" in der Europäischen Union entgegenschlägt, möchte ich meinen, dass eine sorgfältige Rezeption dieses Experiments es schwerer machen könnte, die Ungleichheit auf der Welt zu verdrängen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.